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NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Orgasmus im Minutentakt
Die Frau, die 1949 in die Sprechstunde von Gerhard Klumbies kam, hatte ein ungewöhnliches Problem: Sie konnte allein durch Phantasieren zum Orgasmus kommen.
Von Reto U. Schneider
Als die Mediziner Gerhard Klumbies und Hellmuth Kleinsorge von der Universitätspoliklinik Jena 1950 die Resultate ihres Experiments veröffentlichten, formulierten sie einige Passagen schamvoll in Latein. Es war damals in der medizinischen Literatur üblich, intime Details nicht auf deutsch zu beschreiben.
Ein «seltener Umstand» habe die Untersuchung ermöglicht, war da zu lesen. Was damit gemeint war, erfuhr nur, wer genug klassische Bildung genossen hatte, um zu verstehen, was das ist: «Femina supersexualis, quae emotione animae se usque ad orgasmum irritavit». Also eine Frau, die bereits durch blosses Phantasieren zum Orgasmus kommen kann. Die etwa 30-jährige Frau hatte die Klinik aufgesucht, weil sie ihre Fähigkeit beunruhigte, jederzeit und überall durch blosses Zusammenpressen der Schenkel zum Höhepunkt zu kommen. Klumbies und Kleinsorge wurde schnell klar, dass diese Fähigkeit die einmalige Gelegenheit bot, mehr über die Belastung des Körpers während des Orgasmus herauszufinden. Sie beruhigten die Frau und baten sie um Erlaubnis, Puls- und Blutdruckmessungen vorzunehmen. Sie willigte ein.
Es war damals bekannt, dass es beim Geschlechtsverkehr zu Schlaganfällen und Herzinfarkten kommen konnte, die in einigen Fällen zum Tod führten. Doch «was der Gesamtorganismus bei der Kohabitation leistet, ist unbekannt», wie die Ärzte in ihrer Arbeit schrieben, «wer meint, die Grösse der Belastung äusserlich abschätzen zu können, täuscht sich sehr». Nicht schätzen wollten sie deshalb die Belastungen, sondern messen.
Die «Femina supersexualis» war die ideale Probandin. Sie konnte Orgasmen auf Befehl und in schneller Folge erzeugen und lag dabei einfach ruhig da. Keine Erschütterungen störten die empfindlichen Messgeräte, keine Bewegungen führten dazu, dass sich die Frau in den Kabeln verhedderte, die in den Nachbarraum führten. Dort beugten sich Klumbies und Kleinsorge über den Schreiber und verfolgten den Blutdruckverlauf.
Der erste Orgasmus, über den in der Arbeit berichtet wird, liess den systolischen Blutdruck der Frau um 50 Millimeter Quecksilber auf 160 steigen. Das sei «beachtenswert», schrieben die Ärzte, lag der Wert doch einen Fünftel höher als bei Presswehen während der Geburt. Um einen Vergleich zu haben, liessen sie die Frau – «eine trainierte Sportlerin» – die sechs Stockwerke der Klinik hochrennen, was bloss zu einer Erhöhung des Blutdrucks um 25 Millimeter Quecksilber führte. Der Puls der Frau stieg auf 98.
Für einen weiteren Versuch erzeugte die Frau jeweils fünf Orgasmen im Minutentakt. Immer zeigten die dabei aufgenommenen Puls- und Blutdruckkurven einen ähnlichen Verlauf: Die Pulsfrequenz stieg während der ersten 5 Sekunden steil um etwa zehn Schläge pro Minute an, verweilte dann für die nächsten 15 Sekunden auf diesem Wert und erreichte im Orgasmus, der nach etwa 25 Sekunden eintrat, noch einmal fünf Schläge pro Minute mehr. Der Blutdruck stieg bei diesen Versuchen auf über 200 Millimeter Quecksilber.
Um die Körperreaktionen der Geschlechter zu vergleichen, zeichneten Kleinsorge und Klumbies auch die Werte eines Mannes während des Orgasmus auf. Der Patient, der zur Untersuchung seiner Zeugungsfähigkeit in die Klinik gekommen war, war allerdings nicht mit den besonderen Fähigkeiten der Frau ausgestattet. Er benötigte 15 Minuten, um den Höhepunkt – von Hand – zu erreichen. Anders als bei der Frau mussten sich Kleinsorge und Klumbies dabei mit einer einzigen Messung zufriedengeben. Dass der Orgasmus des Mannes mit erheblich mehr Anstrengung verbunden ist als jener der Frau, zeigte sich in den gemessenen Werten. Der Puls des Mannes stieg auf 142, sein Blutdruck auf 300. Wohl deshalb sei die Anschauung «noch nicht ganz verstummt, dass es einen Orgasmus beim Weibe gar nicht gibt», vermuteten die Autoren.
Die Ähnlichkeit der Puls- und Blutdruckkurven bei Mann und Frau konnten jedoch kein Zufall sein. Der Orgasmus sei sowohl beim Mann wie bei der Frau der «Gipfelpunkt von Blutdruck, Schlagvolumen und Pulsfrequenz». Die nüchternen Kurven mit dem spitzen Ausschlag zum Zeitpunkt des Orgasmus enthielten für die beiden Ärzte auch die Lebensweisheit, dass das «Glück im Erreichen liegt, nicht im Haben. Wir finden nun, dass beim Liebesglück dem ersten alles gewidmet ist, dem letzteren nichts.»
Dass sich aus ihren Messungen wirksame Massnahmen ableiten liessen, um «Kohabitationszwischenfälle» zu vermeiden, glaubten die Autoren nicht: «Den Koitus verbieten ist ein hoffnungsloses Beginnen. Der Arzt ist wohl stärker als Bacchus, aber schwächer als Venus.»
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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