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«Jetzt müsst ich ihm a Ruh geben»
© Pressedienst: Peter Eduard Mei...
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| Peter Eduard Meier |
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Von der Kunst, die Schuhe zu reinigen. Schuhputzaudienz beim Münchner Edelschuhmacher Peter Eduard Meier.
Von Gudrun Sachse
Peter Eduard Meier (46) betreibt zusammen mit seiner Schwester Brigitte Meier in 13. Generation das Traditionshaus Eduard Meier München. Das Schuhhaus wurde 1596 gegründet und gilt als ältestes Schuhhaus der Welt. In die Geschichtsschreibung ging das Haus 1895 ein mit der Ernennung zum Königlich Bayerischen Hoflieferanten. Eduard Meier bietet mehrmals jährlich Schuhputzseminare an. www.edmeier.de
Das Bild kennt man aus der Kosmetikabteilung: Frauen studieren die Inhaltsstoffe auf teuren Tiegeln und Tuben, schrauben verstohlen am Deckel, um sich eine Geruchsprobe zu gönnen.
Im Schuhgeschäft Eduard Meier, gegenüber der Münchner Residenz, sind es die Herren, die im hinteren Teil des Ladens vor einem einladend bestückten Regal stehen und Ziegenhaarbürsten über ihren Handrücken streichen lassen, vergleichend zur Rosshaarbürste greifen, Baumwolltücher auf ihre Grösse hin prüfen und behutsam über die Aufschrift der Dosen fahren, Ausschau haltend nach einem Angestellten, um sich von ihm die Vor- und Nachteile von Emulsion und Crème erklären zu lassen.
Kommt Inhaber Peter Eduard Meier in die Nähe des Regals, drängen die Herren die sie begleitenden Damen zur Seite – «Sagen S'bitte, Herr Meier, was nehme ich bei Wasserrändern?» Peter Eduard Meier, ganz in der Tradition des Hauses, begrüsst die Dame mit angedeutetem Handkuss, den Herrn mit einem strammen Nicken, bevor er zum Lederreiniger greift. Königlicher Hoflieferant gewesen zu sein, verpflichtet.
Bei ihm verkehrt der Adel genauso wie der Student, der sein erstes Paar rahmengenähte Schuhe in Raten abstottert, wissend, dass sich die 600 Euro auszahlen: er trägt natürliche Produkte, sein Auftreten verändert sich, sein Schuh hält eine Generation lang – vorausgesetzt, er pflegt ihn. Peter Eduard Meier ist eine Instanz auf diesem von Uneingeweihten oft belächelten Gebiet. Eingeweihte aber reisen für seine Schuhputzkenntnisse aus dem Ausland an. An ihr Leder lassen sie nicht jede Crème, wer es liebt, verleiht ihm durch regelmässiges Einfetten eine Patina, einen edlen Charakter.
In seinem Büro zieht sich Peter Eduard Meier das Jankerl aus, er krempelt die Hemdsärmel hoch und bindet sich eine blaue Schürze um. Im Schoss ruhen ein Paar grobe Pferdelederschuhe, verschmutzt und vom Wasser verzogen. Gestern stand er in ihnen noch auf der Koppel. «Schwierige Patienten», sagt Peter Eduard Meier und greift zur Rosshaarbürste. Sie sollen glänzen wie Lackschuhe – «wenn ich mal zu putzen beginne, geht der Teufel mit mir durch.»
Na, dann legen Sie los, Herr Meier.
Gerne. (Er entfernt mit der Bürste den Staub.)
Was fasziniert Sie an dieser Tätigkeit?
Vermutlich ist es die Handarbeit, die wir Kopfarbeiter sonst kaum mehr ausüben. An so einem Schuh lässt sich tüfteln, habe ich einmal damit angefangen, werde ich mitgerissen – die Psychologen nennen so etwas wohl Flow.
Ein grosser Schuh übrigens, da haben Sie jede Menge Zeit, den Alltag zu verarbeiten.
Das ist die 46.
Woran denken Sie beim Schuheputzen?
Ich denke zielorientiert, welcher Schritt der nächste ist. Dabei schalte ich komplett ab – ähnlich wie beim Bergsteigen, dort vergesse ich auch alles Geschäftliche.
