NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Stimmen im Kopf

In der Gewalt von Ausserirdischen.

Von Michael Kumpfmüller

«Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln.»
Sigmund Freud, Traum und Okkultismus (1932)

«Sie werden nur einer von Tausenden sein, die glauben, ein UFO gesehen zu haben.»
Raumschiff Enterprise, «Morgen ist gestern» (1966)

EINE KAPAZITÄT SEINES FACHS. Der Mann am Telefon war sehr freundlich und auskunftsbereit. Natürlich wolle er mir gerne behilflich sein und gleich nachher ein paar der Betroffenen anrufen, sagte der Ufo-Experte aus Unterfranken, von dem erst vor kurzem ein dickes Buch über Ufo-Entführungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz erschienen war. Er selbst habe ja bei seinen Recherchen viele von ihnen persönlich kennengelernt, und gerade in Berlin gebe es da übrigens zwei besonders interessante Fälle, die er mir empfehlen könne.

Schon am nächsten Tag hat mir der Experte für Ufo-Entführungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz telefonisch mitgeteilt, dass sich gleich drei der ihm bekannten Entführungsopfer aus Berlin zu einem Interview bereit erklärt hätten, auch die beiden interessanten Fälle seien dabei, dazu ein erst seit kurzem betroffener Kriminalbeamter, «mal sehen, was sie Ihnen berichten.» Er selbst reise ja nun erst einmal drei Wochen mit einer kleinen Gruppe auf den Spuren Erich von Dänikens durchs schöne Peru, darauf freue er sich schon, und ob es möglich wäre, ihm bei Gelegenheit eine Kopie meines Artikels zuzusenden, das versprach ich.

WER ETWAS ZU ERZÄHLEN HAT, der hat auch etwas zu verkaufen. Die drei Berliner, die ich auf Empfehlung des Experten in den nächsten Tagen angerufen habe, sind zwischen Anfang und Ende dreissig und reagieren zunächst mit einer gewissen Zurückhaltung: Sie hätten in der Vergangenheit doch ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht mit den Zeitungen und dem Fernsehen, so berichten sie und zählen nacheinander mindestens ein halbes Dutzend Talk-Shows auf, in denen sie ihre Geschichte schon erzählt haben. Das grosse Geld gebe es ja nicht, wenn man in diesen Talk-Shows auftrete, aber dafür viel Hohn und Spott von Leuten, die sie und ihresgleichen kurzerhand für verrückt erklärten - aber hören wir uns wie Verrückte an?

Deshalb und weil es auch Herr O. so halte, sagt Frau S., sei sie eigentlich nicht mehr bereit, so mir nichts, dir nichts ohne jede Bezahlung ein Interview zu geben, wohingegen Frau P. sogleich grossen Wert auf die Feststellung legt, dass sie ihr Wissen unter gar keinen Umständen für Geld verkaufen würde, da das Geld in ihren Augen nun einmal die verflixte Eigenschaft besitzt, alles und jeden sogleich von Grund auf zu verändern, die Menschen, die es nehmen, aber auch die Dinge, derentwegen es gegeben wird. Ob ich denn selbst schon einmal eine Begegnung der dritten oder der vierten Art gehabt habe, fragt Frau S. dann noch, nachdem sie auf ihrer Geldforderung nicht länger bestehen will, und weshalb ich mich ausgerechnet für dieses Thema interessiere. Und so sage ich ihr und auch den beiden anderen, dass ich vorläufig vor allem neugierig bin, und dass diese meine Neugier nicht ohne Skepsis ist, das finden sie verständlich.

