NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Schlüsselsätze -- Hesiods Mengenlehre

Von Iso Camartin

Der Satz steht im Eingangsteil von Hesiods «Erga», einem Werk, geschrieben etwa zu Beginn des 7. Jahrhunderts v. Chr., das als eine Art Lehrgedicht unserer Zivilisation angesehen wird. Tatsächlich scheint ein Erbstreit mit seinem Bruder Perses zumindest der äussere Anlass für den Dichter gewesen zu sein, uns gleich zu Beginn seine Auffassung von dem mitzuteilen, was er für Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit hält. Dieser Bruder Perses muss ein rechter Bruder Liederlich gewesen sein. Kaum war das Erbgut des Vaters auf die beiden Brüder verteilt, hatte Perses seinen Anteil auch schon verjubelt und machte sich nun an den Teil des andern. Dazu waren ihm anscheinend alle Mittel recht: er bestach die Richter, selbst vor Meineid soll der Erbschleicher nicht zurückgeschreckt sein. «Teilten wir doch unser Erbgut bereits, und vieles darüber / Schlepptest du raffend hinweg, manch Stück den Herren verehrend, / Gabenschluckern, die gern auch diesen Prozess noch entschieden; / Toren, und wissen es nicht, wieviel mehr als das Ganze die Hälfte.»

So scheint die Mahnung vor allem zu besagen: gib dich mit der ehrlichen Hälfte zufrieden. Sei nicht begehrlich auf das, was dir nicht gehört. Unrecht Gut gedeihet nicht! Man kennt die Predigt der Bescheidung, die bei den Raffgierigen so wenig ausrichtet.

Doch ist damit die Lehre der halben Menge auch schon ausgeschöpft?

Kaum. Denn die Erbschaftsmoral ist bei Hesiod gut eingebettet. Einmal in eine Naturlehre, dann aber auch in eine dem Leben zugewandte Theologie. Noch etwas anderes nämlich wissen Toren nicht: «Toren, und wissen es nicht, wieviel mehr als das Ganze die Hälfte / Noch wie sehr auch in Knolle und Kraut ein kräftiger Nutzen.»

Die Hälfte des Gewinns, meint Hesiod, kann uns nicht durch Erbschaft zukommen, sondern allein durch Arbeit und Mühe beim Bebauen des Landes. Die Früchte der Erde: das ist die zweite Hälfte, die kann kein sorgender Vater vererben, die muss ein jeder selber pflanzen und ernten, damit er gut und zufrieden leben kann. Wer nicht merkt, dass diese Hälfte mehr bedeutet als alle Erbschaft, ist ein Tor. Ein frühes Plädoyer für die eigenhändige Arbeit also, gegen den Müssiggang desjenigen, der nur vom Ererbten leben möchte.

Doch damit nicht genug. Die Mengenlehre hat noch einen anderen Sinn. Der eigentliche Paukenschlag am Anfang der «Erga» ist nicht - in neuerer Terminologie - die Verteidigung der Arbeit gegen das Kapital. Worum es Hesiod vor allem geht, ist eine neue Einschätzung der Natur des Streites.

In seinem früheren Werk, in der «Theogonie», hatte der Dichter beschrieben, wie Nemesis, die Göttin der Rachsucht, missgünstige Töchter der Nacht gebar, unter ihnen auch Eris, die Göttin des Streits, «deren Herz voll Gewalttat» ist. Darauf kommt er hier zurück, gleichsam, um einen ihm unterlaufenen Fehler seiner Theologie auszubessern, und sagt: «Falsch war's, dass eins nur des Streites Geschlecht sei; nein, auf der Erde / Gibt es zwei. Den einen wird loben, wer ihn gewahr wird, / Tadelnswert ist der andre.»

Neben dem Streit, der Kriege verursacht, Menschen entzweit, Herrscherhäuser zerstört, gibt es den «guten Streit», bei dem nicht Recht gebrochen wird, sondern die Kräfte belebt werden und die Konkurrenz gefördert wird. Es sei gut für die Menschen, wenn sie sich gegenseitig anstachelten, wenn der Töpfer den Töpfer und der Sänger den Sänger durch gute Arbeit neidisch mache. Wer diese Hälfte des Streites begreift, hat mehr vom Leben, als wenn er sich blind zum Streithahn macht. Noch in dem, was als Übel gilt, gibt es die gute Hälfte zu entdecken. Wer sich aufs Halbieren nicht versteht, handelt sich nur das ganze Elend ein. Die Gabe der Unterscheidung zählt bei Hesiod mehr als die Tugend der Bescheidung. Es ist eine lebensfreundliche Klugheitslehre, die hier ausgebreitet wird, nicht eine lebensfeindliche Verzichtmoral.

Die Mengenlehre Hesiods hat in der Geschichte seltsame Abwandlungen und Aktualisierungen erfahren. Eine der hübschesten wohl bei Lessing in «Emilia Galotti». Dort sagt der Prinz Gonzaga zum Maler Conti, der das Porträt einer verflossenen Geliebten des Prinzen vorführt: «Alles, was die Kunst aus den grossen, hervorragenden, stieren, starren Medusenaugen der Gräfin Gutes machen kann, das haben Sie, Conti, redlich daraus gemacht - Redlich, sage ich? - Nicht so redlich wäre redlicher.» Nun sagt dies kein besonders redlicher Mann. Dennoch haben wir hier die eigentlich naheliegende Applikation von Hesiods Mengenlehre auf die Angelegenheiten des Herzens vor uns. In unserer Alltagssprache hat sich die Wendung erhalten: «Weniger wäre mehr gewesen!» Doch wer denkt noch daran, dass hier einmal Eros im Spiel war? Dass in Sachen Liebe nicht bloss fürs Auge die Hälfte manchmal unendlich viel mehr als das Ganze ist, welcher Liebhaber wüsste es nicht! So wäre Hesiod heute, nachdem das Erbschaftsrecht inzwischen die Güter der Altvorderen nach relativ durchschaubaren Kriterien verteilt und der Streit hier für vernünftige Menschen ganz und gar unlohnend erscheinen muss, als Mengentheoretiker immerhin noch im Liebesgeschäft aktuell. Sollten wir uns bei der Liebesgöttin nicht ebensosehr wie bei der Streitgöttin vor der gravierenden Hälfte ihres Wesens in acht nehmen? Ist hier nicht auch besser dran, wer den Gedanken der Ganzheit den Mythen überlässt und sich mit leicht erträglicher Halbheit akkommodiert? Dir, Hesiod, sei Lob und Dank! Du hast es uns beigebracht: das Ganze ist nichts als fauler Zauber. Auf die Hälfte kommt es an. Und zwar auf die bessere.


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