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Die Schuhtricks der Einbrecher
Schuhspuren verraten Täter weit häufiger als Fingerabdrücke. Das hat sich herumgesprochen – weshalb auch mal auf Socken eingebrochen wird.
Von Jost Auf der Maur
Aus einer gewissen Perspektive betrachtet, lässt sich behaupten, die Haupttätigkeit des Menschen bestehe darin, Spuren zu hinterlassen. Bei allem, was er tut, bleiben Spuren zurück. Materielle und andere. In der Luft, am Boden, im Wasser, auf allen Dingen, in den vielen elektronischen Netzen. Manchmal sogar in den Herzen. Ehrgeizig wollen wir Spuren hinterlassen im übertragenen, pathetischen Sinn, prägende Spuren etwa in der Wissenschaft, der Kunst und warum nicht auch in der Kriminalistik.
Andere Spuren, die wegen der uns eigenen Körperlichkeit eben unvermeidlich sind, würden manchmal gerne verwischt, verwedelt oder vermieden; Spuren sind stumme Erscheinungen am Rande von Lug und Trug, Mord und Totschlag. Aufschlussreich für jene, die in unserem Generalauftrag das Unrecht verfolgen müssen.
Die Welt der Spuren, selbst eingeengt auf die Kriminaltechnik, ist sehr gross. Und in diesem Universum bildet allein die Gattung der Abdruck- und Eindruckspuren, die der bedeckte oder unbedeckte menschliche Körper hinterlässt, eine eigene Welt. Handschuhspuren, Ohrabdruckspuren, Bissspuren, Fussspuren, Abdrücke menschlicher Haut mit und ohne Papillarleisten, die die prägnanten, individuell eindeutigen Fingerabdrücke zeichnen. Und endlich: die Schuhspuren. Sie sind sehr häufige Abdruckspuren in der kriminalistischen Arbeit. Weit häufiger als die verräterischen Fingerabdrücke, die sich – spätestens seit Beginn des Kunststoffzeitalters – leicht vermeiden lassen. Kaum ein Bösewicht, der auf Handschuhe aus dem Warenhaus oder dem Sanitätsbedarf verzichten möchte. Eine interne Statistik der deutschen Polizei besagt: 90 Prozent aller Abdruckspuren, die kriminalistisch verwertet werden, stammen von Schuhen.
Hans-Peter Bieri ist ein «Kriminaler», ergraut im Dienst. Er arbeitet für die Kriminaltechnische Abteilung der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, ist stellvertretender Chef. Vor allem aber ist Bieri ein gefragter Spezialist für Schuhe. Für Spuren von Schuhen. Fragmente von Spuren, vorerst meist unsichtbar. Spuren auf Fensterbrettern, Fussböden, Möbeln. Wo halt hintritt, wer sich so ungebeten wie Bieris «Kundschaft» durch Behausungen bewegt. Auf den sprichwörtlich leisen Sohlen.
Bieri kann diese Spuren sichtbar machen, fixieren. Und dann kann er sie lesen. So wie andere in einem Buch die Buchstaben und Wörter entziffern. Einmal getragen, ist kein Schuh wie der andere. Winzige Merkmale genügen für die Zuordnung, kleine Kerben, ein Steinchen in einer Rille der Sohle, der Abrieb am Absatz: Wüssten die bösen Buben drüben im Basler Untersuchungsgefängnis an der Inneren Margarethenstrasse, was Bieri alles in ihren Schuhspuren erkennen kann, hätten sie vielleicht gar nicht erst angefangen mit ihrem schlimmen Tun.
Hans-Peter Bieri erinnert sich an einen «Kunden», der keinesfalls Schuhspuren hinterlassen wollte. Darum zog er die Schuhe einfach aus und trug bei seiner «Arbeit» Socken. Ein schlauer Gedanke, obwohl natürlich auch Textilien oft brauchbare Abdrücke erzeugen. Der Gute war jedoch fatalerweise nicht bewandert in der Kunst des Sockenstopfens: Die eine Zehe, die aus dem Loch in der Socke lugte, hinterliess mit ihren Papillarleisten «sehr schöne» Abdrücke.
