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NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business Inhaltsverzeichnis
Mit 42 PS dem Glück hinterher
© Jürgen Müller, Schleiz (D).
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| Anschubhilfe vom Vater: Trotzdem kommt Jasha Huber bei den Rennen noch nicht so richtig auf Touren. |
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Jasha Huber ist 15 Jahre alt und hat ein hohes Ziel: Er möchte Töffrennfahrer werden. Seine Eltern und seine Schwester tun alles, damit sein Wunsch in Erfüllung geht.
Von Remo Geisser
Der Bub kommt nicht. In Schleiz, dem einstigen DDR-Motorsportmekka, wogt am Pistenrand das Korn im kühlen Sommerwind. Immer wieder schaut der Vater hinauf zum Anfang der Zielgeraden und dann auf das I-Phone, mit dem er die Rundenzeiten stoppt. Sekunden verrinnen. Minuten. Einzeln und im Pulk jagen Motorräder an der Boxenmauer vorbei. Aber der Bub kommt nicht.
Motorräder sind die Passion der Familie Huber aus dem sanktgallischen Algetshausen. Als junges Paar fuhren Hildegard und Christian Huber mit schweren Maschinen übers Land. Mit den Kindern kamen die Kindersitze. Als der Sohn Jasha drei Jahre alt war, sah die Familie einmal bei einem Pocketbike-Rennen zu. «Ich will auch so eins!» sagte der Kleine. Er musste dann noch anderthalb Jahre warten, bis er das Pocketbike bekam. An Weihnachten 1999 stand es endlich unter dem Christbaum. Der Töff wurde in die Scheune getragen und der Bub draufgesetzt. Er drehte am Gashahn, der Motor knatterte, und der Vater konnte den Sohn gerade noch festhalten, bevor er davonbrauste. Der Kleine wäre frontal in die Wand gerast. Ein paar Monate später fuhr Jasha Huber, erst fünfjährig, sein erstes Rennen. Ein Lederkombi hatten die Eltern als Occasion gekauft, und weil es für die kleinen Füsse des Buben noch keine Bikerstiefel gab, trug er Wanderschuhe.
In Schleiz ist der Bub auch nach Trainingsschluss nirgends zu sehen. Der Vater verlässt die Boxenmauer. Die Mutter und die Schwester kommen aus der Kurve zurück, in der sie Bilder fürs Familienalbum geknipst haben. In diesen Momenten werden mehr fragende Blicke getauscht als Worte. «Wenn etwas Schlimmes passiert wäre, hätten sie das Training abgebrochen», sagt Christian Huber. Seine Tochter Wendy ringt stumm die Hände. Die Mutter verschwindet im Wohnmobil und klappert mit den Kochtöpfen. Nach einer Weile streckt sie den Kopf aus der Türe und ruft: «Da kommen sie endlich!» Mit einem Transporter wird Jasha Huber samt Maschine beim alten Zielgebäude abgeliefert, das nach einer Streckenkorrektur abseits der Strecke vor sich hin lottert. Das Lederkombi des Fahrers ist staubig, am Motorrad ist etwas Lack ab. Irgendwo im Niemandsland hat sich der Motor blockiert, der Fahrer ist gestürzt.
Hektik kommt auf in der Familie Huber. Die Mutter hilft beim Aufbocken des Töffs, die Tochter schleppt die Werkzeugkiste heran, der Vater beginnt zu schrauben. Der Sohn Jasha schaut etwas betreten zu. Nein, wehgetan hat er sich nicht. Aber in zwei Stunden steht das nächste Training an, und noch weiss niemand, was an der Maschine alles kaputt ist. Der Vater zerlegt den Motor, die Mutter stellt dem Sohn einen Teller mit Teigwaren auf den Campingtisch. «Das gibt Kraft», sagt sie. Der Sohn langt zu.
Jasha ist 15 Jahre alt und mit nur 45 Kilogramm ein Leichtgewicht in der 125er-Kategorie. Acht Kilo Blei hat der Vater ans Motorrad geschraubt, und auch nach dem Rennen muss immer noch etwa ein Liter Benzin im Tank sein, damit das Gesamtgewicht von Fahrer und Maschine das vorgeschriebene Minimum von 136 Kilogramm erreicht. Die Benzinmenge kontrolliert die Mutter, und sie nimmt es genau. Nicht nur wegen des Gewichts, sondern auch, weil Jasha einmal mit leerem Tank stehen geblieben ist. «Das passiert uns nicht noch einmal!» sagt sie.
