Urs Frauchiger ist seit 1992 Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. 1936 in Bern geboren, bildete sich Frauchiger als Musikwissenschafter und Cellist aus. In den siebziger Jahren arbeitete er für Radio DRS und wurde bekannt mit seiner Sendung «Top class classics». 1977 wurde Frauchiger Leiter des Konservatoriums Bern, 1988 Generalsekretär der europäischen Vereinigung der Musikhochschulen. Neben journalistischen Arbeiten hat er eine Reihe von erfolgreichen Büchern verfasst, darunter «Was zum Teufel ist mit der Musik los?» (1982), «Verheizte Menschen geben keine Wärme» (1985) und «Mit Mozart reden» (1990). - In einer Zeit, in der allenthalben die Kulturbudgets gekürzt werden, ist auch die Pro Helvetia unter finanziellen Druck geraten. Die 1939 gegründete Stiftung, deren Auftrag die Kulturförderung im Inland und der Kulturaustausch mit dem Ausland ist, wird ausschliesslich vom Bund subventioniert. Für die Periode von 1992?1995 wurden die ihr zugesprochenen Mittel (130 Millionen Franken) um 25 Prozent reduziert. Wie lassen sich in dieser Situation kulturpolitische Akzente setzen, welche Möglichkeiten bleiben der Förderung?
Das Gespräch mit Urs Frauchiger führte Daniel Weber am 4. Mai in Zürich.
Herr Frauchiger, die Frage liegt nahe: Was zum Teufel ist mit der Kulturförderung los?
Ich glaube nicht, dass das Problem bei der Kulturförderung liegt. Das eigentliche Problem ist die schwierige Wirtschaftslage im allgemeinen - und vor allem die Reaktion darauf. Zurzeit läuft nämlich ganz grundsätzlich etwas falsch: Geschwächt wird, was die Phantasie fördert und die Fähigkeit, rasch, lebendig, innovativ zu reagieren - und es ist in erster Linie die Kultur, die solche Fähigkeiten anregt. Gefördert wird dagegen die Verkrampfung.
Sie gehen von einem sehr offenen, breiten Kulturbegriff aus.
Gewiss, Kultur ist für mich, verkürzt gesagt, nicht Inhalt, sondern ein bestimmtes Verhalten. Nehmen Sie als Beispiel die Esskultur: Mich interessiert nicht, ob jemand ein Tournedos Rossini isst oder einen Cervelat - sondern wie er isst. Ich bin ein ausgesprochener Gegner des Versuchs, Kultur definieren zu wollen; zu ihrem Wesen gehört, dass sie sich rational nicht bestimmen lässt. Ich habe mich auch schon zur Behauptung verstiegen, dass es schon fast ein Zeichen von Unkultur sei, Kultur definieren zu wollen.
Aber irgendwo ziehen Sie doch Grenzen?
Ich versuche, die Menschen ernst zu nehmen. Viele können sich nicht mit Kultur im engeren Sinn abgeben - und sind ihr doch näher als solche, die sich für «kultiviert» halten. Ein guter Chauffeur, der seinen Car souverän über einen Pass fährt, ist für mich ein weit bewundernswürdigerer Künstler als ein schlechter Komponist. Pele ist einer der grossen Künstler des Jahrhunderts; sein Umgang mit dem Raum, mit den Mitspielern, mit der Dynamik des Fussballspiels ist für mich im höchsten Sinn künstlerisch. Wie viele Maler gibt es dagegen, die ein Leben lang pinseln und mit dem Raum nicht kreativ umgehen können!
Soll Kulturförderung etwa auch noch den Carchauffeur und den Fussballspieler unterstützen?
Nein, natürlich nicht. Aber als Anhänger eines weitgefassten Kulturbegriffs muss ich in meiner Funktion als Direktor der Pro Helvetia immer öfter Entscheidungen im Rahmen eines engen Kulturbegriffs unterstützen. Eine gewisse Verengung ist zwar unvermeidbar: Schliesslich haben wir ein Gesetz, eine Verordnung und 35 Stiftungsräte, die über die Gesuche entscheiden. Und jetzt kommt noch diese dramatische und vollkommen unsinnige Kürzung unserer Mittel hinzu. In dieser Situation kann die Bereitschaft, den Kulturbegriff auszuweiten, ja gar nicht gross sein. Wenn schon Millionen fehlen, um die im engen Sinn kulturellen Projekte zu unterstützen, fällt Kultur im weiteren Sinn erst recht unter den Tisch.
