ES GIBT KEINE EFFIZIENTERE ART der Kapitalvernichtung, als sich der Rakete oder der im Mörser ruhenden Bombe, hochfliegendem Feuerwerk jedenfalls, mit einem Zündholz zu nähern. Feuerwerken heisst unter anderem Verschwenden um der Verschwendung willen, darum erledigt sich der Einwand der Verschwendung gleich von selbst. Und hat nicht unsere ganze Ökonomie Verschwendung schicksalhaft zur Basis? Feuerwerken ist vielleicht die letzte mögliche Form der grossen Geste. Das Staunen, die bald ekstatische, bald still glühende Freude, der tiefe Respekt vor der gebündelten Energie, die mit der Wenigkeit des Zündholzes zu entfachen und in Licht und Schall und Rauch aufzulassen ist, das alles bleibt immer jung, unberührt von Lebenserfahrung.
Die, die das nicht begreifen, kennen solche Gefühle nicht, oder sie haben keinen Sinn für Allegorien. Wahrscheinlich aber steht ihnen kläglich der Geiz im Weg, was betrüblich ist.
Nie werden sie diese vorbehaltlose Liebe spüren, diese Passion für die Noblesse des Feuerwerks, das einzig glänzen und verzaubern will, das aufsteigt, um zu strahlen, und im schönsten Augenblick und Feuer sich unrettbar verbraucht, vergeht. Ereignis und Erinnerung berühren sich innig, der Nachthimmel gibt das Bild nicht noch einmal preis. Diese gleissende Plötzlichkeit und jähe Präsenz, die Zweckferne und Augenblickshaftigkeit, die einprägsame Vollendung und der Untergang, das alles hat die Form der grossen Geste. Mit dem Fauchen brennender Zündschnüre setzt das riesige Gelächter ein über Grenznutzenkalkulation und Gewinnakkumulierung. Feuerwerk ist die hohe Kunst der Verschwendung.
André Heller, hochbegabter später Nachfolger der Wiener Feuerwerkerdynastie Stuwer, hat erkannt: «Träume müssen zur Realität werden. Die andern, unsere wirklichen Feinde, die Missionare des Alltäglichen, die Generäle der Banalität, die verwirklichen sich ununterbrochen und sind begeistert, wenn wir unsere Ideen nicht verwirklichen.» Feuerwerken heisst den Träumen Ausdruck geben, ist aufblitzende Schrift im Dunkel, ein freundliches Menetekel, in seiner Bedeutung weniger zu lesen als eben zu spüren.
Die kleine Frau, der kleine Mann, die sich ein Feuerwerk gönnen, erfahren die Bereicherung durch das wilde Licht in der Nacht. Die Vergänglichkeit, die Eleganz der Augenblicke, wenn das Erdenschwere abfällt und die Rakete abhebt, davonzieht: Ist es vielleicht das eigene Licht, das sich da vom Dasein unter dem Scheffel befreit?
DREIHUNDERT JAHRE LANG war das Feuerwerk in Europa Ausdruck der feudalen Selbstdarstellung einer prunkenden und protzenden Ära. Richard Alewyns Studie über barocke Festkultur schlägt den Bogen: «Vom Herbst des Mittelalters bis zum sterbenden Rokoko rauscht ein bacchantischer Zug durch Gassen und Gärten, durch die Schlösser und Kirchen Europas. Im Burgund des späten Mittelalters entbrennt der Herd. Das Italien der Renaissance entzündet daran seine Fackeln. Sie setzen das Spanien Philipps IV. in Brand. Unter Englands Königen lodert die Flamme zu mehreren Malen auf. Sie ergreift den Kaiserhof zu Wien und schlägt nach Frankreich zurück, wo ein junger, glänzender Fürst den Thron besteigt und ein Beispiel dafür gibt, wie es die Welt seit den Tagen der römischen Kaiser nicht mehr gesehen hat. Alles Frühere erscheint nur noch wie ein Vorspiel: die Feste der Medici in Florenz, der Päpste in Rom, der Este in Belriguardo, der Gonzaga in Nantua - das alles verblasst. Hingerissen folgt der ganze Hof, die Blüte der Nation schart sich um Ludwig XIV. Und von hier geht nun ein Flammenmeer aus, das ganz Europa blendet.»
