NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

In der Fabrik

Wie man sich müde Beine und wunde Daumen holt.

Von Lilli Binzegger

IM DRITTEN STOCK der hellblauen Fabrik am Rand von Hinwil, die Klappenantriebe für Lüftungs- und Klimaanlagen herstellt, arbeiten in einem hellen Raum fünf Frauen: die Gruppenführerin Emma Oberholzer, 49jährig (früher hätte man Vorarbeiterin gesagt); die 42jährige Italienerin Carla Pellegrini, die einzige, die über Mittag nach Hause fahren wird, um für ihre schulpflichtige Tochter zu kochen; Colette Wäfler, vor 29 Jahren in Südafrika zur Welt gekommen, aber weitgehend hier im Zürcher Oberland aufgewachsen; sowie die jüngste, die 25jährige Manuela Zürcher, deren kleine Tochter Célina («bitte mit C und Aigu») an den drei Tagen, an denen Manuela hier in der Belimo AG arbeitet, bei Manuelas Mutter untergebracht ist. Und dann noch die fünfte, die hergekommen ist, um an zwei Tagen für dieses Heft heutigen Fabrikalltag zu erkunden und seit einer Stunde an einem Werktisch steht und Ritzel fettet.Das oder der Ritzel - sein Geschlecht sollte nicht das einzige bleiben, was mir in den zwei Tagen unergründbar blieb - ist ein gerillter Stift im Gehäuse der Klappenantriebe, die das vor 18 Jahren gegründete Unternehmen als mehr oder weniger einziges Produkt herstellt und mit anhaltendem Erfolg in aller Welt vertreibt. Gefettet muss es (er?) werden, damit das Zahnrad, das aufgesteckt wird, nicht «täggelet», wie das hier heisst. Emma - die Frauen duzen sich - hat mir Fettdose und Pinsel in die Hand gedrückt, und ich denke, während ich mit dem Fetten nicht allzu schnell vorwärtskomme: Warum hat sich da noch keiner etwas Klügeres als diesen Pinsel ausgedacht, zum Beispiel einen fettgetränkten Schwamm, den man - zack - bloss über die Ritzel (Mehrzahl) zu stecken braucht oder so. Kleinlaut stelle ich später fest, dass die Frauen mit dem Pinsel die Ritzel ungleich schneller fetten, als ich es je mit meinem Fettschwamm könnte, und überhaupt bei allem ein Tempo an den Tag legen, für das es weit mehr Übung braucht, als ich sie mir hier je zu erwerben erhoffe. Es ist 10 Uhr, und ich kann mich kaum mehr an 7 Uhr erinnern, als ich hier anfing, so ungewohnt ist das alles.

Leichter Ölgeruch, das nicht sehr laute, regelmässige Geräusch der Maschine, an der Manuela die Gehäuse verstemmt, das Surren des elektrischen Schraubenziehers, das Klappern von Metall und Kunststoffteilen; Tino, der junge Betriebsabwart, kommt herein, er hat draussen eben die spanische Flagge aufgezogen, weil Besuch aus Spanien kommt, und schäkert jetzt ein wenig mit den Frauen. Colette «macht Getriebe», greift Zahnräder aus Kistchen, steckt sie auf die Stifte in den Gehäusen und vergewissert sich, indem sie mit dem Zeigfinger kurz das eine Rad antreibt, dass sie rund laufen. Das geht alles fast in einem und wiederum sehr flink.

Darauf, dass es bei mir nicht gleich flink gehen würde, war ich schon gefasst gewesen. Weniger, dass sich die Zahnräder wie ein Brotmesser anfühlen und mir die Fingerkuppen aufreissen würden, was sich abends im Sammelsurium der Lädierungen aus müden Beinen, steifem Nacken, wunden Daumen usw. freilich im einzelnen kaum mehr ausmachen liess. Sie habe längst kein Gefühl mehr in den Fingern, sagt Colette. Aber am Anfang habe sie manchmal vor Schmerzen auch fast geweint.

