|
|
Wer wohnt da? -- Datscha des Widerstands
© Heinz Unger
|
Die Innenarchitektin: «Einzigartiges Büchergestell aus Karton. |
|
 |
Ein Öko-Fundi, der das Leben als «one-man show» geniesst? Ein bei Kerzenlicht lesender Fotograf? Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Der Psychologe
Irgendwo auf dem Lande hat sich einer in einem alten Häuschen sein Refugium des Trotzes eingerichtet, eine Art Datscha des Widerstands. Er ist alleinstehend, von Beruf Künstler oder Fotograf, dieses vielleicht in der zweiten Lebensphase, nachdem er zuvor im gesellschaftlich-beruflichen Hauptstrom integriert war – dann aber willentlich zum Aussteiger mutiert hat. Mit viel ästhetischem Flair kann er zeigen, dass es sich auch einfach leben lässt und man sich im «Luxus des Verzichts» durchaus nuanciert einnisten kann.
Handelt es sich um einen Öko-Fundi, der sich und anderen beweisen will, dass man ohne Warmwasser, mit einem Minimum an Elektrizität und ohne den Warenfetischismus ganz gut leben kann? Dass alte Kartons, Zeitschriften und ausgediente Koffer rezyklierbar sind und Geborgenheit eben nicht eine Frage des Geldes, sondern der Kreativität ist? Dass das Asketische die Objekte adelt? Wie das dann aber wohl im Winter ist – sind dann die improvisiert geflickten Fensterscheiben repariert? Genügt das Kerzenlicht für die Lektüre?
Die vielen gepolsterten Sitzflächen lassen auf delikate Glieder schliessen, oder sie sollen beweisen, dass Verzicht und Bequemlichkeit keineswegs miteinander hadern. Näher als andere Menschen liegt ihm wohl die Natur, die Kontemplation und eine kreative Arbeit. Man kann sich vorstellen, wie er gelegentlich in der Dorfbeiz auf seinem Platz sitzt, von den anderen als Eigenbrötler zwar respektiert wird, aber nicht wirklich integriert ist. Das will er auch gar nicht, das Leben ist für ihn eine «one-man show». Der Aspekt des «existentiellen Beweises» scheint überall ein bisschen mitzuspielen. In erster Linie wohl sich selber gegenüber: don’t worry Robinson, du kannst es. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Der Ausdruck des Materials dominiert: Holz, Karton, Papier, Schnur, Leder, Gummi und Filz. Farblich alles Ton in Ton. Die Materialien bleiben meist Werkstoffe, einzig die Raumhülle, die Decken und Wände, sind gestrichen worden. Trotzdem definiert nicht die Farbe den primären Ausdruck dieser Flächen, sondern die Textur. Auffallend ist auch die Patina: Die Zeit hat an der Wirkung der räumlichen Collage mitgearbeitet.
Der Innenraum ist in sich abgeschlossen. Die alten Doppelfenster bewahren den intimen Charakter des Raumes. Alle Oberflächen sind bekleidet, bespielt. Ein atmosphärischer Kasten – alle Richtungen sind gleichwertig. Daher kann die Kunst auch an die Decke gehängt werden. Die kleinen Bilder befinden sich dort, wo der Bewohner innehält, eine Arbeit verrichtet oder ein Fenster öffnet. Die grösseren Bilder bedienen die Weitsicht und fangen den herumschweifenden Blick ein. Nichts drängt sich in den Vordergrund, die einzelnen Materialschichten verweben sich gekonnt ineinander. Nichts ist eingebaut, die Dinge sind hineingestellt. Man vermutet, dass das Material gefunden wurde und in diesen Räumen eine neue Identität bekommt. Das Kartonbüchergestell ist einzigartig, und doch wirkt es in diesem Kontext ganz selbstverständlich. Ebenso die Zeitungsablage, ist sie Skulptur oder Wohninstallation? Vielleicht hat sie auch gleichzeitig eine isolierende Funktion.
Die Dinge sind im Grundmaterial bescheiden, strahlen aber eine gelassene Luxuriosität aus durch die besondere Wertschätzung, mit der der Bewohner sie bearbeitet und benutzt. Jasmin Grego
Auflösung
Egon Albisser (50) und Clemencia Vernaza (50), Restauratorin, Künstler
«Als ich vor fünf Jahren aus Neapel in die Schweiz zurückkam, beschloss ich, meinen Beruf als Restaurator aufzugeben. Nach 25 Jahren wollte ich mich endlich mehr der ‹Kunst› widmen. In Anführungszeichen, weil Kunst relativ ist. Der materielle Verzicht ist eine Folge davon: Ich war schon immer einer, der geschaut hat, wie lange er es mit dem Geld, das er gerade hat, aushält.
