NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Lenin, Hyäne der Macht

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Für Michail Gorbatschow war er noch 2001 «das grösste Genie der Menschheitsgeschichte»; für viele Historiker ein Stratege und ein Besessener der Macht wie keiner sonst; für Nabokow «eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden».

Geboren 1870 in Simbirsk an der Wolga als Sohn eines adligen Staatsrats und Grossgrundbesitzers, sah sich Lenin, als er siebzehn war, zum Revolutionär bestimmt: Da wurde sein Bruder hingerichtet, weil er ein Attentat auf den Zaren vorbereitet hatte. 1895 gründete Lenin in Moskau einen «Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse», wurde verraten, für drei Jahre nach Sibirien verbannt und emigrierte danach nach Deutschland und in die Schweiz. Dort entwickelte er die Theorie, die ihm den Sieg bringen sollte – unter Berufung auf Karl Marx in einem vierfachen Salto über ihn hinweg.

1902, in seiner Schrift «Was tun?», verkündete er: Nicht die Arbeiterklasse selbst könne sich befreien – der Sozialismus sei ja von der bürgerlichen Intelligenz ersonnen und alsdann dem Proletariat nur «mitgeteilt» worden; also könne auch nur eine starke Organisation von Berufsrevolutionären den Sieg erzwingen. So war die Diktatur des Proletariats mit einem Federstrich in die Diktatur einer Kaderpartei über das Proletariat verwandelt. Zweiter Salto: Nicht warten, bis die Arbeiterklasse mit historischer Notwendigkeit zur Macht gelangt, wie Marx und Engels predigten, nein – die Revolution gewaltsam herbeiführen! Das spaltete 1903 im Exil zu Brüssel die russischen Sozialisten: «Bolschewiki», die Mehrheitler, setzten darauf, mit Lenin zu siegen.

Wenn aber die Marxisten sogar im hochindustrialisierten Westen warten wollten, dort, wo sich nach Marx der Umsturz vollziehen musste – welche Chance zur Tat sollte sich einem russischen Marxisten bieten, bei 80 Prozent bäuerlicher Bevölkerung? Der dritte Salto also, 1905: Die Bauern, von Marx als nutzlose Kleinbürger abgetan, werden zum Proletariat ernannt und auf die Seite der Revolution gezogen, indem man ihnen verspricht: Alles Land ist euer! Und natürlich (vierter Salto, 1915) kann der Sozialismus auch in einem einzelnen Land siegen – nicht gleichzeitig in allen Industrienationen, wie Marx prophezeit hatte. Und wie heisst dieses Land? Russland! So war die Botschaft von Karl Marx mit dem Erbe Iwans des Schrecklichen verschmolzen.

Im März 1917 geschah etwas für Lenin Unbegreifliches und Schockierendes: In Russland brach die Revolution aus – und seine war es nicht! Eine gemässigte sozialrevolutionäre Partei, gestützt auf hungernde Arbeiter und meuternde Soldaten, stürzte den Zaren und versprach die Aufteilung des Grossgrundbesitzes. Hegels «Weltgeist» (wenn es ihn denn gäbe) hätte zu Lenin sprechen können: «Bleib in der Schweiz! Deine Arbeit ist getan.»

Doch so spricht man nicht mit einer hechelnden Hyäne der Macht. Und schon im April 1917 schlug der Weltgeist seinen berühmtesten Purzelbaum: Das deutsche Kaiserreich verfrachtete Lenin in einem plombierten Zug ins neutrale Schweden, an die russische Grenze – denn Lenin versprach, den Krieg gegen Deutschland sofort zu beenden, während Russlands neue Herrscher weiterkämpfen wollten. Frieden um jeden Preis! Das Riesenreich fröhlich ruinieren, damit es reif für das Einzige wurde, worauf es Lenin ankam: seinen Sieg!

Am 8. November 1917 organisierte Trotzki den Sturm auf das Winterpalais; 5000 bewaffnete Arbeiter stülpten das Reich der 150 Millionen Russen um. Ein allrussischer Sowjetkongress berief Lenin zum Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare – den kleinen, stämmigen Mann mit dem runden Schädel, der nur selten zu den Massen sprach, aber die Revoluzzer elektrisierte mit seinem flammenden Fanatismus: Alles Land gehört den Bauern – reisst es an euch! Und alsbald brannten sie die Herrensitze nieder, oft die Scheunen dazu, und zerschlugen die Maschinen.

Im Dezember 1917 fanden freie Wahlen statt, die ersten der russischen Geschichte und die letzten bis 1991. Mehrheit für die gesetzestreuen Sozialisten, nur 24 Prozent für Lenins Bolschewiki! Also liess er im Februar 1918 die verfassunggebende Versammlung von bewaffneten Matrosen auseinanderjagen. «Nur Schufte und Idioten», sprach er, «können sich einbilden, dass das Proletariat erst bei Wahlen die Mehrheit haben muss.»

Im Sommer 1918 ordnete Lenin an, «die russische Erde von allem Ungeziefer zu säubern» – und das waren laut Solschenizyn Hausbesitzer, Lehrer, Telegrafisten, Priester, Mönche und Mitglieder von Kirchenchören; mehr als hunderttausend Gefolterte und Ermordete bis 1922. Seitdem durch einen Schlaganfall halb gelähmt, musste Lenin zusehen, wie jener Apparatschik nach der Macht griff, den er bis zuletzt hatte verhindern wollen: Stalin.

Der trieb dann Lenins Werk nach dessen Tod (1924) in die letzte Konsequenz. 1990 zog Radio Moskau die Bilanz, durch das kommunistische Experiment seien «im Lauf von siebzig Jahren mehr Menschen vernichtet worden als je zuvor oder danach in der Weltgeschichte».

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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