WIE ALLES ANFING. Tatsächlich hat es bei allen dreien schon Zeiten gegeben, in denen sie stark an sich gezweifelt haben und nicht hätten sagen können, ob sie die nächtlichen Besuche, die Entführungen nur träumen oder ob diese wirklich stattfinden. Auch für Conny P. hat es solche Zeiten gegeben, aber das ist schon lange her. Immer wenn sie gezweifelt habe, so erzählt sie, als ich sie an einem Sonntagnachmittag in ihrer Wohnung besuche, sei auch kurz darauf wieder etwas mit ihr passiert, ganz so, als hätten ihr die fremden Wesen sagen wollen, dass sie noch immer da sind. Nein, sie könne jetzt auf Anhieb nicht sagen, wie oft die Wesen zu ihr kommen, im Schnitt einmal im Jahr vielleicht; manchmal kämen sie auch mehrmals kurz hintereinander, und dann jahrelang überhaupt nicht, aber angefangen habe es schon in ihrer Kindheit. Vier Jahre sei sie damals alt gewesen, und sie erinnere sich noch ganz genau daran: Wie sie eines Nachts aufwacht und diese kleinen grauen Wesen mit den grossen Augen an ihrem Bett stehen und sie beobachten, und wie sie dann auf einmal barfuss durch einen unbekannten Wald geht und ein wunderschöner Hirsch sie zu einem grossen silbernen Wohnwagen führt, in dessen Innerem alles nur viel grösser ist als in einem wirklichen Wohnwagen, und wie sie dort eine grosse Wand mit lauter kleinen Monitoren sieht und sich gleich darüber wundert, dass die vielen bewegten Bilder alle schon in Farbe sind, während im Fernseher zu Hause alles noch schwarzweiss ist. Das war 1962, und obwohl sich die nächtlichen Besuche und die Entführungen in irgendwelche unbekannten Objekte wiederholen, habe sie für ihre Erlebnisse bis vor wenigen Jahren keine Erklärung gehabt und auch gar nicht darüber sprechen können. Nun aber hätten ihr die Wesen das Sprechen offenbar erlaubt, und also spreche sie, und ich höre ihr zu und glaube ihr, ohne ihr zu glauben, halte für möglich, was ich doch eigentlich für unmöglich halte, träume ein bisschen, bleibe wach. Ich sage: «Was für eine seltsame Geschichte Sie mir da erzählen», und dann widerspricht sie mir und sagt, dass das doch keine Geschichte ist, wie sie im Fernsehen vorkommt oder in Romanen, sie berichte nur, was gewesen ist.

STIMMEN IM KOPF. Über das Aussehen der fremden Wesen und das, was sie mit ihren Opfern machen, erzählt auch Conny P. zunächst nur das, was auch in der einschlägigen Ufo-Literatur geschrieben steht: Dass es ganz verschiedene Arten von Wesen gibt, die kleinen Grauen mit den grossen Augen vor allem und die grossen Dunklen mit dem Schlapphut; dass sie ihre Opfer des Nachts in irgendwelche Raumschiffe verschleppen, in denen es dann zu verschiedenen Untersuchungen und Operationen kommt; und dass von diesen Eingriffen regelmässig kleine Narben oder Wunden zurückbleiben, für die es beim Erwachen keine vernünftige Erklärung gibt. Auch sie habe nach solchen Nächten schon verschiedene Einstiche an ihrem Körper entdeckt und noch als Kind ein bisschen Blut in der Leistengegend. Aber die vertrauensvolle Beziehung, die sie von jeher zu den fremden Wesen habe, sei deswegen eigentlich nie in Frage gestellt worden - auch nach der Sache mit der Fehlgeburt nicht, über die sie lieber nicht sprechen möchte.

Ich frage Frau P., ob diese Wesen etwas zu ihr sagen, wenn sie sie entführen, und sie erwähnt ein paar beruhigende Sätze, wie: dass sie keine Angst haben solle, dass das alles leider sein müsse, dass es bald vorbei sei. Erst in den letzten Jahren habe sie die Erfahrung gemacht, dass die Wesen von den Menschen doch ziemlich wenig wissen, und dann hört sie manchmal so Stimmen im Kopf, die sie etwas fragen. Ganz einfache Fragen stellen diese Stimmen ihr, zum Beispiel über das Fernsehprogramm, das gerade läuft, über die Menschen, die sie kennt, über Gesten, über Weichspüler, also über alles eigentlich, vor allem aber über die menschlichen Gefühle und Empfindungen, wie das ist, wenn man streitet oder sich liebt, «und dann ist man im Grunde wie ein Informant für die». Sprechen die Wesen deutsch mit ihr, frage ich sie noch, und sie sagt, dass die Wesen natürlich deutsch mit ihr sprechen, allerdings handle es sich ja mehr um «gedankliche Gespräche», und obwohl sie es schon oft bedauert habe, dass die Wesen über sich selbst so gut wie keine Auskunft gäben, sei es in der Zwischenzeit ein richtiges Geben und Nehmen.

GESCHICHTE EINES GROSSEN SCHMERZES. Das mit den Stimmen, sagt Frau S., die ich ein paar Tage später besuche, habe sie so noch nicht erlebt, aber über das Thema Schwangerschaft, über das Frau P. nicht habe reden wollen, könne sie mir gerne etwas erzählen. Das alles liege ja nun auch schon wieder bald zehn Jahre zurück.

