Der zuständige Offizier des Asheville Police Department sucht vergeblich nach einer Notiz des Polizeichefs: nirgends ein schriftlicher Hinweis, dass ein Schweizer Journalist diesen kühlen, unfreundlichen Samstagabend in einem Polizeifahrzeug verbringen will und darf. Ohne Bewilligung von höherer Stelle aber ist nichts zu machen. Das Problem ist bürokratischer Natur und der Lösungsansatz vorerst ebenfalls - man wird freundlich gebeten, auf einer unbequemen Bank in einem leeren Korridor zu warten. In regelmässigen Abständen, jeweils kurz bevor die Geduld in Ärger umzuschlagen droht, kommt ein Polizist mit der Mitteilung vorbei, der Chef werde gesucht, bisher allerdings ohne Erfolg. Nach etwas mehr als einer Stunde wird der Sachzwang akut, der Nachtdienst im Streifenwagen beginnt, ein Entscheid muss gefällt werden. Der Offizier entschliesst sich, der Klischeevorstellung des Besuchers, der Amerikaner für spontan und unbürokratisch hält, zu genügen und teilt ihn dem Patrolman Chris Eby zu. Allerdings ist da noch ein Papier zu unterschreiben, das - in freier Würdigung des Inhalts - etwa heisst: wer bei diesem Unterfangen erschossen wird, soll sich hinterher weder bei der Polizei noch bei der Stadt beschweren.
Chris, ein junger New Yorker von mittlerer Statur, dunkelhaarig, in dunkelblauer Uniform, führt mich zu seinem dunkelblau-weissen Streifenwagen, der (warum sollte man sich eigentlich darüber wundern?) aussieht wie im Fernsehen: Zwischen Vorder- und Rücksitzen ein massives Gitter, zwischen Fahrer- und Nebensitz der Schaft eines zerlegbaren Gewehrs, links aussen an der Tür ein Handscheinwerfer, im Innern ein fahrbares Büro der alten Sorte, mehr Papier als Elektronik, und ebenso anhaltend wie unverständlich ächzend der Funk. 16 bis 18 Wagen der City Police sind gleichzeitig im Einsatz, von zehn Uhr nachts bis ein Uhr morgens werden es doppelt so viele sein. «Unser» Einsatzgebiet liegt im Norden der Stadt, zumindest in den ersten Stunden, später gilt das wachsame Auge der Polizei dem Stadtzentrum, vor allem der Umgebung von Bars und Vergnügungslokalen.
Das Gespräch über Einsatzgebiete, Papierkrieg, Codes, über die im Vergleich mit amerikanischen Grossstädten niedrige Kriminalitätsrate, die Sozialfälle und die immer wieder gleichen «Kunden» der Polizei, über das recht hohe Ansehen der Polizisten in dieser Kleinstadt und das niedrige Gehalt (Anfangslohn 18 000 Dollar pro Jahr plus Zulagen) wird von der Zentrale unterbrochen, die ein verdächtiges Fahrzeug überprüft haben möchte. Das Auto steht auf dem Parkplatz eines medizinischen Zentrums und ist dem Sicherheitsmann dieser Institution aufgefallen. Aber eigentlich steht es doch nur da und ist auch nicht als gestohlen gemeldet, es darf bleiben, ein Auto in Amerika ist nichts Verdächtiges.
Die Routinefahrt führt hinunter zum Fluss und dann entlang von Lagerhäusern, die gelegentlich von Einbrechern heimgesucht werden. Alles ist ruhig, zu ruhig für Chris, scheint es, denn jetzt will er nach Hillcrest, einer vor kurzem renovierten Siedlung mit vorwiegend von Schwarzen bewohnten Sozialwohnungen, einem Unruheherd und Drogenumschlagplatz. Die Abschrankung, die verhindern soll, dass jemand zufällig in dieses Quartier gerät, ist weggerissen. Langsam fährt Chris hinein, plötzlich bricht ein Gejohle los, junge Leute bewegen sich auf das Polizeifahrzeug zu, pfeifen, beschimpfen uns, fühlen sich offenkundig provoziert. Im Schrittempo und unter ständiger «Begleitung» geht es um den Block. Ohne einen Anflug von Unruhe erzählt der Polizist, dass es in den Häusern zum Teil furchtbar aussehe, dass Weisse vor allem hierher kämen, um Drogen zu kaufen, er hier den Wagen nachts nicht ohne Verstärkung verlassen würde, die Wohnungen so schlecht gar nicht seien; erst hinterher klingt leise Kritik an über den Umgang mit Steuergeldern - manch einer würde noch gerne in einem solch günstigen Apartment leben und gewiss besser dazu Sorge tragen.
