NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Blut, Schweiss und Tränen

Wie ein Flugzeugunglück, eine Trainerlegende und der fünfte Beatle einen Mythos schufen.

Von Hanspeter Born

Let’s drink, let’s drink, let’s drink / To Eric, the King, the King, the King», tönt es aus vollen Kehlen im «Trafford»-Pub, dem Lokal vor den Toren des Old-Trafford-Stadions, wo sich die United-Fans vor den Heimspielen in Stimmung bringen. Im Gedränge hat man kaum den Ellbogenraum, um den Plasticbecher mit der Pint festzuhalten, und kann sich nur brüllend mit dem Nachbarn verständigen. Es ist für den Fremdling nicht leicht, die Feinheiten in den sich pausenlos folgenden Fansongs zu erkennen.

Ginge, ein rothaariger Ingenieur Anfang dreissig, der mit dem Supporterbus aus Glasgow zum Match hergereist ist, hilft mir bei der Auslegung der Liedertexte.
Allerdings wäre ihm manchmal lieber, der Schweizer Gast wäre taub. «Dieses Lied ist über Liverpool», sagt er leicht verschämt. Dass mit der Häufung obszöner Ausdrücke, die sich um das allgegenwärtige «fuck» ranken, der Erbfeind besungen wird, hätte ich aber auch erraten können. So wie auch im Lied über den Stadtrivalen, in dem es heisst, eher würden sie einen Eimer mit Loch vögeln als auch nur eine Minute lang Manchester City unterstützen: «I’d rather shag a bucket with a hole in it / Than be a city fan for just one minute.»

Was an dem schier unerschöpflichen Repertoire verblüfft, ist die ehrfürchtige Zelebrierung vergangener Grössen. «Eric, the King, the King» ist der immer noch vergötterte finstere Rebell und Fussballgott Eric Cantona, der United als Captain zu zwei «Doubles» führte und vor über sieben Jahren seine Stollenschuhe an den Nagel gehängt hat. «And when it was over, and when it was done / We’d beaten Benfica by four goals to one. The first was by Bobby, he out-jumped the rest / The second was scored by wee Georgie Best.»

Die wenigsten der singenden Fans haben den in diesen Strophen verherrlichten ersten Europacup-Sieg des Clubs vor 35 Jahren selber miterlebt, aber die Helden von damals, Bobby Charlton, Denis Law und George Best, sind in den Herzen fast so präsent wie Beckham, van Nistelrooy und Giggs, ihre Nachfolger und Ebenbilder im heutigen Erfolgsteam.

«This is about Munich», klärt mich Ginge beim nächsten Lied auf. Aha, denke ich, Bayern München, der Gegner beim denkwürdigen Champions-League-Final 1999, als die beiden auf den Platz geschickten Reservisten Sheringham und Solskjaer in der Nachspielzeit den sicher geglaubten Sieg der Hitzfeld-Elf in eine Niederlage verwandelten. Falsch geraten. «One cold and bitter Thursday in Munich, Germany / Eight great football stalwarts conceded victory / Eight men will never play again, who met destruction there / The Flowers of English football, the Flowers of Manchester.»

Der kalte und bittere Donnerstag in München, Deutschland, war der 6. Februar 1958. Am Vorabend hatte United in Belgrad in einem heissumkämpften Europacup-Spiel gegen Roter Stern Belgrad die Halbfinalqualifikation geschafft. Der 19-jährige Bobby Charlton, nach Presseberichten der «beste Stürmer auf dem Feld», hatte den Weltklassehüter Beara – «die schwarze Katze» – gleich zweimal bezwungen, und am Schluss rettete die rote Verteidigung, die laut dem Parteiblatt «Politika» zu schmutzigen Tricks griff und keine Reklame für englisches Fairplay machte, das 3:3-Unentschieden. «Unfair? Was denken Sie auch!» Billy Foulkes, der damals einen Penalty verschuldete, lacht. «Es war ein phantastisches Spiel.» Tom Jackson, der Berichterstatter der «Manchester Evening News», titelte seinen Bericht: «United wird nie eine schwerere Aufgabe haben als diese.»

