Wir sind Tagtiere, hat der Philosoph Vilém Flusser gesagt, und das gilt nicht nur für jene, die mit den Hühnern aufstehen. Im menschlichen Hormonhaushalt ist der Tag als die Zeit der Aktivität vorgesehen. Wir sind Augenmenschen, und nachts erscheinen uns alle Katzen grau.
Kaum zufällig beginnen die meisten Schöpfungsmythen damit, dass ein Gott Licht bringt in die ewige Finsternis. Dies ist die Bedingung, damit aus dem gestaltlosen Chaos die Welt entstehen kann. Die von solchen Mythen nicht ablösbare archaische Angst vor der Nacht kennt jedes Kind und mancher Erwachsene. Nachts schärfen sich die Sinne und lassen sich doch so viel leichter täuschen als am Tag. Prometheus wurde in der Antike als Erlöser gepriesen: Vor der bedrohlichen Dunkelheit findet der Mensch im Schein der Feuerstelle Geborgenheit und Schutz.
Warum es nachts überhaupt dunkel ist, konnte die Wissenschaft lange nicht enträtseln. Bis in unser Jahrhundert hinein hatte man keine plausible Erklärung dafür, warum ein Weltall voller Sterne den Himmel nicht jederzeit gleichmässig erhellt. 1929 gelang dem amerikanischen Astronomen Edwin P. Hubble der Beweis, dass das All sich ausdehnt. Das beobachtbare All aber bleibt begrenzt. Die Sterne ausserhalb dieser Grenze sehen wir nicht, also können sie uns auch nicht leuchten.
In der Nacht verschwimmt die Trennungslinie zwischen Innen- und Aussenwelt. Darum hat sie die Menschen auch seit je fasziniert. Was im Lichte der Sonne verborgen bleibt, zeigt sich in der Nacht. Das gilt bis heute, obwohl längst das Kunstlicht die Nacht erobert hat: Dem Nachtschwärmer enthüllt sich eine Realität, von der der geschäftige Alltag nichts weiss.
Nicht nur dem Nachtschwärmer. Im «Weihnachtslied» von Charles Dickens herrscht finstere Nacht, als der hartherzige Geizhals Scrooge von den Geistern heimgesucht wird, die ihm sein bisheriges und sein künftiges Leben vor Augen führen - Horrorszenen, von denen er sich nur befreien kann, indem er sich zum Guten bekehrt: Die Nacht bringt es an den Tag.