Zurück in der Innenstadt, meldet die Stimme per Funk, eine Person, weiblich, schwarz, drohe eine andere Frau umzubringen, danach die Adressangabe. Chris konsultiert den Stadtplan, steuert den Wagen Richtung Autobahn, und zwar so, wie man es von einem rechten amerikanischen Polizisten erwartet, in halsbrecherischem Tempo; unerwartet ist nur, dass er weder Blaulicht noch Sirene einschaltet und dass er sich wiederholt für seine Fahrweise entschuldigt. Die Fahrt endet in einem dunklen Quartier mit schäbigen Holzhäusern. Auf der Strasse steht eine vielleicht fünfzigjährige Frau im Pyjama, die nackten Füsse in Sandalen, nur eine Windjacke schützt etwas vor der Kälte. Sie ist betrunken, redet wirr und gestikuliert. Chris spricht beruhigend auf sie ein, befiehlt ihr, die Hände über den Kopf zu nehmen, fragt, ob sie eine Waffe besitze, greift ihr in die Tasche und zieht eine Browning 9 mm heraus. Inzwischen ist ein zweiter Streifenwagen eingetroffen, gesteuert von einer Polizistin. Sie nimmt die Waffe entgegen, vier Kugeln sind drin, geschossen worden ist nicht. Der verdächtigten Frau werden Handschellen angelegt, und sie wird hinten in unseren Streifenwagen verfrachtet. Es stellt sich heraus, dass sie mit Gewalt eine jüngere Konkurrentin aus dem Haus ihres früheren Liebhabers hatte vertreiben wollen.
Nun führt der Weg ins Gefängnis, allerdings nicht direkt: Erst muss für das neunjährige Pflegekind der Verhafteten, dessen Eltern in Alabama in Schwierigkeiten geraten sind, ein Platz für die Nacht gesucht werden. Schliesslich findet sich eine Tante, die das Mädchen vorübergehend bei sich aufnimmt. Die Beamten warten, versuchen das Kind zu beruhigen, die Tante trifft ein; Chris ist sichtlich erleichtert, dass es ohne behördliche Einweisung in ein Heim abging.
Zurück im Auto, fragt er die Frau nach der Herkunft der Waffe. Ihr Sohn habe sie ihr gegeben, er sei kürzlich wegen Drogenhandels verurteilt worden und habe gesagt, vielleicht könne sie das Ding einmal brauchen. Das Ding ist, wie sich auf der Wache herausstellt, gestohlen, was den Fall komplizierter und für die Frau, die inzwischen ausser Elend nichts mehr ausdrückt, schwerwiegender macht. Die nächste Station ist das Untergeschoss des County Building, das vorwiegend als Justizgebäude dient; die eigentliche Bezirksverwaltung ist in einem Neubau untergebracht. Trostlose Szenen rufen nach einem trostlosen Raum, und diese «Gefangenen-Annahmestelle» erfüllt die Erwartungen. Kahle, nach einem Farbanstrich lechzende Wände, unterbrochen von den Monitoren der elektronischen Überwachung und einem Kalender, gestiftet von Miller's Funeral Home. Verwahrloste Gestalten warten auf ihre «Abfertigung», einer nach dem andern steht auf, tritt vor, ein Strich auf dem Boden gibt an, wo die Fussspitzen hingehören. Nach vorne gelehnt, stützen sie sich mit den Händen an der Theke auf, die Durchsuchung beginnt. Die persönlichen Gegenstände werden in Gewahrsam genommen, Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Die diensttuenden Beamten verhalten sich äusserst korrekt und versuchen zu helfen, etwa wenn es um die Benachrichtigung von Angehörigen oder um die Kaution geht. Die meisten Verhafteten werden danach erst einmal im «Tank» untergebracht, einer Gemeinschaftsausnüchterungszelle, deren treffender Übername einem weitere Beschreibungen erspart. Später geht es, falls der Verhaftete nicht nach wenigen Stunden wieder entlassen werden kann, nach oben, ins Gefängnis auf den obersten Etagen des Gebäudes. Über die Haft entscheidet eine Richterin des Magister Court. Chris sucht sie gleich nach der Erledigung der Formalitäten auf, macht seine Aussage, die protokolliert wird, dazwischen sucht eine Mutter ihren verhafteten Sohn, Chris wird vereidigt, der Fall ist für ihn vorläufig erledigt.
