NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Meganett im Internet

Am Netz fasziniert Kids vor allem das Chatten.

Von Lilli Binzegger

Doch, er hat auch schon für die Schule Informationen aus dem Netz geholt, für einen Vortrag über Italien, da wollte er etwas über die Bevölkerung erfahren, fand aber nur die besten Hotels. Und wer wolle denn schon was über die besten Hotels statt über die Bevölkerungszahlen wissen. Na, ja. Aber was Roman, dreizehnjährig, da erzählt, trifft den Kern der Sache ziemlich genau, finde ich, denn was immer er bei der Demonstration seiner Internetkünste anklickt, entpuppt sich über kurz oder lang als Werbung und endet bei einem Button, mit dem man seine Bestellung aufgeben kann. Die Homepage ein tolles Inhaltsverzeichnis, das selten hält, was es verspricht: blinkende, zuckende, lockende Bildchen, und dann schlägt man als erstes den Kopf an einer vollgepflasterten Litfasssäule an, wenn man ihnen folgt.

Roman sagt: Du musst einfach www. und ein Wort eingeben, das dich interessiert, und dann noch de oder ch oder com. Mit www.snowboarden.com. erweckt er aber bloss einen wilden Farbprospekt des Hotels Pachmaier in Tirol zum Leben, und auf www.nintendo kann er die neuesten Spiele anschauen (anschauen!). Es gebe schon Adressen, wo man sie herunterholen könne, aber die kenne er nicht. Donkey Kong 64 hat er gerade geschenkt bekommen, aber das hatte er in der TV-Werbung gesehen. Er klickt einen «Adventskalender» an, wir schauen gar nicht mehr hin, weil wir sowieso nichts erwarten, aber jetzt macht der Computer ein infernalisches Geräusch, es macht huii! plopp! peng! ckrchch!, es blitzt und donnert, eine Sonne verglüht, Advent, Advent, der Bildschirm brennt, ich find's lustiger als er.

w - w - w - . - e - u - r - o - s - p - o - r - t - . - d - e tippt er jetzt im System Adler mit dem linken Zeigfinger ein, und unter einer grossen Fishermen's-Friends-Werbung erscheinen bewegte Bildchen. Den 360er und den 540er kann Roman selber auch, aber der 720er sei megaschwer. Nein, der Backflip unten rechts ist nicht Snowboarden, den macht man mit Ski, und mit Skifahren hat Roman mit sechs aufgehört. Unsereins hatte noch nicht mal damit angefangen mit sechs.

Aber überhaupt guckt Roman gar nicht so gern Sport, und das Internet findet er auch ziemlich langweilig, er macht lieber draussen etwas, macht mit Kollegen ab, geht mit ihnen Skaten und Snowboarden, dieses Jahr haben sie auf dem Pfannenstiel eine Schanze gebaut. Er wollte auch schon mal ein Brett per Internet kaufen, das hier 800 Franken kostet und dort für 95 Dollar angeboten wurde. Der Preis galt aber nur, wenn man es in New York abholte.

Romans kleine Schwester kommt und will auf www. superrtl.de Super Metty gucken, was definitiv unter Romans Würde ist. Kinderkram. Total beknackt.

Der Computer ist ein Knabenspielzeug, Knaben haben viel öfter einen Computer im eigenen Zimmer als Mädchen, 50 Prozent gegenüber 15 Prozent. Zu diesem Schluss kommt Annette Kielholz in ihrer am Psychologischen Institut der Universität Bern verfassten Studie. Wo in der Familie ein Knabe und ein Computer sind, gehören sie zusammen: Knabe + Computer = 1. Aber erst Mädchen + Computer + Vater = 1. Die Mädchen nennen als Hauptnutzer des Computers den Vater, die Knaben sich selbst. Knaben geben zu Hause mehr als doppelt so oft den Anstoss zum Kauf eines Computers. Vielleicht hätten aber auch mehr Mädchen gern einen Computer, bloss kriegen sie ihn nicht so schnell, weil sie technisch ja unterbelichtet sind und sowieso heiraten. Dabei muss man den Computer nicht mal in Stücke zerlegen, um ihn zu bedienen. Aber vielleicht wissen viele Väter das nicht.

Tosca ist sechzehn, hübsch und hat sich im Internet in Tim verliebt. Sie wird ihn am Freitag zum erstenmal treffen und ist ziemlich nervös. Zum Beispiel weiss sie nicht, was sie anziehen soll. Tim hört Trance und sie eher Hip-Hop. Der Kaputzenpulli ist Hip-Hop, der geht also schon mal nicht. Die Hippiehosen gehen auch nicht. Sie trägt Turnschuhe und er elegante Schuhe, hat er ihr gesagt. Zu seiner Musik gehört elegant, und sie hat keine so megaeleganten Sachen.