Zwei Einbrecher wollten noch geschickter vorgehen. Sie tauschten darum nach der Tat ihre Schuhe, was kein Problem war, da beide dieselbe Schuhgrösse trugen; der eine ging also bei der Festnahme in den Schuhen des andern. Die Schuhspuren am Tatort stimmten mit der Geschichte der Tat nun nicht mehr überein. Sie schienen kriminalistisch wertlos. Schuhe erfahren aber durch ihre Träger eine Individualisierung. Ein Schuh aus industrieller Produktion wird auf einem sogenannten Idealleisten produziert. Der Schuh soll ja möglichst vielen passen und entspricht grosso modo der durchschnittlichen Fussform. Schon nach kurzer, manchmal schmerzvoller Tragzeit beginnt sich der Schuh zwangsläufig den Eigenheiten des Fusses seines Käufers anzupassen – (die maskuline Form ist hier korrekt, die ins Recht gefasste Summe der Delinquenz ist entschieden männlich dominiert). Die Gehfalten im Oberleder sind individuell geprägt, ebenso der Ablauf der Sohlen und vor allem auch die Veränderungen der Brandsohle im Innern des Schuhs.
Kriminaler Bieri holte in diesem Fall einen Orthopäden an seine Seite. Der konnte anhand der Brandsohlen nachweisen, dass die Schlaumeier in den Schuhen des Komplizen steckten. Der Schuhtrick hatte versagt. Es ist eben nur in Eric Amblers Kriminalroman «Topkapi» so, dass sich der «bad guy» dem Objekt der Begierde schwebend nähern kann.
Am Tatort muss eine Schuhspur zuerst sichtbar gemacht werden, zum Beispiel mit Pinsel und Russpulver. Dann wird sie gesichert: Die mit Gelatine beschichtete Folie ist das wichtigste Hilfsmittel bei Abdrücken auf fester Unterlage. Auf der glibberigen Folie bleiben feinste Partikel haften. Ein Schuhabdruck auf Textilien hingegen muss elektrostatisch behandelt werden, damit unser Auge die Spur erkennen kann. Eine weitere Variante: die blutige Schuhspur, eine, die vielleicht sogar vom Täter vor der Flucht noch abgewischt worden ist. Das Hämoglobin ist aber in die winzigen Ritzen des Bodens diffundiert. Mit Luminol kann der in die Poren des Betons eingedrungene Blutfarbstoff Hämoglobin in der Dunkelheit zum Leuchten gebracht und dann fotografiert werden. Was in jedem zweiten Fernsehkrimi zu sehen ist, nämlich das Ausgiessen von Schuheindrücken in weichem Untergrund mit Gips, kommt selten zur Anwendung – in der Schweiz sind die Böden versiegelt, asphaltiert, betoniert.
Wer eine Schuhspur hat, hat aber noch keinen Schuh. Zudem fehlt der, dem der Schuh gehört. «Die Schuhspur bringt keine Person», sagt Bieri. Das sei der Nachteil gegenüber der DNA-Analyse. Der Abdruck muss zuerst verglichen und zugeordnet werden.
Bei der Kantonspolizei Zürich gibt es eine umfangreiche Referenzsohlen-Sammlung. Charles Belser, Gruppenchef beim kriminaltechnischen Dienst, gilt in der Schweiz als erster Schuhexperte. Das würde er von sich selber zwar nie sagen. Aber er hat die Sammlung aufgebaut. Und er sagt Sätze wie: «Die Sohle lebt.» Er ist im Frühling und im Herbst unterwegs und fotografiert bei den Händlern die neuen Schuhkollektionen.
Alle zwei Jahre nimmt er teil am internationalen Kriminalistenkongress der Schuhfachleute. Das nächste Treffen findet im Mai 2008 in Madrid statt. Belser hat sich in England, Israel und Finnland aus- und weitergebildet. Er pflegt aus eigenem Antrieb ein internationales Netz von Fachkollegen. Er lehrt am Schweizerischen Polizeiinstitut. Zu seinen Freunden zählt er den Produktedetektiv von Nike in Oregon, der die Firma vor Designdiebstahl schützen muss. Mit ihm kann er über Sohlen fachsimpeln, zum Beispiel über die «Air Force 1». Sie ist ein schwacher Spurengeber, zeichnet schlecht mit ihrem niedrigen Profil. Weil diese Sohle aber so beliebt ist, klebt die Air Force 1 an rund 450 verschiedenen Modellen. Die Sohle ist ein globales Ereignis. Seit kurzem ist aber auch die «Converse All Star» mit ihrem Rautenmuster wieder gefragt. Oder Adidas «Rom» mit dem Bienenwabenmuster. Es gibt Leute, die kaufen Schuhe wegen der Sohlenmuster.