Wir lebten zehn Jahre in Neapel, danach fünf in Bogotá, der Heimat meiner Frau, wo sie an der Schule für Restauration unterrichtete. Wir lernten uns vor 21 Jahren in Rom bei der Restaurierung der Traianssäule kennen. Manchmal leben wir Jahre zusammen, dann ist wieder einer von uns Monate unterwegs. Derzeit ist Clemencia am Guggenheim-Museum in New York beschäftigt. Sie hat in Manhattan, zehn Minuten vom Times Square entfernt, eine Wohnung. Ich bin hier in Geuensee im Kanton Luzern aufgewachsen. Mein Vater war Lehrer und Gemeindeschreiber. Ab und zu gehe ich in eine der Dorfbeizen. Ich bin kein «Eigenbrötler». Als Künstler habe ich eine Art Narrenfreiheit – so wird das wohl im Dorf gesehen.
Haus und Land gehörten meinem Grossvater, heute besitzt es mein Onkel, ein Bauer, ein interessanter Mensch. Als wir aus Neapel wegzogen, wussten wir nicht, wohin mit unserem Hausrat und all den Kunstwerken. Da haben wir sie in diesem Haus einstellen können und gemerkt, welch Luxus es ist, mit so viel Platz leben und arbeiten zu können. Das Haus stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir kümmern uns um den Garten mit Gemüse und Beeren und das Land drum herum mit den Kirschbäumen. Ich habe hier noch ein Körbchen mit Kirschen für Sie.
Bis in den Herbst geht man von einer Frucht zur anderen. Was ich tue, würde ich als ‹buure› im Diminutiv bezeichnen, ‹büürle›. Ich versuche, uns selbst zu versorgen, ich bin aber bestimmt kein ‹Öko-Fundi›. Ich helfe dem benachbarten Bauern bei der Ernte, bekomme dafür Holz. Meine Frau macht Yoga, ich gehe in den Garten. Es wäre schön, wenn wir mit dem Onkel regeln könnten, hier wohnen zu bleiben. Das Spannende an solchen Wohnobjekten ist ja, dass man nur vorübergehend zuständig für sie ist und sie dann weitergibt. Hier zu leben, ist ein kreativer Prozess. Holz für den Ofen und Wasser ins Haus zu tragen, kann auch im Winter reizvoll sein. Die Räume sind niedrig und klein und wenn sie aufgeheizt sind, sehr gemütlich. An der Quelle vor dem Haus hole ich das Wasser für den täglichen Gebrauch. Im Trog vor dem Haus wird abgewaschen.
Die Zeitungen im Wohnzimmer hat mein Vater zu sammeln begonnen. Seit er das nicht mehr schafft, beige ich sie auf und lege Kupferteile dazwischen oder hänge kleine Wespennester daran, die ich auf dem Estrich abpflücke. Die Zeitungen dienen als Ablagefläche, helfen aber auch zu isolieren. Mittlerweile stapeln sie sich bereits im Schlafzimmer und auf dem Dachboden. Vielleicht wird daraus einmal eine Skulptur. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen, sie haben für mich etwas Geheimnisvolles.
Das Büchergestell ist ein Erbstück meiner Frau aus Bogotá. Es ist ein Holzregal, das Clemencia und ich einen halben Tag lang für den Transport aus Bogotá in die Schweiz mit Karton umwickelten. Ich habe es noch nicht über mich gebracht, die aufwendige Verpackung zu entfernen.
Wir haben gerne Leute um uns. Grosse Feste können wir hier aber nicht feiern, da wir räumlich eingeschränkt sind. Letz ten Winter hatten wir ein Dutzend Freunde im Haus und mussten die Haustür öffnen, damit alle Platz hatten. Bei Minustemperaturen schlafen wir auch mal auf dem Kachelofen, das ist dann wie Zugfahren in der ersten Klasse. Unsere Katze ‹Gotita›, also ‹Tröpfchen›, döst während des Winters im Ofenloch.
Wir leben wie in einer Collage. Die Küchentheke war eine Transportkiste, im Garten steht noch eine Alabasterplatte, die könnte einst zu einem Badezimmerfenster werden. Derzeit benutzt meine Frau einen Wäschezuber als Badewanne – eine Louis-XV-Badeversion. Eine Dusche besitzen wir nicht. Das WC ist ein Plumpsklo. Das haben noch einige Bauern in der Umgebung. Im Winter braucht es Überwindung, sich in die Kälte zu setzen, doch die Aussicht entschädigt: Bei schönem Wetter sieht man bis ins Entlebuch oder in die Walliser Alpen. Die Berge ersetzen das Mittelmeer Neapels.»
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|