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Fast wie zu Hause
© Newsha Tavakolian, Teheran
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| Restaurant im Osten der Stadt. |
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Zum ersten Mal Teheran – Erlebnisse eines Schweizer Schriftstellers.
Von Peter Stamm
Die häufigste Frage, die mir in Teheran gestellt wurde, war eine rhetorische: Ist es bei uns wirklich so schlimm? Nein, musste die Antwort lauten, es ist nicht so schlimm. Und: Wir wissen, dass ihr kein Volk von Terroristen seid. Und: Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht in Iran. Die Menschen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. Ich habe selbst nachts in der Stadt nie Angst gehabt. Hereingelegt wurde ich höchstens von Taxifahrern und auch das weniger häufig als in anderen Grossstädten.
Man muss nicht lügen, um diese Antworten zu geben, und die Teheraner freuen sich, sie zu hören. Und dann, mit einer fast masochistischen Freude, machen sie sich daran, das Bild zu zerstören, das sich der Tourist von ihrer Stadt, von ihrem Land gemacht hat. Offen sprechen sie über Politik, schimpfen auf das Regime und die Mullahs. Und manche älteren Gesprächspartner loben den Schah, unter dem es ihnen nicht gut gegangen sei, aber besser.
Als der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband mich anfragte, ob ich mit an die Teheraner Buchmesse fahren wolle, sagte ich sofort zu, ohne recht zu wissen, worauf ich mich einliess. Mein Bild von Iran bestand aus politischen Desastern, Geiselnahmen, Kriegen, Revolutionen. Menschen kamen darin kaum vor, allenfalls ein paar mehr oder weniger extremistische Politiker und anonyme vermummte Frauen. Es war, als liege ein dunkler Schleier über allem, etwas Ungutes, Beängstigendes.
Bei der Ankunft im Teheraner Flughafen erwartete mich die erste Überraschung. Ich hatte mit Wartezeiten und langwierigen Kontrollen gerechnet. Aber die Passkontrolle war kurz, und mein Gepäck wurde zwar durchleuchtet, aber der Mann am Bildschirm war im Halbschlaf und machte sich nicht einmal die Mühe, mich durchzuwinken. Auch die Fahrt in die Stadt war nicht aufsehenerregend, aussergewöhnlich war nur – wie ich später merkte –, dass der Verkehr um diese Zeit einigermassen flüssig war. Ich hatte erwartet, für die nächsten drei Wochen von der Kommunikation abgeschnitten zu sein, aber das Hotel verfügte über drahtloses Internet, und nur ganz wenige der Homepages, die ich in den nächsten Tagen aufsuchte, waren von der Zensur blockiert.
Schon die Reiseführer hatten davor gewarnt, Iran zur arabischen Welt zu zählen. Tatsächlich erinnerte mich Teheran eher an eine europäische Stadt. Zwar war der Verkehr hier fast ebenso dicht wie in Kairo, aber die Autos waren neuer und die Passanten zum grössten Teil europäisch gekleidet. Auch die Verschleierung der Frauen fiel mir bald nicht mehr auf, zumal hier in der Hauptstadt das Kopftuch weit häufiger zu sehen war als der Tschador.
Die Kleidervorschriften seien zwar mühsam, sagte mir A., die für eine internationale Organisation arbeitet, aber sie habe sich daran gewöhnt. Viel wichtiger sei, dass Frauen heute studieren könnten. Einen Schleier könne man anziehen oder ablegen, aber Bildung könne einem nicht mehr weggenommen werden. A. hatte uns und ein paar ihrer Freunde nach Hause eingeladen. Vor dem Essen bot ihr Mann Wodka an, Gin und Whisky. (Ein anderer Gastgeber servierte selbstgekelterten Wein, der gut schmeckte.)
Die Frauen hatten Schleier und Mäntel abgelegt und gaben den Männern die Hand oder küssten sie auf die Wangen – undenkbar in der Öffentlichkeit. Der einzige Unterschied zu einer Party in Westeuropa lag im Gesprächsthema: Es wurde fast ausschliesslich über Politik gesprochen. Und alle schienen sich einig zu sein, dass es über kurz oder lang wieder eine Revolution geben müsse. «Es wäre schliesslich nicht das erste Mal», sagte A. mit energischer Stimme.