Nach einem kurzen Abstecher ins Polizeigebäude und zum «Burger King» sind wir wieder auf Patrouille. In einem «besseren» Quartier fährt ein Auto Slalom, das Blaulicht stoppt es. Der junge Mann hat mahnende Worte entgegenzunehmen, aber keinen Strafzettel. Vor einer Bar in der Innenstadt kommt es zu Handgreiflichkeiten. Innert Minuten sind sechs Streifenwagen dort versammelt, was die Streithähne zum geordneten Rückzug in unterschiedlicher Richtung veranlasst. Ein Streifenwagen fordert Unterstützung in einem Aussenquartier an, weil ein Mann seine Freundin verprügelt. Auch in diesem Fall treffen gleich mehrere Polizeiautos nacheinander ein und bestätigen Chris' Bemerkung, dass sie - auch wenn sie in der Regel allein unterwegs seien - im Bedarfsfall sofort Hilfe von Kollegen erhielten. Der Mann, er steht auf der Strasse, erweist sich als siebzehnjähriges pubertierendes Bürschchen, das sich verzweifelt bemüht, einen nicht allzu üblen Eindruck zu hinterlassen, und im übrigen um entschuldigende Worte ringt. Seine Freundin will keine Anzeige einreichen. Die Polizei schickt ihn nach Hause.
Inzwischen ist Mitternacht vorbei, die Innenstadt wird zum hauptsächlichen polizeilichen Schutzobjekt, man kurvt um die Blocks, der Funk meldet, dass eine Kollegin das Splittern von Glas gehört habe - auch sie fährt bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit offenem Fenster. Die Suche nach den Glasscherben beginnt. Nach kurzer Zeit, aber doch zu spät ist der Tatort aufgespürt: ein Büro- und Lagerhaus. Die Einbrecher sind durch den Hinterausgang verschwunden, allerdings ohne Beute. Chris hilft bei der Durchsuchung und beendet danach seinen Dienst. Es war ein «normaler» Abend.
Polizeichef Gerald Beavers, der vor wenigen Jahren aus Kentucky nach Asheville kam und einer von 225 Bewerbern für das Amt gewesen war, liefert später in seinem Büro die statistischen Angaben für eine Stadt nach, die in ihren Werbeunterlagen auf die für amerikanische Verhältnisse niedrige Kriminalität verweist. 1991 gab es 13 Tötungsdelikte, 38 Vergewaltigungen, 213 Raubüberfälle, 253 Körperverletzungen. So schwierig Vergleiche auf Grund der unterschiedlichen Rechtssysteme sind, lässt sich doch feststellen, dass die Zahlen bei den Gewalttaten um ein Mehrfaches höher sind als etwa jene der etwas grösseren Stadt Winterthur, die im gleichen Jahr 2 Tötungsdelikte, 9 Vergewaltigungen, 36 Raubüberfälle und 97 Delikte «gegen Leib und Leben» (Körperverletzungen, Tätlichkeiten usw.) meldete.
