NZZ Folio 06/98 - Thema: Das Mittelmeer   Inhaltsverzeichnis

Zankapfel der Mächte

Ewige Konflikte im Mittelmeerraum.

Von Franz Georg Maier

DIE KÜSTEN DES MITTELMEERS sind voller Zeugen Stein gewordener Geschichte - prähistorische Megalith-Heiligtümer in Malta, minoische Paläste in Kreta, dorische Tempel in Sizilien, römische Theater in Kleinasien, byzantinische Basiliken in der Ägäis, omayyadische Moscheen in Syrien, gotische Kreuzfahrerkathedralen in Zypern, venezianische Seefestungen an der Adria, osmanische Zitadellen in Ägypten. Das Mittelmeer war in der Tat Zentrum und Begegnungsfeld einer welthistorischen Region, die Europa, Vorderasien und den Norden Afrikas umfasste. Und im Konflikt der grossen Mächte um die Vorherrschaft in diesem Raum, in der ständigen Veränderung von Fronten und Einflusszonen glaubte man lange ein durchgehendes historisches Grundthema zu erkennen: die Auseinandersetzung zwischen Ost und West, den Kampf um die politische und geistige Grenzscheide zwischen den Ländern griechisch-lateinischer Tradition und dem orientalischen Kulturraum. Doch der weltgeschichtliche Prozess zwischen Europa und dem Orient ist zu häufig von Querprozessen überlagert, als dass er sich allein mit dem einfachen Leitbegriff eines Ost-West-Konflikts deuten liesse.

Lange vor dem römischen Imperium waren das Mittelmeergebiet und die angrenzenden Länder des «fruchtbaren Halbmonds» bereits ein Kernraum der Weltgeschichte. Im Zweistromland und im Nildelta vollzog sich seit dem 6. Jahrtausend mit dem Übergang von den Jägern und Sammlern zu Ackerbauern eine erste tiefgreifende Revolutionierung der menschlichen Gesellschaft; im gleichen Raum entwickelten sich in den folgenden zwei Jahrtausenden städtische Lebensformen und erste Hochkulturen.

Auch die Geschichte grösserer politischer Gebilde nahm in Ägypten und Mesopotamien ihren Anfang. Hier entstanden im 3. Jahrtausend die ersten Staaten, die über die engen Grenzen eines Stadtkönigtums hinausgriffen, hier wurde die Idee eines Weltreichs zum erstenmal formuliert. Seit dem 2. Jahrtausend rangen immer wieder neue Staaten um die Herrschaft über den Mittelmeerraum: Hethiter und Ägypter, Assyrer, Perser und Makedonen.

Die mediterrane Frühzeit ist Vergangenheit - trotz aller Dramatik des Geschehens blosse Erinnerung. Allein die Philosophie der Griechen wirkt noch geschichtlich fort. Sie bezeichnet den Anfang und bildet die Grundlage jener Entwicklung des europäischen Geistes, in der mehr und mehr Ratio und Wille das Verhalten zur Welt bestimmten.

DAS MEER DER RÖMER. Geschichte, die noch bis in unsere Gegenwart wirkt, beginnt mit der Entstehung des römischen Weltreichs. «Mare nostrum», unser Meer - nichts bezeichnet schärfer die Rolle des Mittelmeers für Rom als dieses Schlagwort des römischen Imperialismus. Unter den Kaisern von Augustus bis zu Theodosius I. (27 v. Chr. bis 395 n. Chr.) reichte das Imperium Romanum von der schottischen Grenze, dem Rhein und der Donau bis zu den Rändern der Sahara und des Sudan, von der Iberischen Halbinsel bis nach Ostanatolien, dem Euphrat und Transjordanien. Das Mittelmeer aber, im Zentrum des Reiches zu einem römischen Binnensee geworden, sicherte Kommunikation, Kontrolle und wirtschaftlichen Austausch. Der Seeweg erleichterte Personenverkehr und Truppenverschiebungen im Imperium; nur Schiffe verfügten über Kapazität, die für den Transport von Massengütern zwischen den Provinzen notwendig war.

