NZZ Folio 10/04 - Thema: Studenten   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Der Duft zum Sonntag

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

ES HEISST, die Woche sei, wie die Stadt, das Rad und die Schrift, eine sumerische Erfindung. Sieben Tage, jeder nach einem Planetengott benannt, sind genau richtig: lange genug, um sich an die Arbeit zu gewöhnen, aber hinreichend kurz, um sie in einem Stück hinter sich zu bringen. Die Entsprechung zwischen Planet und Tag ist mal mehr, mal weniger überzeugend (Montag ist nicht sonderlich mondmässig, aber Freitag gehört eindeutig der Venus). Doch Sonntag ist unbestreitbar dies solis, besonders wenn man in der Morgensonne blinzelnd durch die leeren Strassen einer Stadt spaziert.

Für alle, die auf nichts Bestimmtes warten, sind Sonntage eine Inspiration. Hopper malte ihre Leere, Aaron Copland hat ihre Musik in «Quiet City» in Noten gefasst. Aber wenn der Sonntag ein Parfum wäre, welches könnte es sein? Welcher Duft atmet jene Stille, die auf langen Spaziergängen, auf denen man nur von seinem Schutzengel begleitet wird, nach und nach bis in die Fingerspitzen dringt?

Mein Favorit ist seit je Guerlains Jicky, dieses fahnengleiche Konfekt aus Lavendel und Vanille. Jicky, das älteste noch existierende Parfum (aus dem Jahr 1889, Kölnischwasser zählt nicht), wurde in den letzten Jahren leicht restauriert. Ausnahmsweise wur de dabei kein Schaden angerichtet. Der Duft ist so gut, wie er sein kann, kühl im Kopf, warm darunter und insgesamt von einer barmherzigen Stille. Verschwunden ist jene Note von französischer Erotik, die bisher seine schlichte Schönheit umwölkte. Bis vor kurzem sah ich keine ernsthaften Konkurrenten. Doch siehe da, in dieser auf Montagmorgen und Sams tagabend gepolten Welt erscheint plötzlich ein grossartiger neuer Sonntagsduft: Osmanthus von The Different Company. Komponiert hat ihn einer der Gründer dieser Truppe: Jean-Claude Ellena, der jüngst als Hausparfumeur zu Hermès gegangen ist. Zum Vorteil für Hermès, doch bisher zu unserem Nachteil, denn der erste Duft, den er dort entworfen hat (Un Jardin en Méditerranée), ist zwar nett gemacht, aber nicht besonders interessant.

Osmanthus gehört zu einer anderen Liga. Die Pflanze selbst, Osmanthus fragrans, ist wie die Hyazinthe und die Tuberose einer jener Düfte, die Gott sich ausgedacht haben muss, als er organische Chemie studierte. Seifig, pudrig, mit Sicherheit nicht essbar, eine Art blaues Wedgwood für die Nase. Ellena hat ihren Duft in eine Struktur eingebettet, die an die sanfte Glut altehrwürdiger Parfums wie Je reviens von Worth erinnert, mit dem Gesamtergebnis eines schillernden Opals: Osmanthus fühlt sich bei jedem Tragen anders an, aber doch stets vertraut und beruhigend.

The Different Company hat die brillante Idee gehabt, ihre Düfte in kleinen, versiegelten 10-ml-Zerstäubern anzubieten, die sie als 48-Stunden-Nachfüllflacons bezeichnen. Eine Probierpackung mit drei Parfums verspricht eine atemberaubende Woche – nur dass jeder, der in so kurzer Zeit so viel Parfum verbraucht, wahrscheinlich professioneller Hilfe bedarf.




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