Knapp 200 Leute arbeiten im Polizeidepartement der Stadt, 152 Polizeibeamte (Männer und Frauen) und 42 Zivilisten. Mehr als 100 sind im Patrouillendienst eingeteilt, unterwegs meist in Streifenwagen, seltener zu Fuss. Zehn Streifenwagenbeamte sind Freiwillige, die - beispielsweise zwei Tage pro Monat - Dienst ohne Bezahlung leisten, aus Pflichtgefühl gegenüber der Gemeinschaft und aus Freude an dieser Tätigkeit. Sie haben eine dreimonatige Ausbildung hinter sich und tragen die gleichen Uniformen wie die übrigen Beamten. Freiwillige sind auch in der Administration tätig, und Beavers sagt, die Erfahrungen seien in allen Bereichen ausgezeichnet. Eine enge Zusammenarbeit bei der Kriminalitätsbekämpfung pflegt die Polizei von Asheville nach eigenem Bekunden mit dem Buncombe County Sheriff's Department (der Polizei des Bezirks), dem State Bureau of Investigation und den in der Stadt stationierten Beamten des FBI.
Ein Kriminalitätsbekämpfer besonderer Prägung ist der District Attorney Ron Moore, oberster Ankläger im Buncombe County, zu dem auch die Stadt gehört. Vor anderthalb Jahren hat er die Wahl gegen den damaligen Amtsinhaber gewonnen, dem er schlicht Unfähigkeit vorwirft. An seinen eigenen Fähigkeiten lässt er keinen Zweifel aufkommen. Sieben Assistenten hat er mitgebracht, und zusammen «behandeln» sie rund 20 000 Fälle pro Jahr, von der Geschwindigkeitsübertretung bis zum Mord. Vier Gerichtshöfe seien täglich im Einsatz, ein fünfter allein für Verkehrsdelikte, und inzwischen arbeite noch ein Nachtgericht an vier Abenden pro Woche. Und als ob dies nicht beeindruckend genug wäre, legt er seine Füsse auf den Schreibtisch und setzt eine Miene auf wie der District Attorney in einem Chandler-Roman.
Die Kriminalität steige ständig an, es gebe zuwenig Polizisten, zuwenig Richter und zuwenig Gefängniszellen. Es herrsche eine eigentliche Krisensituation. Wer zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werde, sei nach drei Monaten wieder draussen. Rund 95 Prozent der Angeklagten bekennen sich schuldig; wäre dem nicht so: das System würde schon längst nicht mehr funktionieren, weil Tausende von langwierigen Geschworenengerichts-Prozessen allein in Asheville durchgeführt werden müssten. So versucht man sich eben mit den Angeklagten zu einigen. Moore sieht den Grund für die Zunahme der Kriminalität im Drogenmissbrauch, wobei Kokain im Vordergrund steht, während Heroinkonsum kaum vorkommt. Unerschütterlich vertraut er auf einen verstärkten Einsatz der Strafverfolgungsbehörden, auf Prävention und Therapieprogramme. Verurteilten Drogenhändlern wird inzwischen auch Haus und Auto beschlagnahmt, danach das Ganze versteigert und der Erlös für die Drogenbekämpfung eingesetzt. Das Problem aber wird nicht kleiner, sondern grösser.