Die Feuerwerkskultur, eng verknüpft mit absolutistischer Herrschaft, hat mit der allgemeinen Demokratisierung Beschränkungen erfahren. Die Zeit der grandiosen, nächtelangen Feuerwerksschauspiele, der literarischen Flammentheater, ist vorbei. Die auf Schlossweihern ausgetragenen Duelle der apokalyptischen Monster Leviathan und Behemoth, die Schlachten zwischen Türken und Christen sind geschlagen, erloschen. Die Pyrotechnik ist deswegen aber keineswegs untergegangen. Mit Leichtigkeit lässt sich belegen, dass sie zumindest technisch noch nie so hoch entwickelt war wie jetzt. Das bürgerliche Jahrhundert hat der Feuerwerkerei das Rechnen beigebracht, und die Wissenschaft steuerte die Chemie bei; die Pyrotechnik erfuhr ihre Kommerzialisierung, und als zündelnder, vom Eigenbau aber längst geheilter Pyrophiler muss man eingestehen: Es ist von gutem.
DIE RAKETE IST PERFEKT in ihrem Prinzip, von Anbeginn an. Sie besteht aus Kopf, Treibsatz und der Führung, dem stabilisierenden Holzstab. Der Kopf enthält die Garnitur, die sogenannte Versetzung, in der das Bouquet schlummert. Und immer noch gilt für den Treibsatz das Rezept, das Salpeter, Schwefel und Kohle vorschreibt, je nach Grösse unterschiedlich gekörnt, verschieden auch in der Mischung.
Das Geheimnis des Treibsatzes aber ist die «Seele». Dieser konische Hohlraum, gebildet durch das im zylindrischen Treiber angeordnete Treibpulver, er beschert der Rakete das rasante, kurze Leben. Die Brennfläche ist damit vervielfacht, die Oxidation massiv beschleunigt. Gegen Ende des Fluges steckt dann der letzte brennende Treibsatzrest die Zündschnur an, die durch das Diaphragma hindurch zur Vorsetzung führt und in der Kulmination des Raketenweges noch das prächtige Vergehen auslöst.
Die Raketen des Barocks hatten bescheidene Leuchtkraft - und sie waren farblos. Deshalb empfahlen die damaligen Pyrotechniker dem geneigten Publikum, farbige Gläser oder gefärbtes Ölpapier vor die Augen zu halten. Doch dann kam Farbe ins Pyrodrama. Kalium- und Ammoniumperchlorat, das bei über 2000 Grad oxidiert, verwandelte die in Bouquets verwendeten Eisenspäne in intensives Gelb. Verglüht Strontiumnitrat mit Kohle und Schwefel, sehen wir tief rot, Sodiumnitrat brennt gelb ab, Bariumnitrat grün oder weiss. Metallsalze und Nitrate haben das Feuerwerk revolutioniert, Härtungsmittel, Stabilisatoren und Kunststoffe haben es sicherer gemacht. Magnesium beschert das Strahlende, Sonnenhelle. Das begehrte Blau aber, heute noch unter Pyrotechnikern mit Geheimrezepten mystifiziert, entsteht aus hochtoxischen Kupfersalzen.
