IM SEERECHT ist ein Schiff ein isolierter Teil der Nation, unter deren Flagge es fährt; ein wanderndes Stück Grossbritannien - oder Liberia oder Panama. Wie weit es auch übers Meer fährt, es ist eine Arche, auf der die Gesetze und Sitten des Heimathafens gelten. Hierin liegt das glückliche Paradox der Seefahrt: Nirgendwo auf der Welt ist man so allein, nirgendwo der wilden Natur so ausgesetzt wie auf dem Meer, doch an Bord eines Schiffes verlässt man nie die Kultur des Landes.
Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen wissen das. In einer Meile Entfernung fährt das Schiff der Küste eines beunruhigenden und exotischen Landes entlang, das für seine unaussprechliche Sprache, sein ungeniessbares Trinkwasser, seine blutigen politischen Umstürze und seine alltäglichen Gaunereien bekannt ist. Hoch oben auf dem C-Deck serviert ein Steward Gin Tonic auf einem silbernen Tablett; die Touristen, geborgen in ihrer klimatisierten Vier-Sterne-Welt aus Komfort und Beflissenheit, sehen die gefährliche Küste vorüberziehen wie einen Film. Sie sind gleichzeitig zu Hause und in der Fremde.
Bei einer Atlantiküberquerung auf einem britischen Frachtschiff im Herbst 1988 gerieten wir mitten auf dem Ozean in die Ausläufer eines Orkans. Das Schiff lag vierundzwanzig Stunden lang beigedreht auf dem Wasser und kam nicht vom Fleck, während um uns herum die See brodelte wie kochende Milch und die Wellenzüge donnerten. In der Offiziersmesse schwankte der Boden um 75 Grad, und die tropischen Fische schwappten aus ihrem Aquarium neben der Bar auf den Teppich.
«Bisschen windig heute», sagte der Kapitän über sein vormittägliches Glas Sherry hinweg, und die beiden Zweiten Offiziere, tapsig den plötzlichen Hügel hinauf auf das gerahmte Portrait der Königin und Prinz Philips zustolpernd, bemühten sich, heftig zu nicken und zu lächeln, wie man es von Zweiten Offizieren erwartet, wenn der Kapitän das Wort an sie richtet. Der Funkoffizier landete aus beträchtlicher Höhe in meinem Schoss. «Oh, pardon! Hoppla! Bitte vielmals um Entschuldigung!» sagte er.
Wäre die «Atlantic Conveyor» im heissblütigen Panama registriert gewesen, hätte sich diese Szene möglicherweise anders abgespielt, doch wir fuhren unter der Red Ensign, der Flagge der britischen Handelsmarine; und je mehr uns der Ozean hin und her schleuderte wie Kegel in einer Kiste, desto kräftiger bemühten wir uns, die steifen Formen unseres kleinen schwimmenden Englands zu bewahren. Wenn man einen Einblick in das britische Klassensystem mit seinen feinen Rang- und Standesunterschieden, seinen verklemmten Höflichkeiten und der bemüht steifen Oberlippe bekommen möchte, sollte man einmal bei schwerem Sturm als Passagier eines in Liverpool registrierten Frachtschiffs übers Meer fahren.
Der letzte Fall von Kannibalismus, der vor einem britischen Gericht verhandelt wurde, drehte sich um diesen Konflikt zwischen der Kultur des Schiffes und der wilden Natur des Meeres. Im Jahre 1884 geriet die Jacht «Mignonette», auf der Fahrt von Tollesbury in Essex nach Sydney, im Südatlantik in schweres Wetter. Von einem gewaltigen Brecher erfasst, sank sie, und die Besatzung rettete sich in das 13-Fuss-Dingi, in dem sie drei Wochen lang auf dem leeren Ozean unter einem heissen und wolkenlosen Himmel dahintrieb. Am vierundzwanzigsten Tag ihres Martyriums entschlossen sich die vier ausgehungerten Seeleute zu losen. Der Schiffsjunge Richard Parker, siebzehn Jahre alt, zog den kurzen Strohhalm, und der Kapitän schlitzte ihm mit einem Taschenmesser die Kehle auf. Dankbar verspeisten die Überlebenden die Überreste des Jungen.