Seit neun Jahren bereits ist die Familie Huber im Rennsport unterwegs. Zuerst tingelte sie durch die Schweiz, wo auf grossen Parkplätzen um die Pocketbike-Meisterschaft gefahren wurde. Wenn der Bub sein Rennen absolviert hatte, faltete sich der Vater auf dem Miniaturtöff zusammen und trat in der Seniorenkategorie an. Da war der Ehrgeiz weniger wichtig als der Plausch. Auch die Tochter Wendy versuchte sich als Rennfahrerin, fühlte sich aber nicht wohl im Gewimmel von Menschen und Maschinen. Heute ist sie meist stille Beobachterin. Wendy Hubers grosser Moment kommt, wenn sie bei der Startaufstellung Jasha mit dem Schirm Schatten spendet.
Als ehemaliger Landmaschinenmechaniker bekam Christian Huber die rudimentäre Technik des Pocketbikes rasch in den Griff. «Ich musste einfach statt des grossen Hammers den kleinen nehmen», sagt er. Der Sohn Jasha stieg von einer Kategorie in die nächste auf. Heute fährt der 15jährige eine 125er-Honda in der Internationalen Deutschen Meisterschaft IDM, der Vorstufe zur Weltmeisterschaft. Den Hammer nimmt der Vater nicht mehr zur Hand, wenn er am Motorrad werkelt, dafür das Manual. Zwischen den Trainings blättert er durch Tabellen und versucht herauszufinden, wie er die Maschine am besten auf die Strecke abstimmen kann. Weiss er nicht weiter, ist guter Rat nicht fern. Das Fahrerlager ist ein grosser Zeltplatz, auf dem jeder jeden kennt. Tips sind wohlfeil, und für bares Geld bekommt man vom neuen Zylinder bis zur gebrauchten Rennmaschine alles.
In Schleiz kommt ein deutscher Rennfahrervater vorbei, sagt, das Wetter sei schön, und knetet nervös seine schwieligen Hände. Hildegard Huber fragt, wie es seinem Sohn gehe. Der ist vor ein paar Wochen nachts im Fahrerlager beinahe im Schlaf erstickt, seine Schwester hat ihm das Leben gerettet. Solange die Ärzte über die Ursachen rätseln, hat der Bub Startverbot. Sein Vater hadert, ein Rennfahrer brauche doch Kilometer. «Denk an die Gesundheit deines Sohns», sagt Hildegard Huber. Jasha hört stumm zu. Er hat andere Probleme. Sein Töff steht ausgeweidet da, noch immer schraubt sein Vater. Und dem Bub ist von der Rennleitung untersagt worden, mit dem Roller zu seinen Kollegen auf dem weitläufigen Campingplatz zu fahren. Zu jung! Das will einem nicht einleuchten, der die Lizenz hat, mit 200 km/h über die Rennstrecke zu rasen.
In der IDM haben die meisten den ehrgeizigen Wunsch, den Sprung zum Profi zu schaffen. Das bekam die Familie Huber zu spüren, als Jasha 2009 erstmals in dieser Serie antrat. Für 16 000 Franken hatte die Familie vor der Saison eine neue Maschine angeschafft, ein Rennmotorrad von Honda. Das Geld reichte für das Basismodell, nicht aber für die teuren Kits, mit denen man die Maschinen aufmotzt. Die Federung kann verbessert werden, es gibt die Möglichkeit, das Getriebe auf jede Strecke abzustimmen, und in die Angebote von Tuningfirmen kann man fast endlos Geld stecken. Das Gefälle ist in der IDM riesig. Im ersten Rennen von Jasha Huber zeigte sich: Die Spitze raste mit gut 50 PS über die Strecken, und er fuhr mit knapp 40 PS hinterher. Inzwischen wurde der Motor auf 42 PS getunt – mehr lag in dieser ersten IDM-Saison nicht drin. Auch so kostet das Rennjahr 2009 von Jasha Huber rund 30 000 Franken.
Was geben andere aus? «Viel zu viel für so ein Familientreffen», sagt Toni Mang. Der frühere Weltmeister gibt seit 2007 zusammen mit Sepp Schlögl und Adi Stadler dem deutschen Marcel Schrötter Anschubhilfe, dem Gewinner der IDM-Serie 2008 und 2009. Prominenter könnte das Förderteam nicht sein. Mang ist in Deutschland eine Rennsportlegende, sein früherer Mechaniker Schlögl hat zuletzt dem Schweizer Thomas Lüthi zum WM-Titel verholfen, und Stadler ist in der Honda-Rennsportabteilung für die 125er verantwortlich. Die drei arbeiten quasi zum Selbstkostenpreis. Stadler sagt: «Würden wir alles rechnen, käme Schrötters Budget auf 150 000 Euro.»