24 Stunden später stand United vor einer Aufgabe, deren Schwere sich niemand in den schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können, und der Journalist, der den Satz geschrieben hatte, war tot. Die zweimotorige Maschine der British European Airways mit dem United-Team und den mitgereisten Sportjournalisten an Bord war in München zum Auftanken zwischengelandet. Als der Pilot im heftigen Schneetreiben abzuheben versuchte, brachte er das Flugzeug auch beim dritten Anlauf nicht von der Startbahn, es raste über die Grasnarbe in die Umzäunung des Flughafens und zerschellte an einer Hauswand.

Billy Foulkes erinnert sich: «Ich sass mit dem Rücken direkt zum Cockpit, das hat mir das Leben gerettet. Das Flugzeug zerbarst diagonal unter meinen Füssen in zwei Teile. Albert Scanlon neben wir wurde hinausgeschleudert. Ich sah das Heck des Flugzeugs, das auf einem Lager von Brennstoffkanistern gelandet war, in Flammen stehen. Es war mir klar, dass niemand, der hinten im Flugzeug sass, überleben konnte. Harry Gregg (der Torhüter) hatte etwas in den Armen, ein Bündel. Das Bündel begann zu schreien. Es war ein Baby, das er aus dem Wrack geborgen hatte.»

Gregg lief noch einmal zurück, um auch die Mutter des Säuglings zu retten, die Tochter des jugoslawischen Luftwaffenattachés in London, die von der Mannschaft in der Chartermaschine mitgenommen worden war. «Dann kamen Krankenwagen. Wir legten Matt Busby, der stöhnend im Schnee sass, auf eine Tragbahre. Später besuchte ich meine verletzten Kameraden im Spital. Duncan Edwards war halb bei Bewusstsein und stiess Schreie aus. Ich fragte die Ärztin, wie gross seine Überlebenschancen seien. Sie sagte 50:50. Bei Johnny Berry schüttelte sie bloss traurig den Kopf. Er würde es nicht schaffen.»

Berry schaffte es. Auch Trainer Matt Busby, der mit schweren Rückenverletzungen noch über zwei Monate im Spital rechts der Isar bleiben musste, schaffte es. Sieben Spieler waren auf der Stelle tot gewesen, darunter die beiden Stützen der englischen Nationalmannschaft, Captain Roger Byrne und Mittelstürmer Tommy Taylor, und der beste Goalgetter des Teams, der irische Internationale Billy Whelan. Frank Swift, der legendäre englische Nationaltorhüter, der als Journalist mitgeflogen war, verschied auf dem Operationstisch.

Duncan Edwards musste an eine Nierenmaschine angeschlossen werden. Der bärenstarke, technisch versierte 21-jährige Internationale galt als das grösste Talent überhaupt im englischen Fussball. «Wann ist am Samstag Spielbeginn gegen Wolves?», fragte er den unverletzt gebliebenen Assistenztrainer Jimmy Murphy, als dieser die Runde durch die Spitalzimmer machte. «Ich muss dabei sein.»

Billy Foulkes reiste nach ein paar Tagen zusammen mit Jimmy Murphy und Goalie Harry Gregg per Zug, Schiff und Auto nach Manchester zurück. Die Leichen der Kameraden hatte man zurückgeflogen und in der Turnhalle des Old-Trafford-Stadions aufgebahrt. Das Meisterschaftsspiel gegen Wolverhampton Wanderers war abgesagt worden, aber keine zwei Wochen nach der Tragödie standen Gregg und der zum neuen Captain ernannte Foulkes auf dem Spielfeld, um im Cupspiel gegen Sheffield Wednesday anzutreten. Murphy hatte in aller Eile zwei Spieler eingekauft und schickte neben zwei Reservespielern vier Junioren auf den Rasen. 60 000 Zuschauer trugen United zu einem 3:0-Sieg. Tags darauf kam die Hiobsnachricht aus München. Der «wonder boy» Duncan Edwards hatte seinen Überlebenskampf verloren.

Das Leben ging weiter. Die Roten gewannen auch ihre beiden nächsten Cupspiele und liefen unter den Augen des an Krücken gehenden Matt Busby in Wembley zum Final gegen Bolton Wanderers ein. «Die Atmosphäre war unbeschreiblich», erzählt Foulkes, «nie zuvor oder nachher habe ich so etwas erlebt. Die Leute waren hysterisch.» Tore des Hünen Nat Lofthouse, der beim zweiten Tor Keeper Gregg samt Ball über die Linie bugsierte, setzten dem Sturmlauf der Verlegenheitself ein Ende. Zuvor hatten sich die Boys im Europacup-Halbfinal gegen Milan (mit Weltstars wie Liedholm und Schiaffino) tapfer geschlagen, mussten aber nach einem 2:1-Heimsieg mit 0:4 im San Siro die Segel streichen.