Andererseits haben Sie auch schon behauptet, dass Geldmangel durchaus die Kreativität beflügeln kann.
Das ist kein Widerspruch. Ich bin überzeugt, dass diese Sparübungen wenigstens etwas Gutes haben: dass man sich Rechenschaft geben muss über die Prioritäten, die man setzt. Aber wir haben ja nicht zuviel Geld, das in unnötige Grossprojekte gesteckt werden könnte; was wir an Unterstützung anbieten können, ist ohnehin bescheiden genug. Und in schlechten Zeiten ist es einfach falsch, bei der Kultur zu sparen. Kultur ist ein Seismograph für die Veränderungen in der Gesellschaft, sie ist aber auch etwas Lustvolles, sie hat viel mit Lebensfreude zu tun.
Sollte man vielleicht eher bei der etablierten Hochkultur sparen?
Ich will Ihnen mit einem Beispiel antworten: Die Schweiz hat zu viele Konservatorien, nämlich 15, und 7 oder 8 weitere Schulen, die Berufsmusiker ausbilden. Dafür ist die Zahl der Begabten zu klein, da müsste man zusammenlegen. Trotzdem hätte ich es für vollkommen falsch gehalten, wenn das Konservatorium in Biel geschlossen worden wäre. Denn mit unseren komplizierten föderalistischen Strukturen ist es fast nicht zu machen, dass man sich zusammensetzt und sich über Reduktionen bei den Ausgaben für die Hochkultur verständigt. Überdies wäre die Bedingung natürlich, dass man das eingesparte Geld für andere kulturelle Zwecke verwenden würde.
Für welche?
In der Musik zum Beispiel für mehr freie Ensembles, für Rockmusik auch. Aber im Augenblick ist es so: Wenn irgendwo ein Sinfonieorchester abgeschafft wird, fliesst kein Rappen mehr in die Alternativkultur, sondern das Geld verschwindet aus dem Budget. Im Moment ist die Umstrukturierung der Förderung kein Thema; statt umverteilt wird bloss gespart.
Es bleibt Ihnen also in Ihrer Arbeit kaum Spielraum, Akzente zu setzen?
Gegenwärtig kann ich Akzente am ehesten gegen innen setzen: Meine Hauptaufgabe besteht darin, die Grundlagen für eine Öffnung zu schaffen. Wir haben einerseits unsere Strukturen reformiert mit dem Ziel, die internen Abteilungen besser zu vernetzen. Andererseits intensivieren wir die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur, mit dem Departement des Äusseren, mit den Kulturinstitutionen von Kantonen, Gemeinden und Privaten. Und nicht zuletzt verbessern wir natürlich auch unsere Beurteilungsverfahren.
Was bringt das den jährlich über 2000 Gesuchstellern?
Ein Gesuch ist für mich Zeichen eines Bedürfnisses, aber auch Zeichen für ein kulturelles Potential. Nun kann man auf ein Gesuch einfach mit Ja oder Nein antworten, aber wir wollen vermehrt versuchen, nicht nur Geld zuzusprechen, sondern auch zu beraten, zum Beispiel Joint ventures zu ermöglichen. Auch gegen das Sponsoring wollen wir uns nicht grundsätzlich abschotten. Es nimmt ja nicht nur die Zahl der Gesuche zu; auch die beantragten Summen werden immer höher. Und was noch wichtiger ist: das durchschnittliche Niveau der zur Förderung eingereichten Projekte steigt ganz eindeutig.
Abgesehen davon, dass dies erfreulich ist, wird dadurch Ihre Aufgabe nicht eben leichter.
Der Druck auf uns ist unglaublich gewachsen. Wenn wir früher einer freien Theatertruppe nichts gaben, waren die vielleicht wütend und sagten, das sind alles Idioten. Aber wenn wir heute kein Geld geben, heisst das oft, dass die überhaupt nicht mehr spielen können, bedeutet das unter Umständen ihr Ende. Unter diesem Druck ist es nicht leicht, sich zu öffnen für dies und das und jenes, das es auch noch gibt. Aber wir müssen aufpassen, wir dürfen uns nicht verschliessen. Man darf nicht aus Angst, dass noch mehr Grün spriesst, wenn man mehr Wasser gibt, auf den Gartenschlauch stehen. Wir sollten uns öffnen, und wir sollten andere Wege suchen.
