NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- Altersweisheit

Von Georg Kreisler

ALTERSWEISHEIT, mit Lungenemphysem vermischt, löst sich im Nirgendwo auf. Das Verdienst der jungen Wilden ist, dass sie sich trauen, und wer sich traut, stimmt. Wir Alten trauen uns nicht einmal zu sterben. Es gibt Lüfte und Wässerchen, die wir uns leisten, dort liegen wir und schimpfen. Wäre es doch anders gekommen, man setzt nicht fort, was wir angefangen haben, der Fortschritt ist rohrkrepiert.

Wir können uns nicht helfen, wohin sollten wir auch? Das Gedächtnis kommt verkleidet wieder, und wir lachen, bis wir daran ersticken. Auch der alte kroatische Bauer hat schon immer geahnt, was er zu spät erlebt. Es ist keine Rache wert, denn der Unsinn ist zu stark verbreitet. Man würde sich abwenden, wenn man nicht wüsste, dass man schon am Horizont angelangt ist. Nicht Verbitterung fühlt man, denn man nimmt uns ja mit. Wir dürfen überall hingehen, man verlangt nur, dass wir staunen.

Gerne lügend, geben wir zu, dass wir mit unseren verkalkten Hirnen das Neue nicht begreifen. Noch lieber geben wir zu, dass wir in einer anderen Welt leben. Nur ein Mythos berichtet, dass Herkules den Stall des Augias gesäubert hat, in Wahrheit dürfte er das Weite gesucht haben. Wir suchen nicht das Weite, wir suchen die Weite, aber wir finden sie nicht.

Dabei haben wir uns Mühe gegeben. Busfahrer hätte man werden sollen, dann hätte man Rückenschmerzen statt vergeblicher Mühe. Wer bestimmt eigentlich, was modern ist? Wer verurteilt das gute Leben zur Unmodernität? Nicht die Kaufleute, nicht die Medien, es dürfte wieder einmal ein Mythos sein. Während des Zweiten Weltkrieges kam ich einmal in ein Dorf in England, an dem der Krieg vorbeiging. Anders als in London gab es frische Milch, frische Eier, frisches Fleisch, und es gab eine Dorfzeitung, in der kein Wort vom Krieg stand. Man soll aber alten Märchen nicht nachtrauern.

Es gibt ja auch moderne Märchen, den Fortschritt zum Beispiel. Es gibt das Märchen, dass man seiner Zeit nicht ausweichen kann, das Märchen vom Reich des Bösen, dem Kommunismus, der jetzt im Sterben liegt, das Märchen, dass niemand zurück ins Mittelalter will, vor allem die Kinder nicht, lauter grimme Gebrüder Märchen. Die liest uns Grossmutter jeden Abend beim Licht der Glotze vor.

Die meisten Briefe fangen mit «sehr geehrter» an. Wir schlucken den Überschuss, schreiben zurück, aber die Antwort bleibt aus. Im Sommer besucht uns das Wunder einer Biene im Zimmer, im Winter das Wunder einer Schneeflocke. Wir fühlen uns jung, Bienen müssen wesentlich älter sein. Wir beneiden niemanden, nicht einmal uns selbst, das wäre zu anstrengend. Muss man denn mithelfen? Die Sonne geht bekanntlich auch ohne unsere Hilfe auf.

Es gibt Unnötiges, das es früher nicht gegeben hat, und Nötiges, das es nicht mehr gibt, aber das meiste hat es schon immer gegeben. Die Läden sind leer, die Menschen auch. Nur sehr selten flattert ein hungriges Gesicht vorüber, vielleicht sollte man dafür dankbar sein. Wie ist es so gekommen? Es müsste doch viel länger gedauert haben. Man kann ebensowenig alles vertonen, wie man alles sagen kann, Herr Wittgenstein. Man kann auch nicht alles malen, aber die jungen Leute meinen, man könne alles malen, auch das Schwarze. Mit der Zeit verliert man die Absicht. Das Herz wird jung und müde, die Beine werden vorsichtig. Man steigt nicht mehr hinauf, man will hinunter.


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