NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

Habsburgerherzen

Zur letzten Ruhe im Kloster von Muri.

Von Theophil Zurbuchen

Unterwegs in Herzensangelegenheiten, nicht als Liebender, die Triebkraft ist Neugier oder mehr noch: die eigenartige Faszination des Absonderlichen. Zwei Herzen, im physisch-organischen Sinn, sind Ziel dieser Reise über Aarau hinaus ins Freiamt; Habsburgerherzen, möglicherweise konserviert, vielleicht nur verfallen, verschrumpelt, vergessen. Was kann einer schon wissen, dem «Habsburg» kaum mehr war als ein Name - eine Burg, irgendwo im Aargauischen, ein Herrscherhaus im europäischen Osten -, dem «Habsburg» meist nur begegnete als Feindbild in den Legenden der nationalen Mythologie? Was weiss er von dem «leidgeprüften» Herzen einer Kaiserin Zita, von den Irrwegen des Organs ihres Gemahls, von dynastischen Verpflichtungen und der langen Agonie eines Herrscherhauses? Eine Reise erschliesst eine Welt; als Wegweiser dienen sie schliesslich, diese Herzen des letzten Habsburger Kaiserpaars, die, fern von den für die Ewigkeit hergerichteten Leibern, im Kloster von Muri aufbewahrt sind.

Kaiserin Zita hat diese einer alten Habsburger Tradition folgende Grablegung verfügt, lange bevor sie am 14. März 1989 im Kloster Zizers im hohen Alter von 97 Jahren verstorben ist. Ihr Herz wurde dem Körper bei der Einbalsamierung entnommen. In Muri wurde die sterbliche Hülle der Kaiserin aufgebahrt, fast einen halben Monat lang, bevor sie nach Wien überführt und am Todestag ihres Gatten, am 1. April, feierlich beigesetzt wurde. Ihr Herz blieb im Aargau, vereint mit jenem ihres Gemahls, des Kaisers Karl I., der schon 1922 in der Verbannung auf Madeira gestorben war.

Zitas Leben - beschrieben als tragisch, schicksalsbeladen und voller Unrast -, dessen Stationen nicht nur Wien und die kaiserlichen Residenzen markieren, sondern ebenso Orte des Exils von Madeira bis New York, Kanada und Belgien, Spanien und die Schweiz umfassen, findet ein stilles Ende. Die letzte unerbittliche Bannerträgerin des Herrschaftsanspruchs Habsburgs ist dahingegangen, mit ihr ging ein monarchisches Konzept von europäischer Tragweite unter.

Die Anreise auf Muri erfolgt von Norden her, aus schmutzig-verschlierten Fenstern des Regionalzugs öffnet sich das Panorama des Freiamts. Über der Landschaft, gen Süden, heben sich im diesigen Himmel weisse Firne ab, die Felsketten der Urschweiz, des Herzens unseres nationalen Bewusstseins. Davor stehen die Türme der Klosterkirche, die mächtigen Flügel der einstigen Benediktinerabtei, die heute Schulen, Verwaltungen, ein Alters- und Pflegeheim und erst seit 1957 als «Hospiz» auch wieder einige Mönche beherbergt.

Vom ursprünglichen Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert hat sich nur wenig Originales erhalten. Der wechselhafte Zeitgeist hat Spuren hinterlassen. Im ehemaligen Nordflügel des Kreuzgangs, unter der Loreto-Kapelle, liessen Karls Nachkommen in den siebziger Jahren eine Familiengruft errichten. Ein schmiedeeisernes Gitter, versehen mit dem k. u. k. Doppeladler und dem Habsburger Löwen, liegt über der Treppe, die in die Gruft führt. Hinter dem Altar der Kapelle, in einem nachgebildeten Kamin, steht eine schlichte schwarze Marmorstele, ein Meter hoch höchstens. Eingemeisselt und goldausgelegt, setzt die Schrift Carolus I. und Zita, «fidelissima ejus uxor», ein Denkmal. In die Stele sind die «Herzen von Muri» eingelassen, dem Betrachter verschlossen.

Die Schlichtheit des Herzgrabes möchte enttäuschen, doch Muri birgt mehr Geheimnisvolles. Denn nicht nur die Herzen der letzten herrschenden Habsburger ruhen hier, sondern auch die Gebeine des Stifters, dessen Nachfahre in der 28. Generation Karl I. war. Die Gründung des Klosters um das Jahr 1027 soll - «aus dem Bedürfnis nach Sühne einer menschlichen Schuld», wie es ein Pater beschreibt - Ita von Lothringen angeregt haben, die Gemahlin Radbots von Habsburg, dem ersten, der diesen Namen tragen konnte, denn er war es, der zwischen 1030 und 1040 auch die Habsburg bei Windisch erbauen liess.

Aus dem Elsass stammend, drängte sich das Geschlecht in den aargauischen Raum und hinaus in die umstrittenen Herrschaftsverhältnisse des Freiamts. Die Stiftung des Klosters Muri sicherte den Ausbau des Territoriums. Als Abenteurer der Territorialisierung interpretiert die Forschung diese frühen Habsburger, mit einer glücklichen Hand in der Heiratspolitik. Nach Osten sind sie nur ausgewichen, weil es die zerstückelten Herrschaftsstrukturen der voralpinen Machtverhältnisse verunmöglichten, ein grossräumig geschlossenes Gebiet zu schaffen.

