«DIE MEISTEN KINDER haben in Frankreich Ausländerinnen.» Wer das als Überschrift in der «Frankfurter Allgemeinen» las, verstand entweder überhaupt nichts (was ihn ehrte), oder er verstand, dass französische Kinder überwiegend mit Ausländerinnen versehen werden (von wem und wozu auch immer), oder nach einigem Grübeln vermutete er, dass Ausländerinnen kinderreicher als Französinnen sind - was der Dichter offensichtlich hatte sagen wollen, aber nicht sagen können; denn er hatte seinen Satz mit dem Objekt begonnen, dem man bestenfalls am Schluss ansah, dass es nicht das Subjekt war.
Wer so schreibt, verletzt unsere sämtlichen Hör- und Lesegewohnheiten. Natürlich halten wir das erste Substantiv im Satz für das Subjekt. «Fritz hat Otto geohrfeigt» - da kann nur Fritz ausgeteilt und Otto eingesteckt haben. «Sportliche Erfolge haben in Atlanta» (nicht die entscheidende Rolle gespielt? Nein:) «die deutschen Athleten im Schwimmen erzielt», meldete der Bayerische Rundfunk. «Zwei tschechische Schleuser und acht Türken stellten in einer Gemeinschaftsaktion Bundesgrenzschützer aus Ebersbach» - verkehrte Welt, in der «Sächsischen Zeitung» beschrieben.
Es ist unter Journalisten grassierender Unfug, möglichst viele Sätze mit dem Objekt zu eröffnen, auch dann, wenn keine Deklinationsform zur Verfügung steht, die das erste Hauptwort sogleich mit dem Warnschild «Das Subjekt bin ich nicht!» versieht. Im Dativ haben wir diese Formen immer: Den Sportlern, der Frau, dem Kind ist nichts vorzuwerfen; das viel häufigere Akkusativobjekt aber lässt sich in der Mehrzahl der Fälle nicht deklinieren. Nicht im Plural: Die Schüler prüfen ihn - die Schüler prüft er. Auch in der Einzahl nicht bei weiblichen und sächlichen Substantiven: Diese Frau - mag sie ihn oder mag er sie? Jenes Kind - schreit es, oder schreie ich es an?
Selbst wenn wir jedoch durch Deklination das Objekt sogleich kenntlich machen können, brauchen wir einen guten Grund, die natürliche Erwartung unserer Leser zu verletzen. «Den Anfang machte der Abgeordnete Müller», das ist übersichtlich, «Diesen Preis werden wir nicht zahlen», das ist legitim. «Den Briefträger biss der Hund» dagegen wäre eine Albernheit.
Woher dieser Ehrgeiz so vieler Journalisten, das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen? Es ist ja richtig, dass man den Leser durch Wechsel im Satzbau erfrischen sollte - aber gibt uns die Grammatik dazu nicht genügend Möglichkeiten, ohne dass wir aus einem möglichen Grenzfall eine Marotte machen?
Die Inversion zum Beispiel. «Gestern ich war im Kino», sagen viele Ausländer, auch wenn sie ziemlich gut Deutsch können. Es fällt ihnen schwer, Subjekt und Prädikat zu vertauschen - wie wir das tun, wann immer der Satz mit einer Zeitbestimmung beginnt: «Gestern war ich . . .» Oder mit einer Ortsbestimmung: «Nach Italien möchte ich . . .» Oder mit der Art und Weise, in der etwas geschieht: «In einem Wutanfall warf er . . .»
Für diese Eigenschaft darf man sie auch einmal loben, die deutsche Syntax, die uns so üble Verschachtelungen erlaubt und nahelegt, ja uns bei einem zweiteiligen Verbum zwingt, die Teile auseinanderzuschleudern: «Der Präsident schlug seinen Stellvertreter» (Prügelei im Gemeinderat?) «trotz heftigen Widerspruchs zum Vorsitzenden des Ausschusses vor.» Und welches Lob verdient die Inversion? Dass sie Abwechslung in den Satzbau trägt, ohne den erwünschten engen Zusammenhang zwischen Subjekt und Prädikat zu zerstören.
Nichts ist ja ermüdender als fünf Sätze hintereinander, die mit dem Subjekt beginnen: Sie beschloss . . . Sie fuhr . . . Sie fand . . . Sie kam . . . Sie fragte . . . Wir brauchen nur «Dann fuhr sie» oder «Dort fand sie» zu sagen, und schon ist der Ochsentrott immer gleicher Sätze mühelos und belebend unterbrochen. In den Satzbau jene Varianten einzubringen, die jeder Leser mag, ist auf deutsch also leichter als im Englischen und in den romanischen Sprachen - auch ohne dass Kinder Ausländerinnen haben.
Doch der Drang zum Unnormalen, wenn es nur als schick empfunden wird, macht bei der gequälten Stellung des Objekts nicht halt. Dies zeigt sich auch in der verbreiteten Neigung zu einer sinnlos überreizten Ausdrucksstellung.
In unverbildeter Form hat dieser ebenfalls erlaubte Grenzfall des Satzbaus seine Meriten. Wo die Franzosen schreiben müssen «Ce n'est pas vous qui commande ici», können wir denselben Nachdruck mit der Wortfolge erzielen: «Nicht Sie führen hier das Kommando!» Wo wir nur sagen können «Und er ging doch nach Hause», bietet das Englische die Formel an: «And home he went.» Wo ein norddeutsches Mädchen seufzt: «Wenn ich doch schön wäre», kann ein bayrisches kraftvoll rufen: «Schee wann i waar!»
Aus der Ausnahme, deren Begründung sich dem Leser sogleich erschliessen sollte, machen nun viele Journalisten überall im deutschen Sprachraum, zumal aber in der Schweiz, eine Alltagsfloskel. «Bei ihrer Kündigung keine Rolle gespielt habe die Kritik» muss man in Zürich lesen, und in Appenzell: «Nicht äussern über die angemessene Höhe eines Hochschulbeitrags für Ausserkantonale mochte sich . . .» Ach, da loben wir uns Caesar: «Ich kam, ich sah, ich siegte!» Der konnte noch Deutsch.