Jasha Huber hat Vater, Mutter, Schwester. Seine Rennsportkarriere ist eine Familienangelegenheit. Zusammen an die Rennen reisen, zusammen weiterkommen, zusammen auch Tiefs durchmachen – das ist das Leben der Hubers aus Algetshausen. Anfangs durfte Jasha nur im Training mitfahren. Die Hubers legten Hunderte von Kilometern zurück, damit der Bub 40 Minuten lang Gas geben konnte. Später tuckerte die Familie im Wohnmobil zum ersten Rennen nach Budapest. Dort hiess es: «Jasha ist zu jung.» Wieder war er nur Zuschauer. «Anfangsschwierigkeiten gibt es immer», sagt Christian Huber. Auch im Rennsport zählt nicht nur der Speed – Ausdauer und Hartnäckigkeit sind genauso wichtig. Fährt der Bub hinterher, sagt der Vater oft: «Nur am Material liegt es nicht.» Dann schaltet sich die Mutter ein: «Du siehst doch, dass die Maschine nicht läuft.»
Finanziell bewegt sich die Familie nun im Grenzbereich. Die rund 30 000 Franken für die abgelaufene Saison sind das, was sich die Hubers leisten können. Der Vater arbeitet im Aussendienst von Coca-Cola, und die Mutter verdient Geld dazu, damit das Familienhobby weiterhin finanziert werden kann. Morgens um fünf verteilt sie Zeitungen, um sieben frühstückt sie mit den Kindern, dann geht sie in die Fabrik. Ferien bedeutet, dass man zwischen zwei Rennen nicht nach Hause reist und das Wohnmobil ein paar Tage an einem schönen Ort parkiert. Im nächsten Jahr soll das Budget noch einmal erhöht werden, damit das Motorrad konkurrenzfähig gemacht werden kann. Der Vater hat vor, bei potentiellen Sponsoren die Klinken zu putzen.
«Ich will einmal in der WM fahren», sagt Jasha Huber. Voraussetzung dafür sind Spitzenränge in der IDM, und es stellt sich die Frage, ob diese für das Familienunternehmen Huber erreichbar sind. «Mein Wissen ist zu begrenzt», sagt Christian Huber, während er an Jashas Motorrad herumschraubt. Die Abstimmung ist eine komplexe Angelegenheit. Bei den Hubers richtet sie sich nach dem Fahrgefühl des Sohnes und dem Auge des Vaters. Die beiden wechseln nach dem Training ein paar Worte. Dann greift der Vater zu Handbuch und Schraubenschlüssel. «Probieren wir mal.»
Ein Schritt zur Professionalisierung der Karriere von Jasha wäre seine Placierung in einem Team, aber das würde rund 50 000 Euro kosten. Und: Die Familie müsste einen Teil ihrer Freiheit aufgeben. Das wollen die Hubers im Moment nicht. «Unser Gewinn ist ja, dass wir gemeinsam das tun, was uns allen Spass macht», sagt Hildegard Huber. Noch steht die Familie nicht unter Druck. Jasha hat die zweite Realklasse begonnen, und solange er zur Schule geht, wird wohl alles weiterlaufen wie bisher. Der Bub hat von der Schulbehörde an den Rennwochenenden jeweils einen Dispens für den Freitag, damit er die Trainings bestreiten kann. Allerdings gilt diese Sonderregelung nur, solange die Noten gut sind. Dass Jasha da seine eigenen Ansichten hat, zeigte sich schon früh. Als Erstklässler hatte er Mühe mit dem Lesen. Die Lehrerin sagte, wenn er dereinst als Rennfahrer einen Vertrag unterschreiben müsse, wolle er ja wohl auch wissen, was drinstehe. Darauf antwortete der Knirps: «Dafür habe ich dann einen Manager.»
Die Zeit der Verträge und Manager hat für Jasha Huber noch nicht begonnen. In Schleiz hat der Vater nach dem Trainingsunfall den Motor zerlegt und einen festgefahrenen Kolben gefunden. Weil er nicht sicher ist, ob der Zylinder beschädigt ist, will Christian Huber das Risiko einer Reparatur nicht eingehen. Also wird das alte Bike aus dem Laderaum des Wohnmobils geholt und renntüchtig gemacht. Der Motor heult, die Schwester dreht am Gashahn, um die Maschine auf Betriebstemperatur zu bringen. Die Mutter hilft dem Sohn ins Rennkombi. Gerade rechtzeitig für das nächste Training ist er wieder an der Strecke. An der Boxenmauer steht der Vater mit dem I-Phone und stoppt Rundenzeiten.
Am Abend gehen die beiden mit einem Rennfahrerkollegen von Jasha und dessen Vater zu Fuss die Strecke ab. Die Buben erzählen, wo sie wie gefahren sind, und die Väter erklären, was man besser machen könnte. Im Qualifying am Samstag versucht Jasha das umzusetzen. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Nach dem Rennen setzt Jasha sich im Fahrerlager stumm an den Campingtisch und isst Teigwaren, weil das Kraft gibt. Nach einer Weile sagt er: «Das ist ein Lehrjahr. Da muss ich durch.»
Remo Geisser ist Mitglied der Sportredaktion der NZZ.
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