Das Imperium Romanum fasste den lateinischen Westen und den griechischen Osten der Mittelmeerwelt zusammen. Kaiser und Verwaltung versuchten, in den riesigen Territorien römische Normen durchzusetzen; sie schufen unter anderem das grösste einheitliche Währungsgebiet der bisherigen Geschichte. Zwar lebte unter dem dünnen Firnis romanisierter Kultur eine Vielzahl regionaler Gesellschaften weiter, unterschieden durch Rechtsstellung, Sprache, Kultur und Mentalität. Doch zumindest in der Führungsschicht gab es ein übergreifendes Bewusstsein: «Rom hat dem ganzen Menschengeschlecht einen Namen gegeben . . . Ihm verdanken wir, dass wir die Wasser der Rhone und des Orontes trinken und doch ein Volk sind», schrieb der Ägypter Claudianus. Das Christentum, das von Kaiser Konstantin und seinen Nachfolgern im 4. Jahrhundert energisch gefördert wurde, war ein weiteres Element gemeinsamer Identität. Aus dem Imperium wurde das Imperium Romanum Christianum, welches das Schicksal des Mittelmeerraumes ebenfalls entscheidend prägte. Im Bewusstsein der Römer entsprachen sich «orbis Romanus» und «orbis terrarum», das Römerreich und der Erdkreis. Die Einigung der gesamten Kulturwelt galt als eine Leistung auf Dauer. Der Glaube an die «aeternitas Romae», die Ewigkeit römischer Herrschaft, war Teil der imperialen Ideologie. Sie hielt sich letztlich bis zur Auflösung des «Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation» durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Die Realität römischer Weltherrschaft aber war bereits in der germanischen Völkerwanderung des 5. Jahrhunderts zerbrochen.

Nach der historischen Windstille der Pax Romana wurde das Mittelmeer erneut zum weltgeschichtlichen Begegnungsfeld. Aus dem Jahrhunderte dauernden Umgestaltungsprozess gingen drei neue Herrschafts- und Kulturbereiche mit eigenen geistigen, wirtschaftlichen und politischen Gravitationszentren hervor: Byzanz, der Islam und die germanisch-romanische Völkergemeinschaft. Sie bestimmten vom Ende des Imperium Romanum bis zum Höhepunkt der osmanischen Expansion im 15. Jahrhundert die Geschichte des Mittelmeerraums.

NEUE FÜHRUNGSMACHT BYZANZ. Das bis nach Nordafrika, Italien und Südspanien reichende Oströmische Reich Justinians (527?565) spielte als Erbe Roms die Rolle der unbestrittenen Führungsmacht. Der hochorganisierte und nach zentralistisch-bürokratischen Prinzipien regierte Staat war gegenüber dem polyzentrischen System germanischer Nachfolgestaaten auf dem Boden der alten westlichen Reichsprovinzen politisch und kulturell dominierend. Doch im 7. und 8. Jahrhundert erschütterten zwei historische Bewegungen die Stellung des Byzantinischen Reiches. Die Landnahme awarischer, bulgarischer und slawischer Stämme im Balkan untergrub die Position von Byzanz in Südosteuropa. Und eine noch schärfere historische Zäsur markierte das Entstehen des Islam: die neue Weltreligion wurde zur zweiten formenden Potenz mittelmeerischer Geschichte neben dem Erbe Roms.

Das arabisch-islamische Kalifenreich eroberte bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts Syrien und Mesopotamien, Nordafrika und Spanien. Es setzte der politischen Einheit des Mittelmeerraums definitiv ein Ende. Doch die wirtschaftlichen und kulturellen Wechselwirkungen zwischen dem mittelalterlichen Europa, dem Byzantinischen Reich und dem islamischen Orient dauerten weiter. Byzanz, mit seinen wirtschaftlichen Ressourcen und kulturellen Leistungen immer noch überlegen, wirkte nachdrücklich auf die Formung der abendländischen Welt und mehr noch auf die Entwicklung der slawischen Völker des Balkans ein. Aber auch Lebensformen und Kunst des frühen Kalifats waren vielfach durch byzantinische Traditionen geprägt.

Im frühen Mittelalter blieben die Beziehungen zwischen West und Ost im Mittelmeerraum verhältnismässig stabil, bestimmt durch das einigermassen ausgewogene Kräftedreieck von lateinischem Westen, orthodoxem Byzanz und islamischem Orient. Der kirchliche Bruch zwischen Rom und Konstantinopel 1054 aber akzentuierte eine fortschreitende Entfremdung. Er war ein Zeichen nicht allein des kirchenpolitischen Konflikts zwischen Papst und Patriarch, sondern des zunehmenden Auseinanderlebens westlicher und östlicher Christenheit überhaupt. Gegenläufig zu dieser Entwicklung bahnte sich seit der Mitte des 11. Jahrhunderts eine stärkere Verflechtung zwischen Ost und West an. Beherrschende aussenpolitische Faktoren waren der Machtzerfall des Byzantinischen Reichs und der Beginn der expansiven Politik der europäischen Staaten im Mittelmeerraum - markiert durch die Gründung des sizilisch-unteritalienischen Normannenstaates und das Entstehen der Kreuzzugsbewegung.