Schliesslich wurden die Seeleute von einem deutschen Schiff geborgen und zurück nach Falmouth in England gebracht. Ihr Prozess in London war die Sensation des Tages. Die Verteidigung machte geltend, dass es für die Anklage keinerlei Rechtsgrundlage gebe: Die «Mignonette», ein in England registriertes Schiff, war gesunken, und die Tötung des Schiffsjungen hatte in einem unbeflaggten offenen Boot auf hoher See stattgefunden. Das Gesetz des Landes, so die Verteidigung, sei nicht anwendbar auf die in einem Dingi in internationalen Gewässern begangene Tat. Auf dem Ozean, tausend Meilen von der nächsten Küste entfernt, herrsche das Gesetz der Wildnis.
Zum Pech für die Männer (und für jene von uns, die in Dingis ausserhalb der Zwölf-Meilen-Zone auf dumme Gedanken kommen könnten), lief diese Lesart des Gesetzes einem Paragraphen des British Merchant Shipping Act von 1854 zuwider, der besagte, dass ein britischer Seemann dem englischen Gesetz untersteht, ob er nun auf oder nicht auf seinem Schiff ist - und das Dingi war, mit oder ohne Flagge, gesetzlich gesehen, ein integraler Bestandteil seines Mutterschiffs. Der Kapitän und der Maat der «Mignonette» wurden des Mordes für schuldig befunden, zum Tode verurteilt und schliesslich durch königlichen Erlass begnadigt. Die Sympathie des Gerichts und der britischen Öffentlichkeit war auf ihrer Seite, aber der Schuldspruch war erforderlich, um zu beweisen, dass der lange Arm des Gesetzes bis weit hinaus aufs offene Meer reicht.
Der Ozean selbst ist eine Wildnis jenseits der an Land herrschenden moralischen Grundsätze und Gepflogenheiten. Aber ein Schiff ist wie eine Enklave. Solange man an Bord ist, bleibt man ein soziales Wesen, ein den Konventionen der Gesellschaft verpflichteter Bürger. Man könnte ebensogut allein in einem schindelgedeckten Häuschen samt Lattenzaun und Briefkasten zur Fahrt über den weglosen Ozean aufbrechen.
ICH RICHTE GERADE mein eigenes Boot für eine Seereise von Seattle nach Juneau in Alaska her, und ich lebe Tag für Tag an der unsicheren Nahtstelle zwischen der Natur und der Kultur der Unternehmung. Mein Boot, eine 35-Fuss-Ketsch, wurde in Schweden gebaut und ist in Amerika zugelassen; wie sein Besitzer ist es in einem Land beheimatet, in einem anderen wohnhaft, also weder ganz ein Bürger des einen noch des anderen. Ich führe nie eine Flagge, es sei denn, die Obrigkeit zwingt mich dazu, und ich ziehe es vor, in meinem Boot eine unabhängige Republik zu sehen: liberal-demokratisch im Wesen, leger in den Umgangsformen, literarisch im Umgangston. Mein schlampiges Utopia.
An einer Wand der Kajüte, zwischen dem Feuerlöscher und dem Funkgerät, hängt eine Zeichnung von George III aus dem Jahre 1773 - Farmer George, der fette, wulstlippige, verrückte König von England, unser liebenswürdigster, hochherzigster Monarch, der die amerikanischen Kolonien verlor und die Gewohnheit hatte, sich in schwerwiegenden konstitutionellen Fragen an die weisen Sträucher in seinem Garten zu wenden. Jedes britische Schiff führt sein königliches Portrait mit sich. Für mich scheint George III der richtige König zu sein. Die unstete Art, mit der er das Staatsschiff lenkte, ist ein geeignetes Symbol für meinen häufig tapsigen Umgang mit meinem eigenen Boot.
