Für Maria Mumenthaler war der Erwerb der Manpower-Lizenz zuerst einmal die Freiheit, nicht nach Zürich gehen zu müssen. Sie hatte Ende der fünfziger Jahre als Kaderfrau bei einem Kreditkartenunternehmen gearbeitet, das seinen Schweizer Hauptsitz von Genf nach Zürich verlegte. Da Kaderstellen für Frauen rar waren, ergriff die damals 27jährige die Gelegenheit, kaufte die unbekannte Dienstleistungsmarke und baute etwas Neues auf. Heute ist sie als Gründerin und Mehrheitsaktionärin der Manpower Schweiz die «Grand Old Lady» der hiesigen Temporärarbeitsbranche.
Anfangs vermittelte sie nur Frauen. Die Idee, Temporärstellen auch für Männer anzubieten, hielt sie zunächst für verrückt. 1963 eröffnete Manpower Schweiz versuchsweise eine Männerabteilung. 1969 waren bereits die Hälfte der vermittelten Personen Männer. Heute, dreissig Jahre später, sind es zwei Drittel, wobei der Frauenanteil je nach Branche stark schwankt. Auf dem Bau und in der Informatik dominieren die Männer, im Gesundheitswesen und in den Bürojobs die Frauen.
Aus dem kleinen «Frauenlädeli» ist ein Unternehmen geworden, dessen Umsatz 1999 voraussichtlich erstmals über 300 Millionen Franken steigen wird. Allein in den letzten beiden Jahren hat Manpower Schweiz nach eigenen Angaben eine Umsatzsteigerung von 62 Prozent erzielt. Trotzdem ist sie mit einem Marktanteil von 12 Prozent hierzulande nur die Nummer zwei. Die aus der Fusion von Adia und Ecco vor vier Jahren hervorgegangene Adecco hat sich mit einer schwindelerregend expansiven Akquisitionsstrategie zu einem Marktanteil von 23 Prozent und zum unbestrittenen Marktführer emporgeschwungen, und dies sogar weltweit. Der Branchenleader mit Sitz in der Schweiz rechnet für 1999 mit einem weltweiten Umsatz von über 18 Milliarden Franken, zusammen mit der soeben erworbenen Ohlsten sollen es sogar 23 Milliarden werden.
Die Temporärarbeitsbranche boomt. Analytiker schätzen das Volumen des Weltmarkts derzeit auf 130 Milliarden Dollar und sagen voraus, dass dieser in nächster Zeit Jahr für Jahr um durchschnittlich zwölf Prozent wachsen werde. Rund neun Prozent Wachstum prognostizieren sie für den am weitesten entwickelten Temporärarbeitsmarkt der USA, dreizehn Prozent für Europa. Doch der Boom startet auf tiefem Niveau. Weniger als ein Prozent aller Arbeitsstunden werden in der Schweiz von Temporärarbeitskräften geleistet - von nur rund zwei Prozent aller Beschäftigten. In den Niederlanden arbeiten europaweit mit vier Prozent am meisten Erwerbstätige für Temporärfirmen. Doch diese Zahlen könnten schnell wachsen. Analysten der Deutschen Bank schätzen, dass für drei Viertel aller Arbeitsplätze unternehmensspezifische Informationen kaum von Bedeutung sind. Auf diesen Arbeitsplätzen könnten ebensogut Temporärarbeitskräfte wie Festangestellte eingesetzt werden.
Der Temporärarbeit standen bis vor kurzem in vielen Ländern noch gesetzliche Schranken im Weg. Weil Arbeit keine Ware sei, mit der Handel getrieben werden dürfe, hatten viele südeuropäische Länder und Deutschland die private Stellenvermittlung verboten. Zur konsequenten Liberalisierung kam es in Europa erst, als die hohen Arbeitslosenraten sich hartnäckig hielten und allmählich der Einsicht zum Durchbruch verhalfen, dass letztlich beide Seiten profitieren, wenn zwischen Anbietern und Nachfragern von Arbeit professionell und optimal vermittelt wird: In einem flexiblen Arbeitsmarkt findet man leichter eine neue Stelle; das stärkt die Stellung der Arbeitnehmer und schützt sie vor einseitiger Abhängigkeit und vor Ausbeutung. Vor zwei Jahren setzte die Internationale Arbeitsorganisation ihren gegen die private Arbeitsvermittlung gerichteten Gesetzesvorschlag ausser Kraft. Der neuen Freiheit stand damit nichts mehr im Wege. Doch wie sieht diese temporäre Freiheit aus?
