NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Grosses Land, wohin?

Imperialismus und Nationalismus prägen Russlands Geschichte.

Von Richard Pipes

Die historische Tragödie Russlands besteht darin, dass es ein armes Land mit geringem sozialem Zusammenhalt ist und dass es diese fehlende soziale Integration durch eine nationalistische und imperialistische Politik zu kompensieren sucht. Seine territoriale Lage ermöglicht es ihm, die Rolle einer Grossmacht zu spielen, wenngleich um den Preis von Freiheit und Wohlstand seiner Bürger. - Diese Behauptungen sollen im folgenden überprüft werden.

Im Gegensatz zu dem weitverbreiteten Glauben, dass Russland ein sehr reiches Land sei, gilt es zunächst festzuhalten, dass angesichts der Bodenqualität, des Klimas und der enormen Entfernungen davon überhaupt keine Rede sein kann. Beim Ackerboden handelt es sich mehrheitlich um Podsol von geringer Qualität, der nur wenig Humus enthält und daher grosszügig gedüngt und tief gepflügt werden muss. Der Regen fällt hauptsächlich im Spätsommer, das heisst, die Wachstumsphase ist in der Regel von Trockenheit geprägt, während es in der Erntezeit zu heftigen Niederschlägen kommt. Auf Grund der nördlichen Lage Russlands ist die Anbauzeit ungewöhnlich kurz: In der Umgebung Moskaus dauert sie etwa fünfeinhalb Monate, während sie in Westeuropa acht bis neun Monate beträgt.

Das hat zur Folge, dass die Getreideernte in Russland seit eh und je für jedes Saatkorn nur drei bis vier Korn Ertrag einbringt, wohingegen man in Westeuropa die zwei- oder sogar dreifache Ernte einfährt. Der Boden hat nie genügend Überschüsse hergegeben, um eine grosse städtische Bevölkerung zu ernähren: Bis in die dreissiger Jahre lebten 80 Prozent der russischen Bevölkerung auf dem Land und betrieben Subsistenzwirtschaft.

Mit natürlichen Rohstoffen einschliesslich Erdöl, Erdgas und Erzen ist Russland zwar im Überfluss gesegnet, aber die meisten Vorkommen liegen weit im Osten und ihre Erschliessung erfordert massive Kapitalinvestitionen, die das Land nicht selbst aufbringen kann.

Die Russen sind von Haus aus passionierte Händler. Auf Grund der schlechten Verkehrswege und der Neigung der russischen Regierung, die Produktion und Distribution von kostbaren Gütern zu monopolisieren, beschränkt sich das Handelswesen des Landes jedoch auf wenige lokale Märkte. Die meisten Städte sind nicht wie anderswo zu bedeutenden Handelsplätzen aufgestiegen, sondern dienten vor allem als Verwaltungszentren und militärische Aussenposten Moskaus.

Dank eines Industrialisierungsschubs, der in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit Hilfe ausländischen Kapitals eingeleitet wurde, war Russland am Vorabend des Ersten Weltkriegs auf bestem Wege, sich zu einer modernen Industrienation zu entwickeln. Doch die Abschaffung des privaten Grundbesitzes und des Privateigentums in Industrie, Transportwesen und Handel durch die Kommunisten brachte diese Entwicklung wieder zum Stillstand. Die energische Industrialisierung, die dann in den späten Zwanzigern unter Stalin eingeleitet wurde, konzentrierte sich auf die militärische Produktion und trug nur unwesentlich zur Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung und zur Wettbewerbsfähigkeit des Landes auf den internationalen Märkten bei. Es reicht, daran zu erinnern, dass noch in den späten achtziger Jahren, kurz vor der Auflösung der Sowjetunion, fast die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zehn Dollar im Monat lebte.

Befände sich Russland in Südostasien oder Lateinamerika, bliebe seine Armut für den Rest der Welt von nebensächlicher Bedeutung. Aber wie die Dinge nun einmal liegen, erstreckt sich Russland über den eurasischen Kontinent und grenzt an drei Schlüsselregionen der Welt: an Europa, den Nahen und den Fernen Osten. Was immer also in Russland geschieht, beeinflusst auf die eine oder andere Weise einen grossen Teil der Weltbevölkerung. Seine innere Stabilität und sein Verhalten nach aussen werden daher mit grossem Interesse beobachtet.

Es war unter der Herrschaft Peters des Grossen (1682-1725), dass Russland sich zum erstenmal als Grossmacht zu begreifen begann. Peter hegte den Ehrgeiz, sein Land nach westlichem Vorbild zu erneuern und ihm eine Schlüsselrolle in den internationalen Beziehungen zu sichern. Seine gesamten Reformen zielten im wesentlichen darauf ab, Russlands militärische Schlagkraft zu erhöhen. 1709 schliesslich gelang es dem Zaren mit dem Sieg über die Schweden bei Poltawa, das russische Reich zu einem dauerhaften Mitspieler im internationalen Machtgefüge zu machen.

Doch das Land bezahlte dafür einen hohen Preis. Während der folgenden drei Jahrhunderte verwandte Russland einen unverhältnismässig hohen Anteil seines Etats auf das Militär. Die weniger spektakulären, aber langfristig wichtigeren Aufgaben eines Staatswesens wie Bildung, Gesundheitswesen und Verkehr wurden dagegen vernachlässigt, und es bildete sich eine Machtstruktur aus, die fast ausschliesslich auf militärischer Gewalt beruhte.

