NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich bin ein neugieriger Mensch

© Hajnal Doroszlai
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Von Hajnal Doroszlai

Zoltán Hegedüs, Budapest, Ungarn, ist 38 Jahre alt, verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes. Seine Hobbies sind Musik und asiatische Kampfsportarten. Er fährt einen Ford Mondeo, Baujahr 1996.
Budapest hat rund zwei Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt der Republik Ungarn.
Zoltán Hegedüs verdient etwa 100 000 ungarische Forint (600 Franken) im Monat. Seine Frau arbeitet als Abteilungsleiterin in einem Modegeschäft und verdient etwa gleich viel. Die Familie wohnt in einer 70 Quadratmeter grossen Eigentumswohnung mit zwei Zimmern. Sie sparen für den Kauf einer grösseren Wohnung.

Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Ich arbeite meistens fünf Tage die Woche und jeweils acht Stunden pro Tag. Momentan mache ich neben der Arbeit eine Weiterbildung im Fach Tourismusgewerbe, und deshalb bin ich jeden Samstag an der Uni und lerne abends mindestens zwei Stunden zu Hause.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

Im letzten Sommer war ich mit meiner Familie für zwei Wochen in Kroatien am Meer. Wir machen jeden Sommer ein bis zwei Wochen Ferien und fahren meist ins benachbarte Ausland.

Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?

Ich habe 1989, im Jahr der Wende, mit Taxifahren angefangen. Damals war ich jung und wollte Geld für das berühmt-berüchtigte Budapester Nachtleben zur Verfügung haben. Und wie manch anderer sah ich die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen als in meinem gelernten Beruf als Elektriker. Unter den Kollegen finden sich auch heute einige mit einem Universitätsabschluss.

Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?

Dann würde ich mein Geld gern in einem Reklame- oder Grafikerstudio verdienen. Aus diesem Grund mache ich jetzt auch diese Weiterbildung.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Einmal fuhr ich einen Geschäftsmann die 250 km bis nach Wien. Das war vor einigen Jahren, und die Fahrt kostete damals etwa 300 Franken.

Wie verhalten Sie sich im Stau?

Ich bleibe ruhig, schaue die Umgebung an, lasse die Klimaanlage laufen und höre Radio. Allerdings gibt es in unserer Stadt an den Hauptverkehrsadern Bus- und Taxispuren – auf denen kommt man gut voran. Die können einem auch sehr nützlich sein, wenn man privat mit dem eigenen Taxi unterwegs ist.

Gab es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?

Der Boxer Vitali Klitschko ist mal mit mir gefahren. Wir haben über verschiedene Kampfsportarten gefachsimpelt. Das war interessant.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Nicht so hoch, sonst könnte ich mich besser daran erinnern. Aber einmal erhielt ich von jemandem etwa 30 Franken. Leute, die das Taxi öfters benützen, sind meist weniger spendabel als andere. Im Allgemeinen erhalte ich bis zu 10 Prozent des Fahrpreises.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Leider noch nie etwas Aufregenderes als Regenschirme oder Handschuhe.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Ich spreche immer mit meinen Fahrgästen. Es sei denn, sie haben keine Lust zu reden. Da ich ein wenig Deutsch und Englisch spreche, gebe ich den Touristen Tips, das wissen die meisten sehr zu schätzen. Ausserdem frage ich sie über ihre Herkunftsländer aus, da mich alles Fremde sehr interessiert. Einige meiner Fahrgäste sind später zu Freunden geworden.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Einmal erhielt ich eine Busse von 60 Franken für Falschparkieren.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?

Am besten gefällt mir das Burgviertel. Es ist der älteste Stadtteil und liegt auf einem Hügel nahe der Donau. Von dort aus kann man die ganze Stadt überblicken, und man sieht, wie die Donau die beiden Stadtteile Buda und Pest voneinander trennt. Vom Stadtzentrum in Pest aus kostet die Fahrt dorthin etwa 7 Franken.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Budapest ist keine gefährliche Stadt, und da ich heute nur noch tagsüber arbeite, habe ich keine Angst.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Wir haben hier ein obligatorisches, staatliches Altersvorsorgesystem. Monatlich geht ein Teil des Lohnes an eine Vorsorgekasse. Wenn man alt ist, erhält man daraus seinen Anteil zurück. Leider sind die Renten so klein, dass man davon kaum leben kann. Deshalb sind viele alte Menschen auf die Unterstützung ihrer Verwandten angewiesen.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde zusammen mit meiner Familie auf eine Weltreise gehen.

Womit verwöhnen Sie sich?

Wenn ich an einem Tag bereits in den ersten paar Stunden gut verdient habe, dann mache ich früher Schluss.


Taxameter
Ein Kilometer kostet etwa CHF 1.60.

Ungarn
Einwohner: 10 090 000
BIP pro Kopf: CHF 10 850
Benzin: 1l CHF 1.65
Milch: 1l CHF 1.20
Coca-Cola: 1l CHF 1 .40
Brot: 1 kg CHF 1.10
Reis: 1 kg CHF 0.95
Kinobillett: CHF 4.50
Zigaretten: CHF 3.70 


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