Nein - als klassisches Bierland hat die Schweiz nie gegolten, obgleich die ursprünglich klösterliche Braukunst hierzulande ebenso traditionsreich ist wie in anderen Ländern Europas. Wer von Bierkultur spricht, denkt zuerst an die Deutschen, dann auch an die Tschechen, die Belgier, die Holländer oder die Briten, nicht an die Schweizer. Unser Volksgetränk war eben bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts der Wein - ungeachtet seiner bisweilen jämmerlichen Qualität und obwohl die Schweiz auch kein klassisches Weinland ist. Doch Reben wurden an allen möglichen und unmöglichen Stellen gepflanzt, und der Rebensaft war in normalen bis guten Erntejahren billiger als Bier, während in Jahren mit schlechten Getreideernten das Brauen sogar verboten war, weil man die Gerste - das Rohprodukt für das Malz - zum Brotbacken brauchte. Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden nach Schätzungen hierzulande pro Jahr lediglich ungefähr 5 Liter Bier pro Person getrunken.
Das änderte sich 1850 schlagartig, als Reblaus und Mehltau die Rebstöcke massenhaft dahinrafften. Dazu erschloss die Eisenbahn billige Beschaffungsmärkte für Gerste, Malz und Hopfen, und Kühltechnik wie Flaschenabfüllung erweiterten die bis dahin lokalen Absatzmöglichkeiten. Damals erlebten die schweizerischen Biersieder - rein äusserlich gesehen - eine Blütezeit, Brauereien schossen wie Pilze aus dem Boden. 1885, auf dem Höhepunkt, zählte das Land etwa 530 - zumeist sehr kleine - Brauereien mit einem jährlichen Ausstoss von gut einer Million Hektolitern. Zusammen mit den Importen ergab das einen jährlichen Pro-Kopf-Konsum von rund 36 Litern, mithin gut die Hälfte des heutigen Niveaus.
Der scharfe Konkurrenzkampf im überbesetzten Markt dezimierte die Zahl der Brauereien bis nach der Jahrhundertwende trotz einer Verdoppelung des Pro-Kopf-Konsums rasch, und die Branche versuchte, mit Hilfe eines «Strukturkrisenkartells» - das dann allerdings Jahrzehnte halten sollte - die für sie schmerzliche Strukturbereinigung aufzuhalten. Der Heimmarkt war klein und schrumpfte in den Kriegsjahren zusätzlich. Exportiert wurde traditionell wenig. Die Einfuhr gleichartiger Erzeugnisse wurde mit Argwohn betrachtet und mit Appellen an einheimisches Gewerbe und Konsumenten «vaterländisch» bekämpft.
Diese historischen Reminiszenzen klingen vertraut, weil sie zeigen, dass sich die Grundmuster des Marktes bis in die jüngere Zeit hinein eigentlich wenig geändert haben: Der Heimmarkt ist bei stabilem bis rückläufigem Konsum klein geblieben, der Export fast vernachlässigbar, der Import seit über zwei Jahrzehnten stetig steigend, die Kapazitäten sind zu gross, und es hat vermutlich immer noch zu viele kleine Unternehmen. Zu dieser Situation hat das erwähnte Kartell - die Mitte der dreissiger Jahre definitiv etablierte «marktordnende» Konvention der Brauer - wesentlich beigetragen. Die periodisch erneuerten und immer wieder an die Bedürfnisse der marktstärksten Verbandsmitglieder angepassten Verträge schützten die Kundschaft vor Abwerbung, regelten Preisstrukturen und Aktionswesen sowie die Nebenleistungen (Ausschank- und Kühleinrichtungen bis zu Gläserlieferungen), erzwangen die Produktionssortimente, schrieben selbst Flaschengrössen und -farben vor, würgten mithin einen grossen Teil des Wettbewerbs ab und lullten die kleineren Marktteilnehmer in die narkotisierende Fiktion von Solidarität ein. Die strukturelle Anpassung konnte so freilich nicht völlig aufgehalten werden; sie wurde lediglich aufgestaut und erfolgte dann jeweils schubweise, ebenso die Anpassung der unter dem Kartell weitgehend verödeten und uniformierten Produktpalette.