Maria D., 32jährig, arbeitete als kaufmännische Angestellte bei einer Versicherung, bis ihre Chefin pensioniert wurde. Sie verspürte nach all den Jahren Lust auf etwas anderes. Mehr zufällig als geplant stellte sie sich bei einem Temporärbüro vor, wo man ihre Kenntnisse schätzte und ihr sofort einen Job anbot. Seither sind anderthalb Jahre vergangen, und Maria hat sieben verschiedene Arbeitseinsätze hinter sich. Der kürzeste dauerte eine Woche, der längste vier Monate. Manchmal wusste sie erst am Freitag, wo sie am Montag weiterarbeiten würde; unfreiwillig ohne Arbeit war sie nie. Von ihrer Personalberaterin fühlt sich Maria gut betreut und ernst genommen. «Ich kann mir wünschen, in welche Richtung ich mich entwickeln möchte.» Die Chance, dass die Beraterin etwas Entsprechendes für sie findet, ist erfahrungsgemäss gross. «Heute fühle ich mich reifer als früher. Ich habe verschiedene Branchen und Teams gesehen und weiss jetzt, was mir gefällt und was ich von einem Arbeitsplatz erwarten darf.» Maria geniesst die Freiheit, jederzeit innerhalb von zwei Tagen gehen zu können. Dafür hat sie gelegentlich das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören.
Nach drei Monaten können Arbeitgeber ihre Temporärangestellten fest übernehmen, ohne dass die Vermittlungsfirma dafür zusätzliche Kosten in Rechnung stellt. Im Schnitt wird so jeder fünfte Temporäre fest angestellt. Auch Maria will gelegentlich bleiben, wenn es ihr bei einem Arbeitgeber wirklich gut gefallen sollte. Einkommensmässig sind die Unterschiede zwischen Temporär- und Festanstellung zwar gering, aber wegen der erwarteten grösseren sozialen Sicherheit steht für sie ausser Frage, dass das Leben als Temporärarbeitskraft nur eine Freiheit auf Zeit sein kann.
Die meisten Leute, die sich vermitteln lassen, sind unter 35 Jahre alt. Sie sammeln auf diesem Weg eine breite Berufserfahrung. Mit der demographischen Alterung unserer Gesellschaft werden jedoch auch die über 55jährigen zu einem immer wichtigeren Zielpublikum der Temporärarbeitsfirmen. Arbeitgeber sind nämlich eher bereit, ältere Temporärarbeitskräfte «auszuprobieren» und allenfalls später fest zu übernehmen, als sie direkt anzustellen. Vor allem für qualifizierte ältere Arbeitskräfte bekunden die grossen Stellenvermittler in der Schweiz gegenwärtig wenig Mühe, Arbeit zu finden.
Noch immer werden hauptsächlich Kurzeinsätze vermittelt, wie Maria sie leistet. Die temporären Mitarbeiter von Manpower Schweiz arbeiten durchschnittlich 405 Stunden pro Jahr, bei Adecco sieht es ähnlich aus. Aber die Entwicklung geht in Richtung längere Engagements. Waren vor zehn Jahren noch Ferienvertretungen von drei Wochen die Regel, dauert ein durchschnittlicher Einsatz heute rund drei Monate. Und längst werden mit Temporärarbeit nicht mehr nur vorübergehende Absenzen und stark schwankende Spitzenbelastungen bewältigt: Immer mehr vergeben Unternehmen umfassende projektbezogene Aufgaben an bedarfsgerecht zusammengestellte Teams aus Temporärarbeitskräften. Projektorientierte Einsätze dauern oft ein halbes Jahr oder länger.
Solche Aufträge stimmen die Branche zuversichtlich, dass sie den gegenwärtigen Boom nicht nur dem zaghaften konjunkturellen Aufschwung zu verdanken hat - was eine naheliegende Vermutung wäre, weil Temporärarbeitskräfte jeweils als erste angestellt oder entlassen werden. Die Arbeitsvermittler glauben, dass ihr Geschäft im Trend liegt, weil die strukturellen Veränderungen in der Arbeitswelt die Nachfrage nach Temporärarbeit rasant anwachsen lassen. Managementlehren predigen die Ausrichtung auf Kernkompetenzen und die «Just in time and just on demand»-Produktion. Flexibilität wird zum unternehmerischen Imperativ.
