KREFELD, WILHELMSHOFALLEE: ein parkartiges Wohnviertel im Nordosten der Stadt, geprgt von Villenbauten des beginnenden Jahrhunderts, durchzogen von Grnstreifen. Etwas von der Strasse zurckversetzt stehen zwei aufeinander bezogene Klinkerbauten, die heute vom Krefelder Museum fr Ausstellungen zeitgenssischer Kunst genutzt werden. Einst waren es die Privathuser von Hermann Esters und Josef Lange, den geschftsfhrenden Direktoren der Verseidag (Vereinigte Seidenwebereien AG). Zweifellos handelt es sich um ein bedeutendes Ensemble jener Moderne, die man gewhnlich als klassisch bezeichnet.
War es die mit Ludwig Mies van der Rohe befreundete Textildesignerin Lilly Reich, die Lange und Esters ihren zuknftigen Architekten vermittelte? Hatte der Kunstsammler Lange anlsslich eines Besuchs in Berlin Mies kennengelernt, der bei Ausstellungen der Novembergruppe zeitweilig die Architektursektion betreute? Oder war ein Hinweis der Museumsdirektoren Max Creutz (Krefeld) und August Hoff (Duisburg) ausschlaggebend fr die Wahl des Architekten? Man weiss es nicht. Jedenfalls entstand zwischen den Bauherren und Mies van der Rohe eine Freundschaft, die diesem bis zu seiner Emigration 1938 einige Folgeauftrge einbrachte: neben ephemeren Ausstellungsgestaltungen fhrte er 1931 zwei Produktionsbauten fr das Betriebsgelnde der Verseidag in Krefeld aus. Das Verwaltungsgebude der Firma blieb dagegen ebenso wie das Privathaus fr Langes Sohn Ulrich auf dem Papier.
Zur Zeit der Auftragserteilung fr die beiden Huser an der Wilhelmshofallee war der Berliner Architekt erstmals einer breiteren ffentlichkeit bekannt geworden. 1925 hatte ihm der Deutsche Werkbund die Planung und Durchfhrung der Stuttgarter Versuchssiedlung bertragen; der langgestreckte Geschossbau, dessen Stahlskelettkonstruktion eine neuartige Variabilitt der Wohnungszuschnitte garantierte, dominierte 1927 unbersehbar die berhmte Weissenhofsiedlung. Vom Berliner Denkmal fr Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1926) abgesehen, waren Mies van der Rohes brige zukunftsweisende Konzepte der beginnenden zwanziger Jahre als Ideenarchitekturen unausgefhrt geblieben: das kristalline Glashochhaus fr den Berliner Friedrichstrassenwettbewerb, der Alternativentwurf ber gekurvtem Grundriss, die Landhuser in Eisenbeton und Backstein.
Neben diese Meisterwerke des Entwurfs trat eine vergleichsweise konservative Baupraxis. Die an Bauten Schmitthenners erinnernden traditionellen Villen wie das Haus Mosler in Neubabelsberg (1924) schliessen an das Miessche Frhwerk an, das von dem purifizierten Neoklassizismus seines Lehrers Peter Behrens beeinflusst wurde. Mies' ausgeprgter Hang zur Selbststilisierung liess viele seiner Anhnger und Interpreten dessen Jahre suchenden Tastens, die Zeit der Aufbrche, Rckzge und Kompromisse verdrngen- zugunsten jener griffigen Legende einer stetig fortschreitenden Entwicklung.
Dass der Architekt seinen Teil dazu beitrug, diese simplifizierende Sichtweise zu etablieren, zeigt sich deutlich am Verzicht auf die Publikation frher Bauten, selbst noch der Gebude in Krefeld. In der Tat mgen sie angesichts des berhmten Barcelona-Pavillons unausgegoren wirken. Und doch ist eine Betrachtung aufschlussreich, da in ihnen als Werken des bergangs Probleme aufscheinen, deren Lsung Mies kurz darauf gelingen sollte.
Die erste Grundrissskizze des Hauses Esters weist schon die Charakteristika des ausgefhrten Baus auf: eine durch den Vorbau des Wirtschaftsflgels im Osten bedingte winkelfrmige Gestalt sowie die gestaffelte Anordnung der zum Sden hin orientierten Erdgeschossrume. Auf die ursprnglich vorgesehene Verglasung der Gartenseite, die auf die Villa Tugendhat vorausweist, verzichtete der Architekt hingegen - offenkundig auf Wunsch des Auftraggebers: Ich wollte bei diesem Haus viel mehr Glas verwenden, aber dem Bauherrn gefiel das nicht, behauptete Mies spter.
berhaupt prgt eine gegenber dem ersten Grundriss verstrkte Wandhaftigkeit das realisierte Haus Esters. Das zeigt sich besonders an der Abfolge von Damen-, Kinder- und Esszimmer im Sden. Aus Wandabschnitten, die noch an das Landhaus in Backstein denken lassen, sind Begrenzungsmauern separater Kompartimente geworden; die Dynamik des fliessenden Raums wurde zurckgenommen. Allerdings blieb die optische Diagonale- vom Damenzimmer bis zum berdachten Teil der Terrasse- weiterhin bestimmend und scheint das streng orthogonale Wandsystem zu durchbrechen.
Die Proportion von Flche und ffnung und das Verhltnis von Flche zu Raum wurden zum zentralen Thema, dem sich Mies mit dem Haus Esters stellte. Die einspringende Ecke zum einen, das zum Gestaltungselement avancierte Fallrohr zum anderen gliedern die strassenseitige Fassade und trennen den Mittelteil mit seinen beiden Fensterbndern (hinter dessen oberem sich nicht ein Korridor, sondern eine Abfolge von Nebenrumen verbirgt) von dem durch das Vordach akzentuierten Wirtschafts- und Eingangsteil und der irritierend kahlen Wandflche im Westen. Mies van der Rohe treibt ein Vexierspiel mit den Betrachtern: ein seitlicher Blick auf die Terrasse im Obergeschoss entlarvt die kubische Baugestalt als Illusion.
Auf der strker durchfensterten Gartenseite tritt der den Kinder- und Schlafzimmern vorbehaltene Hauptbaukrper im Obergeschoss in Erscheinung. Seine Sdwand korreliert nicht mit den Mauerzgen im Erdgeschoss. Da Mies mit tragendem Mauerwerk operierte, war hier wie an anderen Stellen eine massive Verwendung von Stahltrgern erforderlich. Diese Inkonsequenz der Konstruktion bleibt berall verborgen; auch der Blockverband der Klinker ber den Fensterffnungen wird von unsichtbaren Trgern hinterfangen. Erst im Barcelona-Pavillon (1929) und in der Villa Tugendhat in Brnn (1930) sollte eine Trennung zwischen Tragwerk und begrenzender Raumhlle durch die Einfhrung des Sttzenrasters gelingen. Erst jetzt entstanden jene Haut- und Knochenbauten, die Mies schon 1923 postuliert hatte.