Zutaten, Mischverhältnis, Grad der Körnung und nicht zuletzt die Form des Bouquet-Pulvers sind entscheidende Kriterien. Die Kunst des Pyrotechnikers besteht darin, das Temperament seiner Stoffe genau zu kennen, ihnen in Menge und Anordnung entgegenzukommen, damit sie glänzen mögen am Ende ihres Daseins. Und wenn eine Rakete in ihrem Kopf kein Bild, sondern den Blitzknall trägt, eröffnet oder beschliesst sie eine Vorführung markant: Feuerwerk ist bei all seinen Attributen der Festlichkeit stets auch anarchistisch-explosive Metapher. Feines Aluminiumpulver und Kaliumperchlorat, als Mischung nur sehr vorsichtig zu handhaben, besorgen dank der Brisanz Donnerhall und Salut. Hauchdünn aber ist die Grenze zwischen festlichem und deliktischem Tun. Darum legt (in der Schweiz) die Bundesanwaltschaft die Richtlinien für den Umgang mit pyrotechnischen Produkten fest, nicht etwa ein Gemeinderat oder der Kantonschemiker. Das Anarchische steckt wohl auch im traditionellen Höhenfeuer, in jedem aufgehenden Bouquet.
ABER BLEIBEN WIR auf der unschuldigen Seite: «Wunderkerzen, Leuchtkugeln und richtige Feuerwerkskörper kamen im 10. Jahrhundert in China auf, als ein Koch in seiner Küche herumwerkelte, verschiedene Zutaten mixte und die erste von Menschen erzeugte Funkenexplosion auslöste», fand Charles Panatik in seiner Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge heraus. Es wird häufig behauptet, der anonyme Koch habe versucht, ein besseres Schiesspulver herzustellen. Doch in Wirklichkeit gab es damals so etwas wie Schiesspulver noch nicht. «Vielmehr war es die Mischung des Kochs - Schwefel, Holzkohle und Salpeter -, die in China zur Entwicklung der Feuerwerkskörper und des Schiesspulvers führte.»
Welches Gericht der Koch denn wirklich zubereiten wollte, ist unbekannt. Die chinesische Küche aber trägt den Schlüssel zum Feuerwerk in sich. Denn dort wird mit Salpeter oder Kaliumnitrat eingepökelt, und mit Schwefelpulver wurde die Hitze des Herdfeuers verstärkt. Diese Ingredienzen und eine Handvoll Holzkohlepulver - und bis zum nächsten Bambusrohr war es wohl auch nicht weit: Die Rakete war geboren, zwangsläufig beinahe. Womit einmal mehr bewiesen wäre, das alles Schöne und Gute in feinen Küchen seinen Ursprung hat.
Die Rakete hat trotz den zahlreichen neuen Leucht- und Farbsätzen an Bedeutung eingebüsst. Das repräsentative Feuerwerk ist heute dominiert von den kugelförmigen Bomben, die leicht die Grössen von ausgewachsenen Wassermelonen erreichen. Die Bombe ist im Grundsatz weit einfacher aufgebaut als die Rakete. Sie braucht selber keine Führung - das besorgt der rohrförmige Mörser. Sie benötigt keinen Treibsatz - gutmütig reagierendes Pulver stösst die mit wasserfestem Papier eingewickelte Kugel in die einzig mögliche Richtung: nach oben. (Es sei denn, der Mörser birst, was gelegentlich vorkommt und die verordneten Sicherheitsabstände begründet.) Die Bombe, gefüllt mit austreibendem und schmückendem Pulvergemisch, ist sich selber genug. Und wenn sich ans erste Bouquet, ans erste Bild überraschend ein zweites und drittes und viertes anschliesst, dann sind retardierende Substanzen und kleine Treibsätze mit im Spiel.
Von einem sanften Sprengsatz aus dem Rohr des Mörsers getrieben, steigen die Bomben kaum sichtbar in die Höhe. Ihre ideal runde Form gestattet ideal runde Bouquets, während die Rakete den Nachteil ihrer gleichsam naturgegebenen Form nie loswird: ihr Auswurf im Moment der Entfaltung kann die Kugelform nur unvollständig erreichen. Und schon eine kleine Bombe von acht Zentimetern Durchmesser baut einen grösseren Effekt ins Nachtschwarz als die grösste Rakete. Das war nicht immer so. Die Bombe benötigt saubere Chemie, reine Grundstoffe und vor allem auch sichere Abschussinstallationen; die schichtweise festverleimten Kartonmörser, wie sie heute üblich sind, schaffen die richtige Voraussetzung dafür.