Nach Meinung von Kennern hatte es in England nie eine bessere Clubmannschaft gegeben als das Team, das in München vom Schicksal zerschmettert wurde. Es war in sorgfältiger, langfristiger Kleinarbeit von einem Schotten aufgebaut worden, der vor dem Krieg selber als tüchtiger Läufer – heute sagt man Mittelfeldspieler – für die Rivalen Manchester City und Liverpool gespielt hatte. Als der Bergarbeitersohn Matt Busby 1945 einen Fünfjahresvertrag als Manager, wie man auf der Insel den Cheftrainer nennt, unterschrieb, fand er ein Loch in der Vereinskasse und ein unbespielbares Stadion mit einer zerbombten Tribüne vor. Die Glanzzeiten des Clubs, der 1878 von den Eisenbahnarbeitern der Wagenfabrik im Vorort Newton Heath gegründet und 1892 unter dem Namen Newton Heath in die Liga aufgenommen worden war, lagen weit zurück. 1908 war das Team unter dem neuen Namen Manchester United erstmals englischer Meister geworden, ein Jahr darauf Cup-Sieger und drei Jahre später nochmals Meister. In der Zwischenkriegszeit wurde die «Jo-Jo-Mannschaft», die zwischen der 1. und der 2. Division pendelte, Zielscheibe des Witzes von Music-Hall-Komödianten.

Busby betrieb eine konsequente Nachwuchspolitik, die darin bestand, das Land nach talentierten Schuljungen zu durchkämmen und sie frühzeitig als Lehrlinge zu verpflichten. Die Mannschaft, mit der Busby 1956 die englische Meisterschaft gewann, hatte ein Durchschnittsalter von 22 Jahren. Man nannte sie die Busby Babes, ein Name, der in Deutschland zu «Busby Babies» umgewandelt wurde. Von den von Busby persönlich geformten Babes blieben nach der Tragödie von München bloss Charlton und Foulkes übrig.

Matt Busby und sein Gehilfe Jimmy Murphy mussten von vorne anfangen. Mit einer klugen Transferpolitik und der sorgsamen Pflege von Talenten aus der eigenen Jugendabteilung schmiedeten sie eine neue Meistermannschaft, die nicht nur siegen, sondern mit ihrem spektakulären, damals auf der Insel fast revolutionären Angriffsspiel auch begeistern konnte.

Von Celtic Glasgow kaufte Busby den Mittelfeldstrategen Pat Crerand, dessen wunderbare Ballverteilung mir selber noch in Erinnerung ist, und von Torino einen andern Schotten: Denis Law, der wegen seiner Torgefährlichkeit zum absoluten Liebling des Stehplatzpublikums am Stretford End avancieren sollte. Von den eigenen Junioren stiess der beherzte kleine Kämpfer Nobby Stiles zum Team. Stiles war bekannt dafür, dass er vor dem Spiel sein künstliches Gebiss entfernte. Keiner, der am Fernsehen den WM-Final von 1966 sah, wird das zahnlose Lachen des den Sieg feiernden Stiles je vergessen.

Und dann war da noch der schmächtige, scheue Junge aus Belfast, der als Lehrling die Schuhe des Torhüters Harry Gregg putzen durfte. Beim Blue-Stars-Juniorenturnier in Zürich erhielt der 15-Jährige einen ersten Geschmack von internationalem Fussball und, verführt von erfahreneren Kollegen, von Bier. Es wurde ihm von ein paar Grossen jämmerlich übel, und er rührte in den kommenden Jahren das Gerstengetränk kaum noch an. George Best galt zwar als begabter Junior, aber niemand vermutete – wie später bei dem dreizehnjährigen Ryan Giggs –, dass da ein Fussballgenie heranwuchs. Den Durchbruch schaffte der Nordire an einem lauen Märzabend 1966 vor 75 000 fanatischen Zuschauern in Lissabons Stadion des Lichts gegen den zweifachen Meistercup-Sieger Benfica, der zu Hause noch nie ein Europacup-Spiel verloren hatte.

