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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Die Hochzeitsnacht

© Julian Salinas
Mark Schmid (31), Softwareingenieur aus Richterswil ZH, und Nadja Müller (32), Betriebsökonomin aus Dornach SO. Das Hochzeitsfest hat noch nicht stattgefunden. Für ihn ist es die erste Ehe, für sie die zweite; sie sind seit sieben Jahren zusammen. Linktext
Egal, was in dieser Nacht geschieht: es bleibt einem ein Leben lang in Erinnerung. Eine Kurzgeschichte.

Von Ruth Schweikert

Die Kurzmitteilungen kamen immer zur gleichen Zeit, um 7 Uhr 33 oder um 7 Uhr 34. Meistens stand Katharina unter der Dusche, wenn das Signal ertönte, das den Eingang einer Kurznachricht anzeigte, und Remo hatte sie schon mehrmals darauf hingewiesen, eine Nachricht für dich, bevor er ihr das Handtuch reichte, damit sie sich abtrocknen konnte.

Er fragte nie nach, wer zum Teufel schreibt dir jeden Morgen so früh, und Katharina hatte keine Lust, es ihm zu erklären. Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich an und speicherte die Nachricht im Ordner «Für Andrea» ab. Statt sich im Moment sinnlos in Wunschdenken und Vergnügungen zu stürzen, können Sie sich vor deren Nachteilen schützen, indem Sie sich selber massregeln.

Wie unantastbar schön Andrea auf den beiden Fotos aussah, mit hochgesteckten Haaren und einem bodenlangen roten Samtkleid; fast als wäre sie die Braut. Katharina erinnerte sich genau an den Farbton von Andreas Kleid, ein sattes, warmes Weinrot ohne Blautöne, auch wenn die Fotos alle schwarzweiss waren. Hochzeitsfotos sind für die Ewigkeit, hatte Andrea scherzhaft gesagt, und dafür brauche es die grösstmögliche Abstraktion, während Farbfotos, weil sie viel näher dran waren an der Realität, das Vergehen der Zeit nur allzu augenfällig machten.

Andrea war keine professionelle Fotografin – sie hatte nach der Matur ihren Jugendfreund Christian geheiratet und zwei Kinder bekommen und hatte erst mit dreissig angefangen Jura zu studieren –, aber sie besass ein erstaunlich gutes Auge. Das Album war Andreas Hochzeitsgeschenk an Katharina und Remo gewesen. Wahrscheinlich hatte Christian die beiden Fotos von Andrea gemacht, vielleicht war es aber auch Katharina gewesen; jedenfalls hatte Andrea ihr die Kamera für eine Weile überlassen.

Am nächsten Morgen war Remo schon um sieben aus dem Haus gegangen, und Katharina sah die Nachricht erst, als sie im Büro ankam. Es kommt nun eine Zeit der Ruhe und Besinnung. Konflikte wird es kaum geben. Und die Zuversicht, die daraus erwächst, wird Sie zu neuen Erkenntnissen führen.

Das Fotoalbum war ihr vor ungefähr zwei Wochen zufällig in die Hände geraten, als sie nach einem Rezept für Dampfnudeln suchte. Vor einiger Zeit, als Nele danach fragte – sie sollten Fotos ihrer Eltern in die Schule mitbringen, und Nele gefielen die von der Hochzeit am besten –, hatte Katharina es vergeblich gesucht. Es steckte zwischen Kochbüchern aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die für sie eher einen sentimentalen denn einen praktischen Wert besassen. Kein Mensch ass heutzutage noch so fett- und kalorienreiche Gerichte wie Cervelas im Schlafrock: ein Cervelas, in der Mitte aufgeschlitzt, mit Emmentaler gefüllt, und das Ganze in ordentlich Blätterteig verpackt. Oder russischer Salat: kleingeschnittene Bohnen und Karotten in Mayonnaisesauce, dazu gekochte Eier und Salami, grosszügig mit Mayonnaise garniert. Oder eben Dampfnudeln: süsse buttrige Hefeklösse, mit Vanillesauce serviert.

