Es gab eine Zeit, da lobte der scharfsinnigste der Detektive, Sherlock Holmes, das weisse Pulver als «clarifying to the mind», läuternd für den Verstand. Kokain wurde damals, um die Jahrhundertwende, frei produziert und gehandelt und weitherum konsumiert. Es galt als Wundermittel gegen Heuschnupfen und Asthma, wurde eingesetzt als Antidepressivum und zur Bekämpfung von Trunksucht - oder auch einfach gegen den Kater.
Es gab eine Zeit, da galt es als chic, ein goldenes Kokslöffelchen um den Hals zu tragen. Kokain war inzwischen als Rauschgift verboten worden, doch die High-Society schnupfte sich angeregt durch die siebziger Jahre, Schnee war der Muntermacher in Business und Showbusiness. Im Studio 54, der berühmtesten Disco Manhattans, wurden bevorzugte Gäste wie Andy Warhol angeblich auf Kosten des Hauses mit Stoff versorgt.
Und es gab eine Zeit, da der Polizeichef von Los Angeles öffentlich forderte, Drogenkonsumenten zu erschiessen. Der Mann nahm 1990 den Drogenkrieg, den die Reagan-Administration zehn Jahre zuvor erklärt hatte, wörtlich. Einen Krieg gegen Produktion, Handel und Konsum einer Droge, die längst zum Allerweltsgut geworden war. Der «War on Drugs» verschlingt jährlich Milliarden, ohne dass ein Friede absehbar wäre. Denn die kolumbianischen Kokainkartelle arbeiten mit der Triebkraft horrender Gewinne so effizient, dass sie jeder Verfolgungsstrategie stets um den entscheidenden Schritt voraus sind.
«El poderoso Don Dinero puede hacer todo», sagt eine Redensart der peruanischen Kokabauern: der mächtige Herr Geld kann alles. Er kann sich ein Heer von Helfershelfern kaufen, aber auch Polizisten und Politiker; er kann jedes Gesetz brechen, solange er sich an jenes von Nachfrage und Angebot hält. Nachdem der amerikanische Markt gesättigt ist, haben die Bosse aus Cali nun die Alte Welt im Visier: die Vertriebsnetze sind geknüpft, die Lieferungen unterwegs. Die nach Europa strömenden Kokainmengen nehmen sprunghaft zu - 1994 betrugen die Beschlagnahmungen das Dreifache des Heroins. Mit Schnee bis in die Niederungen wird in den kommenden Jahren zu rechnen sein.