Doch die Unternehmerseite braucht für den Wandel Zeit. Thomas Jakopp, Personalchef bei der Ciba Spezialitätenchemie in Basel, möchte den Prozentsatz der Temporärangestellten in seinem Betrieb eigentlich von derzeit zwei bis vier Prozent auf zehn Prozent erhöhen. Doch dürfte ihm dies nach eigenen Angaben vorläufig kaum gelingen, da die zuständigen Abteilungsleiter gute Leute an sich binden wollen. Und Fachkräfte stellt Jakopp wegen Loyalitäts- und Sicherheitsbedenken vorderhand noch lieber nicht temporär an.
Die Schweizer Paketpost hat diesen Schritt bereits gewagt. Zehn Prozent ihrer Angestellten kommen von Temporärbüros, und von diesen zehn Prozent wird rund ein Siebtel für anspruchsvolle Tätigkeiten eingesetzt. Noch vor fünf Jahren arbeiteten praktisch keine vermittelten Arbeitskräfte bei der Post. Wenn überhaupt, suchte Personalchef Jakob Scherrer seine Aushilfen selber. Heute habe er gemerkt, dass Temporärarbeitsfirmen dies besser und damit letztlich kostengünstiger können.
Der neue Mobilfunkbetreiber Orange hatte grosse Mühe, seine Mitarbeiter auf dem ausgetrockneten Schweizer Arbeitsmarkt zu finden. Die Temporärfirmen boten willkommene Hilfe. Im November 1998 arbeiteten 200 Temporäre für Orange, davon rund 70 Prozent für die hauseigenen Call Centers. Bei aller Sympathie für Flexibilität will Personalchef Hans-Ueli Däpp gute Temporärangestellte allerdings übernehmen und den Anteil der Festangestellten erhöhen. Man will Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen identifizieren: «We speak orange, das muss klar sein», sagt er.
Flexibilität bringt Unsicherheit mit sich. Die Zukunftsplanung wird schwieriger, und entsprechend schwierig wird es auch, den Angestellten Sicherheiten zu bieten. Statt dessen macht das Schlagwort der «Arbeitsmarktfähigkeit» die Runde: Mitarbeiter können nicht mehr mit einer lebenslangen Anstellung rechnen. Dafür sollen sie von ihrem Arbeitgeber so gefördert und weitergebildet werden, dass sie für den Arbeitsmarkt attraktiv bleiben und nach einer Entlassung leicht eine neue Stelle finden würden. Im Idealfall wird jeder zu seinem eigenen Unternehmer, entwickelt sein «Produkt», die eigene Arbeitskraft, laufend weiter und bietet es mit maximalem Gewinn an. So gesehen sind wir heute eigentlich alle Temporärarbeitskräfte, auch wenn wir es wegen unserer unbefristeten Arbeitsverträge noch nicht gemerkt haben. Der Wandel in den Köpfen braucht Zeit.
Silvia R., vierzig, hat den Wandel im Kopf schon vollzogen: statt Identifikation mit einer Firma hat sie Freiheit auf Zeit gewählt. Als die kaufmännische Angestellte 21jährig und frisch verheiratet mit ihrem Mann nach Deutschland zog, bot Temporärarbeit einen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Bald merkte sie, dass sie als Temporäre ihre Zeit besser disponieren und sich zur Fremdsprachenkorrespondentin weiterbilden konnte. Nach der Scheidung mit 31 liess sie sich temporär als Reiseleiterin auf einem griechischen Kreuzfahrtschiff anheuern. Danach kam sie in die Schweiz zurück und nutzte die Freiheit als Temporärangestellte, um sich nebenbei zur Körpertherapeutin auszubilden. Immer wieder schob Silvia auch längere Arbeitsunterbrüche ein für Sprachaufenthalte im Ausland und um sich ihrem grossen Hobby zu widmen, der Erforschung des Lebens der Delphine, worüber sie zurzeit ihr drittes Buch verfasst.
