NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Pia Schmids Hotelzimmer

© Iren Monti, Zürich
Die Architektin und Designerin Pia Schmid in ihrem Loft im Zürcher Seefeld. Ein Schritt hinaus, und sie hat jede Menge Kontakt. Oder Türe hinter sich zu, und keiner hat Zugriff auf sie. Linktext
Von Lilli Binzegger

«MAL SEHEN, OB ICH ein Brett für den Käse finde, den du mitgebracht hast. Sieht aus, als hätte ich nichts anderes als diesen angeschriebenen Deckel einer Kiste, nicht? Auf solche Dinge stehe ich halt total. Jetzt bin ich wenigstens mal früh zu Hause, sonst bin ich oft bis zwei im Büro, manchmal bis vier, und fahre dann mit dem Töff durch die Nacht nach Hause. Ich bin nachtaktiv, schlafe nie mehr als vier, fünf Stunden. Ich könnte schon länger, aber ich stehe auf, weil ich den Tag so toll finde. Wenn ich lang schlafe, habe ich manchmal so komische Träume. Letzthin träumte ich, ich hätte ein Zebra gegessen. Das hing wohl mit einem Vortrag zusammen, den ich über Design halten musste. Zebras sind irgendwie so designt.

Dieser Loft ist zweistöckig, hier unten der langgezogene Raum mit der offenen Küche, oben ein offener Arbeitsraum, dahinter das Schlafzimmer mit Balkon. Beim Sonnenstand im Frühling kann man dort am Morgen im Bett sonnen. Ich sehe vom Bett aus jede Menge Himmel, und hereinschauen kann keiner. Über den Balkon kommt jeweils Boyboy herein, ein Kater: kommt oben herein und geht unten hinaus. Gegenüber steht ein Haus mit einer Behinderten-WG, wir können uns gegenseitig in die Wohnungen schauen. Wenn ich hier bin und sehe, dass sie auch da sind, gibt mir das irgendwie ein gutes Gefühl.

Diese Wohnung ist für mich wie ein grosses Hotelzimmer. Ich mag Hotelzimmer, ich liebe es, die Tür hinter mir zumachen zu können, und keiner hat Zugriff auf mich. Gerade wenn man wenig zu Hause ist, muss man gut wohnen. Auf Reisen verändere ich Hotelzimmer oft, stelle die Möbel um und habe immer Tücher bei mir, mit denen ich hässliche Gegenstände abdecken kann. Es gibt wenige andere Räume, die so anonym sind wie die Zimmer von Hotels: ein Bett, ein Tisch, ein Zahnglas, ganz fundamentale Dinge. Darum haben diese Design-Geschichten schon ihren Sinn, denn sobald du ein Ding antriffst, das du kennst, fühlst du dich ein wenig zu Hause.

Das Schubladenregal? Ich sah es irgendwo und wollte es haben. Darin wurden früher Schrauben aufbewahrt. Für den Transport band man die Schubladen mit Schnüren fest, weil sie sonst herausgefallen wären. Nun finde ich es gut so. Doch, an dem Tisch kann man schon essen. An der Wand steht ein Zwilling davon, den ich mit diesem zusammenfügen kann. Man kann die Gäste aber auch im Zickzack placieren. Die Dinge, die rumstehen, habe ich fast alle von meinen Reisen mitgebracht: Bilder afrikanischer Künstler, marokkanische Trophäen, Bücher über die Wüste.

Früher fiel ich jeweils in ein Loch, wenn etwas fertig gebaut war, jetzt laufen meist mehrere grosse Projekte parallel. Ein Bauprojekt dauert ja seine Zeit, da bekommt man oft die Leute auch gern. Nachher habe ich in der Regel keinen Zugang mehr zu den Räumen. Das ist wie eine Abnabelung.

An so einem Tag vor etwa acht Jahren machte ich die Zeitung auf und las: Loft im Seefeld. Ich setzte mich einen Nachmittag lang hier herein, und es war wie Weihnachten. Hier gab es keine Hausgeschichten und keine Waschküchenordnung, Regeln war ich von den WGs her nicht gewohnt. Hier kann man allein sein, aber ein Schritt hinaus, und man hat so so viel Anschluss wie man will. Im Haus leben alles gute Leute, die einen guten Job machen. Und ein Hund, der schöne Zeichen im Haus hinterlegt: Tennisbälle etwa oder ein Holzscheit, das er im Lift deponiert.

Wenn ich einen Raum sehe, dann kann ich mir leicht vorstellen, wie er auch noch aussehen könnte. Das ist eine Begabung, aber man kann es auch schulen. Ich denke mir den Raum frei, dann kommen die Ideen. Ich schaffe immer auf Spitze, ohne Druck passiert bei mir wie bei den meisten Kreativen nichts. Natürlich ordne ich es in Gedanken lang vorher, aber den entscheidenden Schritt mache ich im letzten Augenblick. Meist weiss ich dann, dass es richtig ist, es ist mir selten passiert, dass man sagte: Nein, sorry, da sind Sie im falschen Film.

Seit 15 Jahren gehe ich so oft ich kann in die Wüste, die zieht mich magisch an. Sie hat etwas Reines, ist sehr absolut, hat ihren Rhythmus, den Tag mit der Hitze, die Kälte der Nacht. Ich wohne jeweils in einer Oase in Marokko nahe der algerischen Grenze. In dieser Landschaft wirst du ganz klein, es ist unwichtig, wer du bist und was für Probleme du hast oder was für ein gekränktes Selbstbewusstsein. Da schlafe ich oft unter dem Sternenhimmel, ziehe mich dick an. Im Zimmer lese ich mit der Taschenlampe, damit sich die Mücken nicht am Moskitonetz stauen. Wenn ich zurückkomme und möchte, dass die Ferien noch etwas weitergehen, lese ich auch hier noch eine Zeitlang mit der Taschenlampe. Nachher wirkt es nicht mehr.

Dafür war ich noch nie in New York, auch noch nie in Thailand und an solchen Orten. Ich reise lieber in ein Land, das mir gefällt, immer wieder. Ich will dort dann etwas mit den Leuten zu tun haben, und bis ich sie einigermassen verstehe, braucht es Zeit. Früher war Marseille mein Lieblingsort, da bin ich oft mit dem Töff hingefahren. Jetzt ist es die Wüste. Ich bin kein Massenmensch, kann gut irgendwo lange ohne Gesellschaft sein. Ich habe zum Alleinsein auch hier meine Orte, verwunschene Stellen an der Sihl etwa, mit Gletschermühlen, in die man sich hineinlegen kann.

Wenn mir früher einer gesagt hätte, dass ich einmal eine erfolgreiche Architektin werden würde, hätte ich dem nicht geglaubt. Ich hätte sicher nicht gedacht, dass ich eines Tages 16 Stunden arbeiten und nicht mehr ins Kino gehen würde. So lange ich aber das, was ich mache, gut kann und ich gesund bin, bleibe ich unerschrocken.»


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