Gegen Ende der achtziger Jahre begann das Kartell sich aufzuweichen, zunächst durch den Austritt der Sibra-Gruppe, dann durch die vom Handel durchgesetzte Eigenmarkenproduktion. Parallel dazu stieg der Importdruck weiter an. Per Ende 1991 gab das Kartell schliesslich seinen Geist auf und setzte die während mehr als eines halben Jahrhunderts seines Regimes teilweise marktentwöhnten Brauer wieder ungeschützt dem rauhen Wind des Wettbewerbs aus. Die Zerstörung dieses Treibhausklimas fiel - auch abgesehen von der ungünstigen Konjunkturlage - in eine Zeit mit weltweiten Überkapazitäten und anhaltendem Konzentrationsdruck bei mehrheitlich rückläufigem Konsum. In den letzten Jahren produzierten die immer noch gut zwei Dutzend Schweizer Brauunternehmen mit ihren über 30 Braustätten um 4 Millionen Hektoliter Bier. Das ist weniger als 1 Prozent der Gesamtproduktion in Europa. Dänemark, Belgien und Österreich, ja selbst das Weinland Italien produzieren mehr als das Doppelte, andere klassische Weinnationen wie Frankreich und Spanien mehr als das Fünffache, die in Europa führende Biernation Deutschland das Dreissigfache. Vergleichen kann sich die Schweizer Bierproduktion in ihrem Ausmass nicht einmal mit jener Schwedens, problemlos immerhin mit derjenigen Griechenlands.
Ähnlich rangiert Helvetien auch bezüglich des Pro-Kopf-Konsums: An der Spitze liegen mit je rund 150 Litern - die statistischen Angaben divergieren - Tschechien und Deutschland vor Irland, Dänemark und Österreich mit 120 bis 130 Litern; Portugal und Spanien liegen als Weinländer mit rund 70 Litern Konsum pro Kopf mindestens gleichauf mit der Schweiz, wogegen etwa Frankreich, Griechenland und Italien auf dieser Basis noch Konsumpotential vermuten lassen.
Die internationale Optik unterstreicht deutlich, dass die Schweiz nicht als klassisches Bierland gelten kann. Die Erhöhung des rückläufigen Pro-Kopf-Verbrauchs - die Spitze lag 1911 bei über 84 Litern - müsste eines der wesentlichen Ziele einheimischer Brauer sein. Auch ist der Vergleich des gesamten Schweizer Bierproduktionsniveaus mit teilweise wesentlich bevölkerungsreicheren Ländern Europas keineswegs unfair; er zeigt lediglich, dass die sonst so exportorientierte Schweiz trotz sicher einwandfreier Qualität im internationalen Biermarkt - im Gegensatz zu andern Branchen - keine nennenswerte Rolle spielt. Auch in den letzten Jahren kam die Ausfuhr von Schweizer Bier kaum wesentlich über ein karges Prozent der Produktion hinaus; der Export ist damit, gemessen am Weltmarkt, wo jährlich schätzungsweise gegen 1,2 Milliarden Hektoliter Bier durch durstige Kehlen fliessen und verkrampfte Seelen entspannen, nicht einmal mit dem Tropfenzähler zu erfassen. Das gilt selbst für den europäischen Biermarkt, wo rund 450 Millionen Hektoliter produziert werden.