1986 ist's gewesen, und Frau S. ist schwanger, das heisst, sie ist sich ganz sicher, dass sie schwanger ist, und da erwacht sie eines Morgens und erinnert sich an ein seltsames nächtliches Erlebnis. Sie liegt nackt auf einem Operationstisch und ein paar dieser grauen Wesen stehen um sie herum; eine freundliche Stimme in ihrem Kopf beruhigt sie und sagt zu ihr, dass nun alles gut ist und aus und vorbei. Natürlich, sagt Frau S. heute, habe sie damals keine Erklärung für dieses Erlebnis gehabt, aber dann sei sie ein paar Tage später zum Arzt gegangen, und der Arzt habe ihr gesagt: also, eine Schwangerschaft könne er beim besten Willen nicht feststellen, sie solle doch in vierzehn Tagen noch einmal kommen, aber noch bevor die vierzehn Tage um sind, habe sie eines Tages so ein blutiges Stück Fleisch aus ihrem Körper ausgeschieden, und das sei nun wahrscheinlich die Plazenta gewesen, nur von einem Embryo keine Spur.

Noch Jahre danach, sagt Frau S., habe sie keine Verbindung zwischen beiden Ereignissen gesehen, dem Albtraum, der kein Albtraum war, und der Fehlgeburt, die keine Fehlgeburt war, und so habe sie die ganze Sache auf sich beruhen lassen, bis sie an Ostern 1993 von ihrem früheren Ehemann eines Tages ein Buch bekommen habe, ein Buch von Dr. F., dem Ufo-Experten aus Unterfranken, das ihr die Augen öffnete. Seither ist Frau S. davon überzeugt, dass sie 1986 von einem fremden Wesen schwanger gewesen ist und dass es auch die fremden Wesen gewesen sind, die ihr das Kind im dritten Monat wieder genommen haben, und also lebe es an irgendeinem ihr unbekannten Ort und komme sie von Zeit zu Zeit besuchen, so wie damals, im März vor zwei Jahren, als eine klitzekleine Hand mitten in der Nacht ihre Nase, ihre Augenlider und ihren Mund berührte und sie selbst kein bisschen ängstlich war.

Gut zwei Jahre nach dieser vermeintlichen Fehlgeburt, sagt Maria S., ist ja dann mein Sohn Sebastian auf die Welt gekommen, aber weil ein Kind ein anderes nicht ersetzen kann, denke sie immer wieder an das sogenannte Hybriden-Kind von 1986, und wie gross es wohl inzwischen geworden sein mag. Das alles beschäftige sie von Zeit zu Zeit und dürfe sie doch nicht allzu sehr beschäftigen, «denn sonst würde ich doch sehr leiden».

SEBASTIANS TRAUM. Es ist nicht leicht zu beschreiben, was genau in meinem Kopf vorgegangen ist, als Frau S. bis zu diesem Punkt ihrer Geschichte gekommen war, das heisst, ich kann nur sagen, dass mir ihre Geschichte doch ziemlich zusetzte und eine Mischung aus ungläubigem Staunen, Ratlosigkeit und Erschöpfung in mir hinterliess. Vielleicht, so habe ich gedacht, gibt es ja Geschichten, über die man besser schweigen sollte, und vielleicht gibt es auch Geschichten, über die man gerade deshalb reden muss, weil es besser wäre, über sie zu schweigen, zum Beispiel über diese ganze Sache mit Sebastian.

Von ihrem siebenjährigen Sohn Sebastian hat Frau S. den ganzen Nachmittag immer wieder gesprochen, und dass sie und Sebastian sich jeden Morgen ihre Träume erzählen, und dass auch Sebastian dieses Ufo von Silvester 1993 gesehen hat, und dass auch Sebastian von dem verlorenen Kind von 1986 besucht worden ist. Natürlich sei das alles nicht ganz einfach für ihren Sohn, hat Frau S. gesagt, und dass sie ihn immer wieder beruhige und ihm gegenüber als Traum bezeichne, was doch nie und nimmer ein Traum sei. Und natürlich dürfe er jetzt dem Mann ein bisschen von diesen seinen Träumen erzählen, hat sie gesagt, also wie ist das mit deinen Träumen? Also, beginnt ein bisschen zögerlich Sebastian, er habe da zum Beispiel einmal geträumt, dass diese grauen Wesen etwas an seinem Bauch machen. Auch habe er einmal geträumt, dass die Mutter operiert wird, und weil seine Erzählungen manchmal ein bisschen umständlich sind, muss Mama ihn von Zeit zu Zeit ermahnen und ihm sagen, dass es doch eigentlich wohl ein bisschen anders gewesen ist, aber erzähle du nur, ich bin ja nicht dabeigewesen, und wie war das genau noch mit dem rothaarigen Struwwelpeter-Kind, das du durch die Wohnung hast laufen sehen, als ich in der Küche war? Ja, sagt Sebastian, das Struwwelpeter-Kind habe ich gesehen und vor kurzem einen Ritter mit roten Augen. Das glaube sie ihm noch nicht so recht, sagt da Frau S., und Sebastian sagt, dass ihm das alles doch ziemlich grosse Angst macht, «wie Kinder eben so sind», so sagt er, und dass er seinen Schulkameraden lieber nichts davon erzählt, «sonst denken die, ich bin verrückt». Na ja, sagt Frau S., so ist das, wenn man diese Erlebnisse hat, je mehr man erzählt, desto unglaubwürdiger wirkt man, und schon ist sie bei ihrer nächsten Geschichte.

