GÄBE ES im Pflanzenreich einen Königinnentitel zu vergeben, man brauchte nicht lange nach der legitimen Thronanwärterin zu suchen, zumal die Artischocke sozusagen von Natur aus gekrönt zur Welt kommt. Wie allem Adel ist ihr überdies eigen, dass sie ihre Vornehmheit hinter einem durchaus schroffen, ja abweisenden Äusseren verbirgt. Ihr stacheliges Kleid hat sie womöglich in den schon von Plinius senior kolportierten Ruf gebracht, sie sei nichts weiter als eine veredelte Form der profanen Distel, was wir hiermit ins Reich der Märchen verweisen möchten.
Schon den alten Ägyptern bekannt, gewann die Artischocke bei den Griechen den Status eines wichtigen Grundnahrungsmittels, und in der Römerzeit war sie derart beliebt, dass besagter Plinius sich über die unverschämten Preise beklagte, die ihre Erzeuger verlangten. Für unser Geschmacksempfinden mag es fremd anmuten, dass sie seinerzeit in einer Mischung aus Wasser und Honig eingemacht wurde, während sie heute vornehmlich «sott'olio e aceto» haltbar gemacht wird.
Als die Schlagetots aus dem Norden der Antike das Licht ausbliesen, geriet die Gemüsepflanze in Vergessenheit und tauchte erst im 15. Jahrhundert aus dem Dunkel der Zeiten wieder auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sie die Nacht in Europa im Maghreb überstanden, wofür auch ihr Name spricht, der vom arabischen «al-har?ùf» abgeleitet ist. So entstand jedenfalls die irrige Meinung, die grüne Bauernkönigin sei aus den fernen Ländern des Orients zu uns gekommen, obschon ihr botanischer Ursprung in Sizilien zu finden ist, wo ihre Wildform noch heute gedeiht.
Da die Artischocke ein Kind der Sonne ist, nimmt sie schon bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt Schaden. Gleichwohl war sie dem deutschen Kräuterarzt Jakob Theodor Tabernaemontanus bereits bekannt, der ihre segensreiche Wirkung auf Leber und Nieren in seinem «New vollkommentlich Kräuterbuch» von 1625 rühmte.
Botanisch kommt sie in zwei Unterarten vor: als Cynara solymus wird die grosse, runde Artischocke bezeichnet, während die spitze, längliche «Spanische Kardone» wissenschaftlich Cynara cardunculus heisst. Die Nomenklatur verweist uns auf einen italienischen Apéritif, mit dem wir auch an den trübsten Tagen weltläufige Italianità unter Beweis stellen können.
Als die Artischocke noch nicht aus Südafrika, Kalifornien und die Swissair weiss von wo sonst noch kam, erwarteten wir zu Hause immer mit Ungeduld den Tag, an dem die ersten Babyartischocken zu kaufen waren. In leicht gesalzenem Wasser gedämpft, verzehrt man diese gut zwetschgengrossen Blütenstände mit einer Vinaigrette oder an Olivenöl und Zitronensaft mit Stumpf und Stiel. Mit den ersten ausgewachsenen Exemplaren kamen die grossen Tage meines Vaters, Blatt für Blatt bestreute er mit einer Füllung aus Paniermehl, Parmesan, Kräutern und Pfeffer, stellte die mit Olivenöl reichlich beträufelten Artischocken in zwei Fingerbreit Wasser und dämpfte sie piano, piano.
Sobald die Artischocken gar sind, pflückt man mit den Händen Blatt für Blatt und zieht mit den Schaufelzähnen die fleischige Innenseite mitsamt der Füllung ab. Für nicht spitzfingrige Mitmenschen empfehlen sich eher mit Artischocken gefüllte Ravioli, ein Soufflé oder aber die von allem Beiwerk befreiten Böden als Beilage zu weissem Geflügel oder einem kräftigen Fisch.
Etwas entlegen scheint mir hingegen das Gericht, das das Restaurant Sandpiper in Boise, Idaho, per Internet um die Welt schickt: Pouletbrust bedeckt mit Krabbenfleisch, Pilzen, Artischocken, alles übergossen mit Sauce Béarnaise und «Burgundy-Sauce». Derart belagert wird unser Gaumen kaum die verblüffende Entdeckung machen können, dass nach dem Genuss von Artischocken normales Wasser plötzlich süss schmeckt.