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Fort Knox in Olten
Im modernsten Tresor der Welt lagern Papiere im Wert von 3000 Milliarden Franken.Erdbeben-, bomben- und feuersicher ruhen sie im Untergrund.
Von Andreas Heller
D. S. und H. R. sind Codeträger. Gemeinsam haben sie die Sicherheitsschleuse passiert, einzeln werden sie mittels Gesichtskontrolle von der Sicherheitskamera identifiziert. Dann gibt jeder am Drehschloss die Zahlenkombination ein, die ihm anvertraut worden ist. Ein leises Ächzen, und wie von unsichtbarer Hand gesteuert, setzt sich die sechs Tonnen schwere Eisentür in Bewegung. Der Weg in den grössten und modernsten Tresor der Welt steht offen. 14 Meter hoch stapeln sich in diesem Hochsicherheits-Hochregallager 30 000 Behälter, in denen Aktien, Obligationen und weitere Dokumente im Wert von rund 3000 Milliarden Franken lagern.
Der Panzerschrank ist das Herz der Schweizer Wirtschaft. Und er liegt im Zentrum der Nation – an der Baslerstrasse 100 in Olten, gut getarnt in einem postmodernen Bürogebäude einer Firma mit dem kryptischen Namen SIS SegaInterSettle. Was an diesem Gebäude gegenüber vom Stadtpark und inmitten gesichtloser Mietshäuser so besonders ist, ahnt keiner der Passanten. Es ist unsichtbar.
25 Meter ragt das Gebäude in den Untergrund. 8 Meter tief ins Grundwasser der nahen Aare ist der Tresor gebaut. Wie eine Schuhschachtel in der Badewanne schwimmt er im Wasser, ein meterdicker Hohlraum umgibt ihn rundherum. Das macht den Tresor erdbeben- und feuersicher. Die Wände haben eine Stärke von 94 Zentimetern, die Decke ist 3455 Tonnen schwer, 429 Tonnen Armierungseisen sorgen für zusätzliche Stabilität. Das sollte den Tresor auch bombensicher machen. Bleibt die Gefahr, dass sich Tresor- und Panzerknacker Zutritt verschaffen.
Um dies zu verhindern, wird das Gebäude rund um die Uhr von Sicherheitskameras überwacht – von solchen, die man sieht, und solchen, die in Ecken und millimeterdünnen Ritzen versteckt sind. Zum Sicherheitssystem gehört ausserdem, dass die Arbeitsprozesse automatisiert sind: Muss eine Aktie oder Anleihe aus dem Lager geholt werden, weil eine Dividendenzahlung fällig oder eine Laufzeit abgelaufen ist, wird dem Computer der entsprechende Befehl erteilt. Ein riesiger Greifarm fischt sich nun den Behälter, in dem das Dokument abgelegt ist. Auf einem Fliessband ruckelt die Box durch eine Sicherheitsschleuse an den Arbeitsplatz, von dem aus der Befehl erteilt worden ist. Zutritt zum Tresor hat nur ein kleiner Kreis der 285 Angestellten.
Die SIS SegaInterSettle ist die Schaltzentrale des schweizerischen Wertschriftengeschäfts. Die Firma, ein Gemeinschaftsunternehmen der Schweizer Banken, wickelt im Auftrag von Banken, Brokern und Finanzgesellschaften aus dem In- und Ausland sämtliche Wertschriftentransaktionen auf dem Schweizer Finanzplatz ab. Sie verbucht Handänderungen, rechnet Dividenden und Zinszahlungen ab, und sie verwahrt die Effekten in ihren Depots, in elektronischen Datenbanken oder im Tresor.
Vor gut zehn Jahren wanderten noch fast alle Wertschriften in den zentralen Tresor der SIS, die damals noch Sega hiess. Heute, erklärt Stefan Truffer, der in Olten die Division Settlement & Safekeeping leitet, erfolgt die Aufbewahrung primär in elektronischen Datenbanken. Namenaktien werden ausschliesslich elektronisch gespeichert. Nur wenn ein Kunde ein physisches Dokument ausdrücklich verlangt, wird es noch ausgedruckt. Vorbei sind auch die Zeiten, als jede Inhaberaktie und Obligation in Papierform ausgegeben wurde. Nur wenige Unternehmen leisten sich noch das Papier für jedes Wertpapier. Wenn in Olten etwas physisch eingelagert wird, so sind dies heute nicht primär Einzelzertifikate, sondern mehr und mehr sogenannte Globalurkunden der Banken, die Auskunft über Gläubiger und Besitzverhältnisse bei Unternehmen geben.
Die Zahl der im «Fort Knox der Schweiz» verwahrten Papiere ist in den letzten Jahren somit kontinuierlich geschrumpft. Noch immer lagern hier aber rund 8 Millionen Wertpapiere, und nie zuvor war der Schatz so wertvoll wie heute – auch dank den boomenden Finanzmärkten.
Dafür, dass keines dieser Papiere in falsche Hände gelangt, sorgen nicht nur die dicken Betonwände des Tresors. Die Wertpapiere werden auch «virtuell» gesichert. Bei der Ein- und Auslieferung wird jedes Dokument von zwei Personen nach dem Vier-Augen-Prinzip überprüft und elektronisch erfasst, mit Valoren- und Zertifikatsnummer. Damit ist sichergestellt, dass ein Dokument sofort identifiziert werden kann, wenn es ein Unbefugter bei einer Bank zu Geld machen will. Auch wer ein solches Wertpapier einfach bei seiner Bank ins Depot legen will, hat Pech gehabt. Denn von dort gelangt es wiederum zur SIS, wo es nach dem Vier-Augen-Prinzip geprüft wird. Ein geschlossener Kreislauf, der kaum krumme Touren zulässt.
«Das Risiko, dass ein Wertpapier wegkommt, ist doch eher gering», sagt Stefan Truffer. Stärker beschäftigen ihn die Risiken im elektronischen Effektenhandel. Die Hektik ist gross, Transaktionen werden innert Sekundenbruchteilen ausgeführt. Eine Fehlmanipulation, eine falsche Zahl, eine Null zu viel – und der Schaden ist grösser als der Wert eines gestohlenen Aktienbündels.
Gleichwohl sollte man sich hüten, den vor 13 Jahren gebauten Tresor von Olten als überflüssig zu betrachten. Er ist auch ein Symbol: für die Sicherheit des Finanzplatzes und die Schweizer Bunkermentalität.
Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.
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