In diesem Hinausgreifen über Mitteleuropa verbanden sich sehr verschiedenartige Kräfte: politischer Expansionsdrang, ökonomische Interessen und religiöse Ideologie. Die Kreuzzüge richteten sich gegen den islamischen Herrschaftsbereich im östlichen Mittelmeerraum; im Westen drangen Kastilien und Aragon gegen die spanischen Muslime vor; die Normannen versuchten über die Adria hinweg byzantinisches Territorium zu erobern. Die Politik der Stauferkaiser schliesslich weitete die Auseinandersetzung mit Byzanz zumindest dem Anspruch nach zum imperialen Konflikt um die Herrschaft im Mittelmeer.

Das Eingreifen der europäischen Mächte veränderte die prekäre Machtbalance zwischen Islam und christlichen Staaten grundlegend. Entscheidende Voraussetzung für diesen Wandel war das Fehlen stabiler Fronten und Gegenmächte im Osten, bedingt durch die Zersplitterung der islamischen Staatenwelt. Die Dynastie der Abbasiden (seit 750) vermochte im Grossreich der Kalifen die zentrifugalen Kräfte auf Dauer nicht zu bändigen. Selbständige Teilreiche entstanden: Spanien unter den Omayyaden, Nordafrika unter den Fatimiden; Syrien und Palästina zerfielen schliesslich im späteren 11. Jahrhundert in ein Mosaik arabischer und türkischer Kleinstaaten - was die schnellen Erfolge des 1. Kreuzzugs von 1099 erklärt.

Auch die wirtschaftliche Entwicklung im Mittelmeer begünstigte den Westen. Die italienischen Seestädte - Amalfi, Pisa, vor allem aber Genua und Venedig - errangen in Konkurrenz mit Byzantinern und Arabern einen immer grösseren Anteil am lukrativen Orienthandel. Aus Byzanz übernommene Fertigungstechniken wie Seidenweberei, Bronzeguss oder Glasherstellung trugen zugleich zur ökonomischen Entwicklung in Westeuropa bei. Die verstärkte politische und wirtschaftliche Verflechtung vertiefte wiederum den kulturellen Austausch. Neben Byzanz spielte nun die islamische Welt eine bedeutende Vermittlerrolle. Sizilien, das von 902 bis 1060 vollständig unter arabischer Herrschaft stand, vor allem aber Spanien bildeten die entscheidenden Kontaktzonen. Das Kalifat von Cordoba galt als eines der reichsten und kultiviertesten Länder der Zeit. In den Übersetzerschulen von Toledo wurden von den arabischen Philosophen Avicenna und Averroes Texte des Aristoteles übertragen - eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der mittelalterlichen Scholastik.

Der Zerfall der Kreuzfahrerstaaten an der syrisch-palästinensischen Küste begann mit der Niederlage des Kreuzritterheeres bei Hattin gegen die Armee Saladins 1171. Doch weit folgenreicher für die Geschichte des Mittelmeerraumes war der 4. Kreuzzug, der 1204 unter dem Druck macht- und handelspolitischer Interessen mit der Eroberung von Konstantinopel und der Auflösung des byzantinischen Staates endete. Dieser «Kreuzzug» öffnete der türkischen Eroberung des Balkans den Weg und besiegelte das Schicksal des christlichen Südosteuropa.

Diese historischen Langzeitwirkungen waren freilich zunächst nicht erkennbar. Das durch den 4. Kreuzzug geschaffene System fränkischer, byzantinischer und türkischer Kleinstaaten im Ägäis-Raum erwies sich wider Erwarten als verhältnismässig dauerhaft. Die im Mittelmeer engagierten westlichen Mächte - Anjou, Aragon, Venedig und Genua, aber auch Frankreich und das Papsttum - waren durch die Verwicklungen europäischer Politik zu stark gebunden, um noch expansiv-ordnend in der Levante einzugreifen. Auch die islamische Staatenwelt wurde durch die Dynastie der Mamelucken, die von einem türkischen Söldnergeneral 1260 begründet wurde und für 250 Jahre über Ägypten und Syrien herrschte, nur bedingt konsolidiert.

Das Machtvakuum in der Ägäis hatte aber nur Bestand, solange die Aktionsfähigkeit der angrenzenden Mächte eingeschränkt war. Wie labil diese Region war, zeigte sich, als sich im späten 14. Jahrhundert die machtpolitische Konstellation nachhaltig änderte. An die Stelle der zerstückelten Balkan-Ägäis-Region und der ebenfalls zergliederten islamischen Welt trat ein osmanisches Gesamtreich. Es umfasste Vorderasien, Nordafrika, die Ägäis und den südlichen Balkan und kontrollierte weite Teile des Mittelmeerraums.