Peter Eduard Meier sprüht den Schuh mit einer alkoholhaltigen Wasserlösung ein und drückt einen Holzspanner in den Schuh, «das wichtigste Utensil der Pflege». Der Spanner darf nicht weiter als der Schuh sein, da sich das tragefeuchte Leder des Schuhs beim Trocknen um fünf Prozent zusammenzieht. Anschliessend presst er mit dem Shoebone, dem Vorderlauf einer Hirschkuh, die Lederfasern glatt. Der Knochen enthält eigenes Knochenöl, wodurch bei der groben Behandlung dem Leder kein Schaden zugefügt wird. Nach der Vorarbeit cremt sich Peter Eduard Meier die Hände ein, «so werden die Schuhcremefinger wieder schneller sauber», nimmt einen Baumwolllappen, drittelt ihn, wickelt einen Teil um drei Finger, verknotet ihn hinter den Fingern zu einer Wurst und fixiert das Reststück mit Daumen und Zeigefinger. Er kippt grosszügig Lederreiniger auf den Lappen und wischt damit über den Schuh.
Sie veranstalten Schuhputzseminare. Was beschäftigt die Teilnehmer beim stundenlangen Wischen?
Der Prinz behauptet, er denke an gar nichts, der Anwalt bereitet sich geistig auf den nächsten Tag vor, und der Butler achtet akribisch auf jeden Wachsanstrich, da er sich durch den Kurs zusätzlich qualifizieren möchte.
Ein illustres Männergrüppchen.
Das Verhältnis Männer zu Frauen ist 6:1. Männer haben teils eine sentimentale Bindung zu ihren Schuhen. Frauen sind meist froh, wenn ein Schuh das Zeitliche segnet, damit sie sich ein neues Paar kaufen können. Zudem eignen sich leichte Frauenschuhe auch nicht für diese Art der Pflege.
Welche Art der Pflege lehren Sie?
Wir bearbeiten einen rahmengenähten Herrenschuh mit Wasserglanzpolitur. Je nach Übung, Zeit und Ausdauer kann man dafür einen Tag aufwenden oder eine halbe Stunde. Sind Wachsschichten und Glanz auf dem Schuh, ist der zwei Monate in fabelhaft aussehendem Zustand, man muss morgens nur noch mit der Ziegenhaarbürste drüberstreichen. Durch regelmässiges Putzen bekommt der Schuh eine eigene Ausstrahlung, er wird lebendig, ein Zauber erwächst in ihm.
Machen Sie mir keine Angst.
Ich bin kein Esoteriker. Aber handwerklich hergestellte Produkte haben eine andere Energie als mechanisch gefertigte. Mit Kleidung kann man sich einen Panzer zulegen. In guten Schuhen verhandelt es sich besser. Die Symbolkraft der Schuhe ist durch nichts zu übertreffen.
Ich habe extra einen Schuh mit Wasserrand angezogen, vielleicht könnten Sie sich den mal ansehen?
Aha. Das ist minim, mich würde das nicht stören. Aber wenn Sie meinen: Die Gerbstoffe lassen sich entfernen, indem Sie den Schuh innen und aussen mit Wasser tränken. Den nassen Schuh in eine Tüte stecken und luftdicht verschlossen einen Tag ruhen lassen. Anschliessend Spanner in die Schuhe und das Leder gleichmässig mit Lederreiniger reinigen. Dann nehmen Sie eine dunklere Schuhcrème und beginnen ihn zu fetten. An feine Leder, die ich nicht kenne, gehe ich ungern ran. Wissen Sie was, ich geb Ihnen einen Lederreiniger mit, und Sie versauen ihn sich selbst. Vor der Prozedur nehmen Sie natürlich die Schuhbandeln raus.
Und wieder etwas vor dem Müllberg gerettet.
Die Dinge nicht wegzuwerfen, ist nicht nur eine Frage der Sparsamkeit, auch des Anstands. Kaufen, benutzen, wegschmeissen, und das nächste muss wieder her, diese Einstellung ist doch die Grundlage, weshalb wir die Erde schon jetzt nicht mehr so vorfinden, wie wir sie vorfinden könnten.
Macht Schuheputzen philosophisch?
