NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Das Grauen

© Oswald Iten, Zürich
Aus dem Bombenarsenal: Minen. Linktext
Von Daniel Weber

Es gibt Bilder in diesem Heft, die möchte man lieber nicht sehen. Das grässlichste zeigt den abgerissenen Kopf einer jungen palästinensischen Selbstmordattentäterin. Sollte man es ungesehen lassen? Wir haben die Frage lange diskutiert. Dass wir das Foto nun uns und unseren Leserinnen und Lesern zumuten, war kein leichtfertiger Entscheid.

Gewiss, es hätte andere Bilder gegeben: Unscheinbare junge Männer, die sich vor ihrer Wahnsinnstat noch im Fotostudio vor dem Hintergrund kitschig bunter Phantasielandschaften verewigen lassen. Oder vermummte Jugendliche und Kinder in weissen Gewändern, die mit Sprengstoffattrappen um den Bauch triumphierend durch die Strassen ziehen.

Diese Bilder, in denen sich die Selbstmordattentäter als Märtyrer und Helden inszenieren, sind furchtbar genug. Aber sie zeigen nicht die Realität der Attentate, von denen wir fast täglich in den Nachrichten hören und die uns kaum mehr berühren. Sie zeigen nicht, was das heisst, wenn eine 20-jährige Frau sich ein paar Kilogramm Sprengstoff umschnallt und sich als Menschenbombe in die Luft sprengt.

Das Bild auf Seite 31 zeigt es. Mit offenen Augen hat die Frau sechs Menschen den Tod gebracht und sich selber das Leben genommen. Warum sie es tat, erklärt das Bild nicht. Wahrscheinlich gibt es dafür keine nachvollziehbare Erklärung. Aber es zeigt, was jenseits der politischen und religiösen Überzeugungen bleibt, wenn sich die Ohnmacht in einem Akt zerstörerischer Allmacht entlädt.

Es gibt im Übrigen auch Sätze in diesem Heft, die man lieber nicht lesen möchte. Sätze über Menschen in Israel, die der tägliche Bombenterror seelisch zerbricht; über Kinder, denen eine Mine die Aussicht auf ein normales Leben zerstört hat. Bomben sind ein schockierendes Thema und ein wichtiges. Längst verbreiten sie ihren Schrecken nicht mehr nur in Kriegsgebieten, sondern auch dort, wo Terroristen zuschlagen. Also überall.




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