NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Wenn das Wort zum Schwert wird

Neben dem Schlachtfeld tobt ein absurder Sprachenkrieg.

Von Milos Okuka

Im Laufe der nationalen Konstituierung haben die Balkanvölker über sich selbst alle möglichen Mythen und Legenden geschaffen, die sich mit der historischen und gegenwärtigen Realität fast unentwirrbar vermengen. Das hat sie auf tragische Irrwege geführt, ihre Kultur und Wissenschaft ist mit Ideologie durchsetzt. Ideologie bestimmt die Vorstellungen über die eigene Identität und die der anderen ebenso wie die Vorstellungen über Macht, Gerechtigkeit und alles Sein und Handeln.

So gibt es zum Verhältnis zwischen Serben, Kroaten und muslimischen Bosnjaken mehrere Thesen: erstens die These vom einen Volk der Serbokroaten mit einer Sprache (Serbokroatisch) und drei Religionen (serbisch-orthodox, römisch-katholisch und muslimisch); zweitens die These einer eigenen bosnischen Nation mit einer eigenen Sprache (Bosnisch) und verschiedenen Glaubensbekenntnissen; und drittens die These von drei völlig verschiedenen Völkern, Kulturen und Sprachen (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) mit wenigen Gemeinsamkeiten. Fügt man noch die Mythen hinzu, wonach die Kroaten Arier sind, die Serben göttlicher Herkunft und die Muslime Nachkommen der Bogumilen, ist das Chaos ideologischer, politischer und sprachlicher Konzepte total. Zutreffend hatte Churchill einst gesagt: «Der Balkan produziert mehr Geschichte, als er verbrauchen kann.»

Nach dem Zerfall Jugoslawiens und den Kriegen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurden auf dem Balkan neue souveräne Nationalstaaten und teilautonome Territorien geschaffen. Diese regionale Aufgliederung ist nichts Aussergewöhnliches. Vergleichbares geschah einst mit der österreichisch-ungarischen Monarchie und - gleichzeitig mit Jugoslawien - in der ehemaligen Sowjetunion. Neben den heftigen Kämpfen um einheitliche nationale Gebiete kam es jedoch in Jugoslawien zu ebenso heftigen Auseinandersetzungen um eine eigene Standardsprache, und das war nun wirklich aussergewöhnlich: Drei Ethnien, die sich bisher einer gemeinsamen Sprache bedient hatten, lieferten sich einen Sprachenkrieg. In seinem Verlauf kam es zu grossangelegten «Sprachsäuberungen» in den neuen Nationalstaaten, bis die frühere Standardsprache, das Serbokroatische, zerschlagen war.

So wurde aus politischen Gründen zerstört, was im 19. Jahrhundert während Jahrzehnten aus ebenfalls politischen Gründen geschaffen worden war. 1850 hatten sich die serbischen und kroatischen Intellektuellen Österreich-Ungarns versammelt und sich im Interesse einer nationalen Bewegung auf eine gemeinsame Schriftsprache geeinigt, allerdings ohne ihr einen Namen zu geben. Dies war offiziell erst ein Jahrhundert später geschehen, im Sprachabkommen von Novi Sad aus dem Jahr 1954, das wiederum von den führenden Intellektuellen beider Volksgruppen unterzeichnet worden war. Grundlage dieser Abkommen war die sprachliche Homogenität des Balkans. Von Slowenien über Kroatien nach Bosnien, Serbien, Bulgarien und bis ans Schwarze Meer gibt es keine scharfen Sprachgrenzen. Die Idiome ändern sich von Dorf zu Dorf nur wenig, und die Nachbarn können einander überall verstehen.

Als theoretischer Hintergrund hatten diesen Einigungsbewegungen ironischerweise dieselben philosophischen Auffassungen aus dem 18. Jahrhundert gedient, die auch von den Akteuren der jüngsten Sprachkämpfe angeführt werden. Danach ist ein Volk dann eigenständig, wenn es sich nicht nur hinsichtlich Religion und Brauchtum unterscheidet, sondern auch eine eigene Sprache besitzt. Mit solchen Ideen haben im 20. Jahrhundert auch schon die Nationalsozialisten argumentiert, und von ihnen haben die neuen Ideologen auf dem Balkan gelernt.

