NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Zen und die Kunst des Sitzens

Meditieren heisst zunächst einmal nichts als Leiden.

Von Lilli Binzegger

Das Sihltal wieder einmal verstopft, wie fast immer seit Wochen, ach was: seit Monaten, bei der Langsamkeit, mit der die dort die Strasse sanieren! Baulärm und Lastwagenabgase, und ich sowieso schon zu spät, weil immer im letzten Moment noch einer was von einem will. Und die ganze Woche kein freier Abend und das Wochenende auch verplant, und jetzt dieser Halbverrückte, der in der Kurve überholt. Allerdings kein Wunder, bei dem Schleicher vor uns. Mit anderen Worten: ein Tag wie jeder.

Ein Glück, ist dieser Weg nicht das Ziel, heute ist das Ziel Zen und am Ziel ein Haus, zu dem eine kleine Strasse plötzlich von der grossen, lauten abzweigt und ins Grüne führt. Ich sei aber tapfer: gleich einen ganzen Tag eines Sesshin mitmachen zu wollen, einer Meditationswoche, ohne Vorbereitung, ohne Übung, hatte man am Telefon gesagt. Wieso tapfer? Ich habe sicher nichts gegen ein bisschen Stillsitzen und ein bisschen Stillsein, weiss Gott nicht. Und mein Selbst wird mir ja wohl nicht gleich als Teufelsfratze begegnen, wenn überhaupt.

Die andern, 47 Männer und Frauen, sind schon seit zwei Tagen hier und haben bereits gestern den ganzen Tag meditiert und sind heute früh um halb 6 vom Gong zum Zazen, zum Meditieren, gerufen worden, hatten um 8 Uhr ihr Frühstück und machen jetzt Samu: verrichten schweigend einfache Arbeiten im Haus und schenken ihnen die Achtsamkeit, wie sie die buddhistischen Mönche im Kloster auch der niedrigsten Verrichtung schenken, jedem noch so geringen Ding, jedem Schritt, den sie tun, jedem Atemzug. Und nun ruft der Gong sie erneut zum Zazen - Za für Sitzen, Zen für Versenkung -, mir hat man leise die wesentlichsten Anweisungen erteilt: das Zendo, den Meditationsraum, nur ohne Schuhe betreten, kniend auf einem runden Kissen sitzen, mit dem Gesicht zur Wand, still sein und einfach tun, was die anderen tun.

Jetzt begeben Sie sich bitte einmal in den Schneidersitz oder setzen sich kniend auf ein hohes Kissen, das Sie sich zwischen die Füsse gelegt haben. Suchen Sie kurz vor- und zurückpendelnd die wirklich aufrechte Haltung, legen die Hände mit den Handflächen nach oben ineinander in den Schoss, die rechte Hand unten, spreizen die Daumen ab, so dass sich ihre Spitzen berühren, senken den Blick, nicht aber den Kopf.

Und nun verharren Sie fünf Minuten regungslos in dieser Haltung und stellen sich vor, Sie müssten das weitere zehn Minuten tun. Schon das wird Ihr Vorstellungsvermögen übersteigen, weil Ihnen das Kreuz und die Knie weh tun und die Füsse einschlafen und ein Wadenkrampf droht. Stellen Sie sich nun aber vor, Sie müssten das einen Arbeitstag lang tun, acht Stunden, wenn auch in Portionen auf die Zeit zwischen morgens früh und abends spät verteilt. Und dann stellen sie sich vor, dass Sie das nicht nur einen Tag lang, sondern fünf Tage lang tun.

Am berührendsten ist die völlige Lautlosigkeit. Zweimal das trockene Aneinanderschlagen von zwei Holzstäben und kurz danach drei helle Glockenschläge, dann ist nichts mehr, kein Atmen, kein Räuspern, kein Kleiderrascheln. Nicht nur Lautlosigkeit, auch völlige Regungslosigkeit. Ich getraue mich nicht, auch nur ein bisschen den Kopf zum Nachbarn zu drehen, um zu schauen, wie er sitzt, habe schon Angst, die Augen zu ihm hin zu verdrehen, denn sicher würde man auch das hören. 48 Menschen sitzen wie in eine Form gegossen, wie ein einziges Ganzes, an dem sich kein einzelner Teil regen kann. Dieser Zwang wird zur grössten Hilfe beim Sitzen: weil jedes Sich-Rühren so undenkbar ist, fällt es bald einmal auch ausser Betracht.

So schaue ich denn die Wand vor mir an, fixiere meinen Schatten, versuche den Blick auf unscharf zu stellen und bin nur noch Sitzen und Leiden. Zweimal während des je anderthalbstündigen Zazen steht man auf und geht mit gesenktem Blick, die rechte Hand diesmal als lockere Faust in die linke gelegt, lautlos und langsam im Kreis herum. Auch das während einer genau bemessenen Zeit, die einem gestattet, wenn nötig den Raum zu verlassen und sich bei der Rückkehr wieder in den Kreis der langsam und lautlos Herumgehenden einzufügen, an den genau gleichen Platz.

