Eine Seuche geht um im deutschen Sprachraum. Es ist die Seuche der Punkte. Die meisten Mitmenschen unter 30 sucht sie seit ein paar Jahren heim; fünf weitere schöne Satzzeichen hat sie abgetötet, nur das Komma lässt sie leben, doch oft torkelt es besoffen durch den Text. Ältere Leute sollten das zur Kenntnis nehmen, die jüngeren aber sich darüber klarwerden, dass sie zweierlei Schaden anrichten: Sie machen die Sprache ärmer, und ihren Lesern vergällen sie die Lust (was sie hoffentlich ein bisschen irritiert). In Rede steht nicht Pedanterie, sondern jenes Quantum atmender Lebendigkeit, die sich einem geschriebenen Text allenfalls einhauchen lässt.
Beim Sprechen heben und senken wir die Stimme, wir werden lauter und leiser, schneller und langsamer, wir können einzelne Wörter herausheben, andere ironisch färben, wir können seufzen oder tragisch deklamieren. Wenn wir diese hunderterlei Schattierungen von Farbe und Klang in den geschriebenen Text hinüberretten wollen, stehen uns genau sieben Zeichen zur Verfügung: : . , ; - ! ? Welch schreckliche Armut! Viele Schriftsteller haben das beklagt, Ernst Jandl hat Tempobezeichnungen an Gedichte geschrieben, die französischen Lettristen haben Buchstaben für Lispeln, Röcheln, Grunzen erfunden.
Was also läge näher, als wenigstens von diesen sieben Zeichen einen gescheiten und lebhaften Gebrauch zu machen? Haben wir nicht Chancen verschenkt, wenn eine ganze Seite nicht jedes der sieben wenigstens einmal enthält? Wer watet schon gern durch zähes Blei, wenn ihn nicht hin und wieder ein Zuruf, die kleine Spannung einer Frage, das federnde Scharnier eines Doppelpunktes tröstet?
Doch all das ist nicht mehr modern. Junge Leute - sogar Germanisten eingeschlossen - schreiben überwiegend: «Wann kommst du, fragte er» oder «So nicht, schrie sie ihn an», obwohl wir doch ein Frage- und ein Schreizeichen in unserem kargen Vorrat haben, die dem Leser das optische Signal «Stimme heben!» geben und für fröhliche Bewegung sorgen könnten.
Während . ! ? einen Gedanken für vorläufig beendet erklären, haben die vier anderen Satzzeichen die willkommene Eigenschaft, dem Leser mitzuteilen, dass eine zweite Hälfte meiner Botschaft ihn erwartet. So der Doppelpunkt. Doch was liest man immer häufiger? «Ich mache einen Vorschlag. Wir reisen schon morgen.» Der Doppelpunkt gäbe das Signal: Und nun kommt er, der Vorschlag! Meine Aussage hat zwei Hälften, die zweite ist die Folgerung aus der ersten, und genau dafür hat der liebe Gott den Doppelpunkt erfunden. Dass er logisch zwingend ist, muss nicht jedermann beeindrucken; aber dass er dem Leser eine Brücke baut, ihn einlädt: Lies weiter, die Erklärung folgt sogleich! Das ist nicht nur höflich gegenüber dem Leser - es ist auch zweckmässig für den Schreiber: falls er nämlich gelesen werden möchte; falls er Wert darauf legt, seinen Text durch Lebendigkeit aus dem toten Meer der allzu vielen Buchstaben herauszuheben.
Eine ähnliche willkommene Brücke baut der Gedankenstrich, wie der neun Zeilen weiter oben: Lies weiter! sagt auch er, die andere Hälfte kommt erst, vielleicht sogar die Hauptsache, die alles erklärt! Welcher Leser verfiele ausgerechnet beim Gedankenstrich auf die Idee, mit der Lektüre aufzuhören? Es ist der Punkt, der dazu einlädt, die Stimme zu senken und eine Pause einzulegen; manchen Leser wirft er aus dem Text wie der Fernsehspot den Filmbetrachter.
Auch das Semikolon verbindet, es lässt einen elastischen Übergang zwischen zwei halben Gedanken zu, es ist eine willkommene Stufe zwischen dem hurtigen Komma und dem abschliessenden Punkt. «Was das Glockenläuten zur Ruhe der Verstorbenen beitragen mag, will ich nicht entscheiden; den Lebendigen ist es abscheulich» (Georg Christoph Lichtenberg). Das Komma trennt nur den einleitenden Nebensatz vom Hauptsatz ab; das Semikolon sagt dem Leser zweierlei: Hier findet eine grössere Zäsur als beim Komma statt; und der Hauptsatz, der nun folgt, enthält erst jene Fortsetzung meines Gedankens, ohne die der erste Hauptsatz unvollständig wäre. «Der freiwillige Verzicht auf Satzperioden, in denen zwei Semikolons vorkommen, ist nicht nur ein Verzicht auf Zeichensetzung, sondern ein Verzicht auf Denkvorgänge», schreibt Günther Grass.
Und schliesslich ist auch das blosse Komma noch ein Bindeglied. «Balken krachen. Pfosten stürzen. Fenster klirren. Kinder jammern. Mütter irren», das hat Schiller nicht geschrieben, sondern: «Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren . . .» Muss man sich darüber streiten, dass durch die Kommas eine völlig andere Sprachmelodie entsteht, dass es nicht gleichgültig ist, ob ich eingeladen werde, die Stimme fünfmal zu heben und weiterzulesen, statt sie fünfmal zu senken und zu pausieren? Kurze Sätze werden selbstverständlich durch Kommas getrennt! Doch die unter Dreissigjährigen schreiben lieber: «Das ist falsch. Wofür haben wir den Punkt. Soll er doch meinen Text in Stücke hacken. Ich liebe ihn.»
Und nicht nur statt der anderen sechs Satzzeichen verwenden sie den Punkt im Exzess, sondern gern auch da, wo überhaupt kein Zeichen hingehört: «Die Menschen hungern. Und haben keine Hoffnung», liest man in einer Illustrierten. Ja doch. Das ist eine erlaubte Stilfigur. Einmal auf zwanzig Seiten. Aber nicht zehnmal auf einer. Macht nur so weiter. Wir hören eben auf, Euch zu lesen. Irgendwie.