NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

«Wer ist meinesgleichen?»

Badi Zebib, ein Libanese in der Schweiz.

Von Benno Maggi

«Am Anfang war dieses Bild von einem kleinen Land im Westen, wo eine Koexistenz verschiedenster Kulturen und Völker möglich schien.»

Badi Zebib war 1978 gerade 19 Jahre alt und hatte die letzten Monate seiner Ausbildung als Elektroniker inmitten der Kriegswirren seines Heimatlandes, Libanon, absolviert. Als ältester Sohn einer zehnköpfigen Familie war es nun seine Pflicht, einen Teil des Lebensunterhalts seiner jüngeren Geschwister zu tragen. Er fand eine Stelle in einem Fotokopiergeschäft, war dort für die Wartung der Apparate zuständig. Doch je länger der Krieg wütete, desto weniger konnte er seiner Arbeit nachgehen.

«Immer wieder mussten wir wegen Bombenalarms oder Kampfhandlungen in unserem Viertel den Laden dichtmachen, zu Hause sitzen und warten, bis alles vorüber war. Ende Monat wurde jeweils abgerechnet; die Tage, an denen nicht gearbeitet werden konnte, wurden vom Lohn abgezogen. Am Ende blieb so wenig übrig, dass die Angst, in diesem Krieg zu überleben, für mich und meine Familie nicht mehr nur von Bomben und Raketen abhing.»

Aufgewachsen und zur Schule gegangen war Badi Zebib im christlichen Stadtteil von Beirut, zu einer Zeit, als die Stadt die Perle der Levante war: wuchtige Promenaden, Strassencafés, französische Noblesse und arabische Geschäftigkeit prägten das Bild. Glaubensunterschiede unter den Bewohnern erlebte der junge Badi als eine Ausdrucksform menschlicher Individualität; man respektierte sich gegenseitig und liess einander gewähren.

«Es prägt einen, wenn man zu Beginn des Erwachsenwerdens jäh aus diesem Idyll herausgerissen wird und erkennen muss, dass das Leben plötzlich ein anderes ist: Bomben fallen, Läden fliegen in die Luft, Freunde werden erschossen - deine Kindheit geht verloren.»

Für die muslimische Familie Zebib wurde es unmöglich, weiter im christlichen Teil Beiruts zu leben; sie musste sich dem Exodus in den Westen der Stadt anschliessen und in ein Quartier ziehen, wo sie unter ihresgleichen sein konnte.

«Ich fragte mich oft, wen ich als meinesgleichen bezeichnen sollte. Sind Menschen, welche die gleiche Konfession haben, meinesgleichen? Sind Menschen, welche die gleiche Arbeit haben, meinesgleichen? Sind Menschen, welche das gleiche Geschlecht haben, meinesgleichen? Ich habe Freunde und Arbeitskollegen verloren, nur weil sie eine andere Konfession hatten; ich habe sie auf der Strasse getroffen und gegrüsst, doch die Waffe in ihrem Arm war dazu gedacht, Menschen wie mich zu töten.»

Badi musste nicht in ein fremdes Land gehen, um ein Emigrant zu werden. Es genügte, innerhalb der Stadt das Quartier zu wechseln, und von einem Tag auf den andern war das, was er aus seiner Kindheit kannte und seine innere Heimat nannte, weiter weg als irgendein anderer Ort auf der Welt. Er sah nur zwei Möglichkeiten für seine Zukunft: Entweder er schloss sich einer Miliz an und kämpfte, oder er verliess seine Heimat, um in der Fremde das zu finden, was er zu Hause durch diesen Krieg verloren hatte. 1979 ging Badi nach Saudiarabien.

«Mir schien es sinnvoller, in der Fremde für gutes Geld etwas aufzubauen, als in der Heimat mitzuhelfen, mit Waffengewalt alles zu zerstören. In meinem Heimatland bildeten sich Milizen nach Konfessionen und bekriegten sich gegenseitig, während ich in Saudiarabien mit Libanesen verschiedenster Konfessionen zusammenlebte und arbeitete, als gäbe es unser Heimatland mit all seinen Konflikten nicht.»