Allein an der Technik kann es aber nicht gelegen haben, dass die Rakete die Feuerwerke über Jahrhunderte dominiert hat und heute noch Höhepunkt eines jeden privaten Lustfeuerwerks ist. Bauanleitungen für Bomben bis hin zu erstaunlicher Grösse gibt es schon lange, und selbst die hohe Kunst der zwei- und dreifach detonierenden Hüllen, wie sie heute im japanischen Feuerwerk glänzend vorgeführt wird, selbst diese Kunst war früh bekannt. Bis gegen 40 Zentimeter dicke Bomben sind im 17. Jahrhundert konstruiert worden. Die grössten heutigen Bomben aus japanischen Manufakturen erreichen Durchmesser von fast einem Meter. Solche Ausnahmeerscheinungen, die bis zu einem Kilometer hoch steigen, sind vor ein paar Jahren anlässlich des Berliner Stadtjubiläums auf dem Flughafen Tempelhof aus sieben Meter tiefen, ausbetonierten Schächten geschossen worden. - Ein Bild, das man nicht so rasch wieder vergisst.
Aber der Bombe, so beeindruckend ihre Bouquets sein mögen, die weissen Chrysanthemen, die rotweissen Vögel, die silbernen Spinnen, die blaufarbenen Saturnringe oder die lange nachglühenden Titanschleppen, der Bombe fehlt ein wichtiges Attribut. Der Weg in die Nacht wird nur begleitet vom dumpfen Schlag der Abschussdetonation, ihre Verbindung zum Irdischen verliert sie rasch. Jenes deutliche «Ich-bin-von-da-und-flieg'-nach-dort», wie das die Rakete mit ihrem feurigen Schweif bis zur völligen Verausgabung anzeigt auf ihrem bestürzenden Flug, das geht der Bombe ab.
In «Traité de pyrotechnic» stellen die berühmten Pyrophilen Ruggieri und Morel fest: Steigraketen sind «unter allen pyrotechnischen Maschinen diejenigen, welche die schönsten und erstaunenswürdigsten Wirkungen hervorbringen». Und Leonhard Fronsperger äussert sich in «Geschütz und Fewrwerck» Mitte des 16. Jahrhunderts über sie bewundernd: «Sie sind allen andern fewrwercken ein zierd und auch ein trieb; und sind fürnähmlich dieser art, das sie sich von jhrem eygenen fewr in die lufft erheben; bedörffen keines schiessens oder eines andern triebs.»
«ICH-BIN-VON-DA-UND-FLIEG'-NACH-DORT»: Die Rakete muss in alten Zeiten, als die Menschen vom Fliegen erst träumen konnten, eine Erfüllung gewesen sein. Jede Rakete, die da feurig zum Himmel stieg, muss die Ahnung neu belebt haben, dass wir eines Tages mit dabeisein werden. Dabeisein als Herren über die verzehrende Kraft des Feuers, befreit von der Last der Anziehungskraft unseres Planeten, Prometheus rächend und die Götter verspottend.
Der Weg über die Erdennacht hinaus: der Traum davon muss wunderbarer gewesen sein als die eigentliche Tat. Aber der Klugheit und der Bescheidenheit, nämlich hierzubleiben, stehen die Unbescheidenheit und die Lust an der Verschwendung gegenüber. Die Rakete muss - wie in James Joyces «Ulysses» - los: «Und dann sprang eine Rakete hoch und schoss peng blind und O! dann barst die Leuchtkugelröhre auseinander und es war wie ein seufzendes O! und alles schrie O! und O! in Verzückung und es ergoss sich daraus ein Strom goldregnender Haarfäden und sie schimmerten auseinander und ah! da warens auf einmal lauter grünliche tauige Sterne die niederfielen mit güldenen, O so lebendig! O so sanft, süss, sanft. Dann schmolz alles tauig dahin in der grauen Luft: alles war still.»
Max Moser ist Ingenieur und Verfasser technischer Schriften; er lebt in Südfrankreich.