Die Folge der ethnischen und sprachlichen «Säuberung» ist eine vollständige sprachliche Trennung zwischen Serben, Kroaten und Muslimen. Sowohl Kroaten als auch Serben negieren heute die gemeinsame Sprache, das Serbokroatische beziehungsweise Kroatoserbische. Sie nennen ihre Sprachen inzwischen entweder Kroatisch oder Serbisch und sorgen mit sprachpolitischen Massnahmen dafür, dass sich die Idiome auseinanderentwickeln. Die bosnischen Muslime wiederum verstehen sich als Bosnjaken und lehnen das Serbokroatische ab, das nur die Existenz einer serbischen und einer kroatischen Nation suggeriert. Sie nennen ihr Idiom Bosnisch und betrachten es als eigenständige südslawische Sprache. Die Montenegriner sind offiziell im serbischen Sprachverband geblieben, ein Teil der Intellektuellen kämpft aber für eine eigene montenegrinische Sprache. Serbisch, Kroatisch, Bosnisch: Die drei Bezeichnungen stehen vom linguistischen Standpunkt aus für ein und dieselbe Sprache. Sie behaupten Verschiedenheit, wo die Unterschiede verschwindend klein sind.

Es ist nun schon ein Jahrzehnt vergangen, seit sich die Völker auf dem Balkan getrennt und seit sie die multikulturelle Gemeinschaft zerstört haben. Die Sprache wurde dabei instrumentalisiert, sie wurde zu einem Vehikel des Hasses, in ihr bekämpfte man den Feind. Hatte man einst Sprachtoleranz geübt und die Gemeinsamkeiten betont, so hasste man nun den Feind auch für seine Sprache. Die Sprache des anderen ist widerlich und barbarisch, so die allseits vertretene Meinung.

Mit dem Krieg auf dem Schlachtfeld ging ein Medienkrieg einher: Die politische und intellektuelle Elite zog mit einer neuen Sprache in den Kampf. Während das Volk zu den Waffen griff, wurden Hasstiraden und Propaganda verbreitet. Das Wort wurde zum Schwert. Es wurde in den Dienst einer Ideologie gestellt, die die Realität ignorierte. Die verfeindeten Völker identifizierten sich mit den Tschetniks, der Ustascha und den Mujahedin. Demagogie und totalitäre Rhetorik dienten der Herabsetzung des anderen Volkes und der Erhöhung der mythisch-göttlichen Grösse des eigenen.

In monströsen sprachlichen Formen und Konstrukten fand die Brutalität des Krieges ihre Entsprechung. Ein Wort genügte, und der Hass loderte. 1993 schrieb ein bosnjakischer Poet, Journalist und Verleger: «Ich erschrecke bei jedem gerufenen Namen, der nicht zu meinem Volk gehört. Mein Feind heisst Serbe. Der Feind meines Grossvaters hiess Serbe. Der Feind meines Vaters hiess Serbe. Der Feind meines Kindes wird sicherlich Serbe heissen. Verachtung müsste die Einstellung eines jeden Muslim gegenüber den Serben sein.»

Das sprachliche und kulturhistorische Erbe wurde von den «Vätern der Nation» systematisch ausgelöscht. Sie sahen ihre Mission nicht nur in der Zerstörung der kulturhistorischen Denkmäler ihrer Gegner, sondern auch darin, deren Welt, Städte und Dörfer, Berge und Täler, Flüsse und Bäche nach Belieben umzubenennen. So wurde etwa Foca von den bosnischen Serben in Srbinje umbenannt, die bosnischen Kroaten haben Gornji Vakuf in Uskoplje und Skender Vakuf in Knezevo umgetauft. Das Adjektiv «bosnisch» wurde auf dem serbischen Territorium aus allen Städtenamen entfernt, und unzählige Benennungen von Stadtvierteln, Plätzen und Strassen in Bosnien und Kroatien wurden geändert.