DAS TÜRKISCHE GROSSREICH. Das Entstehen einer neuen mediterranen Grossmacht formte die Gesamtentwicklung im Mittelmeer und im Nahen Osten entscheidend. Das Osmanenreich fasste den Osten und Süden des Mittelmeerraums erneut in einem einheitlichen politischen System zusammen, das in Konstantinopel-Istanbul sein Gravitationszentrum hatte. Der osmanische Staat, an Umfang dem Reich der frühen Kalifen vergleichbar, war eine Weltmacht und zugleich die erste Militärmacht der Zeit. An die Stelle dreier Machtzentren im Mittelmeerraum trat ein Dualismus zwischen dem türkischen Grossreich und den (nur zeitweise eine gemeinsame Front bildenden) europäischen Staaten. Hatten jahrhundertelang Grenzlinien von Norden nach Süden das Mittelmeer durchschnitten, so verlief die neue Grenzzone nun von Ost nach West.

Der Handel hatte im Gegensatz zur politischen Regionalisierung das Mittelmeer wieder zu einem einigermassen einheitlichen Wirtschaftsraum gemacht. Der Rückgang des politischen Engagements der europäischen Staaten nach der Mitte des 13. Jahrhunderts beeinträchtigte zunächst den Güteraustausch kaum. Die Nachfrage nach Luxusgütern wie Zucker, Gewürzen, Parfums, Seide oder Teppichen hielt in Europa an. Die italienischen Handelsrepubliken Genua und Venedig besassen dank dem Netz ihrer mediterranen Stützpunkte im Orienthandel eine dominierende Position, zumal sie durch ihre Lage an den Endpunkten norditalienischer Handelswege auch den Umschlag dieser Güter nach West- und Nordeuropa beherrschten. Doch die türkische Expansion führte auch hier langfristig zu Veränderungen. Venedig erhielt zwar seit 1512 auch von den Sultanen Handelskonzessionen, aber im rücksichtslosen Handelskrieg gegen die Rivalin Genua verteidigte es nur noch eine Vergangenheit, die Bedeutung des Levantehandels war unaufhaltsam im Schwinden begriffen. Entscheidend dafür war eine welthistorische Parallelentwicklung. Das Wachstum des Osmanenreiches fiel zeitlich zusammen mit der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien um die Südspitze Afrikas.

Die wirtschaftlichen Interessen und politischen Energien der europäischen Mächte richteten sich so ab dem späten 15. Jahrhundert immer stärker nach Westen. Die wichtigsten Welthandelsstrassen führten nun über den Atlantik; die Kap-Route verdrängte die Handelswege durch den Mittelmeerraum. Während Europas koloniale Ausbreitung nach Afrika, Südostasien und Amerika begann, verlor das Mittelmeer seine Funktion als Begegnungsraum, als wirtschaftliches, politisches und kulturelles Nervenzentrum.

Das Weltreich der Osmanen hatte in mancher Hinsicht mit Byzanz ebensoviel gemeinsam wie mit seinem islamischen Vorgänger, dem Reich der Kalifen. Territorium und politisches Zentrum deckten sich weitgehend; die grundlegende politisch-strategische Problematik war dieselbe. Auch das Osmanenreich war ein Schwellenstaat zwischen Europa und Asien - und lag dadurch in ständigem Konflikt mit den Mächten des europäischen Westens und mit seinen Gegenspielern in Vorderasien. Als politisches System blieb der Vielvölkerstaat bis tief ins 19. Jahrhundert, was er zu Anfang gewesen war: eine halbfeudale Militärautokratie der Sultane, die die eroberten Gebiete nur lose überlagerte.

Die vergleichsweise grosse Flexibilität eines prinzipiell auf Herrschaftssicherung, elementare Ordnungsfunktionen und Finanzierung der öffentlichen Ausgaben beschränkten Staatsapparats liess den lokalen Machthabern weiten Spielraum, war jedoch eine zweischneidige Errungenschaft. Einerseits ermöglichte sie weitgehende lokale und regionale Autonomie und eine im Vergleich zum damaligen Europa oft vorbildliche religiöse Toleranz gegenüber den zahlreichen nichtmuslimischen Minoritäten. Andererseits öffnete das System Tür und Tor für Indolenz, Willkür und Korruption. Regierung und Verwaltung waren unfähig, einschneidende Massnahmen zu ergreifen und langfristig zu planen. Die türkische Administration trug das Ihre zum Rückgang von Produktion und Handel, von Landwirtschaft und Bevölkerungszahl bei. Weite Teile des Osmanenreiches wurden zu einem toten Winkel, den der technisch-zivilisatorische Fortschritt des Westens kaum erreichte.

