NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

On the Paper Trail

Auf der Spur des schmutzigen Geldes.

Von Peter Gasser

Die Italiener haben ein überaus sinnliches Wort für Geldwäscherei - riciclaggio. Auch wenn es banal nur Rückführung bedeutet, scheint es für mich direkt der grossen Wäsche zu entstammen, wie sie früher stämmige Frauen am Flussufer betrieben. Singend das Lied von den belle braghe bianche, den schönen weissen Beinkleidern des Signor Padrone also, die sie ritsch und klatsch auf die ausgeschwemmten Ufersteine schlagen, bis auch nicht das geringste Fleckchen das strahlende Weiss mehr trübt.

Und bei einem andern Lehnwort im Vokabular der Geldwäscherei, dem paper trail, tauchen am Horizont die Jäger des verlorenen Schatzes auf, müde und staubig über die Fährte gebeugt, erschöpft von der Verzweiflung, wenn sich die Spur wieder einmal scheinbar gänzlich verloren hatte. «Die Spur des Falken» könnten wir sie nennen, diese längste und aufwendigste Verfolgung eines riciclaggio, denn es war der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone in Palermo, der die Fährte immer wieder aufnahm, bis der versteckte Schatz tatsächlich gehoben war. Und da in der Schweiz viel über Geldwäscherei geredet und geschrieben wird, aber ausser Fachleuten kaum einer sich so richtig etwas darunter vorstellen kann, rechtfertigt es sich, eine typische Operation dieser Art detailliert in ihrem chronologischen Ablauf zu schildern. Wo Bankinstitute namentlich genannt werden, wurden sie dies bereits zumindest in der italienischen oder der Tessiner Presse, und es ist darauf hinzuweisen, dass Praktiken wie die nachstehend geschilderten in der Schweiz bis zum 1. August 1990 nicht verboten waren.

Die Herkunft des Schatzes verliert sich im Dunkel schmieriger Take-away-Theken von Pizzerien in Brooklyn, der Bronx oder South Manhattan, wo die grossen Bosse aus Palermo mit den süchtigen Kindern das grosse Geschäft machen. Zu Anfang dürfte der Schatz wohl aus zerknüllten, schweissnassen, manchmal auch blutigen Dollarnoten in kleiner Stückelung bestanden haben, schmutziges Geld, bei dem sich das Grüne im Greenback oft nur noch erahnen lässt. Der nächste Schritt, wie die Narcodollars mit den «sauberen» aus dem Verzehr der «Mimosa», der «Margherita» und «Quattro Stagioni» vermischt und in die Schweiz gebracht wurden, ist mittlerweile Prozessgeschichte. Ein Stück weit auch moderne Schweizer Geschichte, denn durch die sogenannte Pizza Connection hat der Finanzplatz Schweiz seine Unschuld verloren. Die Gebrüder Magharian, der Sturz von Justizministerin Elisabeth Kopp waren eigentlich nur noch Folgeaffären, die aufzeigten, wie weit der Finanzplatz Schweiz durch traditionelle Wahrung von Kundeninteressen bereits mit internationaler und organisierter Kriminalität kontaminiert war.

Zurück nun aber zur Spur des Falken. Bis die Sache im Tessin auffliegt und Staatsanwalt Paolo Bernasconi in der Pizza Connection Dampf macht, schlummerte der Schatz, zehn Millionen Dollar, bei der Niederlassung der Schweizerischen Kreditanstalt in Bellinzona auf vier Konten des Tessiner Mittelsmannes Oliviero Tognoli und weiterer Strohmänner. Die Gelder, so eruierten die Fahnder in Palermo, sind der famiglia von Bagheria (Palermo), dem Clan um Michele Greco, zuzuordnen. So war es denn auch ein Familienmitglied der Grecos, das Oliviero Tognoli Ende 1980 den Auftrag erteilte, die Gelder auf ein neues Konto zu überweisen, und zwar bei der Schweizerischen Bankgesellschaft in Lugano. Inhaber dieses Kontos war der reiche Bauunternehmer Francesco Z. aus Palermo (in Italien unter Anklage).

