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Das Experiment -- Ja nicht aus der Reihe tanzen
© William Vandivert, aus: Psycho...
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| Unter Druck: Soll man sich der Gruppe anpassen oder bei der Wahrheit bleiben? |
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In einem Test 1951 gaben sechs Studenten in einer Gruppe immer wieder bewusst die gleichen falschen Antworten. Was machte der siebte?
Von Reto U. Schneider
Der Versuchsteilnehmer mit der Nummer sechs musste den Eindruck bekommen, er sei in das langweiligste Psychologieexperiment aller Zeiten geraten. Er hatte sich freiwillig für einen Versuch über visuelles Urteilsvermögen gemeldet. Jetzt sass er mit sechs anderen Freiwilligen in einem Seminarraum des Swarthmore College ausserhalb von Philadelphia.
Der Versuchsleiter zeigte den versammelten Männern zwei weisse Tafeln. Auf der ersten war eine 25 Zentimeter lange schwarze Linie zu sehen. Auf der zweiten drei Linien nebeneinander: 22, 25 und 20 Zentimeter lang. Die Versuchsteilnehmer mussten nun sagen, welche der drei Linien auf der zweiten Karte gleich lang war wie jene auf der ersten.
Einer nach dem anderen tippte richtig auf die zweite Linie. Der Versuchsleiter deckte die nächsten zwei Karten auf. Alle tippten richtig auf die erste Linie. Auch bei den nächsten beiden Karten war der Längenunterschied klar zu erkennen, es war die dritte Linie, die mit jener auf der ersten Karte übereinstimmte. Doch als Versuchsteilnehmer Nummer sechs die Antworten der fünf anderen hörte, die vor ihm an der Reihe waren, glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen: Alle tippten auf die erste Linie, die fast zwei Zentimeter zu lang war. Er lehnte sich vor, rückte seine Brille zurecht, doch es gab keinen Zweifel: Die Linien waren nicht gleich lang. Oder doch? Wenn fünf Leute das so sahen? Konnte ihn seine Wahrnehmung derart täuschen?
Es war der Psychologe Solomon Asch, der Versuchsteilnehmer Nummer sechs in diese ungemütliche Lage brachte. Asch wollte wissen, wie leicht Menschen dem Gruppendruck nachgeben. Den Resultaten früherer Studien traute er nicht, weil die Fragen an die Versuchspersonen oft keine eindeutigen Antworten hatten. So wurde zum Beispiel untersucht, wie sich das Urteil über eine Textpassage änderte, je nachdem, welchem Autor sie zugeschrieben wurde. Dabei gab es kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Das war bei der Längenschätzung der Linien ganz anders. Entweder die Linien waren gleich lang, oder sie waren es nicht. Entweder Versuchsteilnehmer Nummer sechs traute seiner Wahrnehmung und stellte sich gegen alle anderen, oder er passte sich an und ignorierte, was er sah. Er konnte nicht wissen, dass alle anderen Versuchspersonen Komplizen des Versuchsleiters waren, die die falschen Antworten nach einem festen Drehbuch gaben.
Die Ergebnisse stehen heute in jedem Psychologielehrbuch: In einem Drittel aller Längenurteile passten sich die Versuchsteilnehmer der Gruppe an und gaben eine falsche Antwort. Nur ein Viertel aller Versuchspersonen erlagen nie der Versuchung, dem Gruppendruck nachzugeben. Die meisten konnten es nicht fassen, wenn die anderen übereinstimmend falsche Antworten gaben. Eine Versuchsteilnehmerin war derart ausser sich, dass sie nach vorne sprang, ein Lineal ergriff und es neben die Linien hielt: «Seht ihr!» Doch die anderen sagten nur: «Natürlich nicht.» Sie war sehr beunruhigt: «Etwas stimmt nicht mit mir, vielleicht sind es meine Augen, oder vielleicht ist es etwas Grundlegenderes.»
Ob Asch das Resultat erstaunt hat, geht aus seinen Arbeiten nicht hervor. Anders als es viele Lehrbücher heute darstellen, wollte er ursprünglich zeigen, dass Menschen sich nicht sklavisch einer Gruppe unterwerfen, sondern ihre Meinung unabhängig vertreten.
Es wird vermutet, dass Aschs Konformitätsexperiment aus dem Jahr 1951 das am häufigsten wiederholte wissenschaftliche Experiment aller Zeiten ist. Ein Überblicksartikel verzeichnete 1996 133 Konformitätsstudien aus 17 Ländern. Bereits Asch variierte den Versuch, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich Leute anpassten. Wenn in der Gruppe ein zweiter Versuchsteilnehmer die richtige Antwort gab, sank die Rate der falschen Antworten zum Beispiel von 32 auf 5 Prozent. Der Grad der Anpassung sank auch drastisch, wenn die Versuchsteilnehmer die Antworten der andern zwar kannten, ihre Antwort aber aufschrieben, ohne sie bekanntzugeben.
Aschs Experiment führt zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen zu unterschiedlichen Resultaten. In der individualistischen Kultur westlicher Industrienationen ist der Hang zur Konformität erwartungsgemäss weniger ausgeprägt als in Kulturen, die das Wohl der Gruppe über jenes des Einzelnen stellen, wie im Fernen Osten oder in Afrika. Dort kann das Ergebnis des Experiments auch positiv interpretiert werden: Wer sich anpasst, hilft den andern Versuchsteilnehmern, die offensichtlich einen Fehler begehen, das Gesicht zu wahren.
In einer Variante des Versuchs versuchte Asch herauszufinden, wie stark sich die Längen der Linien unterscheiden müssen, damit kein Versuchsteilnehmer mehr bereit war, seine Wahrnehmung zu verleugnen. Es gelang ihm nicht: Selbst wenn der Längenunterschied 18 Zentimeter betrug, fanden sich noch einige, die bereit waren, sich der falschen Mehrheitsmeinung anzuschliessen.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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