Leichter Ölgeruch also, nicht viel Lärm, man kann sich unterhalten, wenn man mag, ein luftiger, heller Raum mit Fenstern auf drei Seiten, hellgrauer Boden, an den Wänden hier ein Kalender, dort Farbfotografien von Frauen aus fernen Ländern: ein angenehmer Arbeitsplatz. Die Fenster geben den Blick frei auf die Kehrichtverbrennungsanlage vis-à-vis und auf einen Weizenacker, auf dem, hinter der Baustelle für ein grosses Einkaufszentrum, schon das nächste Baugespann steht. Dabei ist auch das blaue Haus, in dem wir hier arbeiten und in dem das expandierende Unternehmen zur Miete ist, noch ganz neu; es hat dem grossen roten Hauptgebäude - selber auch nur ganze vier Jahre alt - erst vor zwei Jahren den Blick auf das Ackerland geraubt, das vor unseren Fenstern hier den ungleichen Kampf mit dem Geschick nächstens wohl endgültig verliert. Das ist der Preis, den die Zürcher Oberländer Gemeinde - ehemals ein Bauerndorf mit unterdessen heruntergekommener Textilindustrie - für einen Wohlstand bezahlt, der ihr nicht in den Schoss gefallen ist.«Meine Mutter ist heimatlos», sagt Colette Wäfler, «heimatlos zu sein ist schlimm.» Die Mutter ist von Südafrika einem Mann in die Schweiz gefolgt, wieder zurückgegangen, wieder hergekommen, wieder gegangen... Colette und ihre Schwester waren jahrelang im Schülerheim. Realschulabschluss. Colette ging von der Schule weg als Pflegehelferin ins Spital. Seit acht Jahren ist sie in der Belimo. Verheiratet, bis jetzt ohne Kinder. Manchmal geht sie mit Tino tanzen, denn ihr Mann hat nur das Autorennfahren im Kopf. Nun hat der Tanzfreund aber eine Freundin und nicht mehr gleich viel Zeit. Sie wäre gerne etwas im sozialen Bereich geworden, aber dazu hatte man ihr frühzeitig den Mut genommen. Seit kurzem vertritt sie die Gruppe in der Betriebskommission, hier gemäss dem für die ganze Firma gültigen Unternehmensmodell «IAO-Partizipationskommission» genannt.

Emma, ohne Lehre (nur ein Haushaltlehrjahr), verheiratet, eine erwachsene Tochter, hat früher im Service gearbeitet und dann in einer Firma in Rapperswil. Vor fünf Jahren wollte sie «nochmals etwas Neues» machen und kam zur Belimo. Seit einem Jahr ist sie Gruppenleiterin, was bedeutet: Aufträge entgegennehmen, Arbeit verteilen, Dienstpläne machen. Und auch etwas mehr Lohn. Emma ist sogar mit dem Betriebsdirektor per Du, von Kursen her; aber hier sagen sich sowieso fast alle nach einer Zeitlang Du. Es sei schön in der Belimo, sagt sie; sie kämen alle jeden Tag gern her. (Colette ruft herüber: Bist du da so sicher, Emma?)Manuela hat fast zum Trotz gegen die, die so darauf drängten, erst nach Célinas Geburt geheiratet. Sie hatte nach der Schule eine Coiffeurlehre abgebrochen, weil sie allergisch auf die chemischen Mittel war, ging ins Welschland, versuchte es als Pflegerin, arbeitete «in verschiedenen Buden im Oberland»; seit zwei Jahren hat sie einen 60-Prozent-Job in der Belimo. Ab Herbst will sie Heimarbeit machen, damit sie nicht so oft von der dreijährigen Célina getrennt ist. Eigentlich müsste sie nicht mehr mitverdienen, aber sie möchte neben der Hausarbeit nicht einfach gar nichts mehr machen.Carla ist stolz, ihr Sohn hat eben die KV-Prüfung mit einer Fünf im Durchschnitt bestanden. Die Tochter habe in der Schule leider ein bisschen mehr Mühe. Die 42jährige aus dem Veneto ist die einzige Ausländerin in dieser Gruppe, während in den anderen Gruppen die Frauen mehrheitlich Ausländerinnen sind. Früher hat sie bald hier, bald dort gearbeitet. Eine Zeitlang war sie auch ganz Hausfrau und Mutter. Ihr Mann ist in einer Modeboutique tätig. Carla würde, hätte sie die Wahl, lieber auf einem Büro arbeiten.