Als ich auf den Balkon ging, um zu rauchen, begleitete mich A.s Mann. Er arbeitet für einen internationalen Konzern und erzählte von den Schwierigkeiten, die seine Firma mit den Ämtern habe. Wenn sie Arbeitsbewilligungen für ausländische Fachkräfte beantragten, würde ihnen die Anzahl willkürlich zusammengestrichen. Er verstehe es nicht, die Firma arbeite für die Erdölindustrie. Er habe genug vom Leben hier, sagte er, er fühle sich unfrei und deprimiert. Er würde am liebsten weg aus Iran, aber seine Frau wolle bleiben. Später sagte mir A., sie überlege sich, ob sie ihren Mann ins Ausland schicken solle. Wenn sie von ihm sprach, klang es, als rede sie von einem Kind.
Mir schienen die Männer mehr unter den Umständen zu leiden als die Frauen. Ein Teppichhändler, der ein paar Jahre als illegaler Flüchtling in der Westschweiz gelebt hatte, klagte, er könne sich keine anständige Wohnung leisten und kein Auto. Also finde er auch keine Frau aus seiner Gesellschaftsschicht. Er habe keine Perspektiven. Ein Kleinverleger klagte über die Raubdrucke, die sein Geschäft ruinierten. Manche Bücher erschienen in einem Dutzend Übersetzungen bei verschiedenen Verlagen.
Die Buchmesse, die jedes Jahr mehrere Millionen Menschen anzieht, ist ein Treffpunkt der Intellektuellen aus dem ganzen Land. Die wenigen ausländischen Stände wurden von jungen Leuten belagert. Viele erkundigten sich nach Studienmöglichkeiten in der Schweiz und in Deutschland. Andere schienen nur ihre Fremdsprachenkenntnisse erproben zu wollen. Obwohl viele ihr Land noch nie verlassen hatten, sprachen sie beinahe akzentfrei Deutsch, Französisch oder Englisch. Auch sie äusserten sich unzweideutig darüber, was sie von der Regierung hielten. An den Ständen, an denen fremdsprachige Bücher verkauft wurden (vor allem Sprachkurse und medizinische und technische Fachbücher), drängten sich die Menschen, während der Stand des Hizbullah kaum jemanden interessierte. Dort wurden nonstop Kriegsvideos gezeigt, und in einer Vitrine war eine Tretmine ausgestellt.
Ich lebte mich in Teheran schnell ein. Ich gewöhnte mich an die verstopften Strassen, an die rücksichtslosen Autofahrer und die neugierigen und offenen Blicke der Frauen. Die Menschen wirkten zufrieden, lachten und schwatzten in den Strassen wie in jeder anderen Stadt. Nur die Moscheen, die ich besuchte, waren selbst zu den Gebetsstunden menschenleer. Die Iraner, wurde mir immer wieder bestätigt, seien kein religiöses Volk. Mit der Polizei kam ich nur einmal in Kontakt, als mein Taxi angehalten wurde. Der Polizist interessierte sich nur für meine Wasserflasche, an der er – auf der Suche nach Alkohol – schnupperte.
An freien Tagen mietete ich ein Auto mit Fahrer und liess mich in die Umgebung der Stadt fahren. In Kan, einem Pilgerort in den Bergen, waren die Strassen voller Menschen. Einige hatten Schafe dabei, die geopfert werden sollten. Der Bürgermeister führte mich und meine Begleiterin durch das kleine Dorf und zeigte uns die Bibliothek und das Grab eines Volksheiligen. Nach der Führung lud er uns zum Essen ein, zu Fleischspiessen, Reis und Tomaten.
Einmal brachte mein Fahrer einen Freund mit, der Englisch sprach, und zu dritt fuhren wir über das Elbursgebirge ans Kaspische Meer. F. war Offizier, aber aus Krankheitsgründen hatte die Armee ihn freigestellt, und er vertrieb sich die Zeit mit Übersetzungsdiensten. Jedes Mal, wenn wir auf der Strasse einen Mullah sahen, fing F. an zu schimpfen, nannte sie Kinderschänder, korrupt, dumm, zurückgeblieben.