DIE WELTVERBESSERER. Erst gegen Ende meines fast dreistündigen Besuches habe ich Frau S. gefragt, welche Erklärungen sie nun eigentlich für diese nächtlichen Besuche und Entführungen hat, und ähnlich wie ein paar Tage zuvor Frau P. («Ich hab' das auch noch nicht ganz verstanden») hat auch Frau S. «in diesem Sinne» keine Erklärungen für ihre Erlebnisse gehabt, allerdings lese sie viel darüber und mache sich dann natürlich so ihre Gedanken über das Gelesene, vor allem über diese sogenannten Hybriden-Kinder, die im übrigen auch ihr Sohn schon gesehen habe und die von den Wesen in riesigen Sälen grossgezogen würden, wer weiss zu welchem Zweck. Weil sich die fremden Wesen Sorgen um ihre eigene Fortpflanzungsfähigkeit machen und also sich selbst helfen, wenn sie mit den Menschen Kinder zeugen? Oder weil sie sich Sorgen um die Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen machen und also uns Menschen helfen, damit wir nicht eines Tages aussterben?

Sie persönlich glaube ja, dass ein Grossteil der Menschheit in der nächsten Zeit durch eine Reihe von Naturkatastrophen ums Leben kommt und dass diese Hybriden-Wesen die Vorboten einer neuen besseren Welt sind, die nicht so kalt und technologisch ist wie die der fremden Wesen, aber auch nicht so gefährlich emotional wie die von uns Menschen; so ungefähr. Auch deshalb, sagt Frau S., so wie es zuvor auch schon Frau P. gesagt hat, habe sie sich persönlich nie als Opfer gefühlt und auch nicht als Auserwählte. Tatsächlich sei es ja ziemlich schwer zu erklären, warum sich die Wesen für den einen immer und immer wieder interessieren und für den anderen ein ganzes Leben lang nicht, aber ob mir schon einmal aufgefallen sei, dass es vor allem die Mütter trifft; also, sie meine jetzt die wirklichen Mütter, die, für die die Kinder noch alles sind und die deshalb auch für diese kleinen Hybriden-Kinder in den unbekannten Raumschiffen noch ein bisschen Liebe übrig haben, denn mit der Liebe und den Gefühlen hätten die Wesen ja so ihre Schwierigkeiten.

Eines Tages, da sei sie ganz sicher, hat Frau S. dann noch über diese Wesen gesagt, werden sie sich der ganzen Menschheit zeigen. Dass auch ich schon einmal von ihnen entführt worden bin, hält sie gar nicht für ausgeschlossen, «vielleicht erinnern Sie sich ja nur bis heute nicht daran».

UNBEFRIEDIGENDE BEWEISLAGE. Noch Tage danach habe ich an diese ihre Sätze denken müssen und dass ich wahrscheinlich nicht so schnell vergessen werde, wie sie da in ihrer Wohnung sass und mehr als drei Stunden lang eine ganze, in sich geschlossene Welt vor mir ausbreitete, zu der man als Aussenstehender keinen Zutritt hat und die für ihre Bewohner gerade darum etwas gleichermassen Tröstliches wie Beunruhigendes zu haben scheint.