Serben, Kroaten und Bosnjaken: alle erliessen entsprechende Anordnungen. In Kroatien wurde eine systematische Reinigung der kroatischen Sprache von der hundertjährigen serbischen «Verschmutzung» durchgeführt. Ein Zagreber Kulturblatt verlangte 1996 drakonische Strafen für diejenigen, die in «Büchern, Studien, Zeitschriften, Zeitungen, in öffentlichen Reden und anderen geschriebenen Texten mehr als fünf serbische Wörter» verwenden. Auch Fachzeitschriften wie «Jezik» (Sprache) engagierten sich für die Förderung des kroatischen Kroatisch. Neben sprachlichen Ratschlägen und Abrechnungen mit Andersdenkenden organisierte «Jezik» öffentliche Wettbewerbe für das «beste Wort des Jahres». Auch das «schlimmste Wort des Jahres», das natürlich nie aus der kroatischen Sprache stammte, wurde gekürt. Unzählige Wörter wurden wiederbelebt oder neu geschaffen: «zrakoplov» für «avion» (Flugzeug); «sluchbovladar» für «birokrat»; «samokret» für «automat»; «svjecanstvo» für «kosmopolitizam» (Weltoffenheit); «mamutnjak» für «jumbojet»; «napudbina» für «software».

In Bosnien war den Intellektuellen jedes Mittel recht, den Gegner zu demütigen und zugleich die eigene Nation und die eigenen sprachlichen Besonderheiten herauszustreichen und zu glorifizieren. Eine Philologin beantwortete die Frage «Was ist Bosnien?» so: «Alles, was nicht mit Orthodoxie zu tun hat, das heisst ein Land ohne Serben, ohne Hassgedichte und ohne Todeskult.» Bosniens Kultur sei wie «ein Edelstein gegenüber einem Land von Bauern auf dem gebirgigen Balkan».

Die bosnischen Serben gingen nicht nur gegen muslimische und kroatische Sprachelemente vor, sondern auch gegen die eigene Sprachtradition und Schriftsprache. 1993 erliess die serbische Obrigkeit in Pale ein Gesetz über den amtlichen Gebrauch der Sprache: die heimische jekavische Aussprache wurde durch die ekavische ersetzt. Im Hass gegen alles, was man mit Kroaten und Muslimen gemeinsam hatte, vernichtete man das eigene sprachliche Erbe, selbst wenn es unverfälscht serbisch war - wie die serbische jekavische Aussprache, die als Grundlage der gemeinsamen Schriftsprache der Kroaten und Serben gedient hatte. Die neue Sprachpolitik ignorierte die bestehende Sprachpraxis vollkommen.

Der Sprachterror drang bis in die innerste Privatsphäre ein: Es gab viele, die ihren Namen wie ihren Glauben ablegen mussten, um zu überleben. In Belgrad und in Zagreb liessen die Kinder ihre Schulhefte nur von einem Elternteil unterschreiben, dem jeweils national kompatiblen. Und oft wurde bei der Unterschrift Jovanka zu Ivanka, Dragan verwandelte sich in Dragutin, Stevan in Stjepan, Cedomir wurde zu Simun. In den kroatischen Einwohnermeldeämtern mehrten sich die Leute, die ihren Namen ändern wollten, um Unannehmlichkeiten im Alltag zu entgehen.

Schon als die Machthaber der bosnischen Serben 1993 ethnisch gemischte Ehen gesetzlich verboten hatten, schrieb ein serbischer Linguist in der Belgrader Zeitung «Borba»: «Also auch das kann man machen: mit Gewalt das Privatleben, die Gefühle, die Liebe regulieren, alles dieser Axt unterwerfen, mit der man zerschlägt und trennt. Erst die Aufteilung des unteilbaren Bosnien und dann die Trennung menschlicher Leben, Herzen, Sprachen - und alles mit den Methoden der Gewalt und der Unterdrückung.»

Der Slawist Milos Okuka, in Bosnien-Herzegowina geboren, war Professor in Sarajewo. Heute lehrt er an der Universität München. 1998 erschien von ihm im Wieser-Verlag die Studie «Eine Sprache - viele Erben. Sprachpolitik als Nationalisierungsinstrument in Ex-Jugoslawien».


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