Abdrücke am Tatort weisen oft auf das soziale Milieu des Täters oder auf eine Ethnie hin. Basketballschuhe sind beliebt bei Afrikanern. «Kundschaft» aus Südosteuropa trägt oft Nachahmungen von Nike, Reebok und Adidas. Und Edeleinbrecher, sagt Belser, tragen keine Turnschuhe. Die tragen Lederschuhe mit profillosen Ledersohlen. Charles Belser ist bescheiden: «Ich kann unterstützend wirken, aber es ist nie nur der Schuh.» Im Fall eines Schränkers war es dann doch beinahe nur der Schuh: Da sich beim Aufschweissen des Tresors in einem Geschäftshaus in Hausen am Albis Schweisserperlen in die Sohlen eingebrannt hatten, konnte der Mann eindeutig überführt werden.
Belser erwähnt auch jenen gewitzten Einbrecher, der links und rechts zwei verschiedene Schuhmodelle trug. Damit wollte er den Kriminalisten zwei Täter vorgaukeln. Dumm nur, dass er die beiden Modelle auch bei seiner Festnahme noch trug. Charles Belser öffnet den Korpus «Schuhspuren aktueller Tatorte». Letztes Jahr ist eine Serie von zehn Einbrüchen aufgeklärt worden anhand einer DNA-Analyse und von neun Schuhspuren, die alle von derselben Täterschaft stammten. Belser spricht in diesem Fall von der hohen «Werthaltigkeit» dieser Abdrücke. Die Abdrücke konnten also klar einem Schuh zugeordnet werden. Der Täter wurde überführt.
Von seinen Schuhen trennt der Mensch sich ungern. Und sind sie erst einmal eingelaufen, sind sie prädestiniert für klandestine Aktionen. Diese beiden an sich simplen Faktoren richten sich in schöner Regelmässigkeit gegen die Spitzbuben. Denn was für Tatwaffen gilt und in jedem Krimi nachzulesen ist, gilt auch für Schuhe und Kleider: Der wirklich gewiefte Gauner schmeisst sie weg. Bei Schuhen besteht aber offensichtlich häufig eine unüberwindbare Anhänglichkeit.
Im Fall des Zürcher Fluglotsenmordes spielten die Schuhspuren anfänglich eine verwirrende Rolle: Sie stimmten nicht überein mit den Schuhen, die der mutmassliche Täter trug. Das hätte den Verdacht auf eine unbekannte Drittperson gelenkt. Nachdem aber das letzte Domizil des Inhaftierten nochmals gründlich durchsucht worden war, kamen jene Schuhe zum Vorschein, die zu den Abdrücken passten.
Der Empfehlung, dass «Tatschuhe» zu entsorgen sind, war ein Mann in Basel sehr wohl gefolgt. Die Kriminalpolizei hatte ihn wegen eines Tötungsdelikts festgenommen. Die Beweislage aber war dünn, Spuren gab es kaum. Nur Schuhspuren waren vorhanden. Aber die dazu passenden Schuhe? Sie fehlten, wie gesagt. Weggeworfen, behauptete der Verdächtige. Auf die Frage, wo er denn seine Schuhe weggeworfen habe, antwortete er, sie seien im Container einer caritativen Kleidersammlung gelandet. Eine solche Sammlung war tatsächlich in der fraglichen Zeit durchgeführt worden. Das lag jedoch schon Wochen zurück, und die Schuhe befanden sich längst irgendwo in Italien, wohin sie mit der Eisenbahn transportiert worden waren.
Dem Schuhexperten Hans-Peter Bieri und seinen Leuten gelang es, den Bahnwagen im Süden Italiens ausfindig zu machen. In einer aufwendigen Aktion liessen sie den Güterwagen wieder in die Schweiz nach Basel bringen. Hier wühlten sie sich dann tagelang durch viele Kubikmeter Schuhe – und fanden das gesuchte Paar.
Im einen Schuh entdeckten sie zudem unter der Brandsohle eine 20-Franken-Note. An ihr klebte das Blut des Opfers. Ein klarer Fall.
Jost Auf der Maur ist Autor der NZZ am Sonntag; er lebt in Chur.
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