Bis zu 200 Fälle kämen pro Abend zur Sprache, wenn das Nachtgericht Sitzung habe. Die Probe aufs Exempel ergibt eine weniger eindrucksvolle Zahl, dafür ein verwirrendes Bild. Das Gericht (eine Institution des District Court und damit zuständig für Delikte mit Strafandrohungen bis zu zwei Jahren Gefängnis), besser gesagt die Einzelrichterin - an diesem Abend Rebecca Knight - lässt einen Angeklagten nach dem andern aufmarschieren, belehrt ihn über seine Rechte und fragt, ob er die Gerichtsgebühr (55 Dollar) und die angedrohte Busse bezahlen könne. Die meisten können nicht, also erhalten sie einen neuen Termin nach dem nächsten Zahltag und eine Ermahnung, das Geld mitzubringen. Auf schuldig möge doch nur plädieren, wer zahlen könne. Andere wollen einen Pflichtverteidiger, auch ihre Angelegenheiten werden auf später verschoben. Endlich, die junge Richterin wird langsam ungeduldig, scheint in einem Fall alles bereit, doch dann fehlt die Zeugin, und jetzt ärgert sich der Angeklagte darüber, dass sein Fall schon zum drittenmal nicht verhandelt wird. Nach einer Pause gelingt der Nachweis, dass an diesem Gericht auch Urteile gefällt werden. Einem Jugendlichen wird vorgeworfen, seine Freundin geschlagen zu haben. Der Vater des Mädchens reichte damals Strafanzeige ein. Vor Gericht sagte der Jugendliche eigentlich gar nichts, und das Mädchen behauptet, das blaue Auge stamme von einem Unfall beim Spielen. Der Vater legt Fotos des Mädchens vor und überzeugt die Richterin davon, dass seine Tochter böse zusammengeschlagen wurde. Die Richterin verurteilt den Jugendlichen dazu, in einem Sozialprogramm für aggressive junge Leute mitzumachen. Nach der Sitzung erklärt sie, das Mädchen habe wirklich übel ausgesehen, im übrigen seien diese Nachtsitzungen oft schon langweilig, dafür gäben sie ihr die Möglichkeit, mit ihren kleinen Kindern hin und wieder tagsüber etwas zu unternehmen. Auch die Angeklagten hätten einen Vorteil, sie müssten der Arbeit nicht fernbleiben und an ihrem Arbeitsort keine Erklärungen abgeben.
Über dem District Court steht der Superior Court, vergleichbar vielleicht mit unserem Obergericht. North Carolina ist in vier «Divisions» unterteilt. Innerhalb einer «Division» wechseln die Richter von Zeit zu Zeit ihren Arbeitsort; dahinter steckt der Gedanke, mit einem Rotationsprinzip die Richter von lokalen politischen Einflüssen fernzuhalten. Einer dieser Richter ist Walter Allen, der ruhig und geduldig das System erklärt: der Superior Court ist Berufungsinstanz in Fällen des District Court und im Bereich des Strafrechts zuständig für Delikte mit einer Strafandrohung von über zwei Jahren. Plädiert ein Angeklagter auf nicht schuldig, so urteilt eine Jury mit zwölf Geschworenen, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden, wobei Ankläger und Verteidiger Geschworene ablehnen können. Das Computerprogramm zur Auswahl der Geschworenen ist mit den Nummern der Fahrausweise gefüttert; wer nicht Auto fährt, wird auch nicht Geschworener. Die Geschworenen entscheiden über schuldig oder nicht schuldig, der Richter setzt danach das Strafmass fest. Einzig wenn es um Mord geht, geben die Geschworenen eine Empfehlung ab, ob der Angeklagte zum Tod oder zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt werden soll. Dieses Jurysystem führt gemäss Allen dazu, dass oft zwischen Anklagevertreter und Verteidiger ein Kompromiss ausgehandelt wird, denn nur auf diese Weise könne die überlastete Justiz zusätzliche Prozesse vermeiden.
Bricht das Justizsystem unter der Last der Prozesse nicht allmählich zusammen? Dies sei bereits geschehen, sagt Allen. Als Indiz dafür wertet er unter anderem den Umstand, dass Leute, die zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden sind, Anträge auf Strafverbüssung stellen. Der Grund: die Haft wird angesichts der überfüllten Gefängnisse ohnehin nicht lange dauern und ist leichter zu ertragen als die Auflagen bei einer bedingten Verurteilung. Zu viele Bagatellen würden unter Strafe gestellt und damit zu eigentlichen Massendelikten wie etwa das Ausstellen eines ungedeckten Schecks oder Trunkenheit, in North Carolina ein Delikt. Überdies würden zu hohe Strafen angedroht.
Ein Geheimnis bleibt auch nach diesem Gespräch gewahrt: Der Frage, was Strafen wie fünfmal lebenslänglich im amerikanischen Rechtssystem für einen Sinn hätten, begegnet Allen mit der Bemerkung, man möge doch jenen Weisen, der das beantworten könne, bei ihm vorbeischicken, wenn man ihn finde.