Produktionseffizienz und Exportfähigkeit sind ein Aspekt von Wettbewerbs- und Überlebenskraft, das Durchsetzungsvermögen auf dem Heimmarkt ist ein anderer. Und auch hier haben die schweizerischen Brauer in den letzten beiden Jahrzehnten «Niederlagen» - wenn man das im Zeichen der letztlich wünschbaren internationalen Verflechtung und Arbeitsteilung überhaupt so nennen darf - einstecken müssen. Bei einem durchschnittlichen inländischen Konsum von gut 4,5 Millionen Hektolitern in den letzten Jahren - das ist lediglich ein Achtel dessen, was die weltzweite und europagrösste holländische Brauerei Heineken jährlich ausstösst - stieg der Importanteil stetig an, und zwar von rund 2 Prozent um 1970 bis auf gut 15 Prozent im vergangenen Jahr. Erst die jüngsten Zahlen im laufenden Braujahr 1993/94 signalisieren eine mögliche Trendwende; die Importbiere, deren mengenmässiger Absatz schon in der vorangegangenen Periode nach kontinuierlich starken Zunahmen im schrumpfenden Schweizer Markt leicht zurückging, scheinen zurzeit auch anteilsmässig erstmals seit langem an Terrain zu verlieren. Ob das eine einmalige und zufällige Erscheinung ist, wird sich weisen.
So oder so werden es die Schweizer Brauer auch künftig nicht leicht haben. Bis jetzt hat die Auflösung des Kartells allerdings erstaunlich wenig Wirkung gezeitigt. Der internationale Druck wurde von den grösseren Unternehmen frühzeitig aufgefangen: Die marktführende Brauerei Feldschlösschen sicherte sich die Vertretung der französischen Marke Kronenbourg, Hürlimann spielt den verlängerten Arm für die dänische Gruppe Carlsberg-Tuborg; Eichhof verfolgt nebst branchenfremden Engagements eine konsequente Nischenpolitik mit führenden ausländischen Spezialitäten (Clausthaler, Warsteiner, Erdinger, Diebels, Grolsch) und holte sich mit dem Erwerb der Bierimport AG einen weiteren gewichtigen Anteil am Importgeschäft; Calanda Haldengut begann Heineken in der Deutschschweiz zu vertreten und wurde dann aus strategisch noch immer schwer fassbaren Gründen von diesem Unternehmen - es war dies der erste Einstieg eines ausländischen Unternehmens in den schweizerischen Markenbiermarkt - unter die Fittiche genommen. Der Rest der Branche besteht mehrheitlich aus «Winzlingen», die sich nach dem Fall des Kartells zu einer Interessengemeinschaft mit teils gleichgeschalteten Marketing-Aktivitäten zusammengeschlossen haben und zum Teil ihre eigene Nischenpolitik mit Spezialitäten betreiben.
Wie viele Brauereien hierzulande überleben werden, ist freilich ungewiss, zumal gerade kleinere Betriebe aus vielfältigen Gründen sogar mehr Chancen haben können als mittelgrosse Unternehmen. In einigen nationalen Biermärkten von Bedeutung dominiert ohnehin ein einzelnes Unternehmen einen Grossteil des Marktes, so auch in der Schweiz - namentlich nach dem als Bastion gegen ausländische Interessenten forcierten, aber unternehmerisch umstrittenen «Angstkauf» der branchenzweiten Sibra-Gruppe (Cardinal-Brauereien) durch Feldschlösschen.
Eine genaue Aufschlüsselung der Marktanteile ist zwar schwierig, weil nicht alle Unternehmen ihre Absatzzahlen ausweisen, geschweige denn nach Eigenprodukten sowie Import- und anderer Handelsware gliedern. Grob gesehen, alimentiert der Marktführer (Feldschlösschen/Sibra) einschliesslich der importierten Biere sicher gut die Hälfte des Konsums. Danach folgen mit grossem Abstand die Gruppen Calanda Haldengut mit etwa 13 Prozent (inbegriffen die Lohnabfüllungen unter andern Marken) und die Gruppen Hürlimann und Eichhof (einschliesslich Lizenzproduktion beziehungsweise Handelsware) mit je etwas unter 10 Prozent Anteil am Gesamtmarkt. In den Rest teilen sich noch immer gegen zwei Dutzend Klein- und Kleinstunternehmen. Mit dem Engagement am wachsenden Importmarkt haben sich die grösseren Unternehmen zweifellos an den richtigen Zug angehängt, derweil einige kleinere Firmen unter die Räder geraten dürften. Wahrscheinlich ist, dass die Branchenstruktur in ein paar Jahren auf redimensionierter Basis etwas anders aussieht.
Heinz Bitterli ist Wirtschaftsredaktor der NZZ.