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NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch Inhaltsverzeichnis
Willst du nicht mal diesen netten Jungen treffen?
© Suzanne Schwiertz
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| «In meinen Beziehungen mit Nichtjuden hatte ich das Gefühl, es fehle ihnen das Verständnis für meine Wurzeln.» |
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Wer weiblich, ledig und jüdisch ist, kennt diese Frage. Auch die 34-Jährige in dieser Geschichte. Obwohl die Frage sie empört, bekommt auch sie traditionelle Anwandlungen, wenn es ums Heiraten geht.
Aufgezeichnet von Mikael Krogerus
Als ich klein war, wollte ich Prinzessin werden. Mein Grossvater sagte, ich könne nur Prinzessin werden, wenn ich meinen Ehemann zum Prinzen mache. Heute weiss ich, was er damit meinte: einen jüdischen Haushalt führen und nach persischer Tradition meinem Mann dienen. Mich um die Kindererziehung kümmern und diplomatisch schweigen, wenn es nötig ist.
Ich bin eine persische Jüdin. In Iran sind Juden Aussenseiter, Fremde. Seit zwei Generationen lebt meine Familie in Europa. Meine Eltern erzogen mich, meine beiden Schwestern und meinen Bruder jüdisch, aber es war ihnen wichtig, dass wir in die Schweiz integriert waren. Deshalb gingen wir in die staatliche Schule, feierten aber freitags bei den Grosseltern Schabbat. Die Mädchen zündeten kurz vor Sonnenuntergang die Kerzen an, mein Bruder sprach das Gebet für das Brot und mein Grossvater das für den Wein.
Dann assen wir an einer grossen Tafel persischen Reis. Auch hielten wir die Feiertage ein, gingen an Jom Kippur und Rosch Haschana nicht in die Schule, und an Passah gab’s Mazze, ungesäuerten Brotersatz, statt Brot. All das hatte wenig mit Religion zu tun. Wir waren nicht fromm, bloss traditionell; unsere Gespräche am Tisch handelten von unserem Alltag, fernab der Religion. Der Glaube meiner Eltern war weniger ein Glaube an einen Gott als ein fester Glaube an das Haltgebende der jüdischen Kultur, der sich im Befolgen der Konventionen äusserte.
Mein Bruder durfte Frauen mit nach Hause nehmen, die sogar über Nacht blieben. Mir und meinen Schwestern war Männerbesuch verboten. Sex vor der Ehe galt als tabu. Zudem: Ein Jude müsse der Bräutigam sein. Wenn möglich ein persischer. Mit 18 hatte ich meinen ersten Freund, Christian. Ein Katholik aus München. Christian hatte bei uns Hausverbot. Anders als meine Schwestern hielt ich meine Liebschaft aber nicht geheim, und als ich zu Hause erzählte, mein Freund und ich würden gemeinsam in die Ferien fahren, fragte meine Mutter, ob wir denn auch im gleichen Zimmer übernachten würden. Ich lachte. Ich wusste, dass meine Liebe zu Christian die familiären Schwierigkeiten überwinden würde. Nach heftigen Diskussionen mit meinen Eltern liessen sie mich schliesslich in Ruhe. Der Rest der Familie durfte allerdings nichts davon erfahren. Als die Beziehung zu Christian endete, hatte das nichts mit Religion zu tun. Dachte ich damals.
Mein Liebeskummer war enorm. Auch diese Gefühle hielt ich nicht geheim. Ich heulte Bäche und Seen. Mein Vater versuchte mich zu trösten und sagte: Vielleicht finden wir einen neuen Mann in einem Regal der Koscher-Abteilung des Warenhauses.
