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Von Schutzengeln umstellt
© Isabel Truniger, Zürich
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| Ihre Töpfe sind ein Ort der wundersamsten Vermehrungen: Theresia Chin. |
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Seit keine Vegetarier mehr im Haus wohnen, ist ihre Arbeit einfacher geworden. Zu Besuch bei der Pfarrhaushälterin Theresia Chin.
Von Daniele Muscionico
Theresias Küche ist die «schönste Küche der Welt». Ihre Arbeit ist eine Vorbereitung auf den Himmel, sagt sie, und sie sagt es so, dass es sich empfiehlt, ihr zu glauben. In der schönsten Küche der Welt kocht sie seit zehn Jahren für ihre zweite Familie, an fünf Tagen die Woche, von morgens kurz nach acht Uhr bis abends um halb sieben. Besuch der Morgenmesse und dreissig Minuten Zimmerstunde eingeschlossen. Theresia Chin, 63 Jahre alt und in Adliswil aufgewachsen, hat von 1963 bis 1972 in New York für Bucherer-Uhren gearbeitet, dann in Zürich zwölf Jahre in einem Monteurbetrieb, bevor sie sich um ganz andere Menschen zu kümmern begann. Sie arbeitet im Pfarrhaus der römisch-katholischen Kirchgemeinde Liebfrauen in Zürich. Dort nennt man sie Theresia der Fülle.
Theresia, von Schutzengeln umstellt, wie sie weiss, füllt im Haushalt des Seelsorgeteams Kühlschränke und Gefriertruhen, Kästen und Keller, Gläser und Teller. Dank den Schutzengeln muss die Köchin bei Arbeitsbeginn gar nicht so genau wissen, wie viele Menschen mittags oder abends am Tisch sitzen werden. Einmal sind es nur vier, dann wieder sechzehn – immer reicht das Essen für alle: Theresias Töpfe sind ein Ort der wundersamsten Vermehrungen. Und die Kühlschränke und Gefriertruhen, Kästen und Keller, Gläser und Teller füllen sich sowieso wie von selber.
Jederzeit wärmt sie Obdachlosen an der Pfarrhaustür vorgekochte Kartoffeln auf oder verschenkt Brot und Käse. Und kaum dass sie wieder Brot kauft, ist es bereits eingefroren, für den nächsten Überraschungsgast. Den früheren Pfarrer versorgte Theresia in seinem Studierzimmer täglich Schlag 11 Uhr mit einem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Heute ist einiges anders. Pfarrer Reto Müller wohnt zwar noch im grössten, im sogenannten Bischofszimmer, doch von Herrenallüren ist nichts zu spüren, bis auf den roten Jaguar, den er in seinem Büchergestell parkiert hat. Ein Spielzeugauto. Zimmerservice kommt im Haushalt von Pfarrer Müller nur im Krankheitsfall vor.
Auch das silberne Glöckchen im Esszimmer, mit dem man früher die in der Küche stationierte Köchin hereinbimmelte, ist abgeschafft. Heute ist die Pfarrköchin nicht nur während des Mahls frei beweglich, ihr Revier dehnt sich über sämtliche sechs Stockwerke des Hauses aus. Sie darf auch im Garten Geranien zupfen oder Efeu, um es dekorativ im Pfarrhaus zu verteilen, und sie dürfte sich sogar im Weinkeller des Pfarrers bedienen. Was sie selbstverständlich bleiben lässt. Das Fläschchen Fendant, das in ihrem Zimmer steht, neutralisiert sie mit der Erklärung: «Den brauche ich zum Kochen.» Sie braucht den Wein für andere, so wie alles, was sich in ihrem Schlafraum stapelt, früher oder später einmal im Pfarrhaushalt aufgehen wird. Ihr Zimmer ist ein bewohnter Vorratsschrank, der darauf wartet, die offenen und die geheimen Wünsche der Seelsorger zu erfüllen.
Am Montag, wenn Theresia frei hat, kommt eine Hilfe für die Wäsche, und sechsmal wöchentlich kümmert sich eine Putzfrau um die allgemeinen Räume, die Büros und das Treppenhaus. Reto Müller und die drei anderen Seelsorger, die im Haus wohnen, putzen ihre Schlafräume selber. Pfarrer Müller räumt auch seine Schuhe persönlich weg und legt Wert auf die Feststellung, dass man mittags auch das Geschirr oft auf- und jedes Mal abtrage.
Am Abend, wenn um 19 Uhr gegessen wird – man isst, was Theresia vorbereitet hat –, erledigt man den Abwasch autonom. Und morgens gar ist die Wohngemeinschaft vom Wasseraufsetzen bis zum Abspülen ganz auf sich allein gestellt. Gegessen wird um acht Uhr, aus dem Kühlschrank natürlich, den Theresia angefüllt hat. Denn auch wenn die Pfarrköchin nicht anwesend ist, ist sie es doch: indem die Lieblingstees und Lieblingsmüesli vorrätig sind, die Magermilch und der bevorzugte Eichelkaffee.
Die Arbeit ist in den letzten Jahren einfacher geworden, sagt die Pfarrköchin, seit keine Vegetarier mehr im Haus wohnen und alle «auf Fleisch umgestellt» haben. Und reicht einmal das Fleisch nicht für alle am Mittagstisch, an dem auch Theresia Platz nimmt, verfertigt sie schnell ein paar Omeletten.
Doch wie nimmt sie Platz? Sie richtet in der Küche das Buffet an und wartet, bis alle geschöpft haben. Sie kontrolliert die verbliebenen Mengen, und erst dann gibt sie sich selber eine kleine Portion und setzt sich dazu. Immer bereit, aufzustehen, nachzuschenken, nachzuschöpfen. Und dass sie am Ende des Essens Früchte serviert, den Kaffee, den Tee; dass sie den Seelsorgern jeden Wunsch von den Augen abliest, ein Kirschstengelchen hier, ein zweites Stück Kuchen dort, das ist bei Theresia Normalbetrieb. Ihre Fülle bezieht sich nicht nur auf die Kulinarik, die man im Pfarrhaus zu schätzen weiss. Theresia ist auch in ihrer Güte grenzenlos.
Daniele Muscionico ist Redaktorin für Zürcher Kultur bei der NZZ.
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