NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Tippfehler

Lotto ist ein Glücksspiel. Die Chancen, zu gewinnen, stehen immer gleich gut oder gleich schlecht. Das ist so. Oder doch nicht?

Von Gudrun Sachse

Wenn er ungeduldig wird, erhöht er seine Sprechgeschwindigkeit. Es ist noch eine Stunde bis zur Ziehung der Lottozahlen. «Schreiben Sie mit», sagt er: «30, 35», dazu klopft er mit seiner rechten Hand auf den Tisch in der Kantine des Fernsehstudios. Der an die Tasse gelehnte Löffel erzittert: «Halt, doch nicht.» Er hat es sich anders überlegt. Nicht jeder soll seine Zahlen kennen, es sind schliesslich nicht irgendwelche, sondern Zahlen seines Systems, mit dem er gewinnt. Immer. Da das gefährlich sei, bittet er darum, namentlich nicht genannt zu werden: Meier ist ihm recht.

600 000 Tippscheine für Zahlenlotto erreichen wöchentlich die Annahmestellen von Swiss Los, der grössten Schweizer Lotteriegesellschaft. Bei einem hohen Jackpot sind es mehr. 2004 gaben Deutschschweizer, Tessiner und Liechtensteiner 554 Millionen Franken für Lotto aus, die Westschweizer bei ihrer Loterie Romande 164 Millionen Franken. In den Grundzügen ist Lotto ein simples Spiel: Schein ausfüllen, zweimal sechs Kreuze machen, drei Franken bezahlen, auf die Mittwochziehung warten, auf die Samstagziehung warten, auf einen Treffer warten. Die Chancen auf einen Sechser stehen schlecht, 1 : 8145060.

Hans Riedwyl ist emeritierter Professor für mathematische Statistik an der Universität Bern; einst wollte er seinen Studenten praxisnahen Stoff bieten und kam aufs Lotto. Seither gilt er als einziger Lottologe im Land. Er sagt, man könne diese acht Millionen Tips spielen, das koste 12 Millionen Franken, was sich bei hohem Jackpot auszahle. Allerdings nur, wenn sonst niemand einen Sechser mache. Riedwyl rechnet vor. Dann sagt er: «Sie werden Spieler treffen, die erzählen, dass es sichere Systeme gibt, doch es gibt nichts, überhaupt nichts, was die Gewinnchance erhöhen kann.»

Herr Meier ist zum achten Mal für die Ziehung der Lottozahlen aus dem Solothurnischen nach Zürich gefahren. Eine Bildungsreise, wertvoller als die Videoaufzeichnungen zu Hause, die er seit dreissig Jahren analysiert. Der 62-jährige Schreiner zeichnet den Fall der 45 Kugeln plus Zusatzzahl auf dem Bildschirm nach, kombiniert «täglich zehn bis dreizehn Stunden» lang Zahlen. Reicht der Tag nicht aus, nimmt er die Nacht dazu. Er zählt, wie oft die Eins, die Zwei, die Drei gezogen werden, und hält das fest, früher auf Notizblöcken, heute im Computer. Die Ehefrau bekam eine Strickmaschine.

Zur Grafik

Dreimal wurde in den dreissig Jahren das Ziehungsgerät ausgewechselt. Er habe immer wieder Schwachstellen entdeckt – etwa einen Luftstrudel in der Ecke – und das sofort der Lotteriegesellschaft gemeldet. Mit dem jetzigen Ziehungsapparat ist er zufrieden. Es sei eines der besten Geräte überhaupt. Gute statische Ladung und so. Und doch: die Wahrscheinlichkeit sei weltweit höher, dass Zahlen mit geschlossenen Ziffern gezogen würden als solche mit geöffneten. Unter einer geöffneten Ziffer versteht Meier zum Beispiel die 3, deren Form gegen links offen ist. Im Gegensatz zu einer geschlossenen Ziffer wie der 8. Herr Meier kann das mit seinen Statistiken beweisen, auf denen auch sein sicheres System beruht. Er startet seinen Laptop.

Das Einzige, was man beeinflussen könne, sagt Professor Riedwyl, sei, mit wie vielen man teilen müsse – wenn man denn gewinne. Er erinnert sich an den Tag in den 1970er Jahren, als ihm ein Gabelstapler die mit einer Million Lottoscheinen gefüllten Kisten lieferte. Monatelang hatte er die Lottogesellschaft bedrängt, man möge ihm die Zettel zu Forschungszwecken zur Verfügung stellen. Dann kamen sie endlich. Im Büro mit den Studenten, zu Hause am Küchentisch mit seinen Kindern wertete er 10 000 Lottoscheine aus und stellte fest: «Wie einfach der Mensch doch tippt.»

Den ersten Rang belegt die Diagonale von der 6 zur 31. Darauf folgt die Diagonale von 1 bis 36. Beliebt sind auch vertikale Linien, die Horizontale 1, 2, 3, 4, 5, 6 sowie alle möglichen regelmässigen Muster. Auch die Zahlen der letzten Ziehung werden überdurchschnittlich oft getippt. Seither sagt Professor Riedwyl: «Man spielt nicht gegen die Maschine und die Kugeln darin, beide haben weder ein Gedächtnis noch ein Bewusstsein. Man spielt gegen seine Mitspieler.» Und er rät, möglichst anders zu tippen als die anderen.

Professor Riedwyl spreche nicht mehr mit ihm, sagt Herr Meier, weil er das Gegenteil von dem beweisen könne, was der erzähle. Er gewinne immer mehr, als er einsetze; er habe auf jedem Schein einen Treffer, warum, wisse er auch nicht. In seiner Tippgemeinschaft wird monatlich für 8000 Franken gespielt. Meier spielt für 345 Franken mit. «Diesen Monat habe ich 15 Franken nachgezahlt.» – «Sie machten also Verlust?» – «Ich musste, um die 345 Franken spielen zu können, 15 Franken nachzahlen.» – «Ich dachte, Sie können nicht verlieren?» – «Die 15 Franken habe ich eingesetzt, damit ich beim nächsten Mal die 345 Franken spielen konnte.» – «Sie haben also verloren?» – «Nein.»

Sein Kaffee ist kalt, auf der Oberfläche haben sich feine Haarrisse gebildet. «Es ist mir egal, ob man mir glaubt», sagt Herr Meier. Er streicht seinen Wollpullover glatt, klappt den Laptop zu, er muss los ins Studio, in zehn Minuten beginnt die Ziehung der Lottozahlen.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




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