Dann das Zeichen, dass man sich an seinen Platz zu begeben hat. Dann wieder der Klang der Holzstäbe und die Glockenschläge, und wieder Sitzen und Leiden. Als einzige Abwechslung einmal morgens und das anderemal nachmittags die Gelegenheit zum Dokusan, einem kurzen persönlichen Gespräch mit dem Zen-Meister, einer Aufmunterung, zu der man aus dem Zendo geholt wird, auch ein Ritual, das, wie das Ganze, überall auf der Welt, wo man Zen macht, dasselbe ist. Und als einzige Wohltat zweimal am Tag zwei harte Schläge auf die verspannte Schulter, wenn man will. Auch die rituell. Und ebenso der schöne, monotone Singsang von Sutren: Shu - jo mu - hen sei gan do / Bo - no mu - jin sei gan dan . . . Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe, sie alle zu retten / Täuschende Gedanken und Gefühle sind grenzenlos, ich gelobe, sie alle zu lassen . . .

Und keine Begegnung mit mir, ausser mit meinem wehleidigen Ich, oder allenfalls die mit dem Masochisten in mir: Warum mache ich das?

Die Frage stellen sich am Anfang alle oder jedenfalls viele, auch die Tanzschulfrau, die jeden Abend zu meditieren versucht, und seien es nur zehn Minuten (am Morgen zu meditieren würde sie als Nachtmensch umbringen), was ihr etwas mehr Ruhe in den Alltag bringt. Wenn sie für ein Sesshin herkommt, das ist mehrmals im Jahr, fragt sie sich jeweils am dritten Tag: Wieso tue ich mir das an? Ich bewege mich doch so gern: warum gehe ich nicht Tangotanzen? Und am Schluss weiss sie es: Weil es ihr guttut, es sie weiterbringt, wie sie sagt. Weil sie mit sich ein bisschen ins Reine kommt. Weil sie nachher ein bisschen weniger rotiert. Weil es ihre Sinne schärft. Zen ist ihr für den Geist, was Feldenkrais für den Körper: das eine reinigt ihr den Kopf, das andere die Gelenke. Vielleicht, sagt sie, macht sie Zen auch, weil ihr das Tanzen so leicht fällt und sie herausfinden will, ob sie auch einen schwierigeren Weg bewältigt: aus Lust an der Überwindung.

Dem Leiter der Verkaufsabteilung eines Industrieunternehmens, der die Meditation vor Jahren schon so in sein Leben integriert hat, dass er eher unrasiert zur Arbeit ginge, als ohne meditiert zu haben, macht sie den Kopf frei für seine Entscheidungen. Er lebt allein, seine Ehe ist schon lange in die Brüche gegangen, er führt eine Beziehung auf Distanz. In einen Single-Alltag lässt sich das Meditieren wohl auch leichter integrieren, als wenn Kinder versorgt sein wollen. Den Kopf frei bekommen klingt nach nichts und ist doch ungeheuer viel. Und damit ist noch lange nicht das meditative Nichts gemeint, an dem man wohl sein Leben lang arbeiten muss: das Mu, die Leere des Geistes.

Man kann Zazen von seinem buddhistischen Hintergrund losgelöst als reine Praxis verstehen, wie dieser Manager das tut, man kann in der Meditation aber auch die «Begegnung mit sich selbst» erfahren und eine Vertiefung der Religiosität, wie die gläubige Katholikin, die im Maximilianeum in Zürich, einem katholischen Studentenwohnheim, manchmal selbst Meditationsgruppen leitet. Wie in Zürich finden sich auch in anderen Städten Orte, an die sich begeben kann, wer nicht allein meditieren will. Sich ganz auf Zen in seinem buddhistischen Kontext einlassen ist dann aber nochmals eine ganz andere Sache.

In ein Sesshin begibt man sich selbstverständlich freiwillig, aber wenn man drin ist, hat man sich den Regeln des Rituals zu fügen, wird man völlig fremdbestimmt. In einer Zeit, die fast alles erlaubt und einem also auch alle Entscheidungen überlässt, kann allein das schon verlocken. Wem würde der Umgang mit der Freiheit nicht manchmal etwas beschwerlich. Da ist man für ein paar Tage in einen strenggeregelten Ablauf eingebunden, da fühlt man sich aufgehoben, im wörtlichen und beim Meditieren sogar im übertragenen Sinn. Da stellt sich für ein paar Tage nicht einmal die Frage: wann esse ich und was? Und nicht reden dürfen wird ganz rasch zu nicht reden müssen, also auch nicht zuhören müssen. Und das ist eine ungeheure Wohltat.

Als Kinder hatten wir uns im Lied «Der Mond ist aufgegangen» über die Zeile «Lass uns einfältig werden» gewundert. Als Mensch, der, wie die meisten andern auch, immer in tausend Stücken ist und in seinen Schichten grübelt, betet man längst selbst darum. Vielleicht ist Meditation ein Weg zu jener Einfalt, die Matthias Claudius meint. Zen ist Spiritualiät, und Spiritualität ist Zeit haben, sagt Pater Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, der dieses Sesshin und überhaupt das ganze Zentrum Lassalle-Haus Schönbrunn in Edlibach bei Zug leitet. Wenn einer chronisch keine Zeit hat, dann verliert er sich im Vielerlei, und es wird alles einerlei, gleichgültig: gleich viel wert. Und im Umkehrschluss, der hier zulässig ist: Zeit haben heisst spirituell leben.