Auf dem Trolley mit den KM-220-Gehäusen sind «drei Lagen plus 14» 360 Stück, «ein Auftrag». Im Unterschied zu den Kundenbestellungen geht ein «Auftrag», wenn ich das richtig verstanden habe, ans Lager, wo die Dinger freilich nicht lange bleiben, denn der Lagerumsatz, der Umsatz überhaupt, ist bei der Belimo gut, letzterer hat vergangenes Jahr 70 Millionen Franken betragen, ohnehin ist hier alles ziemlich gut, wie mir scheint und wie mir von überall her stets von neuem versichert wird, von Emma, vom netten Herrn Hasler, der mir den Betrieb gezeigt hat, von Betriebsdirektor Remo Meran, der sagt: Uns geht es gut, unseren Leuten geht es gut, und mit der Gelassenheit desjenigen, der keinen Widerspruch gewärtigen muss, hinzufügt: Weder gehören wir dem Arbeitgeberverband an, noch sind unsere Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert.360 Stück also sind drei Lagen plus 14. Und am Montageband sind zwei Reihen 100 Stück. Und beim Einpacken soll ich die Schachteln stets in zwei Reihen zu fünf auslegen, damit es stets einen Zehnerstapel gibt. Und so fort. Was ich mir kaum merken kann, überschauen die Frauen mit einem einzigen Blick und dient, wie mir allmählich klar wird, dem rationellen Ablauf, der die Frauen alles, was mir nicht richtig von den Händen gehen will, mechanisch schnell verrichten lässt.

Mit Arbeiten dieser Art sind im ganzen Betrieb, der im Stammhaus zurzeit insgesamt 278 Mitarbeiter zählt, fast nur Frauen beschäftigt. Männern sei diese Arbeit nicht zuzumuten, höre ich. Man will hier, höre ich weiter, auch die Diskussionen um «gleichen Lohn für gleiche Arbeit» gar nicht erst aufkommen lassen. Ich denke: Womöglich ist es umgekehrt, womöglich ist nicht diese Arbeit Männern nicht zuzumuten, sondern die Männer dieser Arbeit. Wenn nämlich, als Beispiel, der KM 24 als billigster Klappenantrieb für 76 Franken weggeht (der teuerste kostet 270 Franken ab Werk) und neben den (Hand-)Arbeiten, die die Frauen hier verrichten, noch die vorangegangenen Heimarbeiten abzugelten sind sowie alle Fixkosten für Gebäulichkeiten etc., ferner die Löhne für die sogenannten nichtproduktiven Mitarbeiter von Administration, Technik, Verkauf etc. und zum Schluss noch ein Gewinn herausschauen soll (was hier ausgesprochen der Fall ist) - wenn das alles aufgehen soll, dann ist das nur mit unablässig tätigen, wieselflinken Händen zu machen. Und ich habe schon viele Männerhände gesehen, darunter weiss Gott auch viele gute, kräftige, tüchtige, fleissige, aber noch niemals so unablässig tätige, wieselflinke.

Doch ist es jetzt zwölf Uhr, und ich vernehme froh, dass Mittagszeit ist, packe meine Frischhalteschachtel mit Reissalat aus, das Käsebrot aber schon nicht mehr, weil ich sehe, dass die anderen nur ein rasches Joghurt löffeln oder ein Wurstbrot essen und dann am Automaten im Aufenthaltsraum ein Stockwerk über uns Kaffee für alle holen und alsbald wieder am Prüfapparat sitzen, Getriebe machen, Ritzel fetten, am Packtisch stehen. Carla ist aus dem Mittag zu Hause auch schon wieder zurück, und jetzt wird es im Raum zusehends stiller. Irgendwann kommt Manuela aufs Fernsehen zu sprechen, sagt, wie einfältig sie die Lederhosenerotik bei RTL findet. Colette sagt, für wie überflüssig sie manche sozialen Einrichtungen hält, Sorgentelefone und dergleichen etwa, helfen könne man sich nämlich nur selber. Ihr hilft auch keiner, wenn es ihr schlecht geht.Es ist heiss, draussen zieht sich der Himmel zu einem Gewitter zusammen. Die Gleichförmigkeit der Arbeit tut ihre Wirkung, lässt einen zusehends in Nachdenken versinken: die anderen vielleicht darüber, was sie zum Nachtessen kochen, wann sie ihr Kind abholen, ob sie tanzen gehen sollen; mich darüber, dass diese Arbeit wenigstens den Vorzug hat, dass sie einen nicht noch weit über den Feierabend hinaus verfolgt, und sich auch von all jenen Jobs abhebt, die einen nicht genug fesseln, als dass man sich damit wirklich nützlich fühlen könnte, und einen geistig doch noch so stark in Anspruch nehmen, dass die Gedanken nicht einfach abheben können wohin sie mögen, wie hier, wo ich... wo war ich eben?