Ich bin sicher: Putzen kommt nicht aus dem Mittelhochdeutschen, sondern aus dem asiatischen «put-zen».
Peter Eduard Meier umwickelt seine Finger mit einem sauberen Teil des Baumwolllappens und tunkt ihn in die EM-3, eine Emulsion, deren Inhaltsstoffe die Struktur des Leders verändern. Er fährt rund zehn Minuten gleichmässig über das Leder, bis ihn das Klingeln des Handys unterbricht: «Schatzi, Servus. Ich bin grad am Schuheputzen und werde dabei interviewt. Was hältst du davon, wenn wir heute abend zu dritt essen gehen? Dafür bist du zu haben? Aha, heute wird der Stoiber nochmals verabschiedet?… mit Zapfenstreich?… wir habens ja. Der soll sich jetzt mal möglichst kostenneutral aus dem Amt schleichen.» Er legt das Handy auf den Schreibtisch und beginnt den Schuh kräftig mit dem Lappen zu polieren. «Eigentlich müsst ich ihm jetzt a Ruh geben.»
War der scheidende Ministerpräsident Kunde bei Ihnen?
Das glauben Sie doch selbst nicht. Wo es noch um was gegangen ist, da schon. Seit Strauss schaut die Sache ziemlich trocken aus. Es ist schon interessant, wie man das den Leuten anmerkt, durch alle Lebensbereiche hindurch, doch lassen wir das, ein weites Feld.
Was ist drin, in der Lotion?
Ich bitte um Entschuldigung, das kann ich Ihnen nicht sagen. Unterschiedliche Öle, Wachse und Gerbstoffe, da hat jeder Hersteller so seine eigene Art, und wir möchten den anderen keine Nachhilfe geben.
Früher nahm man Russ?…
…und Spucke, auch nicht das Schlechteste.
Gibt es keine guten und günstigen Hausmittelchen?
Ich wüsste nichts. Aber so teuer ist das nicht. Der Schuhspanner kostet 35 Euro und verlängert das Leben des Schuhes um das Doppelte. Der Lederreiniger kostet 12 Euro, die Schuhcrème 11 Euro 50, der Imprägnierspray 12 Euro 50. Auf die Bürsten können Sie notfalls verzichten. Und bitte komplett auf Selbstglanzprodukte, die legen einen feinen Silikonfilm aufs Leder, der irgendwann vom Leder aufgenommen wird und das Leder nie mehr glänzen lässt. So, jetzt kommen wir in die Zielgerade.
Peter Eduard Meier färbt den Lappen in der Terpentin-Wachs-Paste EM-2 und streicht über den Schuh. Die Farbe der Crème wählt er dunkler als die des Leders, der beste Weg, eine Patina entstehen zu lassen. Beim Kauf sollte die Paste einer Geruchsprobe unterzogen werden, ob sie nach Terpentin riecht oder nur nach einem Ersatzstoff. Die EM-2 ist nicht wasserlöslich, eine Voraussetzung, um die nun folgende Wasserpolitur vornehmen zu können. Eigentlich benötigte der Lederschuh erneut eine Ruhepause, «das endet sonst noch fatal», idealerweise müsste das Wachs zwei Tage durchhärten, bevor es auf Hochglanz getrimmt wird. Peter Eduard Meier gönnt ihm schliesslich sieben Minuten, in denen er mit einem Pinsel sparsam Lederöl auf die Sohle aufträgt, um sie zu imprägnieren.
Sie pflegen den Schuh noch zu Tode.
Der Tod jedes Leders ist die Hitze. Schuhe nie an der Heizung trocknen, und im Winter aufgepasst beim Heisslufttrockner im Auto, der lässt das Leder brüchig werden. Jetzt wird es interessant?… Den Lappen mit der Crèmestelle leicht ins Wasser tauchen und mit kreisenden Bewegungen polieren, immerzu polieren. Ist das nicht phantastisch?
Glänzt, als wäre es ein Lackschuh.
Nicht wahr? Und wenn man nun noch bedenkt, dass die Haut des Tieres das letzte ist, was das Tier uns geben kann, ist es einfach auch eine Frage des Respekts, dieses Leder so gut wie möglich zu behandeln.
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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