Den dritten Bewohner dieser kleinen grossen Welt, die nicht weniger als das ganze Universum umfasst, habe ich dann noch einmal ein paar Tage später getroffen, und weil er in seinem richtigen Leben ein Berliner Kriminalbeamter ist, hat er in seiner Eigenschaft als Berliner Kriminalbeamter eingeräumt, dass die Beweislage in Sachen Ufo-Entführungen bis heute leider ziemlich unbefriedigend ist. Die ganze Ufologie, hat der Berliner Kriminalbeamte Georg O. gleich zu Beginn unseres Gespräches gesagt, bestehe ja eigentlich nur aus unzähligen Theorien diverser Schriftsteller, Zeugen und selbsternannter Ufologen, doch keiner dieser Schriftsteller, Zeugen und selbsternannten Ufologen habe der skeptischen Aussenwelt bis heute auch nur irgendeinen einzigen Beweis vorlegen können. Das sei das eine. Das andere sei, dass ausgerechnet er, der Berliner Kriminalbeamte, der sich nie zuvor mit diesem Thema beschäftigt hat, seit ziemlich genau drei Jahren gleich mehrere dieser nicht zu beweisenden Erlebnisse gehabt habe und Wunden an sich entdeckte, für die es keine Erklärung gibt. Er habe ein Ufo beobachtet, wie es über seinen Garten flog, er sei von irgendwelchen Wesen aus seiner Wohnung entführt worden, er habe die Wesen an seinem Bett stehen sehen.

Anfangs dachte er, er habe eine schwere Krankheit oder er sei verrückt geworden über Nacht, aber dann habe er sich von mehreren Ärzten untersuchen lassen und in den Büchern des Ufologen aus Unterfranken von anderen, vergleichbaren Fällen gelesen, na ja, und dann habe er doch auf einmal Zweifel bekommen an seinen Zweifeln. Und? sage ich, weil man mit einem Berliner Kriminalbeamten so reden darf und ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, es könnte in dieser Welt der Ufos und der fremden Wesen etwas wirklich Überraschendes geben, etwas, das von Menschen nicht schon gedacht, geträumt oder gewünscht worden ist: das wirklich Andere, das wirklich Fremde. Und wenn es nur ein einziges Detail wäre, sage ich, zum Beispiel ein Gegenstand, für den ein Mensch des 20. Jahrhunderts beim besten Willen keine Erklärung hat und der ihm so fremd wäre wie einem Menschen des Mittelalters - sagen wir - ein Fernsehapparat. Aber so einen Gegenstand hat auch der Berliner Kriminalbeamte bis heute nicht gesehen, und dass auch sonst niemand von einem solchen Gegenstand berichtet hat, gibt ihm jetzt doch zu denken, «das wird mich noch beschäftigen in der nächsten Zeit».

VON DER MACHT DER WÜNSCHE. Obwohl es dem Berliner Kriminalbeamten Georg O. zu denken gegeben hat, dass die Welt der Ufos und der fremden Wesen im Grunde eine ziemlich vertraute ist, hat auch er am Ende auf der Wirklichkeit dieser doch ziemlich vertrauten Welt beharrt, und was für eine Enttäuschung das wäre, würde sich eines Tages herausstellen, dass er die Ufos und die Wesen nur geträumt oder halluziniert habe, und wieviel Arbeit und Liebe dann umsonst gewesen wären, das mochte er sich gar nicht ausdenken.

Wie meine beiden anderen Gesprächspartner ist sich auch Georg O. nicht sicher gewesen, ob er einen möglichen Beweis für die Existenz der fremden Wesen wirklich weitergeben würde (es gebe politische Kräfte, die an solchen Beweisen kein Interesse hätten und vor nichts zurückschreckten), und wie von meinen anderen Gesprächspartnern habe ich über ihn und sein Leben eigentlich nicht viel erfahren, nur dass er seit langem in den Orient fährt und als Kriminalbeamter vor allem mit Wirtschaftsdelikten beschäftigt ist. Trotzdem denke ich manchmal an ihn und die beiden anderen, und dann weiss ich nicht, was ich über sie denken soll.

Seit ich sie getroffen habe, das ist wahr, stehe ich in den Nächten manchmal am Fenster und schaue in den Berliner Himmel und warte, aber ich werde es wahrscheinlich wieder aufgeben, ich glaube einfach nicht daran, dass es diese Wesen gibt und dass sie uns besuchen von Zeit zu Zeit. Und wenn ich mir nun ganz fest wünschte, dass sie kämen, kämen sie dann? Oder darf sich nur der etwas wünschen, zu dem sie schon gekommen sind? So wie Frau S. sich damals an Silvester 1995 gewünscht hat, dass das Ufo vom Silvester 1993 noch einmal wiederkommt, und so wie Frau P. sich immer gewünscht hat, dass sie einmal eines dieser Wesen berühren darf, und beide Wünsche gehen in Erfüllung. Und sind denn Wünsche nicht auch dazu da, dass sie in Erfüllung gehen, ich meine, früher oder später?

Michael Kumpfmüller ist Journalist und lebt in Berlin.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.