IM EINFLUSSBEREICH DER GROSSMÄCHTE. Die osmanische Politik wurde nach der zweiten Belagerung Wiens (1683) in die Defensive gedrängt, und der verlorene 3. Russisch-Türkische Krieg (1768?1774) leitete den eigentlichen Niedergang des Reiches ein. Kurz darauf begann mit Napoleons ägyptischer Expedition erneut die Zeit direkter westlicher Interventionen. Je deutlicher der Zerfall des «kranken Mannes am Bosporus» wurde, desto mehr rückte das Mittelmeer wieder in den Interessenkreis der Grossmächte. Sollte das Osmanenreich weiterbestehen oder dem Interessenkonflikt zwischen Russland, Österreich, Frankreich und England geopfert werden, ohne freilich das europäische Gleichgewicht zu erschüttern? Das war die «orientalische Frage» des 19. Jahrhunderts. Dem russischen Drang nach Konstantinopel stand die Sorge Englands um die Sicherheit des Weges nach Indien entgegen - erst recht nach der Eröffnung des Suezkanals 1869. Englands Politik zielte prinzipiell auf eine Erhaltung der Türkei als Damm gegen die «slawisch-russische Expansion»; das Osmanenreich müsse weniger zum Nutzen der Türken als des christlichen Europa bestehen bleiben, hatte Wellington schon 1829 erklärt.

Das östliche Mittelmeer und der Nahe Osten wurden so wieder zur Krisenregion. Englisch-russische Interessengegensätze, französisch-britische Rivalitäten in Syrien und Ägypten, wachsender deutscher Einfluss in der Türkei - das schuf ebenso neue Konfliktherde wie die Kolonialisierung des islamischen Nordafrika: Englands Protektorat über Ägypten; Frankreichs Annexion von Tunesien, Algerien und Marokko; die Besetzung Libyens und des Dodekanes durch das geeinte Italien. Zwar gelang es, die Lage im Mittelmeerraum bis 1914 einigermassen zu stabilisieren. Das Ende des Ersten Weltkriegs aber bedeutete auch das Ende des osmanischen Vielvölkerstaates. Die Neuordnung des Mittelmeerraumes durch die Friedensverträge war primär ein Erfolg der Siegermächte England und Frankreich. Die Gebietsgewinne des Krieges blieben erhalten, wo nicht anders möglich durch das Instrument eines «Völkerbundmandats» wie in Syrien und Palästina.

Der nach 1919 geschaffene Status quo überdauerte die Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, doch für jeden klarblickenden Betrachter war er nichts als eine Übergangslösung. Der Unabhängigkeitsdrang der islamisch-nationalen Bewegungen in den arabischen Ländern, deren politische Forderungen nach dem Ersten Weltkrieg enttäuscht worden waren, wuchs beständig. Zugleich hatte die wirtschaftliche Entwicklung erneut einen weitreichenden Einfluss auf Politik und Strategie im Mittelmeerraum. In dem bald nach 1919 einsetzenden Interessenkonflikt um die Kontrolle der Ölförderung im Nahen Osten spielten der Suezkanal als Tankerroute und mögliche Pipeline-Terminals in den Häfen des Ostmittelmeers eine nicht unwichtige Rolle.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewann der Mittelmeerraum durch seine strategische Lage im Ost-West-Konflikt und seine Ölvorräte noch an weltpolitischem Gewicht. Auch nach dem Ende des kalten Krieges blieb er ein potentieller Krisenherd. Parallel zu den Unwägbarkeiten der Ölpolitik (und zum Teil mit ihr verklammert) entwickelte sich der Dauerkonflikt zwischen den arabischen Staaten und dem 1949 gegründeten Staat Israel. Virulent bleibt ebenso der griechisch-türkische Antagonismus in der Ägäis - eine weitere unerledigte Hinterlassenschaft des Ersten Weltkriegs. Jenseits aller aktuellen Krisen und Konflikte aber prägt bis heute eine Grundspannung den Mittelmeerraum: der Gegensatz zwischen Arm und Reich, zwischen den arabisch-islamischen Ländern im Süden und Osten und den europäischen Staaten im Norden und Westen - Erbe einer langen Geschichte.

Franz Georg Maier, Küsnacht, ist emeritierter Professor für Alte Geschichte der Universität Zürich.


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