NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Der Touristenführer

Pater Giovanni Giuliani.

Von Bernadette Conrad

ZIELSTREBIG BAHNT sich der kleine, unauffällige Mann seinen Weg durch die Massen auf dem Petersplatz zum Eingangsportal des Doms. Seine Haltung ist leicht gebeugt, seine Gesichtszüge sind streng, die Augen hinter dicken Brillengläsern verschanzt. Einer, der vorwiegend mit sich selbst beschäftigt ist und die Menschen scheut? Von wegen. Zunächst fordert Giovanni Giuliani die Umstehenden augenzwinkernd auf, das Weite zu suchen, damit sein Heiligenschein doch bitte komplett aufs Bild käme. Dann verlangt er vom Fotografen, die Peterskuppel im Hintergrund müsse klar erkennbar sein - ohne Dom kein Bild. Denn um den dreht sich seit einem Vierteljahrhundert das ganze Leben des kleinen Franziskanerbruders.

Im Eingang der grössten Kirche der Christenheit hütet Pater Giuliani den Informationstisch und bietet Führungen in fünf Sprachen an sowie ein von ihm verfasstes Buch über San Pietro. Nach dem Fototermin zieht es ihn wieder an den kleinen Holztisch. Ob er ihr nicht die Eingangstür erklären könne, fragt eine Amerikanerin, kaum hat er die kleine Leselampe angeknipst. Statt zu antworten, herrscht er die Dame an, ob sie wisse, wie der Bürgermeister von New York heisse. Als sie eingeschüchtert «Giuliani» flüstert, grinst er freundlich zurück: «Sehen Sie, Sie haben es begriffen. Giuliani heisst auch der Bürgermeister des Petersdoms.» So sei er eben, meint der 79jährige später: älter als der Papst und ohne feine Manieren. Das stehe ja schon hinter seinem Namen: «ofm» (Ordo Fratrum Minorum).

In seinem Element ist Giuliani, wenn er den Besuchern seine Kirche zeigt. Natürlich muss jeder die Anzahl der Marmorsäulen schätzen und die Längenmasse der Figuren in Michelangelos Kuppel. Schweigende Mitläufer kann der Pater nicht gebrauchen. «Schauen Sie nur in die Kuppel. So etwas gibt es heute nicht mehr. Wenn ein Michelangelo malte, war sein Bild sein Gebet, und deshalb ist es grosse Kunst geworden. Heute müsste uns das beschämen, denn uns fehlt ja zum Gebet das Wichtigste: die Freude.»

Behende wie ein Jüngling flitzt der Pater durch die Kirche. Keine japanische oder koreanische Reisegruppe lässt er an sich vorbeiziehen, ohne unvermittelt auf einen aus der Herde ein kurzes Wortgewitter in dessen eigener Sprache niedergehen zu lassen. Woraufhin er so viele verstörte wie amüsierte Blicke erntet. Nein, sein Petersdom ist kein Ort, um Trübsal zu blasen. Freude soll man haben; wo, wenn nicht hier.

Bevor er nach Rom kam, hatte Giuliani zwanzig Jahre lang seine Freude an einer anderen Kirche: an jener der Kapuziner in Wien. Noch früher hatte er in Como mit Obdachlosen und Armen gearbeitet. «Das war schon ein bisschen schwer», erzählt er, «aber eigentlich hat mir das Leben schon immer sehr gefallen. Schon als ich sechs war und ein eifriger Ministrant, wollte ich Priester werden. Aber ich dachte bei mir: nicht so ernst wie die da vorne am Altar.» 55jährig wurde er nach Rom berufen, wo er den Petersdom aus der engen Perspektive des Beichtstuhls kennenlernte - bis er eines Tages nicht mehr länger die Dummheiten anhören mochte, die ein Führer einer deutschen Reisegruppe erzählte: «Ich sagte ihm: Wenn ich nach Köln komme, werde ich Sie bitten, dass Sie mir Ihren Dom erklären. Aber hier in Rom lassen Sie mich etwas über die Kirche erzählen.» Als ein paar Tage später der ihm vorgesetzte Kardinal anrief, habe er sich erst gefühlt wie bei der Polizei und sofort gefragt, was er falsch gemacht habe. Der aber hatte ihm nur zu berichten, ein deutscher Professor habe von ihm geschwärmt . . . Und ob er sich in Zukunft nicht der Führungen in der Kirche annehmen wolle? Pater Giuliani sagte sofort zu.

«Ich freute mich über diese neue Aufgabe», sagt er. «Wissen Sie, es gibt schon zu tun, bis man diese Kirche kennt. Bernini, Michelangelo, die fordern einen. Aber sie bleiben auch. Bei mir im Badezimmer fällt alle sechs Wochen eine Kachel von der Wand. Hier steht alles seit Jahrhunderten. Aber eine Kirche ist ja auch etwas anderes. Wer in eine Kirche geht, der geht auch in einen inneren Raum, der geht in sich. Da muss einfach alles stimmen.»


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