Matt Busby hatte den Jungs eingeschärft, gegen das Team des grossen Eusebio eng und defensiv zu spielen. Nach sechs Minuten stieg der kleine Best höher als alle Verteidiger und köpfte eine Freistossflanke ins Netz. Nach weiteren sechs Minuten erhielt Best den Ball in der Nähe der Mittellinie. Unwiderstehlich «glitt er wie ein dunkler Geist an drei Verteidigern vorbei» (so die «Times») und schlenzte den Ball am herauslaufenden Torhüter vorbei.

In seiner Autobiographie beschreibt Best den magischen Abend von Lissabon: «Es war, wie wenn man in der Nacht vor einem Spiel wach liegt und sich vorstellt, wie man auf dem Feld brillante Dinge tut. Selbst Profis haben diese Träume, und wie für andere Leute werden die Phantasien, wie man sich selber im Traum spielen sieht, selten Wirklichkeit. Aber an jenem Abend gelang einfach alles, was wir versuchten.» Endresultat 1:5. Die portugiesische Zeitung «Bola» nannte Best, der seine Haare hatte wachsen lassen, den fünften Beatle.

Als zwei Jahre später Manchester United erstmals den Final im Meistercup erreichte, war wieder Eusebios Benfica ihr Gegner. Nachdem Bobby Charlton – mit dem 36-jährigen Stopper Foulkes der Letzte aus Busbys Münchner Mannschaft – das Score eröffnet hatte, glich Benfica kurz vor Schluss aus. In der Verlängerung brach Best mit einer Kopie seines Traumtors von Lissabon den Bann, bevor Kidd und Charlton das Schlussresultat von 4:1 herstellten.

Für David Sadler, den grossgewachsenen, zurückhängenden linken Flügel, und für die meisten seiner Teamgefährten war der Europacup-Sieg von Wembley der Höhepunkt der Karriere: «Für Matt Busby und die Mannschaft war es eine Art Kreuzzug, eine Suche nach dem Heiligen Gral. Als die englischen Verbandsfunktionäre dem 1955 gegründeten Europacup misstrauten und gar die Teilnahme des englischen Meisters verhindern wollten, setzte sich Matt durch. Nach der Tragödie von München hatte er eigentlich nur noch das eine Ziel, den Sieg im Meistercup.»

Nachdem man dieses Ziel erreicht hatte, meint David Sadler, sei die Luft draussen gewesen. «Es war der letzte Würfelwurf.» Ob der grossen Aufgabe hatte Matt Busby, der nach dem Unglück von München nie mehr seine robuste Gesundheit wiedererlangte, die Zukunft vernachlässigt. Die Mannschaft musste erneuert werden, und Busby hatte nicht das Herz, verdiente alte Schlachtrosse auszurangieren. Das grosse Team fiel allmählich auseinander.

Fast symbolisch für den Niedergang der Mannschaft waren die Tribulationen ihres genialen Enfant terrible. Mit 22 Jahren war der zum europäischen Fussballer des Jahres gewählte George Best auf dem Zenit seines Ruhms. Für seinen Freund Sadler bleibt Best der «beste Spieler, mit dem oder gegen den ich je gespielt habe», und für Billy Foulkes war er der «beste Spieler der Welt», eine Einschätzung, die angeblich sogar der grosse Pelé teilt. Jedenfalls war «Georgie» der erste moderne Fussballsuperstar, den die Mädchen anhimmelten und dem Sponsorenverträge nachgeworfen wurden. Als Kreatur der wilden sechziger Jahre trug Best die bunten Gewänder der Zeit, besuchte (und besass) Nachtclubs, betrank sich oft bis zur Bewusstlosigkeit und sorgte mit seinen Liebesgeschichten in den Tabloids für Schlagzeilen. Mit 27 verkündete der begnadete Spieler seinen Rücktritt.

Der Tiefpunkt in der jüngeren Geschichte des Clubs kam 1974, als zum Saisonschluss der zu City transferierte Denis Law das einzige Tor im Stadtrivalen-Derby schoss und damit den Abstieg der Roten in die 2. Division besiegelte. Auch wenn er das Team nicht vor der Relegation retten konnte, brachte der charismatische schottische Manager Tommy Docherty frischen Wind, und bald entzückte die Mannschaft die Fans erneut mit kompromisslosem Angriffsfussball. Bereits im folgenden Jahr war sie wieder in der obersten Liga und mischte vorne mit.