Als Temporärangestellte fühlt sie sich als Unternehmerin in eigener Sache. Ein Dasein als Festangestellte in einer Firma, bei der sie vielleicht zwanzig Jahre bleiben würde, kann sie sich nicht mehr vorstellen. Angst, plötzlich ohne ein gesichertes Einkommen dazustehen, hat sie nicht. «Solange ich mich beruflich einigermassen fit halte, wird sich immer etwas Interessantes finden lassen.» Zwei Jahrzehnte Erfahrung haben sie in dieser Überzeugung gestärkt. «Wer es wagt und der Typ dazu ist, der kommt auf den Geschmack und wird sich kaum mehr ins traditionelle Lebensstellenschema hineinpressen lassen.»
Eigentlich funktionieren Temporärarbeitsfirmen wie Banken. So wie diese Anbieter mit Nachfragern von Kapital zusammenzubringen, sehen sich die Temporärarbeitsfirmen als Drehscheibe zwischen Anbietern und Nachfragern von Arbeit. Ihr Ziel ist es, den Unternehmern Arbeitskräfte schneller, flexibler und kompetenter zu vermitteln, als diese sie selber finden könnten.
Und wie eine Bank über Kapital verfügen muss, so ist eine Temporärfirma auf Arbeitskräfte angewiesen. «Bisher haben wir uns vor allem darum bemüht, für Firmenkunden attraktiv zu sein», sagt Edouard Comment, Geschäftsführer von Adecco Schweiz, «doch in Zukunft wird es immer mehr darauf ankommen, wie attraktiv man für die Arbeitnehmer ist.» Obwohl dies zur Zeit noch schwierig durchzusetzen ist, schwebt Comment vor, guten Arbeitskräften Festanstellungen bei Adecco anzubieten. Diese Leute würden dann zwar Temporäreinsätze leisten, hätten aber die Vorteile einer unbefristeten Stelle. Auch über Bonussysteme hat Comment schon nachgedacht. Und sollte sich das Konzept der «Arbeitsmarktfähigkeit» durchsetzen, müsste Adecco den Mitarbeitern auch Weiterbildungsmöglichkeiten bieten können, meint Comment.
Was bei Adecco noch Zukunftsmusik ist, hat Manpower bereits realisiert. Temporärangestellte können auf Kosten des Unternehmens beispielsweise ihre Kenntnisse im Umgang mit gängigen Softwarepaketen verbessern. In den USA bietet Manpower seit neuestem über das Internet interaktive Kurse an, in die sich die Mitarbeiter von überall einloggen können. Auch der junge Arbeitsvermittler Kelly Scientific Research (KSR) setzt ganz auf Weiterbildung. Vor kurzem eröffnete das amerikanische Unternehmen, das auf die Temporär- und Feststellenvermittlung für Naturwissenschafter spezialisiert ist, in Lausanne und Zürich je ein Büro. Akademiker rekrutieren bei KSR Akademiker, die von der Möglichkeit profitieren wollen, in grossen Chemie-, Medizinal- und Biotechnologiefirmen karriererelevante Erfahrungen zu sammeln. Mit jedem Temporäreinsatz erwerben sich die Angestellten Guthaben, die sie im Science Learning Center von KSR für interaktive Fortbildungskurse verwenden können. Auch KSR wickelt die Weiterbildung über das Internet ab. Das Science Learning Center soll das Unternehmen laut Chairman Rolf E. Kleiner mittelfristig sowohl für Arbeitnehmer wie für Kunden attraktiver machen als die Konkurrenz.
Die Rechnung von KSR, sich in einer Nische als Branchenprimus zu etablieren, scheint aufzugehen. Nach nur drei Jahren weist das Unternehmen in den USA bereits einen Jahresumsatz von 105 Millionen Dollar auf. 4000 Akademiker stehen dort heute in seinen temporären Diensten. Vor allem jüngere glauben, so eher zu einer attraktiven Festanstellung zu kommen, als wenn sie sich nach der Uni direkt bei Arbeitgebern bewerben. Und die älteren wissenschaftlichen Mitarbeiter geniessen die in den USA sonst kaum vorhandene Freiheit, nach Feierabend tatsächlich Feierabend zu machen.