Noch kostspieliger war das Versäumnis, eine durch gemeinsame Interessen mit der Regierung verbundene Zivilgesellschaft aufzubauen. Das zaristische und erst recht das kommunistische Russland war eine Kommandoherrschaft, in der die Befehle stets von oben nach unten liefen. Zwar wurde von den Menschen erwartet, dass sie ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft dem Gemeinwesen zur Verfügung stellten, aber die Belohnung dafür blieb äusserst bescheiden. Was Wunder, dass sich die Russen wenig mit ihrer Regierung identifizierten. Während des Ersten Weltkriegs liefen die Truppen in geradezu atemberaubendem Tempo zum Feind über, und als Zar Nikolaus II. schliesslich im März 1917 abdankte, verständigte man sich nicht etwa auf die Bildung einer neuen Regierung, sondern begann, das Privateigentum zu plündern.

Die Ereignisse nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums vor acht Jahren folgten einem ähnlichem Muster. Die herrschende Klasse der Sowjetunion, die sogenannte Nomenklatura, riss sich in Windeseile das Staatseigentum unter den Nagel: Die vielgerühmte «Privatisierung» des Jahres 1992 bot der Elite ungeahnte Möglichkeiten zum Diebstahl, mit dem Ergebnis einer völlig zersplitterten Gesellschaft. Als die erste Welle der Begeisterung für Demokratie und Kapitalismus verebbte und der erhoffte Wohlstand ausblieb, begann die Mehrheit der Bevölkerung sich einmal mehr nach einer starken Hand zu sehnen, die Ordnung um jeden Preis und den alten Grossmachtstatus wiederherstellen sollte.

Nichts hat dem Ansehen der Regierung Jelzin mehr geschadet als das verbreitete Gefühl, sie sei für den Verlust an Furcht und Respekt verantwortlich, die die Welt einst Russland entgegenbrachte. Der verheerende Krieg gegen Tschetschenien in den Jahren 1994/95 hatte jedermann vor Augen geführt, wie schwach die einstige Grossmacht inzwischen geworden war. Die Unfähigkeit der russischen Regierung im letzten Jahr, die Nato-Angriffe gegen Jugoslawien zu verhindern, hat dieses Gefühl der Demütigung weiter verstärkt und damit letztlich die Demokratie als solche in Misskredit gebracht.

Kein Zweifel, der Aufstieg Wladimir Putins aus dem Nichts zum beliebtesten Politiker des Landes verdankt sich im wesentlichen der Tatsache, dass er mit der Wiederaufnahme des Kriegs gegen die Tschetschenen den verlorenen Grossmachtanspruch Russlands zu erneuern scheint. Weder über die Vergangenheit noch über das politische Programm dieses Mannes ist etwas Nennenswertes bekannt. Sein kometenhafter Aufstieg am politischen Firmament gründet einzig in seiner Fähigkeit, sich als hartgesottener Führer zu stilisieren.

Allein, dies dürften kaum die Eigenschaften sein, die das Land in seiner gegenwärtigen Zwangslage braucht. Russlands erste und wichtigste Aufgabe wäre vielmehr, eine von Kompromissfähigkeit beseelte bürgerliche Gesellschaft zu schaffen, die Gesetz und Privateigentum achtet und die Rechte von politischen und ethnischen Minderheiten respektiert. Dies und nur dies würde den so dringend nötigen sozialen Zusammenhalt hervorbringen und ein Band zwischen Regierung und Volk schmieden, das nicht, wie das jetzige, von Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber Fremden geprägt ist. Nicht zuletzt liesse sich dadurch auch viel wirkungsvoller ein Grossmachtanspruch begründen als durch militärisches Säbelrasseln und die erbarmungslose Zerstörung eines kleinen Volkes, das nach Unabhängigkeit strebt.

Ob die Russen in dieser Hinsicht ein Einsehen haben werden, bleibt eine offene Frage. Sie sind verbittert und machen die restliche Welt, besonders den Westen, für die Demütigung und das Elend ihres Landes verantwortlich. Der Nationalismus in seinen grobschlächtigsten und fremdenfeindlichsten Formen bietet einen praktischen, aber illusionären Ersatz für wahre nationale Grösse und führt geradewegs ins Verhängnis.

Trotz allem gibt es einige Zeichen der Hoffnung. Während die Mehrzahl der Russen laut Meinungsumfragen in den demokratischen Verfahren und im Kapitalismus wenig Gutes zu erkennen vermag, sind ihnen doch die persönlichen Freiheiten, die sie seit dem Niedergang des Kommunismus gewonnen haben, lieb und teuer: das Recht auf freie Meinungsäusserung, die Reisefreiheit, die Handels- und Gewerbefreiheit. Auf diese neuen Freiheiten werden sie nicht verzichten wollen. Und deshalb wird jede Regierung, die dem russischen Volk neue Zwänge aufoktroyiert und von ihm neue Opfer fordert, um den Status einer militärischen Weltmacht zurückzugewinnen, auf den hartnäckigen Widerstand von unten stossen, der ihre Handlungsfähigkeit deutlich begrenzt.

Richard Pipes, Cambridge MA, ist Professor an der Harvard University und Autor verschiedener Standardwerke zur Geschichte Russlands wie «Die Russische Revolution», bei Rowohlt in deutscher Übersetzung erschienen. Sein letztes Werk trägt den Titel «Property and Freedom».


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