Aber im Ausland machte er auch noch andere Erfahrungen; zuerst in Saudiarabien - anfangs als Angestellter, dann als selbständiger Geschäftsmann -, später in Italien und dann in der Schweiz: Da in den Medien über sein Heimatland nur im Zusammenhang mit Krieg und Terrorismus berichtet wurde, lebte er im Ausland mit der ständigen Angst um seine Familie, und seine Nationalität begann zur Hypothek zu werden.

«Es stimmt dich traurig, wenn du überall, wo du auch hinkommst, zuerst beweisen musst, dass du nicht schlecht bist, nur weil du Libanese bist.»

In Saudiarabien verdiente Badi Zebib gut; er konnte, geschäftlich wie privat, westliche Länder bereisen. In Italien lernte er seine Frau kennen, eine Schweizerin, mit der er 1983 erstmals auch ihr Heimatland besuchte.

«Hast du genügend Geld, um dir Hotels und Restaurants zu leisten, dann fragt dich keiner, woher du kommst und was du tust. So sah ich damals nur das Bild bestätigt, das ich von der Schweiz gehabt hatte: All die Bücher und Prospekte, die ich in Saudiarabien von der Schweizer Botschaft erhalten hatte, entsprachen der Realität.»

Eine andere Realität lernte Badi Zebib erst später kennen, als er mit seiner Frau 1987 in die Schweiz übersiedelte. Zuvor hatten sie gemeinsam in Saudiarabien gelebt in der Absicht, das eigene Geschäft weiterzuführen. Seine Frau war es von der Schweiz her gewohnt, zu arbeiten und sich frei zu bewegen. Dass dies in einem islamischen Land nur bedingt möglich sein würde, war beiden klar gewesen. Als aber ihre Beziehung unter den kulturellen und gesellschaftlichen Zwängen Saudiarabiens zu leiden begann - Badi Zebibs Frau durfte im Geschäft ihres Ehemanns nicht einmal die kleinsten Arbeiten erledigen -, beschlossen sie nach einem Jahr, in die Schweiz zu ziehen.

«Wir hofften, in der Heimat meiner Frau Ruhe zu finden. An einem ihr vertrauten Ort neu anzufangen schien uns letztlich doch einfacher. Ich war es eher gewohnt, alles aufzugeben, als sie; mein ganzes bisheriges Leben war ja ohnehin ein permanenter Ausnahmezustand gewesen.»

Durch die Heirat im Besitz einer Arbeitsbewilligung B, hoffte Badi Zebib, bald eine Stelle zu finden. Seine Frau bekam ihre frühere Arbeitsstelle wieder und konnte für den gemeinsamen Lebensunterhalt aufkommen. Badi jedoch bemühte sich vergeblich um Arbeit.

«Ich bot das Bild, welches Vorurteile nährt: Da sind sie nun, sitzen den ganzen Tag zu Hause herum und lassen ihre Frauen arbeiten. Und du musst beweisen: der Umwelt, den Nachbarn, der Familie, dass du dich um Arbeit bemühst, dass du tage- und nächtelang Bewerbungen schreibst; den potentiellen Arbeitgebern, dass deine Qualifikationen echt sind, obwohl in deiner Heimat Krieg herrscht; dir selbst, dass du deinen Stolz und deine Ehre nicht verlierst.»

In einem Land mit so niedriger Arbeitslosenquote wie der Schweiz keine Arbeit zu finden war für Badi Zebib unbegreiflich; er suchte nach den Gründen. Anfänglich hiess es, er müsse zuerst Deutsch lernen; also lernte er Deutsch. Dann hiess es, seine Qualifikationen seien ungenügend; also bewarb er sich um unqualifizierte Arbeit - ohne Erfolg. Am Ende schien ihm allein die Tatsache den Ausschlag zu geben, dass er Ausländer war. Doch viele Stellen, für die er sich beworben hatte, wurden mit Ausländern besetzt; mit anderen Ausländern jedoch.

