NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- Ein Bart für Harry Potters Rektor

© Beate Kittl
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Von Beate Kittl
Anas Andrianto («André»), Ubud, Bali, Indonesien, ist 33 Jahre alt und alleinstehend. Er wohnt in einem doppelstöckigen Haus im Stil eines balinesischen Reisspeichers, für das er rund 75 Franken Miete pro Monat zahlt.
In seiner Freizeit hört er Entspannungsmusik oder fährt zum Schnorcheln ans Meer.
André besitzt einen Tages-Spa mit Haarsalon und verdient etwa 2 000 000 Rupiah im Monat, das entspricht rund 240 Franken.


Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Wir haben viele Kundinnen aus Taiwan, Japan, aber auch Indonesien, die den Stil der asiatischen Filmstars kopieren möchten. Ich mag übrigens europäisches Haar lieber.

Warum?

Auf mich wirken europäische Gesichter – die hellen Augen, die schlanken Nasen – wie die von Puppen oder klassischen Statuen. Ausserdem habe ich das Haareschneiden in Europa gelernt.

Haben Sie eine Spezialität?

Ich schneide Haare ähnlich wie Perücken, so dass sie natürlich aussehen und man sie nicht gross frisieren muss. So etwas wie Ready-to-wear-Frisuren.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Weil es einfach war, damit einen Job zu bekommen. Als Kind wollte ich Pilot werden, doch meine Familie war zu arm.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Ich kam vor zehn Jahren von Java nach Bali und lernte Masseur in einem Salon in Ubud. Mein Chef war Coiffeur, ich sah ihn täglich Haare schneiden und wollte das auch tun. Nach einem Jahr hatte ich etwas Geld gespart und besuchte zwei Jahre lang die Styling-Schule in Denpasar. Bald darauf traf ich den Schweizer Orlando Bassi. Er kam zu uns in den Salon, ich schnitt ihm die Haare, und er fragte, ob ich für ihn arbeiten wolle. Er habe eine Perückenfirma, die Frisuren und Bärte für Theater und Film herstelle, auch für Hollywood. Ich war sehr interessiert. Perücken zu schneiden, ist eine Herausforderung, die Haare wachsen nicht nach.

Waren Sie auch in der Schweiz?

Ja, vier Monate lang habe ich in Bassis Studio in Buchs gelernt, wie man aus europäischem Haar Perücken macht. Als Vorlage hatte ich oft nur ein Foto, das Bild einer Statue oder eine Computeranimation. Anhand dessen muss man etwas machen, was lebensecht aussieht. Es war sehr aufregend für mich, die Schweiz kennenzulernen. Danach habe ich vier Jahre für Bassi auf Bali gearbeitet.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Vielleicht eröffne ich einen weiteren Salon, nur für Haare. Ich möchte etwas Spezielles machen, was es in Ubud noch nicht gibt, zum Beispiel Haar- oder Fingernagelverlängerungen.

Wer schneidet Ihre Haare?

Kurze Frisuren mache ich mit dem Bartschneider selber. Wenn ich einen anderen Look will, gehe ich zu meiner Freundin Nelly. Sie schneidet die Haare der meisten Ausländerinnen hier.

Haben Sie viele Stammkunden?

Ein paar Ausländer, die hier wohnen, und ein paar Balinesen. Natürlich kommen auch Touristen, aber die besuchen eher den Spa.

Was sind das für Leute?

Die Ausländer sind vor allem Rentner und Geschäftsleute, wie der Geschäftsführer des Fünfsternhotels Maya. Die Balinesen sind meine Freunde, meist junge Frauen, die hier in Restaurants oder Hotels arbeiten.

Welche Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Die älteren Damen sind am schwierigsten. Ihr Haar ist oft schon etwas dünner, darum muss der Stil perfekt sein und die Frisur einfach zu frisieren.

Haben Sie prominente Kunden?

Der Pianist von Céline Dion kam kürzlich in unseren Spa. Und ich habe Perücken für berühmte Leute gemacht, für Nicole Kidman etwa. Ausserdem stammt der Bart von Albus Dumbledore, dem Rektor im Harry-Potter-Film, von mir.

Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?

O ja. Es kam einmal eine Frau mit sehr dünnem Haar zu mir. Sie wollte eine sehr kurze Frisur. Ich schnitt sie ihr nicht, denn sie hätte damit wie ein Bub ausgesehen, das wäre nicht sehr vorteilhaft gewesen. Ich schnitt auf Nackenlänge nach meinem Stil, und sie war sehr zufrieden.

Was gefällt Ihnen an Ubud?

Ubud ist perfekt für mich, denn ich mag es ruhig. Es gibt hier kaum Kriminalität, und es wird weniger getratscht als auf Java. Es ist sehr friedlich.

Warum liegt Ihr Spa fern des Zentrums?

Hier gibt es Bäume, frische Luft und einen tropischen Garten. Das suchen die Touristen. Zum Glück hat sich der Tourismus nach dem Bombenanschlag erholt.

Wo machen Sie Ferien?

Wenn ich freihabe, fahre ich nach Java zu meiner Familie. Dort treffe ich alte Schulfreunde und esse all die Speisen, die es auf Bali nicht gibt.


Bali Botanica Day Spa

Der Beauty- und Haarsalon liegt oberhalb des Städtchens Ubud im Herzen von Bali in einem tropischen Garten. Er bietet auch Massagen und Kosmetikbehandlungen an, die Spezialität ist die ayurvedische Chakra-Dhara-Massage mit warmem Öl.

Preis für einen Haarschnitt

Jeder Haarschnitt, egal ob fürDamen, Herren oder Kinder, kostet 9 Franken.

Bali (Indonesien)

Einwohner: 3 Millionen
Touristen: 1,5 Millionen pro Jahr
BIP pro Kopf: 1790 CHF
Reis: 1 kg CHF 0.60
Brot: 1 kg CHF 1.70
Kinobillett: CHF 2.30
Zigaretten: CHF 1.–
Taxi: 10 km CHF 7.–

Beate Kittl ist freie Journalistin; sie lebt in Bali.

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