Jeder millionste Antrieb werde gefeiert, erzählen die Frauen. Den fünfmillionsten hätten sie am 5. Februar gefeiert; an Emmas Geburtstag, darum weiss sie's noch so genau. Die ganze Belegschaft samt Angehörigen sei mit dem Car ins Casino nach Baden gefahren. Auch jeder andere Rekord wird gefeiert: wenn eine grössere Leistung als im Vorjahr erbracht worden ist etwa. Dann gibt es für alle in der Fabrik zum Znüni ein Brot. Die «im oberen Bereich» hätten da den genauen Überblick, die speicherten das alles. Die Frauen arbeiten täglich 8 Stunden und 12 Minuten; die 12 Minuten sind Vorholzeit für «Brücken» wie nach Auffahrt oder über Weihnachten. Herr Meran liest, ohne Namen zu nennen, aus der Lohnliste der Fertigungsbereiche vor: 3040 Franken, 3520 Franken (in beiden Fällen: nicht ganz jung, schon ein paar Jahre hier); 2565 Franken (neu eingetreten und ganz jung); 4300 Franken (Gruppenleiterinfunktion); 4485 Franken (Mann). Das stets mal dreizehn. Plus von der Gruppenleistung abhängige Partizipationsprämie (kann einem weiteren Monatsgehalt gleichkommen). Plus Erfolgsprämie, die von Geschäftsergebnis, Funktion und Engagement abhängt und auch nochmals etwa ein halbes Monatsgehalt beträgt. An die Pensionskasse zahlt die Firma 14 Prozent, der Arbeitnehmer 3 Prozent. Ferien: bis vierzigjährig 21 Arbeitstage, ab vierzig 23, ab fünfzig 25. Nach zehn Jahren Firmenzugehörigkeit auf jeden Fall 5 Wochen. Man hat hier nie Mühe gehabt, Leute zu finden, und jetzt in der Rezession hat man sie erst recht nicht. Die Warteliste für Heimarbeit (umgerechnet 70 Stellen), die bei vollem Pensum etwa 3000 Franken im Monat einträgt, ist zurzeit 75 Namen lang. Motorbecher aufstecken, Zeiger richten, Gehäuse verstemmen. Schräubchen, die einem unter den Fingernagel zu geraten drohen, eindrehen. Am schönsten ist es, mit dem elektrischen Schraubenzieher die Schräubchen anzuziehen, ganz mühelos. Gummitüllen ins Loch drücken. Alle paar Halbstunden, alle paar Stunden, je nachdem, etwas anderes. Die Rotation ist Pflicht; stets dasselbe zu machen, ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Manche würden lieber immer dasselbe machen, sagt man mir. Das möchte ich, denke ich, wenn schon, auch. Womöglich kommt einem aber das Motorbecheraufstecken, Zeigerrichten, Gehäuseverstemmen nach ein paar Wochen auch wie stets dasselbe vor.

Packen. Schachteln in fünf mal vier Reihen, Gebrauchsanweisung hinein, Säckchen mit Montageschrauben hinein, Befestigungsbügel hinein, Motor senkrecht hinein, Schachtel zu, Kleber drauf, in Zehnerstapeln sorgfältig auf den Boden des Kartonbehälters, der so gross ist, dass Emma (eher klein) dabei einmal hineingefallen ist. Ich (eher gross) kriege die Dinger auch nicht hinein, ohne sie einfach fallenzulassen, und lasse es besser bleiben.


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