Welche?
Zum einen müssten wir unbedingt eine erkleckliche Summe als Risikokapital einsetzen können: Geld für Projekte, die einem spontan gefallen, die nicht den vorgegebenen starren Kriterien genügen müssten. Zweitens müssten wir uns im Ausland Kulturagenten leisten können. Nicht flächendeckend, sondern dort, wo es sich ergibt. Mein Traum ist es, die miese Tätigkeit des Geheimagenten zur schönsten zu machen. Goethe-Institute können wir uns nicht leisten, und ich halte diese schönen Villen auch gar nicht für nötig; aber wir brauchten Leute, die ohne grosse Infrastruktur gleichsam nebenbei Verbindungen herstellen können zu den Kulturschaffenden am jeweiligen Ort.
Welches kulturelle Selbstbild soll denn die Schweiz im Ausland vermitteln?
Das wollte ich gerade Sie fragen. Noch fehlt uns eine Stelle, die sich mit einiger Kompetenz dieser Frage widmet, ohne die Kulturhoheit der Kantone zu verletzen. Ich halte die Idee des Journalisten Bertil Galland für einen tauglichen Ansatz: zu diesem Zweck ein Gremium zu schaffen, das aus der Bundesrätin des EDI, dem Bundesrat des EDA, der Präsidentin der Pro Helvetia und dem Generaldirektor der SRG besteht.
Die Pro Helvetia ist ja nicht die einzige Institution, die im Ausland wirkt.
Es gibt die Vorstellungen der Wirtschaft, es gibt die des Departements des Äussern, mit dem wir zusammenarbeiten, es gibt auch den Tourismus - in Sevilla zum Beispiel konnte man sehen, wie diese unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen. Das Ehrlichste, was wir tun können, ist: uns - mit C. F. Meyer - «in unserem Widerspruch» darzustellen. Nicht als die pedantischen Schweizer, die sich auf ein paar Klischees reduzieren lassen. Repräsentationskultur ist nicht unsere Stärke, aber wir haben eine grosse Vielfalt verschiedener Kulturen mit einem hochstehenden Durchschnitt.
Wo sehen Sie die grössten Probleme der Arbeit im Ausland?
Mir fehlt die Möglichkeit zur Konstanz. Zu oft bleibt ein Austausch eine einmalige Sache. Ein wirklicher Kulturaustausch setzt jedoch Kontinuität voraus. Und wir können die Vielfalt - beispielsweise unserer Musiker oder Schriftsteller - zuwenig darstellen.
Man kennt Sie vom Radio und von Ihren Büchern her als lustvollen Kulturvermittler - kommt Urs Frauchiger mit seiner Lust an der Kultur als «Kulturbeamter» auf seine Rechnung?
Die Pro Helvetia ist zwar strukturell und personell weitgehend aus dem Beamtenapparat herausgelöst, aber ich befinde mich schon immer etwas im Wettlauf gegen die Resignation. Ich meine nicht, dass das Leben ein einziger Spass ist, in der heutigen Situation schon gar nicht. Aber ich habe im Augenblick etwas zu wenig Freude. Es gibt verschiedene mühselige Dinge, die einzeln alle zu verkraften wären - vom Kampf gegen die Budgetkürzungen bis zu den Anfeindungen durch abgewiesene Gesuchsteller -, aber wenn sie zusammenkommen, wird es etwas viel.
Wieviel Zeit geben Sie sich in der Rolle als Direktor der Pro Helvetia?
Ich bin nicht einer, der bei den ersten Schwierigkeiten davonläuft. Und ich habe immer noch das Gefühl, es ist zu packen. Solange das anhält, mache ich weiter.
Und was ist mit der Kultur los beim Kulturschaffenden Urs Frauchiger?
Mein Cello steht hier im Büro. Abends um zehn, elf kann ich zu Hause nicht mehr spielen, dann spiele ich hier noch eine Stunde ein paar Bach-Suiten. Ein Buch schreibe ich vorläufig ganz bewusst nicht. Ich halte es im übrigen nicht für das Schlechteste, dass es Phasen gibt, in denen man nicht alles aus sich herauslassen kann. Man braucht auch Zeiten, in denen der innere Druck steigen kann.