Während der Fahrt bereitete F. auf dem Rücksitz Tee für uns zu. Er erzählte von seiner Frau und seinen Kindern und, als wir uns etwas besser kannten, von seiner zweiten Frau. Er hatte für ein halbes Jahr einen Ehevertrag mit einer geschiedenen Frau abgeschlossen. Obwohl dies nach islamischem Recht erlaubt ist, durfte seine erste Frau nichts davon wissen. Unterwegs kaufte er auf dem Markt Geschenke für beide Frauen, Blüten von Zitrusbäumen, aus denen sich Konfitüre zubereiten lässt. Während wir zusammen waren, bekam er eine SMS von einem Freund: «Was ist der Unterschied zwischen der Urananreicherung und der Zeitehe? Keiner. Beides ist unser Recht.»
Das Wasser des Kaspischen Meeres war unbewegt und wirkte bleiern. Es war neblig, und in der Luft hing der betäubend schwüle Duft der Orangenblüten. Wir waren die einzigen Menschen am schmalen Kiesstrand. An manchen Orten waren Hotels und Touristendörfer im Bau, aber über allem lag eine Stimmung des Verfalls. F. hatte eine private Unterkunft organisiert und spanischen Whisky in Aludosen. Sobald wir in der Wohnung waren, schaltete F. den Fernseher ein und schaute sich amerikanische Serien an. Wir assen auf dem Boden und schliefen nebeneinander auf dünnen Matratzen. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass der Wohnungsvermittler uns auch Frauen angeboten hatte.
Zurück in Teheran, war ich bei einem Psychoanalytiker und seiner Verlobten eingeladen. Für einmal ging es nicht um Politik, wir redeten über Literatur und Kunst. M. fragte mich, ob ich im Kino oft weine. Er weine oft, sagte er und lachte dabei. Obwohl die Verlobte jedes unserer Worte übersetzen musste, war es ein schnelles, ungeduldiges Gespräch. Wir wollten einander verstehen und verstanden uns wohl auch. An der Wand hing ein Stammbaum, ein Gewirr von Linien und Schriftzeichen, der M.s Abstammung vom Propheten herleitete. Er habe dadurch gewisse Vorteile, sagte er. Wir assen saure Pflaumen und Fleisch, wunderbaren, mit Safran gefärbten Reis und tranken Wodka dazu. Als wir uns später zum Abschied umarmten und M. mich zum Taxi brachte, bot er mir einen Kaugummi an. Ich lehnte ab, er insistierte. Erst da begriff ich, dass der Taxifahrer nicht merken sollte, dass ich Alkohol getrunken hatte.
Die Kaugummis waren die einzige Vorsichtsmassnahme, der ich während meines Aufenthalts in Teheran, während meiner Reise durch Iran begegnete. Fast trotzig reichten mir Frauen auf offener Strasse die Hand, riefen Jugendliche mir «America» zu und zeigten grinsend mit dem Daumen nach oben.
So offen die Iraner und Iranerinnen über Politik sprachen, so verschämt sprachen sie über die Folgen dieser Politik. Wie beiläufig erzählten sie von Drohungen und Vorladungen, von Gefängnisaufenthalten und Anschlägen auf ihr Hab und Gut. Eine Frau erzählte mir, dass bei der Heirat ihrer Tochter Männer und Frauen zusammen gefeiert hätten. Kurz darauf sei ihr Haus angezündet worden. Einmal, unterwegs im Auto, fiel mir ein kahler, eingezäunter Hügel im Norden der Stadt auf. Unter diesem Hügel sei ein geheimes Gefängnis, erklärte mein Begleiter, dort würden Regimegegner festgehalten, gefoltert, vielleicht umgebracht.
An meinem letzten Tag in Teheran fuhr ich mit der Seilbahn auf den fast 4000 Meter hohen Tochal, den Hausberg der Stadt. Oben auf dem Berg wurde Ski gelaufen, an der Mittelstation, wo ich ausstieg, waren Wanderer unterwegs, Familien mit Kindern und junge Paare, die hier heraufgekommen waren, um unbeobachtet zusammen sein zu können. Sie schlitterten über die letzten Schneefelder, bewarfen sich mit Schneebällen und fotografierten sich vor der imposanten Landschaft. Hirten trieben eine grosse Herde aus Schafen und Ziegen vorbei.
Im Bergrestaurant hatte sich vor der Essensausgabe eine lange Schlange gebildet, und wenn man das Lachen und Schwatzen der jungen Leute hörte, hätte man für einen Moment lang glauben können, in den Schweizer Alpen zu sein.
Peter Stamm ist Schriftsteller; er lebt in Winterthur. Sein jüngster Roman, «An einem Tag wie diesem», erschien 2006 im Fischer-Verlag.
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