«Irgendwann begann ich zu realisieren, dass in diesem Land ein Kastensystem herrschte, ähnlich wie ich es aus meiner Heimat mit Maroniten, Griechisch-Orthodoxen, Schiiten, Drusen und so weiter kannte. Als Italiener, Spanier, Jugoslawe oder Türke hätte ich wohl schon längst Arbeit gefunden. Für einen Libanesen war alles viel schwieriger. Auch wenn es mir niemand direkt sagen wollte, spürte ich, dass letztlich dies der Grund für all die Absagen war. Es schien mit, als hätten die Leute Angst vor mir, vor meiner Herkunft.»

Der Kontakt zu den wenigen Landsleuten in der Schweiz, den er suchte, um seine Isolation zu überwinden, bestätigte seinen Eindruck, ohne dass ihm dies weitergeholfen hätte. Im Gegenteil. Er empfand es als gefährlich, sich mit seinen Landsleuten zu treffen; er wollte nicht den Eindruck erwecken, zu jenen Ausländern zu gehören, die die Zeit und das Geld hatten, tagsüber herumzusitzen und nichts zu tun. Er brach sämtliche Kontakte ab.

«Ich hatte grosse Angst, dass sich durch diese Kontakte meine Chancen, eine Anstellung zu finden, verringern würden. Ich wollte hierbleiben; und ich wollte arbeiten, koste es, was es wolle.»

Eine Angst, die bis heute Badi Zebibs Verhalten gegenüber Landsleuten, ja sogar Verwandten, prägt. Für seinen Cousin, der im Sommer 1988 mit seiner Familie in der Schweiz um Asyl ersucht hatte und drei Jahre später ausgeschafft wurde, weil sich die Kriegssituation in Libanon vorübergehend beruhigt hatte, setzten sich verschiedene Gruppierungen, Schweizer und Ausländer, ein, die Medien berichteten über den Fall. Badi Zebib aber sass allein zu Hause, aus Angst, mit ihnen und ihrem Schicksal in Verbindung gebracht zu werden, und gequält vom Gefühl der Ohnmacht, nichts unternehmen zu können. Badi Zebibs Ziel war es, keine Angriffsflächen für Fremdenfeindlichkeit zu bieten. Er verliess die Wohnung tagelang nicht, abgesehen vom Gang zum Briefkasten, um die Absagen herauszufischen, und dem zur Post, um neue Bewerbungen abzuschicken. Dass der älteste Sohn, seit er in die Schweiz gezogen war, plötzlich kein Geld mehr nach Hause schickte, verstanden die Eltern und Geschwister in Libanon nicht.

«Die Schande, zurückzukehren und deinen Angehörigen mitzuteilen, dass du es nicht geschafft hast in der Fremde, ist zu gross. Kein Mensch würde das verstehen, keiner dir glauben. Da ist dieses Bild der intakten westlichen Welt, das die Medien vermittelt haben oder das du dir selbst gemacht hast. Ein Bild, das dich als Versager erscheinen lässt, wenn du nicht in der Lage bist, dort zu reüssieren. Ich aber sah eine andere Realität: die meiner Ohnmacht, die der Vorurteile mir gegenüber. Wie willst du es schaffen, wenn du nicht darfst?»

Das ihm von den Eltern anerzogene Streben nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, sein Glaube und seine durch Erfahrung erworbene Fähigkeit, widrigen Umständen zu trotzen, gaben Badi die Kraft weiterzumachen. Doch seine Situation wurde immer schwieriger; als seine Frau dann noch schwanger wurde und ihre Arbeit aufgeben musste, kam Badi sich vor wie damals, als alles begonnen hatte.

«Nach einem Jahr war ich so weit, dass ich zurückkehren wollte. Lieber Krieg als das. Ich rauchte vier Päckchen Zigaretten pro Tag. Ich verlor mein Selbstwertgefühl und den Glauben an die Gerechtigkeit. Das Bild, das ich von der Schweiz gehabt hatte, war einer Realität gewichen, die für mich schlimmer war als der Krieg in Libanon.»

Zu Hause in Beirut aber hörten die Eltern immer noch oft Geschichten von einer anderen Schweiz. Erzählt von Menschen, die wie ihr Sohn ausgezogen waren, ein besseres Leben zu finden. Geschichten von schönen Wohnungen, Geld und Frieden.