Dieser ist liiert mit der Mafia, was bei einem sizilianischen Baulöwen nicht verwundert. Beziehungen hat er aber auch zum Bürgermeister von Palermo, Ciancimino (heute unter Anklage), was ebenfalls dem Geschäft nützt. Der lockere Hinweis auf diese Beziehung, etwas Geflunker um das Auftragsvolumen plus die zehn Millionen Dollar genügten der Bank, um den Mann als vertrauenswürdig zu erachten. Auch dann noch, als er sogleich sein Konto saldierte und die Vermögenswerte auf ein neu eröffnetes, lautend auf seine Ehefrau, übertrug. Bis im Frühjahr 1986 ruhten nun die Millionen bankmässig bei der Gemahlin.

Dann findet Falcone heraus, wo das Geld liegt. Und die Mafia findet heraus, dass Falcone es herausgefunden hat. Sie ist schneller. Im April 1986 trifft Falcones Gesuch um Kontosperre bei der Tessiner Staatsanwaltschaft ein. Bereits im März 1986 aber hat sich Francesco Z. bei der Bank eine panamaische Sitzgesellschaft samt Konto besorgt und das Geld darauf überweisen lassen. Aber der Boden ist heiss. Wenn die Tessiner Staatsanwaltschaft die Rechtshilfe bewilligt, und dies dürfte sie zweifellos tun, wird die Bank Auskunft geben müssen, und es wird auskommen, wohin das Geld weitergeflossen ist. Zeit also für die Notbremse - den Barbezug! Francesco Z. saldiert auch das Panama-Konto und lässt sich bar auszahlen. Ab jetzt kann die «Papierspur», der Weg des Geldes, auf Grund von Bankbelegen nicht mehr weiterverfolgt werden. Allerdings, und das ist die Kehrseite, ist es nun auch nicht mehr «sauber»; es ist wieder zu «Köfferchengeld» geworden.

Für den nächsten Waschvorgang bedarf es somit wieder einer honorigen Persönlichkeit, die sich des Geldes annimmt. Gefunden wird sie in der Person des commercialista Fernando S. aus Mailand. Das Büro, dem er angehört, war noch vor Jahren über jeden Zweifel erhaben und pflegt erspriessliche Beziehungen mit der Cantrade-Bank in Zürich. Ob nun einzig Fernando S. den Pfad der Tugend verliess oder ob das ganze Büro von der nach Mailand vorgedrungenen Mafia unterwandert wurde, ist jetzt Gegenstand von Ermittlungen. Commercialista Fernando S. jedenfalls spielt mit.

Um die zehn Millionen Dollar vor Ausnützung seiner Beziehungen zur Cantrade-Bank in Zürich nochmals gründlich zu waschen, lässt er sie erst einmal eine Seefahrt antreten. Die Reise geht im Mai 1986 nach New York und Montreal. Eine zuvor von Fernando S. in Guernsey gekaufte Sitzgesellschaft eröffnet dort bei zwei Banken die Pseudonymkonten Gazelle Ltd. (in New York) und sinnigerweise Buffalo Ltd. (in Kanada). Der Buffalo ist ausgerechnet das Wappentier der kanadischen Bundespolizei, der Royal Canadian Mounted Police (RCMP), die sich später mit Eifer an der Schatzsuche beteiligen wird.

In seinem eigenen Namen zahlt nun commercialista Francesco S. die zehn Millionen auf die Konten Gazelle Ltd. und Buffalo Ltd. ein. Dort liegen sie aber kaum ein paar Tage: Die USA des DEA (Drug Enforcement Agency) und das Kanada der RCMP sind ein zu heisses Pflaster für (Drogen-)Fluchtgeld. Sie fliessen deshalb noch im Mai 1986 zurück über den grossen Teich in ein schnell errichtetes Auffangbecken im Guernsey. Auf der westlichsten Kanalinsel (15 Kilometer lang und 8 Kilometer breit), die kaum eine Finanzaffäre in der Jurisdiktion Ihrer Britannischen Majestät unerwähnt lässt, errichtet Fernando S. einen Muttertrust und zwei Tochtertrusts nach dem Recht der Insel Guernsey, inklusive fünf weiterer Sitzgesellschaften, aus deren Namensgebung erneut seine Tierliebe spricht. Die Trusts und die Gesellschaften Alligator Ltd., Wiesel Ltd. und so fort erhalten alle ein eigenes Konto bei der örtlichen englischen Bank. Gleichzeitig werden für die Gesellschaften mit den Faunanamen Konten bei der Cantrade-Bank in Zürich errichtet. Und nun, wir schreiben immer noch Mai 1986, geht es Schlag auf Schlag: Die Gelder werden in New York und Montreal abgezogen, fliessen über das Konto des Muttertrusts, via die Konten der Tiergesellschaften, halten sich dort aber nur gerade für eine «Katzenwäsche» auf, und schon geht's weiter zur Cantrade-Bank in Zürich.