Am Schabbat-Tisch meiner Grosseltern sassen manchmal fremde junge Männer aus New York oder aus Los Angeles. Sie sprachen Farsi, und wir merkten, dass sie nicht einfach auf der Durchreise waren. Sie waren da, um eine mögliche Ehefrau unter uns Schwestern zu finden, es waren teils schüchterne, teils machohafte, aber immer nette Muttersöhnchen. Meine Grossmutter fragte stets gegen Ende des Abends: Wollt ihr nicht noch ein bisschen ausgehen? Ins Kino? Es war uns unangenehm, nie im Leben wollten wir einem Mann «vermittelt» werden. Also benahmen wir uns schlecht, brachen in hysterisches Gelächter aus und fanden immer einen Grund, uns über die Männer lustig zu machen.
Meine Vorfahren hatten bei der Partnerwahl keine Wahl gehabt. Meine Urgrossmutter wurde als 13-Jährige mit einem 70-jährigen Mann verheiratet. Mit 15 bekam sie ihr erstes Kind. Meine Grossmutter musste zusammen mit anderen 12-Jährigen eine Prüfung ablegen. Sie schrieb das beste Diktat – und mein Grossvater verlobte sich mit ihr. Noch heute erzählt meine Grossmutter, dass sie sich zur Verlobung eine Puppe gewünscht hatte. Am Schabbat-Tisch meines Vaters sass meine Mutter aus Los Angeles – drei Monate später standen sie vor einem Rabbi unter der Chuppa, dem Heiratsbaldachin. Meine Mutter war damals 19 und noch Jungfrau. Meiner Tante half «Tante» Channele, einen Mann zu finden. Tante Channele war keine Verwandte, sie war Kupplerin.
Als meine Schwester heiratete, musste ich allein über den roten Teppich zur Chuppa schreiten. Auf diese Weise sollte ich mich als heiratsfähige Single-Schwester zur Schau stellen. Ich schämte mich. Als einer meiner Cousins auftauchte, hakte ich mich bei ihm unter. Meine Grossmutter war entzückt. Den kannst du doch heiraten, sagte sie, ihr seid wie geschaffen füreinander. In der jüdischen Kultur gilt nur die Ehe unter Geschwistern als Inzest. An Bar Mizwas, den Festen zur Religionsmündigkeit, und Hochzeiten wurde ich, bis ich 30 Jahre alt war, jeweils an Single-Tische gesetzt. Mittlerweile placiert man mich an den Kindertisch, oder ich sitze bei schwierigen Verwandten. Die Gastgeber halten mich für nicht mehr vermittelbar. Die Wahrscheinlichkeit, einem jüdischen Mann in Bern, Basel oder Zürich einfach so zu begegnen, ist gering. Ich kenne fast alle Juden meines Alters, zumindest vom Sehen oder vom Hörensagen. Jüdinnen und Juden, die jüdisch heiraten wollen, suchen ihr Glück im Internet bei www.jdate.com oder www.jewish-singles.de, an jüdischen Single-Parties oder über einen Kuppler in Frankfurt. Bei JDate finden sich vornehmlich Juden, bei jewish-singles.de gibt es auffällig viele Philosemiten, Menschen, die dem Judentum zugetan sind, ohne selbst jüdisch zu sein. So ging ich nie auf Partnersuche. Bisher jedenfalls.
Ich hatte viele Liebschaften. Was ich mit Gewissheit sagen kann: Ich verliebe mich nicht in einen Mann, weil er Jude ist. Aber in all meinen Beziehungen mit Nichtjuden hatte ich das Gefühl, es fehle ihnen das Verständnis für meine Wurzeln. Ich habe keine Lust mehr, die Israeli im Nahostkonflikt zu verteidigen. Auch mag ich nicht erklären, warum Israels Politik nichts mit meinem Jüdischsein zu tun hat und dass Jom Kippur kein israelischer Angriffskrieg, sondern der höchste jüdische Feiertag ist.