Das eigentliche Herz meines Bootes ist seine Bibliothek. Sie enthält wenige nautische Bücher - die unvermeidlichen Küstenführer, Gezeitenatlanten und ein oder zwei barsche Werke mit Titeln wie «The 12-Volt Bible». Wenn ich an der nasskalten, düsteren Nordwestküste gezwungen bin, das Ende eines Sturms abzuwarten, bin ich aber auch nicht in der Stimmung, Conrad oder Melville zu lesen. Vor Anker in einer dunklen kleinen Bucht Britisch-Kolumbiens, wo schwarze Zedern sich um die Ruinen einer bankrotten Lachskonservenfabrik drängen und der Regen wie Tinte fällt, sehne ich mich nach Licht und Frohsinn, nach Räumen voller Stimmen. So stehen auf dem langen Regal in der Kajüte, unter der kardanisch domestizierten Petroleumlampe, «Lolita» und «Madame Bovary», die Romane von Evelyn Waugh (alle), Dickens' «Great Expectations», Trollopes «The Way We Live Now», Thackerays «Vanity Fair», Byrons «Don Juan». Da sind Bücher von Freunden und Bekannten wie Paul Theroux, Richard Ford, Cees Nooteboom, Ian McEwan, Martin Amis.
Ich frohlocke bei dem Gedanken, dass mein Auge nur von Evelyn Waugh (sagen wir von der Seite am Anfang von «Scoop», wo Julia Stitch im Bett liegt) aufzublicken brauchte, um zu sehen, wie ein schwarzer Bär im Treibholz am Rand des Wassers herumschnüffelt: Natur ausserhalb des Bootes, Gesellschaft innerhalb, und nur eine dünne Beplankung zwischen der einen Welt und der anderen. Die ständige leichte Bewegung des Bootes, das im Gezeitenstrom um den Anker pendelt, ist eine Mahnung, wie prekär doch unser Leben ist: gemütlich installiert mit einem Roman, Kaffeetasse in Reichweite, während sich unter den Füssen der Abgrund des Meeres auftut und an der Küste der Bär durch seine nasskalte Wildnis streift.
ICH LIEBE DIE SUBTILITÄT und den Reichtum der Variationen zum Thema Gesellschaft und Alleinsein, die sich einem auf einer Seereise auftun. Es ist, als lebte man innerhalb einer Metapher für die seltsame Reise der menschlichen Seele auf ihrem Weg durchs Leben.
Auf offener See, wenn die Wellen sich brechen und der Wind ein wenig zu stark geht, als dass man sich behaglich fühlen könnte, ist man der einsamste Narr auf Erden. Man versucht vergeblich, dem Kurs zu folgen, den der Kompass einem weismachen will. Er ist in der Karte eingetragen, magnetisch 347 Grad; eine saubere Bleistiftlinie teilt den weissen Raum des Ozeans. Die absurde Genauigkeit dieser Zahl scheint dich jetzt aus der Karte höhnisch anzugrinsen, während sich das Boot stampfend und schlingernd seinen Weg durch das Wasser bahnt und der Rumpf bei jedem Aufprall der zerklüfteten, schweren Wellen wie eine Pauke dröhnt. Der Bug stürzt vornüber mit einem Kurs von 15 Grad, um Sekunden später mit nunmehr 330 Grad von einer neuen Welle emporgehoben zu werden. Nachdem du das Ruder dem Autopiloten überlassen hast, der zumindest nicht schlechter, vielleicht sogar ein wenig besser als du selbst steuert, gehst du unter Deck.
