NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Musik fürs Leben?

Von Ursula von Arx

MARIANNE FAITHFULL, 1946 in Hampstead geboren, ist Sängerin. 1964 wurde sie über Nacht bekannt mit «As Tears Go By», im Swinging London der späten Sechziger war sie dann vor allem «an angel with big tits», sie war die Frau an der Seite von Mick Jagger. 1979 hatte sie mit «Broken English» wieder einen grossen Erfolg. Faithfull machte sich auch als Brecht-Interpretin einen Namen, sie schauspielerte, sie schrieb eine Autobiographie. «Vagabond Ways» heisst ihr neustes Album. «Mein Leben ist in meinen Liedern», sagt sie.

Marianne Faithfull, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Meine Mutter stammte aus dem österreichischen Adel der Sacher-Masoch. Sie war Tänzerin, theatralisch und bildschön, aber eigentlich wollte sie nur eines: ein normales Leben führen. Mein Vater, es war Krieg und er arbeitete in Wien für den englischen Geheimdienst, schien ihr normal und solide zu sein. Aber er war alles andere als das. Er wollte nichts Geringeres als die Welt verbessern und gründete dazu ein «Institut für intensive Sozialforschung». Ausserdem hatte er einen Vater, der eine sogenannte Frigiditätsmaschine erfunden hatte und der nie badete, weil das der Gesundheit schade. Es war einfach alles sehr verrückt. Meine Eltern stritten sich dauernd. Mit sechs war ich ein Scheidungskind.

Was bedeutet das in Ihrem Fall?

Ich war von einem anderen Planeten. Meine Mutter zog mich auf wie eine von ihren Katzen. Ich wuchs heran mit dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und zugleich waren wir mausarm. Mit sieben kam ich in eine Klosterschule, weil meine Mutter da einen Freiplatz für mich bekommen hatte. Mein Vater war völlig dagegen, er befürchtete, dass ich so nie ein normales Verhältnis zum Sex entwickeln könne. Ich konvertierte dann zum Katholizismus. Mit Glauben hatte das aber nichts zu tun, ich wollte einfach sein wie die anderen. Am besten gefiel mir die Kirchenmusik.

In der Kirche also haben Sie das erste Mal bewusst Ihr Gesangstalent wahrgenommen?

Es ist ein grosses Geschenk, singen zu können. Aber beim Singen gibt es für mich kein erstes Mal. Ich habe immer schon gesungen, denn damit konnte ich mich am besten ausdrücken. Wie ich auch immer schon in Rollen geschlüpft bin. Die Schauspielerei ist eine schöne und ungefährliche Möglichkeit, sich von der Welt, in der man gerade steckt, zu verabschieden.

Sie haben mal gesagt, das Singen habe Sie gerettet.

Mein Sohn Nicholas und meine Musik sind das Beste, was ich in meinem Leben zustande gebracht habe, das ist so. Aber es ist für mich sehr schwierig, meine Lieder zu singen. Ich zeige ja alles von mir, ich entblösse mich regelrecht. Da kann ich mich nicht geschützt und sicher fühlen.

Mit «As Tears Go By» wurden Sie schlagartig zum Star.

Der Manager der Rolling Stones, Andrew Oldham, ein verrückter Kerl mit Lidschatten, sah mich auf einer Party, verliebte sich und brauchte etwas, um mich zu ködern. Er hatte zwar keine Ahnung, ob ich überhaupt singen konnte, aber er holte mich ins Studio. Das Lied hatten Mick und Keith geschrieben, ein Lied mit hohen Mauern und ein paar Fenstern, es hiess «As Tears Go By».

Oldhams Rechnung ging nicht auf?

Nein. Mick machte mich zu seiner Geliebten, und ich fing mit Drogen an und schlief mich durch alle Betten der Welt. So heisst es. Aber bei allem war ich immer noch die Klosterschülerin. Ich war so etwas von unschuldig. Die Sache mit dem unverbindlichen Sex habe ich nie wirklich begriffen. Ich war einfach sehr passiv, irgendwie hat das für mich lange funktioniert. Heute sind die jungen Frauen viel entschiedener, und sie tragen die Konsequenzen für das, was sie tun.

Was hat sich sonst noch verändert?

Vielleicht gibt es heute etwas mehr Ehrlichkeit und Toleranz als in den Sechzigern. Das war eine sehr scheinheilige Zeit, besonders gegenüber den Frauen. Und die Welt ist kleiner geworden. Ich mag es, dass ich bestimmte TV-Programme überall empfangen kann, wo immer ich bin.

Reden wir über Ihre Musik.

«The Seven Deadly Sins» von Weill und Brecht mit Marianne Faithfull, das ist gut. Und ich glaube, mein neues Album, «Vagabond Ways», zeigt eine Frau, die gelassen geworden ist. 1985 habe ich mir den letzten Schuss gesetzt. Ich habe einen grossen Lebenshunger und ich bin wild entschlossen, der Zukunft ins Gesicht zu schauen. Ich lebe heute allein. Ich bin nicht gemacht fürs Zusammenleben. Denn ich habe nicht so viel Kraft. Wenn ich sie habe, dann muss ich sie sehr konzentriert einsetzen. Das ist auch der Grund, warum es mir so schwerfällt, jetzt vor dem Konzert ein Interview zu geben.

Sie haben mal gesagt, Sie fänden Marlene Dietrichs Autobiographie so schön, weil da eigentlich nichts anderes drinstehe, als wie man Lavendelbeutelchen näht oder einen Fischgratin macht. Können Sie uns auch so ein praktisches Rezept auf den Weg geben?

Ich liebe das Kochen, weil man da sagen kann, man nehme das und das. Aber dem Leben kommt man nicht mit Rezepten bei.


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