Weil ich nicht religiös bin, glaubte ich lange, meine Religion sei mir nicht wichtig. Mit meinem letzten Freund diskutierte ich oft, ob unsere gemeinsamen Kinder am Sonntag mit seinen Eltern in die Kirche gehen dürften oder nicht. Ich hätte ein Problem damit gehabt. Wenn sie jeden Samstag in die Synagoge gingen, hätte ich aber ebenfalls Schwierigkeiten damit. Und meinem damaligen Freund bereitete es Schwierigkeiten, dass ich seine christlichen Wurzeln als weniger wichtig empfand als meine jüdischen. Mir ist klar, dass das merkwürdig klingt, aber man muss es sich so vorstellen: Sobald Schweizer, die behaupten, sie seien nicht religiös, in einem fremden Land leben, bekommt für sie Weihnachten ja auch eine grössere Bedeutung. Daheim in der Schweiz müssen sie sich nicht um ihre christliche Kultur kümmern, das Umfeld kümmert sich darum. Es ist wohl so, dass man die eigene Kultur erst in der Fremde schätzenlernt. Mein Vater, der sich über seine nicht verheiratete Tochter grämte, bat mich, doch diesen oder jenen Mann, Bekannte aus gutem Haus, zu treffen. Irgendwann gab ich seinem Drängen nach. Meine Freunde versuchten ja auch, mich mit anderen Männern bekannt zu machen. Warum also nicht einen jüdischen Mann treffen? Ein Jude aus Berlin reiste zu einem Blind Date mit mir in die Schweiz. Es war ein Fiasko. Statt von Frauen sprach er bei unserem Abendessen von Mädels, er lobte sich und seine Immobiliendeals, hatte schlechte Manieren und richtete erst nach dem Dessert die erste Frage an mich. Das Einzige, was uns verband, war, dass wir beide jüdisch waren. Das war zu wenig.
Mein engster Freund, ich kenne ihn seit der Kindheit, ist ebenfalls Jude. Ihm geht es ähnlich wie mir. Mit ihm spreche ich über meine Ambivalenz, was Herkunft bedeutet, und ob wir bei einer «Mischehe» für unsere Kinder einen Weihnachtsbaum aufstellen würden oder eben nicht. Als ich dreissig war, verliebte er sich in mich. Alles sprach dafür, dass aus uns ein wunderbares Paar hätte werden können. Aber ich mochte ihn nicht küssen.
Ich kann die Frage nicht klar beantworten, ob ich mit einem Juden zusammensein möchte oder nicht. Der Druck meiner Familie wird immer grösser, mittlerweile muss es, wenn es nach meinen Eltern geht, nicht mal mehr zwingend ein Jude sein. Denn nach jüdischem Gesetz wird die Religionszugehörigkeit sowieso von der Mutter weitergegeben. Sie wünschen sich einfach Enkelkinder. Meine Mutter brach letzten Sommer in Tränen aus, als ich mit ihr einkaufen war. Für die Tochter meiner Freundin suchte ich nach Babykleidern. Meine Mutter sagte, sie wolle nicht für die Kinder meiner Freundin Kleidchen kaufen, sondern für meine Kinder, die ich aber nicht geboren habe.
Ich möchte einen Mann, in den ich mich verliebe und der sich in mich verliebt, einen, der mich erträgt und den ich ertrage. Mir geht es letztlich wie vielen Single-Frauen: Ich hoffe noch immer, dass ich einfach den Richtigen treffe. Auch wenn es für die Gründung einer Familie langsam spät wird.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.
Leserbriefe:
Zu Willst du nicht mal diesen netten Jungen treffen? - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)
Vielen Dank für den schönen Artikel. Ich weiß, ich gehöre zu ganz vielen, die beim Lesen ein wenig an sich selbst erinnert werden. (Und nein, ich möchte nicht die Kontaktdaten der jüdischen Dame meiner Altersstufe ) Die beschriebenen Probleme hat man übrigens nicht nur, wenn man nicht religiös ist und einen jüdischen Partner hat. Auch wenn man sich erst später entschieden hat, religiös zu werden, sich aber im Mainstream vermeintlicher "Glaubensgenossen" nicht wiederfindet, sondern sich auch, wie die beschriebene junge Frau, einfach in einen tollen Menschen verlieben und dann eine Familie gründen will, ist potentiell etwas einsam. S. Merberg, per E-Mail
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