NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Von der Wiese das Gras

© Jens Sundheim, Dortmund (D)
Cimitero Giubiasco TI. Linktext
Von Lilli Binzegger

Ein Freund, Mitglied eines weitverzweigten, recht vermöglichen Basler Familienclans, hat geerbt. Sein Vater starb vor einem Jahr im schönen Alter von 91 Jahren. An der Beerdigung waren auch zwei schwarzgekleidete Herren, die ihm unbekannt waren. Zur Familie gehörten sie jedenfalls nicht. Hatte er gedacht.

Er traf sie eine Woche später bei der Testamentseröffnung wieder, wo sie – nun waren sie von zwei weiteren Männern flankiert – den Erben über das prächtige Blumenbouquet auf dem Tisch hinweg gleich nach dem Verlesen des Testaments mitteilten, dass sie für ihre Bemühungen usanzgemäss eine Provision von drei Prozent des Erbes erheben würden. Da wurde dem Freund klar: er hatte sich getäuscht. Die anteilnehmenden Männer am Grab waren Mitarbeiter einer Privatbank, die der Vater testamentarisch als Erbverwalterin eingesetzt und damit mit einem Anteil von gegen einer halben Million Franken nolens volens wenn nicht zur Verwandten, so doch zur Miterbin gemacht hatte, die cash ungefähr gleich viel bekommen würde wie er und seine Geschwister. Denn der weitaus grösste Teil des Erbes steckte in Liegenschaften, die, weil die Erbteilung in der Vorgeneration nicht vollzogen wurde, in der erfreulich langlebigen Familie alle zur allseits unangefochtenen Nutzniessung bei Onkeln und Tanten lagen und den Erben damit vorderhand gar nicht zugänglich waren.

Es gibt so viele Erbgeschichten wie Menschen, hatten wir gedacht. Denn jeder erbt oder erbt nichts oder erbt nicht genug. Aber es gibt viel mehr Erbgeschichten als Erben oder Nichterben, denn ums Erben herum hat sich eine ganze Industrie installiert, die daran partizipiert und ihre eigenen Geschichten produziert: Erbverwalter, die sich mitunter erübrigen würden, öfter wohl aber notwendig sind; gerufene und ungerufene Testamentberater; gemeinnützige Organisationen, die, mit guten Gründen, auf Legatgeber aus sind; Genealogen, die nach verschollenen Erben suchen; Anwälte, die das Erbe rechtmässig regeln, aber nicht Unfrieden beheben können; Mediatoren, die Unfrieden beheben können, aber eben auch nur vielleicht. Erben keeps the Show going on, und die Show, die manchmal die Züge einer Slapstick-Komödie oder einer griechischen Tragödie trägt, unterhält einen aufs Beste. Solange man nicht selbst zu den Darstellern gehört.

Als wir in unserer Umfrage die achtjährige Olivia fragten, ob sie wisse, was Erben heisse, verstand sie zuerst «Erde» statt «Erben» und sagte: «Das ist, wenn man von der Wiese das Gras wegnimmt.» Und traf damit doch irgendwie den Kern der Sache, nicht?

Wir haben das Heft mit Bildern von Friedhöfen illustriert, da Sterben die unabdingbare Voraussetzung fürs Erben und Vererben und die Sterblichkeit das am gerechtesten verteilte Erbe ist.


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