So einfach ist das.

Es kämen eher mehr Männer als Frauen zu den Zen-Sesshins, viele im Alltag geforderte Leute, Ärzte, Manager, erstaunlich viele protestantische Pfarrer, sagt der Pater, der, zusammen mit der Zen-Meisterin Pia Giger, auch Kurse in Zen für Führungskräfte anbietet. Die sind alle immer lange im voraus ausgebucht. Männer, sagt Pater Brantschen, scheuten sich im allgemeinen mehr als Frauen vor spirituellen Praktiken. Die unaufdringliche Spiritualität von Zazen komme ihnen da entgegen.

Vielleicht ist es aber auch einfach so - aber das sagt nicht er -, dass Männern Gehorsam leichter fällt als Frauen, dass sie eher trainiert sind, Dinge zu tun, deren Sinn sich nicht sofort erschliesst, wie eben Meditieren, das zunächst fast nur Mühsal ist.

Pater Brantschen hat vor kurzem an der Tausendjahrfeier der Malteser jemanden über Gesundheit das Gleiche sagen hören, was er selbst über Zen sagt: Gesundheit, die mehr ist als die blosse Abwesenheit von Krankheit, heisst Beziehung zu den Dingen und zur Natur und zu den Menschen haben, auch zur eigenen Leiblichkeit, Geschmack am Leben finden, am Essen, die Sinne öffnen. Achtsam umgehen mit sich und den andern und mit allen Dingen und mit allem, was man tut. Das stelle die Trimm-dich- und Bodybuilding-Methoden von allein in Frage.

Leicht gesagt.

Es ist auch leicht, sagt der Pater. Jede spirituelle Praxis sei einfach, wiederholbar wie ein Atemzug oder ein Schritt. Man sitzt still und macht Atemzug für Atemzug und raubt damit der linken Hirnhälfte, die das diskursive Denken besorgt, den Stoff, hungert sie aus und nährt die rechte Hirnhälfte, das Organ der Intuition, der Spiritualität. Und wie es der Pater mit seiner heiteren Gelassenheit gleich selbst verrät: des Humors im besten Sinne. Zurück in der Hektik des Alltags, komme die rechte Hirnhälfte rasch auf Entzug. Dann wehrt die sich und sucht zu ihrem Recht zu kommen. Und irgendwann ist man so weit, dass man sagt: Diese Einladung nehme ich jetzt nicht an. Diesen Small talk mache ich jetzt nicht mit. Dieses Fast food esse ich nicht. «Zen ist kein Abheben, Zen ist, im Gegenteil, das radikale Auf- dem-Teppich-bleiben, die völlige Präsenz.»

Wäre diese Einfachheit bloss nicht so beschwerlich.

«Nun, ja, man meditiert nur regelmässig, wenn man's gewohnt ist. Und man gewöhnt sich nur, wenn man es macht.»

Beim Abendessen habe ich mich schon etwas daran gewöhnt, dass man nicht spricht, befremdend ist es immer noch. Im Zendo, im Meditationsraum, versteht sich die Stille von selbst, aber am Tisch einander schweigend die Schüssel zu reichen und schweigend zu essen, ist ungewohnt. Blickkontakt macht verlegen, also stellt man den Blick im Winkel des Abblendlichts am Auto ein, jetzt macht er am Tellerrand des Gegenübers halt. Man hört, wie die Zähne der Essenden die Salatblätter zermalmen, man hört, wie alle die Suppe herunterschlucken. Und wie alle gleichzeitig mit dem Löffel am Boden des Suppentellers schaben, ergibt das ein ungeheures Konzert. Man merkt aber auch, wie gut der einfache Reis schmeckt und der Apfel zum Dessert.

Um 20 Uhr wiederum Meditieren. Der Verkehrsstau im Sihltal vom Morgen ist fern wie aus einem anderen Leben, dieses Stillsitzen dehnt die Zeit ungemein und das Leiden erst recht: das Kreuz tut jetzt so weh, dass ich fast nicht mehr aufstehen kann. Am Nachmittag war mir beim Sitzen auch einmal schlecht geworden: ich hatte flach geatmet aus lauter Angst, man könnte mich hören. Erlebt habe ich nichts, kein Film ist mir vor den Augen abgerollt, kein Selbst ist mir begegnet. Ich bin wirklich extrem auf dem Teppich geblieben, mit dem geschundenen Rücken um ein Haar wortwörtlich.

Und habe doch seither eine eigentümliche Sehnsucht nach jener Stille, nach dem eigentümlichen Gefühl (als Mensch, dem alles Gruppenartige ein Greuel ist!), eins mit den andern und mit einem Ganzen zu sein, das sich mit zunehmender Dauer des Meditierens einstellt. Sehnsucht nach jener eigentümlichen Aufgehobenheit.


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