1977 gewann Manchester United den Cup-Final gegen den neuen Dominator des englischen Fussballs, Liverpool, und Docherty freute sich bereits auf neue Grosstaten in Europa. Doch am Tag nach dem gewonnenen Cup-Final enthüllte die Sonntagspresse, dass der «Doc» eine Liaison mit einer jüngeren Frau eingegangen sei, um derentwillen er seine Gattin zu verlassen gedenke. Da es sich bei Dochertys Herzdame um die Frau des allseits geschätzten Club-Physiotherapeuten handelte, wies der Vorstand dem erfolgreichen Manager die Tür. Die beiden nächsten Trainer versagten, das heisst, sie waren den hohen Ansprüchen des Old-Trafford-Publikums nicht gewachsen, und mussten über die Klinge springen.

Zwar spielte United immer unterhaltsamen, gelegentlich berauschenden Fussball, hatte aber die leidige Gewohnheit, gegen schwache Mannschaften unerklärliche Niederlagen zu kassieren. Wie zu Busbys Zeiten vermochte United hervorragende Spieler aus allen Teilen der Britischen Inseln anzuziehen, Stars wie die Iren Stapleton und Whiteside, den Schotten Strachan, den Waliser Mark Hughes, die Engländer Wilkins und Bryan Robson. Der vollendete Allroundspieler Robson, Captain auch der englischen Nationalmannschaft, war der erklärte Liebling in Old Trafford. Aber es gab auch keinen Spieler, der so oft verletzt war und so viele Operationen über sich ergehen lassen musste wie er.

Verletzungspech klebte dem Club an den Fersen. Dazu kam der Teufel Alkohol. Viele der vergötterten Helden leisteten sich endlose Kneipentouren und einen gewaltigen Bierkonsum. Oft wurde dem Team in der zweiten Halbzeit mangelnde Fitness zum Verhängnis, denn nicht jeder Spieler war wie der fleissige Bryan Robson, der den Alkohol mit besonders harten Trainings wieder herausschwitzte. Manager Ron Atkinson, selber eine Frohnatur, liess die Zügel derart schleifen, dass Manchester United wieder in die Relegationszone schlitterte. Der Vorstand entliess ihn und verpflichtete 1986 einen strengen Zuchtmeister.

Alex Ferguson, im Glasgower Arbeiterviertel Govan aufgewachsen, hatte selber bei mehreren schottischen Clubs gespielt und als Manager das Aschenbrödel Aberdeen zum Sieg im Cup der Cup-Sieger geführt. Schockiert über die lamentable physische Form der Manchester-Spieler, führte er ein hartes, modernes Trainingsregime ein und verhängte absolutes Alkoholverbot für 48 Stunden vor jedem Spiel. «Fergie» brauchte seine Zeit, bis er sich in der furchteinflössenden Atmosphäre von Old Trafford heimisch fühlte. «Big place this, isn’t it? Big club this», sagte er einmal zu Robson. Die Anforderungen, die an einen neuen Trainer gestellt wurden, waren enorm. Er spürte den Druck der Fans, der Presse, des Vorstands und auch der vergötterten Stars.

«Fergie» sah, dass er die Mannschaft von Grund auf neu gestalten musste. Das brauchte Zeit und Geld für Transfers, das der knauserige Vorstand ungern ausgab. Aber der neue Manager hatte einen harten Kopf und Durchsetzungsvermögen. Er verkaufte verschiedene Publikumslieblinge und ersetzte sie durch Neuzugänge. Wie Busby schenkte er der in den Jahren des Interregnums vernachlässigten Nachwuchspflege wieder besondere Aufmerksamkeit.

Der Erfolg der Aufbauarbeit liess auf sich warten. Die Fans verloren die Geduld. Im Dezember 1989 brachten schmachvolle Niederlagen gegen den Stadtrivalen City und gegen Schwanzmannschaften wie Crystal Palace ihre Wut zum Überschäumen. «Fergie out!», hiess es auf den Spruchbändern, «Fergie out!», skandierte die Menge, nachdem der Manager sich erdreistet hatte, den populären Mark Hughes auf die Ersatzbank zu setzen. Ferguson war so bedrückt, dass er den über achtzigjährigen Busby um Rat bat. «Schrecklich, was die Zeitungen schreiben», beklagte er sich. «Wieso liest du sie?», antwortete der Weise. 

