Sie schmeckt süss und sonst nach gar nichts. Sie ist pinkrot, aufdringlich, überflüssig und damit bereits ein Signal, das Ungutes verheisst. Ihr Unwesen treibt sie mit Vorliebe in rustikalen Landgasthöfen mit internationaler sowie nationaler Küche: die rote, in Zuckersirup konservierte und mit den Farbstoffen E 124 und E 127 aufgepeppte Herzkirsche.
Im «Bären» lacht die rote Herzkirsche, gebettet auf eine Schlagrahmkrone, zum original indischen Riz Kasimir. Im «Löwen» schmückt die rote Herzkirsche neuerdings die Bauernrösti, umkränzt von einem Petersiliensträusschen; vor der Tischgenossin badete sie im Duett mit einer Tomatenscheibe in brauner Zwiebelsauce, nachdem sie zuvor ihren Auftritt auf dem Crevettencocktail hatte.
Die rote Herzkirsche aus der Dose (100 Gramm für weniger als einen Franken) wird von Köchen, die ein bisschen ambitioniert sind, unermüdlich zitiert: Mit welcher Phantasie (oder ist es halt doch nur ein Reflex?) sie die Industrie-Herzkirsche in den Stand des Tellerschmucks erheben, ist schon fast bewundernswert. Einerlei, dass Küchenpäpste schon vor hundert Jahren ungeniessbares Beizeug von den Tischen verbannen wollten. Im Zeitalter von Dosenkost, Schnellfutter und Catering ist dies unerheblich. Mit der Herzkirsche adelt sich die durchschnittliche Küche zur höheren. Und der Gast? Dem optisch Empfindenden und still Leidenden bleibt wohl nichts anderes übrig, als das rote Ding, bevor er sich über den Teller beugt, diskret aus seinem Gesichtsfeld zu entfernen: die rote Herzkirsche verschwinden zu lassen, zum Beispiel unter einem müden Salatblatt - es ist in solchen Gaststätten meist ebenfalls ohne Mühe zu finden.