Als Kind hatte Katharina alle diese Gerichte geliebt. Andrea hatte oft bei Katharina zu Hause gegessen und umgekehrt; sie waren Nachbarskinder und, wie sie bald feststellten, nur fünf Tage auseinander, Andrea war am 5. Februar 1964 geboren, Katharina am 10. Stundenlang sassen sie nebeneinander auf der nahen Friedhofsmauer, und als sie in der 1. Klasse nicht zur gleichen Lehrerin kamen, waren sie beide untröstlich.

Auf der ersten Seite hatte Andrea die Hochzeitsanzeige eingeklebt: «Weil es Zeit ist, sich zu entscheiden. Wir heiraten am 13. März 1997 in Zürich. Katharina und Remo.» Der Satz war Katharinas Idee gewesen; manche hatten ihn befremdlich gefunden, auch Andrea, allzu nüchtern und beliebig, sagte sie, als spiele die Person, für die man sich entscheidet, kaum eine Rolle. Katharina erklärte, dass sie das nicht so gemeint habe, natürlich sei die Person wichtig, aber ohne innere Entscheidung sei die grösste Liebe nach ein paar Jahren verbraucht.

Nun waren sie seit zehn Jahren verheiratet, fast auf den Tag genau. «Und, erinnerst du dich an unsere Hochzeitsnacht?» hatte Remo sie an jenem Abend vor zwei Wochen gefragt, nachdem Nele ihm voll Freude das Album unter die Nase gehalten hatte, «Papa schau, das bist du, als du noch voll in Mama verknallt warst.»

«Ja, sicher erinnere ich mich», sagte Katharina, «machst du mit Nele die Prüfungsvorbereitung über die Sinnesorgane, oder kochst du lieber? Oskar isst heute nicht mit uns.»

«Bist du schlecht gelaunt?» fragte Remo und strich Nele über die dunklen Haare.

«Ich habe mit Andrea telefoniert.»

«Und?»

«Sie wird jetzt künstlich ernährt, damit sie hoffentlich fit genug ist für die Operation.»

Remo seufzte. «Was machst du lieber? Kochen oder mit ihr lernen?»

«Kochen. Das ist jetzt die fünfte Operation innerhalb eines Jahres. Mirjam kann, glaube ich, ziemlich gut damit umgehen, aber Stefan, mit siebzehn… Und Christian ist halt oft unterwegs.»

«Bestell ihr herzliche Grüsse von mir, ja, wenn du sie das nächste Mal siehst.»

«Mach ich gern.»

Natürlich konnte sie sich an die Hochzeitsnacht erinnern. Gleich zweimal hatten sie miteinander geschlafen, als wollten sie Christians launige Prognose widerlegen, er kenne niemanden, kein einziges Paar, das in der Hochzeitsnacht… Wie eine kleine Umfrage in seinem Bekanntenkreis ergeben habe, seien die Leute viel zu müde und zu betrunken.

Das erste Mal, als sie endlich im Hotelzimmer waren, morgens um drei oder halb vier Uhr; angetrunken waren sie tatsächlich beide, aber Remo konnte das damals nichts anhaben, und Katharina freute sich, weil es ihre fruchtbaren Tage waren. Oskar war damals sechs, und Remo hatte ihn zwar sehr gern, aber es war doch nicht das Gleiche, mutmasste er, wie ein eigenes Kind zu haben, das einem ähnelte, nicht nur äusserlich, sondern auch in seinem Verhalten, seinem Empfinden, seinem ganzen Wesen .

Es stimmte, dass Nele ihm glich; vor allem aber erwartete er von Nele nicht, dass sie ihn liebte. Was sie verband, war stärker. Auch von Oskar erwartete er keine Liebe; aber ein Bewusstsein für das, was er als Stiefvater geleistet habe, fand er, würde er sich schon wünschen.