Dong . . . schang. Dickens, Thackeray, Trollope und der Rest taumeln trunken in ihrem Regal. Zwei Orangen und ein Apfel jagen sich gegenseitig den Boden hinauf und hinunter. Der Frühstückskaffee hat sich in einen gezackten braunen Fleck auf der haferschleimfarbenen Sitzbank verwandelt. Die Glaskaraffe ist im Spülbecken zerschmettert. Die Schranktür fliegt auf und zu, als ob sich ein böswilliger Springteufel zwischen deinen frisch gewaschenen Hemden einen Spass machen wollte. Ein Schuss grüne See verdunkelt den Blick aus dem Kajütenfenster. Deine kostbare, artifizielle Miniaturzivilisation scheint dir auf einmal um die Ohren zu fliegen, und du kannst dich nicht erinnern, welcher Wahn dich überhaupt getrieben hat, hier draussen zu sein. Dann hörst du Stimmen. Einen Augenblick lang fürchtest du, den Verstand zu verlieren, bis du begreifst, dass die Stimmen aus dem Funkgerät kommen: ein Kapitän, der einen Hafenlotsen ruft; oder ein Fischer, der mit seiner Frau in ihrem Reihenhäuschen plaudert. Es ist ein ganz gewöhnlicher Morgen auf See, an dem die unsichtbare Gemeinde der See wie immer ihrem Tagwerk nachgeht. Du drehst den Funk lauter, steigst die vier Stufen zum Steuerstand hoch und übernimmst wieder das Ruder. Drei oder vier Meilen entfernt taucht für wenige Sekunden ein grauer langgestreckter Schüttgutfrachter auf, bevor er hinter einem hoch aufwogenden Wellenberg verschwindet; und du beobachtest das Schiff mit einer Mischung aus Freude über einen neuen Gefährten und wachsender Angst vor dem Zusammentreffen mit einem gefährlichen Eindringling.
Während man die Segel auffiert, um sich den grossen Fremden auf seinem Stück Wasser vom Leib zu halten, regt sich schnell wieder der Wunsch, allein zu sein - und die Wellen selbst scheinen ihren wütenden und rachsüchtigen Ausdruck zu verlieren. In der maritimen Gesellschaft ist es die Pflicht jedes ihrer Mitglieder, sich von allen anderen fernzuhalten. Allein zu sein heisst, sicher zu sein. Es ist kein Zufall, dass die beiden urbritischen Attitüden, to be standoffish (distanziert sein) und to keep aloof (Distanz wahren), nautische Begriffe sind, die seit langem zum allgemeinen Sprachgebrauch gehören. Standing-off ist das, was ein Schiff tut, um den Gefahren der Küste zu entgehen; aloof oder a-luff kommt von to luff up (anluven), und das bedeutet, mit dichtgeholten Segeln auf Amwindkurs gehen, um sich von anderen Schiffen fernzuhalten. Die Sprache der See ist voll von Substantiven und Verben, um die Vielzahl der Möglichkeiten zu beschreiben, mit denen ein Schiff für sich bleiben kann. Der Ozean ist im allgemeinen ein geselliger und freundlicher Ort, wo sich die Menschen (professionelle Seeleute zumindest) mit bemerkenswerter Höflichkeit behandeln. Aber diese Höflichkeit basiert auf Distanz und stark formalisierten Verhaltensregeln. Gib deine Absichten stets klar zu erkennen. Sei dir immer sicher, wann du nachgeben musst und wann du deinen Kurs halten kannst. Wenn sich die Menschen an Land wie Schiffe auf See verhielten, sähen sie aus wie Figuren in einer italienischen Oper oder wie Mitglieder des kaiserlichen Hofs in Japan.
