«BIS VOR ANDERTHALB JAHREN hatte ich hier im Heim ein Zimmer. Als ich den Hund bekam, wechselte ich in diese Wohnung, die auch zum Blindenheim gehört. Da kann er doch wenigstens in die Küche und auf den Balkon. Im Zimmer gefiel mir auch das Licht nicht, es war wie im Spital, Neonlicht. Es war mir zu wenig heimelig, Licht und Farben sehe ich ja noch. Ich habe am rechten Auge ein Sehvermögen von einem Prozent, links bin ich blind. Hier bin ich auch selbständiger, ich kann selber waschen und könnte auch kochen, wenn ich es lernen würde. Spaghetti und solche Sachen kann ich aber schon.
Bevor ich nach Basel gekommen bin, besuchte ich vier Jahre in Zollikofen die Blindenschule. Aufgewachsen bin ich in Schwaderloch in der Nähe von Frick, von dort habe ich die Tagesschule für Sehbehinderte in Münchenstein besucht. Mit zwölf wollte ich in die öffentliche Sekundarschule wie alle meine Kolleginnen auch. Das ging dann aber nicht gut.
Escort ist mein erster Hund, er ist vierjährig, ein Airdale-Terrier. Ich musste mich vom Blindenstock auf ihn umgewöhnen, das war am Anfang komisch. Den Stock hat man vor sich, und der Hund läuft neben einem. Bis jetzt hat er mich erst einmal in einen Pfosten geführt, nachts im Gedränge. Er begleitet mich immer, ausser an Konzerte und in die Disco oder in eine laute Bar. Da lasse ich ihn hier, da ist er am wohlsten. Manchmal holt er dann einen Schuh von mir in sein Bett, damit er nicht einsam ist. Er wird sehr gerne verhätschelt, er ist wie ein kleines Kind. Draussen schaut er zu mir, und zu Hause schaue ich zu ihm. Am Ort, wo ich Stützunterricht bekomme und einen Informatikkurs besuche, hat es einen Garten, wo er herumspringen kann, auch mit anderen Hunden. Hauptsächlich mache ich eine Handelsschule, nächsten Februar bin ich so weit, dass ich eine Praktikumsstelle brauche.
Manchmal spielt Escort draussen den Macho, wenn er andere Hunde sieht. Da kann er ein richtiges Biest sein, vor allem bei grossen, bei kleinen findet er es nicht so lohnend. Im Geschirr nimmt er sich zusammen, da bellt er bloss manchmal. Aber ich merke immer, wenn ein anderer Hund kommt. Er fängt an zu hecheln, und er stellt den Schwanz auf und macht ihn zu einem Haken.
Bis 17 habe ich keinen Blindenstock benützt. Ich bin in alles mögliche hineingelaufen, das war mir egal. Hauptsache, man sah nicht, dass ich blind war. Oder besser: sehr stark sehbehindert. Dann hörte ich, dass man einen Führhund nur bekommt, wenn man mit dem Blindenstock zurechtkommt. Von da an feindete ich mich mit dem Stock halt an.
Am Computer mache ich meine Aufgaben, und ich surfe im Internet. Es gibt im Internet auch eine gesprochene Version, aber die ist noch nicht so gut, darum benütze ich sie nicht. Da liest eine Kunststimme vor, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Ich lese lieber selbst. Der Computer wie auch das Lesegerät vergrössert mir alles riesig. Mit der Nase am Bildschirm kann ich genug erkennen. Ich habe Brailleschrift gelernt, es hiess immer, ich müsse tasten und dürfe nicht schauen. Jetzt kann ich selber bestimmen und habe mehr auf visuell umgestellt. Ich brauche halt einfach viel länger, bis ich etwas gefunden habe im Netz. Ich habe einen Röhrenblick, ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Bei Bildern muss ich mit dem Auge auf dem Bildschirm herumfahren und das Bild dann im Kopf zusammensetzen.
Doch, wie der Hund aussieht, weiss ich schon. Bei ihm kann ich nahe herangehen, da kann ich ihn sehen. Und natürlich weiss ich, wie er sich anfühlt: weich und chruselig wie ein gestrickter Pullover. Ich würde mir gern eine Filmkamera kaufen, dann könnte ich ihn draussen beim Spielen aufnehmen und die Bilder nachher hier in aller Ruhe vergrössert am Bildschirm anschauen. Bei Menschen gehe ich nicht gern nahe heran, da mache ich mir eine Vorstellung, wie sie aussehen. Wenn ich dann ein Foto von ihnen anschaue, ist das manchmal schade, da zerstöre ich das Bild.
Ich gehe gern lädelen, vor allem in Kleiderboutiquen. Und ich sitze oft mit Kollegen drüben in der Cafeteria. Am Wochenende bin ich bei meiner Mutter in Frick oder bei meinem Freund, der auch auf dem Land wohnt. Mit ihm gehe ich auch oft abends essen. Nun würde ich gern mit Leichtathletik anfangen, Langstrecken und Weitsprung, da würde ich gern wirklich hart trainieren. Ich habe immer Sport gemacht, bis ich herkam, jetzt fehlt mir etwas. Ich brauche Action, ich mag den Wettbewerb. Als Kind bin ich Velo gefahren, natürlich auf Nebenstrassen. Wenn man klein ist, hat man nicht so Angst. Manchmal bin ich sogar mit dem Töffli meines Bruders gefahren. Tandem ginge auch, aber da würde ich, wenn schon, vorne sein wollen. Das habe ich früher mit dem Cousin probiert. Aber das hat er nur bis zum ersten Sturz mitgemacht. Nächstens gehe ich nach St. Moritz Ski fahren, das wird vom Heim organisiert. Dort fahre ich voraus, und hinter mir fährt ein Begleiter, der mir zuruft, ob es rechts oder links geht.
Unter mir wohnt meine beste Freundin, mit ihr gehe ich manchmal abends aus, in einen Pub oder auch einmal an ein Konzert. Ich mag Mundartrock, ich bin ein totaler Polo-Hofer-Fan. In die Disco gehe ich weniger, das Licht ist nicht gut, ich sehe nichts. Und ich habe immer Angst, dass die dort denken, ich sei mit Drogen vollgepumpt oder nicht normal. Die Freundin kommt oft, bevor wir schlafen gehen, herauf, und wir schwatzen noch ein bisschen.
Irgendwann möchte ich in einer Maisonette-Wohnung mit weissem Plättliboden in einem weissen ländlichen Mehrfamilienhaus wohnen. Unter dem Dach, damit man den Regen hört.»