Wie sie es getan hatten und wie es für sie gewesen war, daran allerdings hatte Katharina keine Erinnerung; wahrscheinlich hatte Remo sie zum Fenster geführt – er mochte es, über ihren Rücken hinweg aus dem Fenster zu sehen –, und sie hatte sich mit den Unterarmen auf das Fensterbrett gestützt. Auch an das zweite Mal erinnerte sie sich nicht genau. Es war schon hell gewesen, und aus den anderen Hotelzimmern hörte man die üblichen Morgengeräusche.

Sicher war es kein ausgedehntes Liebesspiel gewesen; Katharina vermutete, dass sie sich nicht mal geküsst hatten, denn dazu hätten sie sich beide erst die Zähne putzen wollen, und dann wären sie womöglich nicht mehr in jenem schlafwarmen, halbblinden Zustand gewesen, wo sich Glieder und Atem fast wie von selber fanden.

Sie fühlen sich körperlich und geistig ausgeglichen und können nun ganz Sie selbst sein. Mit Ihrem gesteigerten Energieniveau ist momentan alles möglich. Sie hatte die Anzeige in der Gratiszeitung gesehen; ein Horoskopdienst per SMS. Man brauchte nur das eigene Geburtsdatum an die angegebene Nummer zu senden, schon bekam man jeden Morgen das Tageshoroskop zu achtzig Rappen das Stück.

Katharina hätte selber nicht zu sagen gewusst, wie sie auf die Idee gekommen war, Andreas Geburtsdatum einzutippen. Natürlich waren die Texte Schwachsinn, und dennoch war es, als erzeugten sie eine verbotene Nähe; als vermöchte sie insgeheim in Andreas Haut zu schlüpfen.

Während sie sich zum zweiten Mal liebten, hatte sie an Christian gedacht, erinnerte sich Katharina plötzlich, wie sie ihm nachher beim gemeinsamen Frühstück erzählen würde, dass Remo und sie sich nicht an seine Umfrageergebnisse gehalten, dass sie gar zweimal miteinander geschlafen hatten. Der Gedanke daran hatte sie erregt. Nicht dass Christian ihr etwas Besonderes bedeutete; sie mochte ihn und fand ihn attraktiv, gewiss, mindestens so sehr wie Remo.

Die beiden Männer waren nicht nur praktisch gleich alt, sie waren beide Kadermitarbeiter in zwei verschiedenen Telekommunikationsfirmen. Vielleicht waren sie tatsächlich in vielen Bereichen austauschbar. Doch darum ging es nicht. Es ging um die andere Möglichkeit, deren Reiz eben darin lag, dass sie eine Möglichkeit blieb, die nur in Gedanken existierte. Von jetzt an, hatte Katharina nach der Trauzeremonie gedacht, habe ich zwei Leben, das reale und das imaginäre. Vielleicht hatte sie deshalb den ganzen Hochzeitsabend über ziemlich heftig mit Christian geflirtet. Das allerdings schien niemand bemerkt zu haben; es war zu unwahrscheinlich. Und irgendwann hatte sie sich beim Gedanken ertappt: Wenn Andrea und Remo aus irgendeinem Grund beide früh sterben, tun Christian und ich uns zusammen.

Über die Hochzeitsnacht hatten sie nicht gesprochen. Nach dem Essen hatten sie ein Glas Wein getrunken und die anstehenden Termine besprochen, Nele hatte bald Geburtstag, Remo fuhr zu diversen Besprechungen nach Paris, Katharina flog für ein Interview nach Barcelona; und bevor sie einschliefen, hatten sie sich geküsst.

Ruth Schweikert ist Schriftstellerin; sie lebt in Zürich; 2005 erschien von ihr «Ohio» (Ammann Verlag).

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