Bei der Cantrade-Bank, einer Tochter der Schweizerischen Bankgesellschaft (die SBG hat später den Sachverhalt bestätigt, und zwar mit dem ausdrücklichen Hinweis, heute könnte sich so etwas nicht wiederholen), empfängt man den alten Bekannten, commercialista Fernando S., samt den zehn Millionen mit offenen Armen. Die Bank bietet ihm an, was übersteigerte Diskretionsbedürfnis begehrt: die fünf Konten mit Fernando S. als Verfügungsberechtigtem sowie einen bekannten Zürcher Anwalt, der sich im Vertrauen auf die Reputation der Bank gefällig zeigt, mit Formular B zu bezeugen, der wirtschaftliche Eigentümer dieser Konten sei ihm bekannt, obgleich ihm in diesem Fall nur der Mittelsmann (Fernando S.) des Mittelsmannes (Francesco Z.) der Mafia in Palermo vorgestellt wird. Und so hätten die Millionen gut versteckt ein paar Jahre ruhen können, wenn sich nicht nach einigen Monaten der Formular-B-Anwalt seiner Standespflicht erinnert und ultimativ verlangt hätte, er wolle nun endlich den wahren Eigentümer kennenlernen. Man hält sich aber bedeckt. Rechtsanwalt K. schmeisst sein Mandat hin und lässt seine Unterschrift löschen. Ohne Formular B liegt der paper trail nun aber wieder offen. Also erneut die Notbremse: An zwei aufeinanderfolgenden Tagen im November 1986 holt commercialista Fernando S. die zehn Millionen Dollar in cash am Bankschalter ab. Umsonst die ganze Wäsche, zurück ins Köfferchen!

Dort bleibt das Geld allerdings kaum eine halbe Stunde. Einen guten Kunden lässt man nicht einfach so im Regen stehen. Und die Dienstleistungspalette einer Schweizer Grossbank umfasst selbstverständlich auch eine Treuhandgesellschaft, und die wiederum hat jede Menge inaktiver Gesellschaften, also Sitzgesellschaften, die gegen aussen durch die Treuhandgesellschaft vertreten werden. Der Mann von der Treuhandgesellschaft also eröffnet bei der nächstgelegenen Filiale einer andern Schweizer Grossbank ein neues Konto, diesmal lautend auf die Sitzgesellschaft, eine inaktive Glarner Immobilienfirma, welche von der Treuhandgesellschaft vertreten wird. Dorthin geht nun das Köfferchen, und die Millionen werden bar zugunsten des neuen Kontos einbezahlt. Das Geld hat eine neue Identität gefunden. Die braucht es allerdings nicht lange: Kaum einen Monat später wird das Konto der Glarner Immobilienfirma bei der andern Schweizer Grossbank saldiert, und die Millionen kehren saubergewaschen wieder zur Cantrade-Bank zurück, wo sie auf zwei neueröffneten Konten warten sollen, bis sie in die erhoffte Vergessenheit geraten sind. Im Januar 1987 ist die Operation beendet. Und nahezu vier Jahre braucht der hartnäckige Falcone, bis er in Palermo auf weiteres Belastungsmaterial stösst. Diesmal rechtzeitig: Auf Rechtshilfeersuchen aus Palermo und Lugano hin beschlagnahmt die Bezirksanwaltschaft Zürich am 29. Oktober 1990 die Konten bei der Cantrade-Bank.

Dort liegt das Geld noch immer; insgesamt sind es inzwischen genau 14 698 626 Schweizerfranken. Sein langer Weg von der Schweiz in die Schweiz hat ein vorläufiges Ende gefunden.

Peter Gasser ist leitender Bezirksanwalt in Zürich für Rechtshilfe in Strafsachen und Geldwäscherei.


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