Am Ende wird er ihr zuliebe in Hippiehosen zum Treffen kommen und sie ihm zuliebe in Bügelfalten, ein bisschen so wie in dem traurigen Märchen, in dem die Frau ihr schönes Haar verkauft, um dem Mann eine Uhrenkette zu kaufen, und er die Uhr verkauft, um ihr einen Kamm für ihr schönes Haar zu schenken.

Kennengelernt hat sie Tim beim Chatten. Er war allein in einem Chatroom, und sie fragte ihn, was er dort so allein mache. Dann hätten sie ein bisschen herumgestritten und sich dann normal unterhalten, im Internet das übliche Ritual.

Einen Chatroom stellt man sich am besten wie ein Puppenhaus mit verschiedenen Zimmern vor, in dem man tun kann, als ob, und wo man in die Figuren eine Menge hineinprojizieren kann. Tosca hätte sich nicht verliebt, wenn sie sich nicht ein Bild von Tim gemacht hätte, noch ehe er ihr eins schickte. Und verliebt ist sie mit den gleichen Anzeichen, wie wir sie selber mit sechzehn aufwiesen, als wir uns in die Burschen aus dem Erziehungsheim verliebten, die nicht mit uns in die Schule gingen, weshalb wir sie nicht so gut kannten, was einen beträchtlichen Teil ihrer Attraktivität ausmachte. Bloss verheimlicht Tosca das nicht, die Geschichte wird am Familientisch verhandelt.

Was machst du, wenn er dich küssen will?

Das habe sie sich eben auch schon überlegt, aber sie glaube, er sei schüchtern, aber wenn er ihr gefalle, dann überlege sie es sich.

Wäre es denn das erstemal?

Ja, eben!

Und für ihn?

Für ihn, glaubt sie, auch.

Was sie trinken soll, weiss sie auch noch nicht. So ein Stress. Ein Coca-Cola vielleicht.

Und was machst du, wenn er klein und dick ist?

Ist er nicht! Er ist einsachtzig!

Was tust du, wenn er Dir nicht gefällt?

Das wäre schon nicht so gut. Nachdem sie ihm schon so viel erzählt und so viel an ihn gedacht und so viel Zeit in ihn investiert hat.

Wenn sie eine Stunde am Tag chattet, dann ist das wenig. Mit Tim war sie in den Weihnachtsferien einmal von nachts um elf bis morgens um vier im Netz.

Sie wird ihre Freundin zum Treffen mitbringen und er einen Freund. Sie kennt seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer, denn sie schreiben einander auch und telefonieren stundenlang, und sie hat ein Föteli von ihm (und wird ganz rot, wie sie es zeigt: er ist hübsch und hat lustige Augen). Und sie weiss auch sonst noch eine ganze Menge über ihn. Er ist ein Jahr älter als sie, Elektronikerstift (schon mit Unterstift!), vor seinem Haus hat es Wiesen, und er hat einen Bruder, den «kennt» sie auch, selbstverständlich aber auch nur virtuell. Wüsste sie nicht so viel über ihn, würden die Eltern sie gar nicht gehen lassen. In ihrem näheren Umfeld gab es einen Fall, in dem sich ein 40jähriger, der sich als 16jähriger ausgab, via Internet an eine 13jährige heranmachte und sich an ihr verging.

Also das geht so: Du klickst dich erst in den globalen Chat, dann klickst du dich weiter in einen der Räume, ins Café oder in den Treffpunkt, dort ist jeweils für 25 Leute Platz. Wenn die voll sind, gehst du vielleicht in den Fussballraum. Nicht dass dort jemand über Fussball spricht: er heisst einfach so. Dann klickst du den Namen von einem der Leute an, die dort sind, und fängst ein Gespräch mit ihm an.

Wie weiss Tim, in welchem Raum du bist?

Er sieht mich ja. Ich bin immer unter dem gleichen Namen dort: Tweety. Das kennst du? Das Vögeli aus dem Trickfilm?

Und dann?

Dann fragst du nach dem richtigen Namen, nach dem ersten Buchstaben, rätst, das kann man richtig spannend machen. Auch nach den Hobbies und so. Am Anfang ist das ein richtiges Frage-und-Antwort-Spiel.

