Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?
NACH EINEM Bankett. A, ein weitherum anerkannter Kenner und Sammler von Missgeburten, glaubt in B, einem beleibten, reich geschmückten Mann, den Kritiker erkannt zu haben, der ihn in einer Rezension sachlich angegriffen hat. A nötigt B, ihm Einlass in seine Wohnung zu gewähren.
A: (mit vorgehaltener Pistole) Ein lautes Wort von dir, so schiess' ich dich leise nieder, und ich fahre davon. Du bist mein Rezensent.
B: Ich habe vor niemandem Angst!
A: Schweig! Der Teufel hole jeden Esel, der schreibt und den er reitet; es ist genug, wenn das Tier spricht. Mache mir jetzt etwas Tee zurecht. Schneide aber deine Hosenknöpfe ab, damit du mir nicht entläufst.
B: (knöpft die Hose auf, sie fällt zu den Knöcheln) Ah, es ist kalt hier! Es geht ein eisiger Wind.
A: Gut! Nun haben wir beide nichts Wichtiges weiter miteinander abzumachen, als kollegialisch zu überlegen, welches von den Gliedmassen ich denn vor dem Einsitzen zu zerschlagen habe; wir haben die Wahl.
B: (schluckt leer) Nein, der Wind ist nicht kalt, er ist heiss. Es ist zum Ersticken (greift sich in die Halsschleife). Ah! Jetzt kann ich atmen.
A: Wir könnten die Nase nehmen und solche breit schlagen; teils weil du auf meine grobe knollige kurze Fuhrmanns-Nase etwas heruntersiehst, teils weil nach Lavater sich unter allen Gliedern die Nase am wenigsten verstellen kann und du also bei deiner Vermummerei Gott und mir danken wirst, wenn du ein aufrichtiges Glied weniger hast.
B: Verlange nicht, was deine Lippen verlangt haben.
A: Wir können aber auch zum Kopfe greifen, womit oder worin du besonders gesündigt und rezensiert.
B: Ich verstehe mich nicht aufs Lügen. Ich bin der Sklave meines Wortes, und mein Wort ist das Wort eines Königs. A: Oder von der Hand könnten so viele Finger, als leider rezensieren, bequem dezimiert werden.
B: Ich habe dich immer lieb gehabt. Darum verlange das nicht von mir.
A: Ich könnte auch das Pistol an deine Wade halten und sie durchschiessen, um aus der Hämatose zu sehen, ob sie eine falsche sei. Die Auswahl wird schwer, du hast verdammt viel Glieder, und ich glaube, gerade so viel, als Pestalozzi in seinem Buch der Mütter aufzählt. Nun, so stimme doch mit über das Glied, sage, welches!
B: (greift sich stumm ans Herz)
A: In dies Glied mögen die Weiber ihre dummen Wunden machen!
B: (beherrscht) Ich, siehst du, ich bin ruhig. Höre. Ich habe an diesem Ort Juwelen versteckt. Ich will sie dir alle geben, alle. (scheint plötzlich eine bessere Idee zu haben, humpelt zu einem Schrank, zieht die Hose hoch, sucht etwas und sagt bei sich) In einer Silberschüssel . . . gewiss doch, in einer Silberschüssel! (kehrt triumphierend zurück und legt vor A eine dürre Menschenhand mit sechs Fingern hin) Sie ist reizend, nicht?
A: (besieht aufmerksam den Plus-Finger) Si bon! Gebt mir die Hand, nicht Eure - so geh' ich ab und schone jeden Hund (steckt die Hand kichernd in die Tasche). Nach der Schenkung der fremden Hand verzicht' ich gern auf jeden lebendigen Händedruck (tippt sich grüssend an den Hut und geht). Wir lieben uns, so gut wir können.
Wäre A eine Prinzessin von Judäa, gäbe sie sich mit den Substituten, die B ihr anbietet, nicht zufrieden. Mit seiner Vorliebe für menschliche Skurrilitäten war übrigens auch A's Autor vielen Dichterkollegen, etwa Schiller, suspekt.
Wer und wer?
A ist die Titelfigur aus der Erzählung «Dr. Katzenbergers Badereise» von Jean Paul (1809); B ist Herodes aus Oscar Wildes Stück «Salome» (1893).