In Österreich dagegen war ein Herzogstitel zu gewinnen, der Aufstieg zu realisieren. Als Rudolf 1273 die Königswürde erlangte, gehörte sein Geschlecht zu einem der mächtigen im süddeutschen Raum; dass er ein «armer Graf» war, ist Legende. Habsburg ist dauerhaft in die Geschichte eingetreten. In Muri, dem Hauskloster der Familie, so liesse sich demnach interpretieren, schliessen sich die Linien des Hauses Habsburg. Radbot und Ita liegen - zusammen mit einer Reihe von Nachkommen bis hin zur Mutter des Königs Rudolf I. - im Schiff der Kirche begraben. Hier nahm der Weg seinen Anfang, hier endet er symbolhaft.

Fast 900 Jahre dauerte die Reise des Hauses Habsburg als herrschendes Geschlecht durch Europas Geschichte. Nie brach die Beziehung zum ersten Hauskloster ab: Mit Schenkungen machte Habsburg das Kloster reich, 1701 erhob Kaiser Leopold I. den Abt in den Reichsfürstenstand. Und als der junge Kanton Aargau die Hand nach Bauten und Schätzen der Benediktiner ausstreckte, als die Patres 1841 fast über Nacht vertrieben wurden und das Kloster Muri für alle Zeiten aufgehoben, stand den Bedrängten der Kaiser bei: Ferdinand I. gewährte dem Stift Asyl im ehemaligen Augustinerstift von Gries bei Bozen. Einem «Akt dynastischer Pietät» glauben die Mönche das Fortleben ihrer Gemeinschaft unter dem Namen Kloster Muri-Gries zu verdanken.

Dynastisches Denken, das unbedingte Festhalten am Herrschaftsanspruch, führte Kaiserin Zita dazu, lange nach dem Verlust von Macht und Krone das alte Hauskloster Muri als Grabstätte des Geschlechts auszuwählen und auch teilweise daran festzuhalten, nachdem die österreichische Republik die Strenge der Verbannung gelockert hatte. Im Ersten Weltkrieg ging die österreichisch-ungarische Monarchie unter, sie scheiterte am Prinzip der Übernationalität. Zu lange hatte sie das Minderheitenproblem verdrängt; als Kaiser Karl I., der mitten im Krieg den Thron bestiegen hatte, 1918 seinen Völkern die Selbstverwaltung in einem Bundesstaat unter der Krone Habsburgs anbot, war es zu spät. Nationalistische Wogen fegten die Habsburger Monarchie hinweg. Nach zwei Restaurationsversuchen verbannten die Siegermächte den letzten Kaiser 1921 nach Madeira, wo er, wie es heisst, durch ärmliche Lebensverhältnisse und seelische Erschöpfung stark angegriffen, am 1. April 1922 an einer Grippe starb. Das kaiserliche Herz wurde dem Leib entnommen, 67 Jahre lang soll es Zita überall hin begleitet haben.

Habsburgs Wege haben hinausgeführt in die Welt: Töchter heirateten in fremde Häuser ein, Söhne erlangten Kronen in aller Herren Ländern. Von manchen, wie etwa Anna Maria, der Königin von Portugal (1683-1745), kehrte nur das Herz zurück in die Heimat. Der Brauch «von der Vertheilung des Leichnams zur Beysetzung an verschidenen Orten», lehrt ein Hofrecht aus dem Jahr 1754, war aber längst nicht auf «Reisende» beschränkt, sondern üblich: «Bey dem Erz-Herzoglichen Hause Österreich haben jedesmahl drey Kirchen in Wien an dem Leichnam eines regierenden Herrn Antheil.»

Alte vorderasiatische Kulte lehrten die Wiederkehr der Seele in den Körper, deshalb musste der Leib so gut wie möglich erhalten werden. In den Frühzeiten der europäischen Kultur präparierte man Leichname zum Transport in die Heimat; mindestens das Herz, der Sitz der Seele, sollte nicht dem Vergessen in der Fremde anheimfallen. Seit dem 15. Jahrhundert diente die Konservierung auch der dynastischen Repräsentation. Im Kult um den Leichnam, im feierlichen Zeremoniell verkörpert sich die Idee von Herrschaft und Dauer. Die Wahl des Bestattungsplatzes schafft und festigt Bindungen.

Und so umfasst die Entscheidung der Kaiserin mehr als eine Geste der Anknüpfung an Todesrituale eines vergangenen Kaisertums. Im Gegenteil: Sie stellt die machtbewusste Demonstration eines nie endenden Herrschaftsanspruchs dar. Zitas Leib ruht in Wien, ihr Herz in Muri, die sterblichen Überreste der Kaiserin schlagen den Bogen vom Anfang zum Ende.

«Plus pour vous que pour moi», liess Zita auf ihr Epitaph in Muri setzen. Und in der Folge zählt es alle kaiserlich-königlichen Titel ein letztes Mal auf, die Karl I. und mit ihm das Haus Habsburg für immer verloren haben.

Theophil Zurbuchen ist freier Journalist in Basel.


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