Tosca klappert auf den Tasten herum, während sie das Chatten erklärt, und klickt Namen an. Tosca wohnt in der Innerschweiz und chattet in einer Sprache, die nicht sonderlich viel Ähnlichkeit mit Deutsch aufweist: Hed mer rüüdig gfalle met der!!!! *ggg*. (*g* steht für Lachen, *ggg* folglich für fest Lachen.) Im Hintergrund rappen die Fantastischen Vier, beim Chatten hat Tosca immer den Fernseher an, auf Viva eingestellt. Jetzt um 21 Uhr ist viel Betrieb in den Chatrooms, vor 20 Uhr müsste man dort nicht allzu viel wollen, Chatten ist wie abendlicher Ausgang. Und das Gefühl der Zweisamkeit, wenn man das sucht, stellt sich auch leichter ein, wenn das Licht einer Lampe die Welt begrenzt, als bei Tag.

Aber das Zwiegespräch mit Tim ist das eine, das hier ist etwas ganz anderes. Tosca klickt an und wird angeklickt, das ist wie wenn sich die Jugendlichen beim Einnachten auf dem Dorfplatz treffen, bloss ohne Ton. Lautloses Geplauder, bei dem ihr auch einmal ein «du Arsch!» entwischt, wenn ihr etwas nicht passt, ein Ausdruck, den sie im richtigen Leben nicht braucht. Drei gleichzeitig schafft sie, sagt sie, aber nur wenn die drei ausser ihr auch noch andere haben. Richtig wichtig nimmt sie aber nur einen, und der ist jetzt nicht da.

Ihre Mutter sagt: Im wirklichen Leben heisst es bei dir immer: der hat doofe Hosen an oder hat eine doofe Frisur, der ist überhaupt nicht cool, mit dem würde ich nicht einmal reden. Und im Netz gibst du dich mit jedem Totsch ab.

Sonst holt Tosca aus dem Internet manchmal noch Informationen für einen Vortrag, ein Computerfreak ist sie aber nicht. Nicht wie die Schulkollegin, die fast draufging, als sie zu Hause auf dem Hof nach dem grossen Sturm keinen Strom hatten. Andere laden sich für Buchvorträge Zusammenfassungen aus dem Netz herunter und schreiben sie ein wenig um, dann müssen sie das Buch nicht lesen. Tosca liest lieber selber, sie liest gern. Sie ist im ersten Semi und will Lehrerin werden.

Es falle auf, dass Mädchen sich häufiger als Knaben nur konsumierend im Internet aufhielten. Sobald Fachwissen erforderlich sei, etwa beim Online-Spielen und vor allem beim Programmieren von eigenen Homepages, blieben sie weg. Aber tun die Mädchen es nun weniger oft, weil sie es weniger gut können? Oder können sie es vielleicht weniger gut, weil sie es weniger oft tun? Tun sie es nämlich vielleicht weniger oft, weil man es ihnen schwerer macht? Denn nicht nur haben sie weniger selbstverständlich einen Computer zur Verfügung als die Knaben, sie haben sich auch viel öfter an den Kosten zu beteiligen als diese. Oder aber die Knaben geben nur hoch an: Unter den männlichen Freaks, heisst es nämlich in der Studie, hätten viele angegeben, den Begriff «Labeling» erklären zu können, obwohl es den im erfragten Zusammenhang gar nicht gibt.

Im Internet-Treff am Stauffacher in Zürich sitzen sie an dem schulfreien Nachmittag zu dritt vor zwei Computern, der Sekundarschüler Carlo und seine Freunde aus der zweiten Real. Zwei deponieren im Chatroom zotige Voten (Käti, bisch spitz?), der dritte lädt sich von www.ringtone.de neue Klingeltöne fürs Handy herunter. Musik läuft, der Raum ist vom Schein der Bildschirme und der Leuchtkonsolen ganz blau. Carlo gibt sich im Netz als das aus, was er ist. Das glaube man ihm nämlich ebenso wenig wie wenn er schreibe, er sei 38 und habe einen super Body. Da kann er gleich die Wahrheit sagen. Er tarnt sich bestens mit sich selbst.

Carlo ist etwa dreimal pro Woche für 1 bis 2 Stunden hier. Um zu chatten, um Spass zu haben, Leute kennenzulernen.

Leute kennenzulernen?

Im Computer natürlich. Bei Schulstress kannst du abschalten. Ok, es macht süchtig.

So wie Fernsehen?

Fernsehen ist elektronisches Kindermädchen. Hier musst du selbst noch was machen.

Braucht er das Internet auch für die Schule? Kennt er www.spickzettel.ch mit über 125 Spick-Tips (Spickzettel in den Baum vor dem Fenster hängen und dergleichen) und den besten Ausreden für nichtgemachte Hausaufgaben (von denen eine geradezu grandios und in allen Lebenslagen anzuwenden ist, nämlich: Ihr Ansinnen verletzt mein religiöses Empfinden)?

Da sagt Carlo ziemlich abgeklärt: Entweder ist Schule, dann ist Stress. Oder es ist Chatten, dann ist Spass.


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