ICH HABE NOCH NIE einen Ozean aus eigener Kraft überquert, ja eigentlich immer nur am Rand des Ozeans geschnuppert. Die längste Fahrt auf offener See, die ich gemacht habe, ging von Fishguard in Wales bis nach Falmouth in Cornwall; 200 Meilen, 35 Stunden; ein Tag, eine Nacht und den grössten Teil des nächsten Tages mit einem Schlaf voller Albträume (in denen ich kollidierte, strandete und unterging) am Ende der Reise. Schlichte Feigheit ist ein Grund, weshalb ich mich noch nie an einen Ozean herangewagt habe; meine Passion für Ankünfte ein anderer, nicht minder stark wie meine Ängstlichkeit. Wenn das Licht schwächer wird und die See schwarz, sehne ich mich danach, Land anzusteuern - die blinkenden Einfahrtsbojen auszumachen und den Weg in einen fremden Hafen zu finden. Das knifflige, atemraubende Geschäft des Einlaufens ist für mich eine grossartige Belohnung für einen stürmischen Tag in einem schwankenden Boot auf offener See.
Eine gute Zeit ist die Abenddämmerung, wenn die Lichter schon deutlich zu sehen, aber die Umrisse des Landes noch klar zu erkennen sind. Du bringst eine dunkle Landspitze in Deckung mit einer anderen, siehst dann das träge Aufblinken der Ansteuerungstonne und misst das Intervall mit deiner Uhr, um ihre Kennung zu ermitteln. Du bleibst in sicherer Distanz, bis sich die hellen Nadelstiche zu einem engen, gewundenen Pfad ordnen, in den du das Boot, unter Motor und mit halber Geschwindigkeit, einfädelst.
Die aufregendsten Häfen sind die, die von einem Labyrinth aus sich verändernden Sandbänken gesäumt werden, wie die Einfahrt in die Somme-Mündung in Nordfrankreich oder in den Hafen von Wexford in Irland, wo man durch markierte Fahrrinnen auf verwirrend verschlungenen Pfaden in die Stadt gelotst wird. Jede Fahrrinne beruht auf dem gesammelten Wissen der dortigen Lotsen und Fischer, jede ist ein Pfad, dessen Verlauf sich in Hunderten von Jahren entwickelt hat. Aber Sandbänke verändern ihre Lage nach jedem Sturm, und die Bojen sind nie genau an den richtigen Stellen. Wie so oft auf See ist man gleichzeitig in guter und erfahrener Gesellschaft und völlig auf sich allein gestellt.
Während man sich behutsam von Boje zu Boje arbeitet, beobachtet man die zitternde Nadel auf dem Echolot. Es ist der Blindenstock, mit dem man sich Schritt für Schritt seinen Weg ertastet, immer auf der Suche nach tiefem Wasser. Zwölf Fuss. Zehn Fuss. Acht Fuss - und schon hast du die Fahrrinne verlassen. Neun Fuss. Zehn Fuss - und du atmest wieder auf. Jetzt hast du die Brandung hinter dir, du dümpelst in einem weiten seeähnlichen Gewässer, und in der Ferne glänzen silbrig die Lichter der Stadt auf dem Wasser. In einem Augenblick der Unachtsamkeit hebt sich plötzlich der Bug des Bootes, als der Kiel eine Sandbank streift, doch er senkt sich wieder, die Boje gleitet vorbei, und die schwimmende Stadt treibt dir entgegen und nimmt dich auf.
Jeder, der sich schon einmal aus schwerer See in einen Hafen gekämpft hat, wird verstehen, weshalb die Worte heaven und haven eng verwandt sind. Eine trostlose, schiefergedeckte Stadt - Besichtigen Sie die Methodistenkirche und den fish-and-chips shop! - ist das Paradies selbst, wenn man dort nach einem Tag in Kälte und Angst auf einem torkelnden Boot Zuflucht findet. Du kniest bereitwillig nieder, um die Steine des Docks zu küssen, du bist voller Dankbarkeit für die Tatsache, dass Dulltown (dt. etwa «Dumpfhausen», A. d. Ü.) existiert. Seine Menschen sind so freundlich! So attraktiv! Seine Methodistenkirche ist, wie sollte es anders sein, eine Kathedrale! Seine fish and chips sind, ohne jeden Zweifel, die besten fish and chips der Welt! Wenige Reisende haben je solche Empfindungen in bezug auf Dulltown gehabt. Du bist privilegiert. Durch die besondere Art deiner Ankunft wurde dir ein Ort offenbart, der der Masse der Menschheit verborgen bleibt - Dulltown Haven . . . Dulltown Heaven. Für einen Schriftsteller ist eine solche Epiphanie ein wahres Geschenk - sie bewahrt einen vor dem abgebrühten Zynismus, der gewöhnlich der Fluch des Reisens ist.