Ein Auswärtssieg im Cup-Spiel gegen das hochfavorisierte Nottingham Forest brachte die Wende. Mit Hängen und Würgen gewann United in Wiederholungsspielen auch Halbfinal und Final. Die neunziger Jahre waren angebrochen, und für Manchester United begann eine unglaubliche Erfolgsserie: sieben Meistertitel, drei Cup-Siege, Gewinn der Champions League im denkwürdigen Final gegen Bayern München. Mit seiner Energie, seinen Führungsqualitäten und dem geschickten Umgang mit Menschen aller Gattung – waren es nun die Eltern von Junioren, Clubdirektoren, Fans oder Primadonnen – wies Ferguson dem an der Börse kotierten Konzern mit einem neuen Fussballstil und mit neuen Spielertypen den Weg.

Fergusons Coup war die Verpflichtung des französischen Sturmdirigenten Eric Cantona, der als launisch und schwer bezähmbar galt. Der autoritäre Manager hat immer auf Disziplin und Pünktlichkeit gehalten. Die Spieler müssen das Haar sauber geschnitten haben und in Blazer und Krawatte zum Match erscheinen. Für Cantona, der gerne malte und Gedichte schrieb, machte Fergie eine Ausnahme. Der Bohémien durfte einen Stoppelbart und Jeans tragen.

Als Cantona einmal bei einem Auswärtsspiel vom Platz gestellt wurde, rastete er aus und streckte einen Zuschauer mit einem spektakulären, später vom Fernsehen endlos gezeigten Kung-Fu-Tritt nieder. Er wurde ein Jahr lang gesperrt. Entgegen dem Rat vieler hielt Fergie seinem eigensinnigen Captain die Stange: «Ich lasse meine Spieler nicht fallen.» Cantona zeigte sich erkenntlich. Inspiriert von seiner Brillanz, holte die Mannschaft zum zweiten aufeinanderfolgenden Mal das begehrte Double. Nach dem Cup-Sieg 1997 erklärte der erst 31-Jährige seinen Rücktritt.

Die Lücke füllte bald einmal Eigenwächs aus der Juniorenabteilung. Nach dem blendenden Dribbler Ryan Giggs schafften auch die Neville-Brüder, Butt, Scholes und Beckham den Sprung in die erste Mannschaft. In einer Zeit, in der das Fernsehgeld die Transfersummen in astronomische Höhen steigen liess, betrieb Fergie eine kluge Einkaufspolitik. Einzelne Spieler wie den Norweger Solskjaer kaufte er spottbillig. Wenn er einen Spieler unbedingt haben wollte, zwang er den Vorstand, die Mittel lockerzumachen. Heutige Stammspieler wie der französische Nationalgoalie Barthez, der Argentinier Veron, der Verteidiger Rio Ferdinand oder der holländische Torjäger van Nistelrooy waren nicht eben billig.

Der Menschenkenner Ferguson scheint keine Mühe zu haben, ausländische Stars und einheimische «Lads» zu einer Mannschaft zusammenzuschweissen. David Sadler glaubt, dass die hochdotierten Ausländer von den Manchester-Jungen auf die Clubkultur getrimmt werden und sich den Gebräuchen von Old Trafford anpassen müssen. Die Rezepte des grossen Sir Matt Busby, dessen überlebensgrosse Statue sich wie ein Mahnmal vor dem Old-Trafford-Stadion erhebt, sind von Alex Ferguson ziemlich genau kopiert worden. Im Gegensatz zum eher weichherzigen Gentleman Busby ist der Machtmensch Ferguson aber knallhart. Er flucht wie ein Kutscher, und die Spieler fürchten seine Wutausbrüche – nicht erst seit dem 0:2 gegen Arsenal im letzten Cup-Spiel, als er einen Schuh durch die Garderobe kickte und dabei Beckham über dem linken Auge traf.

Worin liegt das Geheimnis für die Dauerhaftigkeit des Erfolgs von Manchester United? Für Nobby Stiles, heute Grossvater und nur noch gelegentlicher Gast in Old Trafford, liegt die Antwort in der ungebrochenen Tradition des Vereins und einer Tugend, die von den beiden aus dem harten Glasgower Arbeitermilieu stammenden Managern Ferguson und Busby immer gepredigt wurde, «in der Arbeitsmoral». Wie sagte doch Johann Sebastian Bach (oder war es etwa Fritz Walter?): «Genie ist Fleiss.»

Hanspeter Born ist Reporter der «Weltwoche». Er lebt in Zürich. 


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