AUS GRÜNDEN der englischen Witterung und der Vermehrungsfreudigkeit einiger ungebetener Tuberkelbazillen war Pater Brown gezwungen, ein paar Monate in einem Sanatorium in Davos zu verbringen. Dort machte er die Bekanntschaft eines Inders, des Parapsychologen Mr. Ozlo, der sich freute, in Pater Brown einen Kollegen gefunden zu haben. Im Januar bekam Mr. Ozlo eine Einladung von General Sax, der sich im Alter auf Okkultismus verlegt hatte, wahrscheinlich weil er das für die adäquateste Art eines skeptischen Gentleman hielt, sich der Unendlichkeit zu nähern.
So machten sich Mr. Ozlo und Pater Brown eines Morgens auf den Weg ins Tal. Es war ein strahlender Tag. Die Sonne liess die tausend Eiszapfen an den Bäumen aufblitzen wie die tausend Diamanten der Kronjuwelen, und die Luft schien wie erstarrt vor Kälte und Ehrfurcht. Es war eine Märchenkulisse, gerade richtig, um Märchenfiguren wie Humpty Dumpty, einem langen Inder mit Turban oder einem kleinen Priester mit einem Gesicht wie ein Norfolkknödel zu begegnen.
«Unser Freund ist ein grosser Bewunderer meines Buches über Voodoo und Kalikult», erklärte Mr. Ozlo, «was erklärt, warum wir überhaupt vorgelassen werden. Denn er hat ein wildes Leben gelebt und sich zahllose Feinde gemacht, die er bis zur Paranoia fürchtet. Seine Villa ist wie eine Festung. Die einzigen, denen er vertraut, sind Crackton, sein Adjutant, und der Sekretär Miller. Aber selbst dieser wird durchsucht, wenn er sein Zimmer betritt. Überraschend für einem General, nicht?»
«Für einen General ja», sagte Pater Brown, «aber für einen Okkultisten? Nein. Aberglaube ist die Religion der Furcht, wie die echte die der Zuversicht ist.» Damit waren sie bei der Villa des Generals angekommen. Auf ihr Klopfen öffnete ein kleiner Mann mit breiten, heringhaften Zügen. «Mr. Ozlo, Pater Brown?» fragte er. «Der General erwartet Sie.»
Im Dachgeschoss trafen sie auf den Adjutanten Crackton, einen Hünen in einem abgetragenen Frack, der den Sekretär, Mr. Ozlo und sogar Pater Brown mit ein paar Griffen nach Waffen durchsuchte. Schliesslich entriegelte er die Tür zur Bibliothek. Ein grosses Feuer brannte wie die Hölle selbst. In einem Lehnstuhl davor sass General Sax, scheinbar eingenickt bei der Lektüre eines zu Boden gefallenen Buches - Mr. Ozlos obskures Werk über Voodoo. Der Sekretär beugte sich über den General, um ihn zu wecken, und trat mit einem erstickten Schrei zurück, der Adjutant Crackton ins Zimmer stürzen liess.
Aber ihm blieb nichts mehr zu tun. General Sax war tot. Ein Einstich hatte seine Kehle durchbohrt - offensichtlich bereits vor einiger Zeit, denn das Blut auf seinem Morgenmantel war schon ins Bräunliche verfärbt.
«Zum Teufel», sagte der Sekretär.
«Überlassen Sie diese Entscheidung jemand anderem», sagte Pater Brown, «unsre Frage ist: Wie konnte er ohne Waffen ermordet werden?»
«An mir wurde nichts vorbeigeschmuggelt, falls Sie dies meinen, Sir», sagte Crackton finster, mit der seltsamen Sachlichkeit der englischen Rasse gegenüber plötzlichen Todesfällen.
«Wie kann er dann erstochen worden sein?» fragte Pater Brown, «falls wir annehmen, dass keine Zauberei im Spiel war?»
«Aber so war es!» schrie Mr. Ozlo mit heiserer Stimme. «Pater, ich habe ihn ermordet!» Sie starrten alle den riesigen Inder an. Der Diamant in seinem Turban glitzerte im Feuerschein wie das dritte Auge eines schrecklichen Dämons. «Ja, sehen Sie dort, das Figürchen auf der dem Feuer zuwandten Sessellehne - eine Wachspuppe mit einer Nadel im Hals. Der General hat meine Rezepte probiert. Er ist gestorben - nach den Riten der tausendarmigen Göttin Kali.» Man hörte das Prasseln des Feuers, dann fuhr Mr. Ozlo mit düsterer Begeisterung fort: «Der Tod, den er so fürchtete, er lauerte in einem Buch.»
Aus Pater Browns Ecke kam ein Geräusch wie das Schluchzen eines Kindes. Er lachte. «Lieber Gott», schnaufte er, «wenn Sie wüssten, wie recht Sie haben. Natürlich erzählt die Wachsfigur die ganze Geschichte, aber der wirkliche Mörder benutzte die alltäglichste Waffe der Welt.»
«Die alltäglichste Waffe?»
«Sehen Sie nicht, lieber Freund», lächelte Pater Brown, «dass schon die Wachspuppe etwas wirklich Wunderbares getan hat? Sie ist in der Hitze nicht geschmolzen! Also muss sie jemand hingelegt haben, als er sich scheinbar überrascht über den Toten beugte.»
Der Sekretär erbleichte: «Aber womit sollte ich den General ermordet haben?»
«Ganz einfach: mit Wasser», sagte Pater Brown, «allerdings in der winterlichen Form des Eiszapfens. Es ist fast poetisch: da wachsen die Dolche zu Hunderten vor dem Fenster dessen, der den Tod wie ein Besessener fürchtete.»
«Ich glaube», sagte Mr. Ozlo, «ich werde meine nächste Studie über Vernunft und Katholizismus schreiben.»
Pater Brown errötete.
Übersetzt von Constantin Seibt.