In Zukunft dürfte sich das standardisierte Geschäft mit der grossen Masse und den kleinen Margen für Temporärarbeitsfirmen immer weniger lohnen. Die Bruttomargen liegen auf diesem Gebiet bei maximal zwanzig Prozent, netto liegen zwei bis fünf Prozent des Gesamtumsatzes drin, mehr nicht. Temporäre erhalten in der Regel ungefähr den gleichen Lohn wie Festangestellte. Die Vermittlungsfirma verrechnet dem Arbeitgeber einen Aufschlag von vierzig bis achtzig Prozent auf den Stundenlohn, je nach Branche und Marktlage.
Profitabler als das Massengeschäft ist die Vermittlung von Spezialisten; hier lassen sich Bruttomargen von gut dreissig Prozent erzielen. Gesuchten Fachkräften muss allerdings auch mehr geboten werden. Roy Haggerty, Geschäftsführer von Adeccos US-amerikanischem Informationstechnologie-Spezialisten Ajilon, sagt: «Auf diesem dynamischen Spezialitätenmarkt reicht es längst nicht mehr, als der beste Vermittler zu gelten. Entscheidend sind attraktive Arbeitsbedingungen.» 80 Prozent der Mitarbeiter, die er für temporäre Dienste einsetzt, figurieren bereits als Festangestellte auf seiner Lohnliste. Ein umfangreiches Weiterbildungsangebot und interessante Aufträge sind für ihn die weiteren Mittel, um an die begehrten IT-Spezialisten heranzukommen.
Der Übergang vom Personalvermittler zur Consultingfirma ist für Haggerty fliessend, und der Trend geht seines Erachtens in Richtung Consulting. Seinen Firmenkunden bietet er Teams an, die ganze Projekte erledigen. So sorgen 80 Ajilon-Mitarbeiter seit einiger Zeit in einem weltweit tätigen Grossunternehmen dafür, dass das bestehende Unternehmensinformationssystem über die Jahrtausendwende hinaus weiterläuft, während sich die Mitarbeiter des Kunden auf den Einsatz einer neuen Systemversion vorbereiten. Und die Ajilon-Crew plant auch bereits den Weiterausbau des IT-Systems.
Manche Temporärarbeitsfirmen würden gerne noch weiter gehen und für ihre Kunden ganze Teile des Personalwesens erledigen. Payrolling nennen sie das Angebot, das komplizierte Lohnwesen für befristet oder im Stundenlohn Angestellte ganz zu übernehmen. Einzelne grössere Betriebe haben davon bereits Gebrauch gemacht, doch in der Schweiz herrscht vornehme Zurückhaltung. Auch das Outplacement, bei dem Temporärarbeitsfirmen die Weiterbeschäftigung entlassener Mitarbeiter übernehmen, ist vorderhand noch ein Nebengeschäft.
Der Angestellte als temporär einsetzbarer Unternehmer, der seine Arbeitskraft pflegt und zu Markte trägt; der Arbeitgeber, der sich ganz um seine Kernkompetenzen kümmert und die Personalabteilungen auflöst; die Temporärfirma, die als Arbeiterbank mit umfassenden Personaldienstleistungen zwischen den beiden vermittelt: Das tönt noch sehr nach Zukunftsmusik. Noch halten in der Schweiz die allermeisten - Arbeitnehmer wie Arbeitgeber - an den traditionellen Arbeitsformen fest. Noch werden 96 Prozent aller Arbeitsverträge fest und unbefristet abgeschlossen, sind 98 Prozent aller Stellensuchenden regional immobil und erstrecken sich nur rund 5 Prozent der von Temporärfirmen mit Unternehmen abgeschlossenen Rahmenverträge über Landesgrenzen hinweg.
«Das traditionelle Stellenvermittlungsgeschäft wird, technisch immer intelligenter dargeboten, vorläufig unser Kerngeschäft bleiben», meint Felix Weber von der Adecco. «Was darüber hinaus wie schnell Wirklichkeit wird, darüber entscheidet der Markt.» Der kann sich im dynamischen Geschäft mit der flexiblen Arbeit allerdings schnell ändern. Vor wenig mehr als zehn Jahren waren Computer in erster Linie eine akademische Angelegenheit, vom Internet ganz zu schweigen. So gesehen könnte auch das Zeitalter der Freiheit auf Zeit bereits angebrochen sein, bevor männiglich richtig begonnen hat, davon zu träumen.
Peter A. Fischer ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion der NZZ.