Doch waren wir eben noch an den Mündungen der Somme und des Slaney, und weder St-Valéry noch Wexford haben im geringsten etwas mit Dulltown zu tun. Es sind schöne und komplexe Orte, selbst wenn man banal mit dem Auto anreist. Das Wunder der Ankunft von See her ist, dass dein Boot, sobald es am Steg vertäut ist, ein Teil der Architektur und der Silhouette der Stadt wird. Du gehörst zum Leben und Treiben der Gemeinde, was kein normaler Besucher je erhoffen könnte. Deine Nachbarn sind Fischer, Dockarbeiter, einheimische Bootsbesitzer; und je schwieriger die Einfahrt in den Hafen war, desto eher wirst du als einer der ihren akzeptiert. In kleineren Gemeinden verschaffen dir deine Ausdauer und dein Geschick als Seefahrer (du wärst schliesslich nicht da, wenn du ein kompletter Trottel wärst) automatisch Zutritt zur Gesellschaft. Für einen, zwei oder drei Tage oder solange das Wetter draussen abschreckend bleibt, nimmst du teil am Hafenleben. Nachmittags besuchst du Leute, kletterst über glitschige Decks voller Fischschuppen. Du arbeitest an deinem Boot. Du lernst ein Dutzend Namen. Abends gehst du mit deinen neuen Nachbarn in die Kneipe gegenüber, wo du (wenn du Schriftsteller bist) versuchst, mehr zuzuhören als zu trinken. Du hörst Dinge, die dir im Leben niemand erzählen würde, wärst du mit dem Auto gekommen. Dann, eines Morgens um fünf Uhr, in der letzten Stunde vor Einsetzen der Ebbe, machst du in der Dunkelheit die klammen Leinen los und stiehlst dich aus dem Ort, ohne dich zu verabschieden. An der Ansteuerungstonne ist die See ölig ruhig, und vom Wasser steigt der Nebel in Schnörkeln auf. Die Ausläufer einer starken Dünung lassen die Wasseroberfläche atmen, sie hebt und senkt sich wie der Bauch eines fetten Mannes. Die Sichtweite beträgt eine Meile, vielleicht auch weniger. Ein leichter Westwind ist vorausgesagt.
Vor dir liegt das offene Meer und ein Tag wie eine leere Schiefertafel. Aber einige Dinge sind sicher. Es wird - wie jetzt - Augenblicke des Staunens und der Begeisterung geben, wie man sie selten an Land erlebt. Es wird die immer stärker werdende Anziehungskraft des unbekannten Hafens jenseits des Wassers geben. Es wird zumindest einen ernsthaften Grund für Angst geben und zumindest eine unangenehme Überraschung.
Du stellst den Motor ab, lässt das Boot auf der Strömung treiben und wartest, bis genug Wind da ist, um die Segel zu hissen. Die Stadt, die du verlassen hast, liegt jetzt im Dunst. Allein in einem Kreis von diffusem Licht, gleitest du lautlos dahin. Bald werden die See und der Tag beginnen, deinem Leben ihre eigene Geschichte aufzuerlegen; aber im Augenblick bist du noch eine unfertige Figur, in Erwartung jener Folge von Ereignissen, die dich prägen. Bon voyage!
Jonathan Raban ist Reiseschriftsteller; er lebt in Seattle. Zuletzt ist von ihm auf deutsch erschienen «Neue Welt. Eine amerikanische Reise».