«Ich glaube, kein Mensch hätte diese Bilder, die sich in ihren Köpfen festgesetzt hatten, zerstören können. Ich begriff das, und ich verstand sie; es waren schliesslich auch meine Bilder gewesen. Und irgendwie wirkten sie weiter: ich suchte die Ursachen meines Scheiterns nur bei mir selber.»

Dass Badi Zebib schliesslich kurz vor dem psychischen und finanziellen Kollaps nach einem Jahr Arbeit fand, schreibt er seinem Beharrungsvermögen zu; er betrachtet es als Bestätigung, sich in diesem Land doch richtig verhalten zu haben. Dass es sich bei seinem Arbeitgeber um eine ausländische Firma handelt, dass sein Vorgesetzter Ausländer ist wie er, beweist für ihn nur, dass eine internationale Firma keine Rücksicht auf die Nationalität ihre Mitarbeiter nehmen sollte.

«Ich glaube nicht an die Solidarität unter Ausländern. Nur weil du auch fremd bist in einem Land, hilft dir keiner. So habe ich auch akzeptiert, dass ich trotz meinen Qualifikationen anfangs nur einfache Arbeiten ausführen durfte, ausländischer Chef hin oder her.»

Inzwischen sind vier Jahre vergangen. Badi Zebib sitzt nicht mehr zu Hause und wartet, im Gegenteil. Er beklagt, dass er seine beiden Kinder zu selten sieht, weil ihn seine Arbeit zu sehr in Anspruch nimmt. Vom Kontrolleur für Ersatzteile in einer internationalen Büromaschinenfirma ist er dort mittlerweile zum Vorgesetzten aufgestiegen; er hat fünf Mitarbeiter unter sich, Schweizer und Ausländer. Mit seinem Aufstieg ist sein Selbstwertgefühl gewachsen, er fühlt sich integriert. Sein Einkommen ermöglicht es ihm, sein Leben angenehm zu gestalten, in der Anonymität der arbeitenden und konsumierenden Bevölkerung zu verschwinden.

«Ich kann heute die Frage nach meiner Nationalität gelassen beantworten, ohne das Gefühl zu haben, dass ich mich verrate.»

Weniger gelassen beobachtet Badi Zebib die gesellschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Die Polarisierung der politischen Kräfte, insbesondere in der Ausländerpolitik, macht ihm angst. Als er sich kürzlich abends in einem Geschäftsviertel nach einer Adresse erkundigen wollte, wurde er von zwei Mitarbeitern einer privaten Sicherheitsfirma mitgenommen und zwei Stunden lang über Absicht und Zweck seiner Anwesenheit in jenem Quartier verhört. Dass man ihm keinen Glauben schenkte, schmerzt ihn.

«Ich sitze zwar nicht mehr ohne Arbeit zu Hause und habe Angst, auf die Strasse zu gehen, um nicht ein falsches Bild zu bestätigen. Ich arbeite sehr viel. Trotzdem fühle ich dieselbe Isolation wie in der ersten Zeit in diesem Land. Es ist, als ob ich die ganze Zeit einen Berg besteigen würde, dessen Gipfel nicht in Sicht kommt.»

Badi Zebib hofft, irgendwann das zu finden, was er das richtige Leben nennt. Wo das sein wird und wann, das kann er nicht sagen.

«Ich habe mittlerweile akzeptiert, ständig beweisen zu müssen, dass ich ein guter Mensch bin, dass ich versuche, keine Fehler zu machen. Aber es fällt mir schwer, meine Kinder zu lehren, dasselbe zu tun. Auch sie sind Libanesen; aufwachsen werden sie zwar in der Schweiz, in einem Land, in dem Friede herrscht. Doch das war damals im Libanon auch so, vor der Polarisierung der politischen Kräfte, bevor die religiösen Konflikte das Land zerrissen und der Krieg ausbrach.»

Und in Badi Zebib beginnt ein Bild zu wachsen von einem Land, in dem ethnische Gruppen in friedlicher Koexistenz zusammenleben.

Benno Maggi ist Filmemacher («Der sechste Kontinent») und Graphiker; er lebt in Zürich.




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